Max Scharnigg

Aus dem Archiv: Über Kinder aus Ing

2. Dezember 2014 · Keine Kommentare

Sie raten. Sie raten, wenn sie glauben, dass wir in München den Triumph, eine überteuerte Mini-Mietwohnung zu bekommen, mit Prosecco begießen. Sie raten, wenn sie darüber lachen, dass bei uns um ein Uhr Nachts Sperrstunde sei und sie raten, wenn sie uns voreilig „Ich würde nie zum FC Bayern gehen!” ins Ohr grölen. All die jungen Berliner, Kölner und Hamburger stochern auf der Suche nach den Unterschieden zwischen ihren und unseren Stadtleben in einer blickdichten Hecke aus Klischees, Kurzeindrücken und den Gerüchten, die ihnen von Bekannten erzählt wurden. Gleichzeitig ist es ihnen aber auch nicht egal, wie wir hier in unserem München leben, so wie es ihnen doch fürchterlich egal ist, wie die Menschen in Münster, Düsseldorf oder Brügge aufwachsen. Nein, sobald man ihnen von der 089 erzählt, erfasst sie etwas wie eine Unruhe der Ausgeschlossenen, ein Annähernmüssen und ein unbedingter Drang, ihre Leben zu unseren zu positionieren. Im gleichen Maße, in dem wir uns dann für unsere München-Existenz rechtfertigen müssen, rechtfertigen sie sich damit ungefragt auch für ihre Nicht-Münchner-Existenz. Dabei sind unsere Leben natürlich nicht in dem Grade unterschiedlich, wie es diese Sonderbehandlung vermuten lässt. Im Grunde dürften alle jungen Menschen in urbanen Gesellschaften Westeuropas ein ziemlich ähnliches Leben führen und das Einzige, was uns junge Münchner davon wirklich unterscheidet, sind die Sonntagnachmittage.

All die Ings

Am Sonntag fahren wir nach Ing. Ing ist nicht der Ingenieur, Ing sind all die vielen Orte im Münchner Speckgürtel, der ja eher ein SUV-Gürtel ist, in denen unsere (Ingenieur)-Eltern wohnen. Es sind all die Feldafings, Freisings, Olchings, Tutzings, Gautings, Herrschings, die beiden Föhringe, diverse Echings und all die vielen kleineren Ings, in die unsere Eltern vor 30 Jahren mal gezogen sind, als Mama ein bisschen Grün für uns haben wollte und Papa eine Garage für seinen BMW-Kombi. In den Ings sind wir aufgewachsen und zwar in einer idealen Mischung aus Stadt und Land. Da war Fußball neben Kuhweiden und da war der zwanzig Minuten Takt der S-Bahn zum Marienplatz und es war beides gleich wichtig. Sicher, wir mussten vielleicht mit einem Schulbus ins nächste Gymnasium fahren, weil nur jedes zweite Ing eines gebaut bekam, aber trotzdem liefen wir nicht Gefahr, dem Provinzhass zu erliegen, der ganze Landstriche Heranwachsender aus Niedersachen und Baden-Württemberg zuverlässig in die Berliner Altbauten treibt. München hatte immer unseren Rücken und vor uns lagen Berge und Seen. Die Grüne Karte, die der MVV damals ausgab, war unsere GreenCard, die ewige Einreiseerlaubnis in die Stadt. Ihre speckige Hülle begleitete uns zum ersten eigenen Stadtbummel und zum ersten richtigen Konzert und was dabei zu beachten war, war einzig, sie für Mama wieder rauszulegen, wenn man berauscht von Stadtluft und Stadtbier aus der ersten S-Bahn kam und vorbei an der Tischtennisplatte über die nicht abgeschlossene Terrassentür ins Bett wankte. Es war nicht die wildeste Jugend, aber eine sehr angenehme.

Natürlich konnten wir nicht in den Ings bleiben, so wenig hassenswert sie auch waren. Und natürlich gingen viele von uns nach der Schule doch nach Berlin, eher aber noch nach London oder Paris. In Städte eben, mit denen es München wirklich nicht aufnehmen konnte. Ein paar Jahre ließ es sich dort in windigen WGs und mit der monatlichen Überweisung aus Ing gut studieren. Aber nur wenige von uns konnten sich Neukölln oder Hampstead wirklich als Dauerort vorstellen. Das ist das Doofe, wenn man „im Himmel” aufwächst, wie Georg M. Oswald seinen Roman über den fiktiven Speckgürtelort „Welting” nennt. Nach dem Himmel, selbst wenn er ein wenig unecht ist, kann man sich so schlecht etwas anderes wünschen.

Wenn man also in dieser Zeit in Kreuzberger Kneipen mit anderen Exilmünchnern ins Gespräch kam, vielleicht sogar anderen ehemaligen Ing-Bewohnern, dann gab es immer diesen Moment, in dem auch die radikalsten Neudenker und Freischärler für Sekunden ein Haus mit Bergblick auf der Unterseite ihrer müden Lider sahen, einen Trampelpfad zum See vielleicht und den beruhigenden 20-Minuten-Takt im Kopf hatten. Zwar summte man tagsüber noch „Samstag ist Selbstmord” von Tocotronic, aber sonntags, das ahnte man, würde man irgendwann wieder in Ing sein. Es war so sicher dort und die Luft so gut, dass man es spätestens den eigenen Kindern gerne wieder ermöglichen würde. Auch wenn die Grundstückspreise eine Rückkehr in diese Heimat immer unwahrscheinlicher machten und uns vermutlich in den Ruin treiben würden.

Die vage Sehnsucht nach den Ings ist es also, die uns nach und nach wieder zurück nach München treibt. Manche kommen früher, andere erst spät und einige waren eigentlich immer hier. Wir stellen jedenfalls eines Tages fest, dass wir wieder in der Stadt sind, deren Speck uns genährt hat und die mit dem immer strahlenden Wittelsbacher-Gelb der Theatinerkirche auf uns gewartet hat. Wir wohnen jetzt nicht in den Ings – viel zu früh – aber die Eltern wohnen noch dort (oft sind die auch der Vorwand, zurückzukehren). Sie bilden mit ihren dezent veralteten Einfamilienhäusern und Doppelhaushälften gewissermaßen wieder den ersten Schutzwall um uns, so wie früher. Und in der Mitte dieses Walls formiert sich die Generation Speckgurt, die es so in keiner anderen deutschen Stadt gibt. Eine Schicht von jungen Urbanisten, um die 30 Jahre alt, nett und weltläufig, die am Sonntagnachmittag zum Kaffeetrinken in ihr Elternhaus aufs Land fährt und zwar: gerne. Die dankbar den Platz in Papas Garage für ihre Skiausrüstung nutzt und die auf ihren Vernissagen und Konzerten in der Stadt ganz ungeniert nach hinten winkt – wenn nämlich die alten Erzeuger für diesen Anlass aus den Landkreisen angereist sind.

Für sie und uns sind Umland und Stadt jetzt die gleichen Spielplätze geworden und wir verabreden uns mit Eltern- und Freundescliquen zum gemeinsamen Eisstockschießen auf dem Nymphenburger Kanal oder segeln mit dem Vater eines Freundes, weil der sein Boot noch im Wasser hat. Wir sind keine Snobs oder qua Geburt Freizeitspießer, im Gegenteil: Dieses Leben bewerkstelligen wir nicht mit jener unbedingten Eile der Neumünchner und zugezogenen BWL-Snobs, die all das, die perfekte Liegewiese, die Gartenfeste und Vernissagen eilig übernehmen wollen. Nein, wir haben hier nur einfach den gewachsenen Zugriff auf die Netzwerke unseres ganzen Lebens – und auf die unserer Eltern. Genau wie jeder, der in sein Heimatdorf zurückkehrt, auf diese Grundvernetzung zurückgreifen kann. Nur, dass unsere Ings keine Dörfer im Irgendwo sind, sondern eben Oasen, eingebettet in den größten Wohlstandskuchen dieses Landes.

Dem Kinderzimmer so nah

Im Grunde ermöglicht uns diese besondere Eltern-Kind-Konstellation Münchens, eine recht ehrliche Konzentration auf das Wesentliche. Weil wir die Vergangenheit ganz gut im Griff haben, so übersichtlich vor uns, kann die Zukunft gerne kommen. Das Gestern und Morgen geht besonders fließend und Münchens S-Bahn-Netz verbindet ein großes Mehrgenerationenhaus. Das Kinderzimmer ist hier für viele immer nahe. Zumindest das mentale Kinderzimmer, das im Kopf funktioniert wie eine universale Rückversicherung. Wer in Berlin mit seinem Start-Up pleite geht oder als selbstständiger Grafiker nicht durchkommt, dem bleibt vielleicht irgendwann nur noch die reumütige Rückkehr nach Bad Saulgau oder in die hessische Provinz. Wir sehen uns in diesem Fall sechs Streifen auf der blauen Karte stempeln und in unser Ing fahren. Dort geht es dann vorbei an der Tischtennisplatte über die Terrasse in die Küche. Ein bisschen Kuchen wird immer noch da sein.

(erschienen 2009 in der Süddeutschen Zeitung)

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Über Weichmacher

25. November 2014 · Keine Kommentare

Es ist selten, dass man schon vor dem ersten geschriebenen Wort Versprechen abgeben muss. Also, liebe hochgezogene Augenbrauen des Moderedakteurs, dies wird keine Verklärung des Schlabberlooks. Und nein, liebes Hochfeuilleton, es wird kein Freischein für hemmungslose Zustände. Alles gut. Aber schon erstaunlich: Die Angst vor der Jogginghose sitzt mindestens genauso tief wie die Hose selbst.

Wo liegt eigentlich das Problem? Fest steht doch, kaum einem seiner Kleidungsstücke ist der Träger so emotional verbunden wie der weichen Haushose. Sie ist viel mehr als nur eine der 99 Klamotten aus dem Schrank, sie hat eher den Status einer heimlichen Affäre oder zumindest eines guten Haustieres: wartet abends hinter der Wohnungstür treu auf ihren Besitzer. Ist zutraulich und schenkt Trost in dunklen Stunden. Nimmt mit der Zeit sogar die Form ihres Herrchens an!

Ihr ideeller Wert ist aber vor allem deshalb so hoch, weil sie für einen Großteil der Bevölkerung das Symbol des Privatseins schlechthin ist. Feierabend ist ja nicht mehrheitlich das Lackieren von Tischkickerfiguren oder die fröhliche Kneipenrunde, wie es sich die Werbung denkt. Feierabend ist doch: Tasche in den Flur knallen, raus aus Schuh und Hemd, Kühlschrank auf-zu, Heizung an und dann in weicher Kleidung wiedergeboren werden. Mit Toga, Kaftan, Bündchenhose in den Stand-by-Modus gehen, das Licht dimmen und sich selbst gleich mit, so sieht es an einem durchschnittlichen Dienstagabend nun mal aus. Dagegen ist nichts zu sagen. Wofür sollen Zivilisation und Aufklärung, Revolution und Rock ’n’ Roll denn gut gewesen sein, wenn wir es uns heute in unseren eigenen Räumen nicht so angenehm wie möglich machen dürften?

Jeder Mensch hat zwei modische Polkappen. Die eine ist Nacktheit. Die andere das, was er zum nächsten Vorstellungsgespräch anziehen würde. Und die Jogginghose ist der Äquator zwischen diesen beiden Extremen, okay, sie liegt vielleicht ein paar Breitengrade näher an der Nacktheit. Sie bietet maximale Bedeckung der Blöße bei minimaler Einschränkung der Bewegungsfreiheit. Alles an ihr ist Zuneigung. Ihr Bund übt keinen Zwang aus, sie raschelt und knittert nicht, muss nicht umgeschlagen oder gegürtet werden, sie kaschiert, was Slim-Fit-Hose und Rock tagsüber freilegen, nämlich Selbstzweifel, und lässt alle Aggregatszustände ihres Trägers zu. Sie entspricht unseren Instinkten, wenn auch eher den niederen. Das ist ein Problem, das man mit ihr haben kann. Die Hose ist eine allabendliche Kapitulation.

Wer daheim in die Jogginghose steigt, wir sprechen von dem klassischen Baumwollmodell mit Gummibund, steigt gleichzeitig auch aus seiner bürgerlichen Existenz. Der Vorgang harmoniert mit dem abendlichen Einhängen der Türkette: Bis auf Weiteres keine Interaktion mehr mit der Welt! Ehrlicherweise kann man diesen großen Schritt nur alleine gehen. Wer mit einem Menschen oder sogar mehreren Menschen zusammenlebt, braucht eine Lex Schlabberklamotte, genau wie er eine Lex Klotür und Lex Körpergeräusche braucht. Denn bei allen praktischen Vorzügen der Jogginghose muss man eines klar feststellen – es sind innere Werte, solche, die nur dem Träger zugutekommen.

Der Betrachter eines partnerlichen Hinterns, der von der Jogginghose zur Konturlosigkeit verformt wird, muss sich entscheiden: Entweder für Protest. Oder für die tröstliche Erkenntnis, dass er jetzt gleichziehen kann und man einen Nichtangriffspakt in Jersey schließt. Eine gute Partnerschaft besteht aus so vielen Nichtangriffspakten, da kommt es auf den auch nicht mehr an.

Die Problematik des Jogginganzuges liegt woanders. Zum Beispiel darin, dass unsere Privaträume gar nicht so privat sind. Dauernd kommen die Nachbarn rein, auf der Suche nach ihrer Post. Es klingeln Handwerker, Paketboten und Pizza- Menschen. Und via Skype-Fenster können sich Gesprächspartner sehr konkrete Vorstellung vom Grad der Verwahrlosung des anderen machen. Vor diesen und zehn anderen Momenten schreckt der weichbehoste Empfindsame zurück, auch wenn es nicht immer Karl Lagerfeld ist, der anklopft und allen Jogginghosenträgern pauschal bescheinigt, sie hätten die Kontrolle über ihr Leben verloren. Aua, stimmt das?

Nein, sie ist eben nur zu weich, um den Blicken unbeteiligter Dritter standzuhalten. Der Irrtum ist seit jeher, dass man ihren Bewegungsradius so ausleiern möchte wie ihren Bund. Einmal darin Müll runterbringen wird zu einmal darin zum Supermarkt gegangen wird zu einmal darin Urlaub gemacht. Sie ist aber immer zu haltlos, um vollwertig und ohne Entschuldigung über Asphalt getragen zu werden.

Daran ändern auch Cindy aus Marzahn, die Hip-Hop-Kultur und die Laufstege nichts, die seit einigen Jahren ihre Remixe der Jogginghose präsentieren. Mit ihr als erwachsener Mensch ein Draußen-Outfit zu planen, ist, als würde ein Architekt eine Hausfassade aus Leberwurst entwerfen. Lagerfeld hat insofern recht, als dass ihrer verflixten Bequemlichkeit das Risiko einer Lebensbequemlichkeit innewohnt. Die Jogginghose als Einstiegsdroge der Nachlässigkeit. Der aufgeklärte Träger weiß aber, dass sie ihre Reize eben nur als Kontrast zu echter Kleidung entfaltet.

Früher gab es diese Problematik gar nicht. Zum einen, weil entweder ständig Personal im Haus war und die Privatsphäre, wenn überhaupt, erst unter der Bettdecke begann. Zum anderen, weil im wilhelminischen Zeitalter das Prinzip „Wellbeing“ noch nicht erfunden war und Kleidung nicht passend zur Stimmung gewechselt wurde. Man war vernünftig angezogen oder im Bett, nix dazwischen. Erst das Konglomerat aus Heimunterhaltung, Sport und Rumhängen, das seit einigen Jahrzehnten als Freizeit bezeichnet wird, brauchte eine modische Entsprechung.

Bezeichnend ist, dass man mit der Schlabberhose, die etwa Filmikone Rocky noch tadellos beim Training kleidete, heute nicht zum Joggen geht. Sport in der Stadt verlangt ein eigenes Outfit, eines das beweist, dass man es ernst nimmt. Die alte Jogginghose ist keine Sweatpants mehr, sondern wird aktuell als Home- oder Loungewear geführt. Sie hat nicht nur einen neuen Namen, sondern auch neue Bedeutungen bekommen. Homewear ist zum Beispiel das, was die Schar der selbständigen Kreativarbeiter von denen unterscheidet, die noch richtige Büros haben. Dem Computer ist es egal, wie man vor ihm sitzt. Gleichzeitig weicht die Yoga- und Wellness-Kultur das Genre im wahrsten Sinne auf. Überall gründen sich Labels, die sich edlen Loungeklamotten verschrieben haben, damit sogar das Kunststück einer ansprechenden Silhouette vollbringen und Wohlfühlen zum Mantra erheben.

Also, Chipstüten und Fernbedienung waren gestern, heute kann eine schöne Jogginghose auch Achtsamkeit bedeuten. Trotzdem: Tür zu!

(erschienen in der Süddeutschen Zeitung am Wochenende)

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Über Wanda aus Wien

18. November 2014 · 1 Kommentar

 

 

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Austropop schreibt irgendwer über die Band Wanda aus Wien. Das ist eigentlich kein Label, dass man einer jungen Band wünscht, aber wenn man diese speziellen Herrschaften zum ersten Mal in Aktion erlebt, hat man den Eindruck, sie würde es sogar irgendwie leiwand finden. So etwas wie Wanda hat man tatsächlich lange nicht mehr gesehen und gehört, so eine köstliche, Fendrich-artige Burenwurschtigkeit mit der sich Sänger Marco Michael Wanda mit offenem Hemd und Kippe durchs Video fläzt und dabei singt „Ich kann sicher nicht mit meiner Cousine schlafen, obwohl ich gerne würde, aber ich traue mich nicht“. So ein wunderbares Zigarettenbürscherl! Das ist die Wiener Chuzpe, die man von den ganz frühen Ja,Panik kennt, gepaart mit einem Urvertrauen ins eigene Jungsein und ein bisschen Falco-Haargel. Es ist aber auch ein Zeitgeist, der hier und auf dem exzellenten Debütalbum „Amore“ (Problembär Records) tönt und von dem man annehmen möchte, dass er durch jahrzehntelanges Hören des Radiosenders FM4 entstanden ist, eine popkulturelle Abgefeimtheit die hierzulande selten ist. Witz und Wahnsinn, Melodie und Peinlichkeit sauber auf die Bühne gebracht. Radiotauglich aber auch clubkredibel – ur-gut, irgendwie.

(erschienen in der Süddeutschen Zeitung)

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Über Jens Friebe und Peter Licht

18. November 2014 · Keine Kommentare

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Wer je ein Friebe-Album an dem Moment hörte, an dem der gute Rausch in die alte Müdigkeit umkippte. Wem je im Zustand akuter Großstadtverzweiflung eine seiner wahnhaften Zeilen ins Hirn schlich, wer je Kopfweh beim Blümchensex bekam, der weiß: Jens Friebe ist wahrscheinlich der deutsche Liedermacher, der von allen am nächsten dran ist. Am neuen Genie. Am echten Schmerz, der ja nicht schwarz ist sondern mit Neonröhren ausgeleuchtet. Und an der Generation Akkuleer. Die Kunde des fünften Friebe –Albums verbreitete sich dann auch schnell und froh unter denen, die zwar schon eine Balkonbepflanzung haben aber trotzdem noch in Clubs gehen. Der Titel dazu klang bereits als Flüsterpost gut: „Nackte Angst, zieh dich an, wir gehen aus.“ (Staatsakt)

Knall! Da kann man schon mal zehn Minuten drüber kichern. Die Platte dann ist tatsächlich wieder so ein kunstvoll angewelkter Blumenstrauß geworden, mit dem ein angetrunkenes Transgender-Pärchen in Friedrichshain aufeinander eindrischt. Besonders bewundernswert ist Friebes Textverständnis, er geht irre Silbenwege um Bilder zu malen, er fasst Krieg und Frieden in Supermarktpoesie zusammen, schreibt Tagebuchszenen so auf, dass alles gesagt ist. Kleine Zeilen wie: „Und ich bin er / und du bist sie / in der romantic comedy“ singt er so unendlich langsam und traurig, dass man danach mehr über die Liebe weiß als nach vier Hochzeitsmessen. Oder der immer etwas grippal wirkende Friebe über den Tod – ein gewaltiges Epos. Bei den Botschaften überwiegt diesmal das lebenswunde Betrachten der verpassten Chancen und Nachdenken über die Enden des Lebens, über Tod, Schlaf, Silvester. Ganz besonders schön ausgebreitet ist diese Wehmut im „Schlaflied“ – ein einziges Streicheln, ein grandioses Wiegenlied über die Tröstlichkeit des allabendlichen Augenschließendürfens:

Und alles, was verloren war, ist hier / Und alles, was kaputt war, funktioniert / Und alles, was uns irgendwann zerbrach / Wird heil im Schlaf / Und alles, was vergangen war, fängt an / Mit allen, die man nicht vergessen kann / Und allen, mit denen man nicht schlafen darf / Schläft man im Schlaf.

Große Wahrheiten. Friebes Stimme ist ein ewig desperates Unentschieden zwischen Flüstern und Pöbeln und er bringt sie wie stets gut mit Flohmarktmusik zusammen. Er hat diese billigen, aber nie herzlose Plastikgeräusche perfektioniert, lässt mal den Keyboard-Beat dengeln wie der Alleinunterhalter in der Tanzschule, dann wieder kommt er mit romantisch überdrehten Groß-Kompositionen an, wie ein Pornoregisseur mit einer Versailles-Kulisse. Kirmes-Kitsch und Fieberrasseln, Stadtrand-Disco und angesoffener Gitarrenschüler – die Musik bei Friebe spielt immer die Rolle eines verkleideten Sidekicks in einer sehr laten Late Night Show. Sie tanzt, kitzelt, nervt und schimmert in den meisten Momenten wie ein Paillettenkleid in der Pfütze. Mal heiß, mal überdreht, aber immer zärtlich, vergeht Friebes Zaubershow ohne Botschaft, ohne Elementarkritik, er ist ja nicht lustig, sondern höchstens seiner eleganten Verzweiflung komisch, also in dem Sinne wie Karl Kraus komisch war. Bei den Konzerten steht er immer noch schüchtern und leicht geschminkt auf der Bühne steht, als unsichere Diva, als kindischer Großgeist. Friebe reimt sich auf Liebe und das ist es eigentlich. Obwohl er durchweg großartige Platte vorgelegt hat, vergisst man ihn immer, wenn es um die ewigen Lieblingslieder geht. Vielleicht, weil sich Friebe immer noch anfühlt, wie dieser abgerissene Kiez am Stadtrand, in dem man viele gute Nächte hatte, wo man aber tagsüber nie hinkommt. Jens Friebe ist immer noch nicht gentrifiziert.

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Peter Licht schon. Und das Kichern ist die Hölle. Es kommt nicht von Peter Licht, Gott bewahre, es kommt aus dem Publikum, das bei dieser Doppel-CD allgegenwärtig ist, denn es ist eine Doppel-Live-CD und heißt „Das Lob der Realität“ (staatsakt). Dass das Publikum so spürbar dabei ist, ist eigentlich nur gerecht, denn es hat via Crowdfunding diese Veröffentlichung auch erst möglich gemacht. Es soll nur bitte aufhören zu kichern, wenn Peter Licht in seinem großen Verzögerungs-Charme vorne steht und ein paar groteske Sätze spricht, bevor er die Gitarre hebt.

Was stört an dem Kichern? Es ist das verdammte Kultur-Kichern der Netzavantgardisten, der geduschten Samstagabendpärchen und Spinatquiche-Famos-Finder. Einer nicht unsympathischen, in der Masse aber anstrengenden Schicht, die nur in Städten mit Hochschulen vorkommt. Da aber häufig. Licht hat diese kulturbeflissenen Motten über die Jahre ange- und erzogen, mit seinen Songs, die Tiefgang und Schönklang vereinen, irgendwie gewitzte Systemkritik und harmonischen Pop und eben Texte, in denen sich komische Begriffe wie Wurmloch, kalbende Gletscher und ja, Liebe so herrlich vielsagend anhören. Dass Licht trotz dieser entgegengebrachten Liebe und Kicherei über die Jahre und viele Umständlichkeiten hinweg an seiner Anonymität festgehalten hat, wurde kurioserweise weder als krampfig oder seltsam empfunden, sondern galt für spannend. Konzertbesucher dürfen ihn mittlerweile allerdings in voller Pracht sehen und das deutet schon auf die besondere Qualität der Auftritte hin.

Ein Peter-Licht-Konzert ist viel mehr als nur ein lineares Vorspielen, es vereint Rezitation und Performance, Improvisation und Intellekt, das alles versprüht der Künstler freigiebig wie eine Wunderkerze. Er ist eben multi, seine Ausritte in so ziemlich alle Kultursparten beweisen das: Peter Licht war erfolgreich im Theater und auf der Bühne beim Lesen um den Bachmannpreises. Er begreift auch das Netz, seine aktuelle Idee, für das Cover des Albums die Webgemeinde Fotos schicken zu lassen, führte zu einem unfassbar beliebigen Bilderwelt auf seiner Homepage und gerade das, haha, bedeutet ja doch wieder was. Außerdem erscheint zeitgleich ein Buch im Blumenbar-Verlag, es heißt ebenfalls „Lob der Realität“ und ist so eine Art Papier gewordenes Zusatzkonzert, eine Sammlung von großen und kleinen Geistesübungen, die allerdings ohne seine Rezitation etwas blutleer wirken. Immer geschliffen im Ton, immer leicht verrückt bei Wahrung authentischer Begriffe, immer etwas vage in der Aussage. Sicher sein wendiges Slam-Texten, seine Freude am Wiederholen, am Jandlesken Aufschaukeln vom Sinnvollen ins Dadaistische, sein unverblümter Umgang mit großen Begriffen wie Kapitalismus und Freiheit und das Leben in der Zukunft, das alles ist erfrischend, wenn auch nicht zwingend fundiert. Er spricht alle Gegenwarts-Sprachen, er ist auf die Art Künstler, wie man sich das modern wünscht: Geheimnisvoll und auf allen Ebenen ansprechbar, süffig in seinen Mitteln aber unberechenbar in seiner Vielfalt. Deswegen ist die große Live-CD mehr noch als das Buch, ein wirklich gutes Fazit der hiesigen Popkultur der letzten zehn Jahre. Viele Neues offenbart sie freilich nicht und bei allen Flattereien ist Licht eben doch an den Stellen am Besten, an denen er klar und schlicht singt. Ohne Dada, ohne Performance. Und ohne Kichern.

(erschienen in der Süddeutschen Zeitung)

 

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Über Salat mit Ziegenkäse

12. November 2014 · Keine Kommentare

In Städten mit Hochschule gibt es eine bestimmte Form des gastronomischen Mittelmaßes, die vielleicht am besten als urbanes Wirtshaus beschrieben ist. Restaurant passt nicht, Kneipe ist es auch nicht, es vermengt aber die Nachteile von beidem. Das urbane Wirtshaus hat eine Außenterrasse mit Brauereischirmen und Heizstrahlern, führt gleichberechtigt eine Speisen- und Cocktailkarte hat die Tagesgerichte mit neongelben Abwisch-Stiften über die Bar geschrieben. Mexikanisches Bier, Brunch, Riesenschnitzel – kommt alles von dort. Opulente Salate sind ebenfalls wichtig in diesen Läden und das hat zwei Gründe. Wo auch Nachmittags schon gegessen wird, soll es bitte was Leichtes geben. Außerdem besteht ein großer Teil des Publikums aus Volkshochschul-Abschlusstreffen, lockeren Teambesprechungen und anderen Zwangsgemeinschaften, bei denen die gegenseitige Skepsis oft nichts anderes zulässt, als Stochern in einem Salatteller. Der Verdacht liegt nahe, dass auch der Salat mit gegrilltem Ziegenkäse von hier seinen Siegeszug antrat. Ein interessantes Gericht – bis vor Kurzem wurde auf seinem Teller noch Salat mit Putenbruststreifen serviert, lange Zeit die zwingende Komplementärbestellung zu einer Weißweinschorle.

Die Putenbrust hat aber  in den letzten Jahren ihre große Lobby verloren, sie war ohnehin ein Relikt der fettfreien 90er-Jahre, wo man sie als lustig angebräunte du-darfst-Fleischwürfel durch die Werbung tanzen ließ. Heute, wo die Menschen nicht mehr nur auf die Nährwerte, sondern zuvor noch auf Sachen wie Herkunft und Biodings achten, ist Putenfleisch längst durchs Sympathie-Raster gefallen. Der gegrillte Ziegenkäse ist ein probater Ersatz, selbst wenn er ganz konventionell produziert wird, vermittelt Ziegenkäse ja eine Bio-Romantik wie kaum eine andere Zutat. Man sieht regelrecht, wie die dazugehörige Ziege lustig auf einem verwilderten Bauwagen in der Provence steht und meckert, nie denkt man jedenfalls an die dänischen Käsefabriken, aus denen die Mittelmaß-Gastronomie eigentlich beliefert wird. Gleichzeitig schmeckt Ziegenkäse unleugbar nach Ziege, so viel Tier hat ein Vegetarier selten auf dem Teller, so prägnant sind eigentlich überhaupt wenige Zutaten im urbanen Wirtshaus. Deshalb sind Rosmarin und Honig zwei wichtige Begleiter, sie dämpfen das Animalische ab, komplettieren die Wiese, in der die imaginierte Ziege steht und sind ihrerseits auch wieder schön authentische Biobasics. Rechnet man dann noch die (zugegeben dürftige) Grillbarkeit des Käses dazu, hat man vielleicht die neue Zauberformel für moderne Gerichte gefunden – markanter Geschmack bei gleichzeitiger Wahrung von fleischlosen und ökologisch korrekten inneren Werten. Ein Gericht gewordenes Substitut, es verspricht Wildheit ohne Tier, Grillaroma ohne Ungesund, Salatteller ohne Tussiverdacht. Was Räuchertofu oder Austernpilze nie ganz erfüllen konnten, schafft der Ziegenkäse mit seinen Röststreifen und dem wabernden Stallgeruch im Salatbett. Außerdem verträgt er locker einen leichten Rotwein als Begleitung – die Weißweinschorle ist also auch angezählt.

(Erschienen im Magazin der Süddeutschen Zeitung)

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Über den Designer Sebastian Herkner

12. November 2014 · Keine Kommentare

Betreff: Ihr Tisch bei mir?« So geht die Geschichte los. Mit der seltsamen Betreffzeile einer E-Mail, geschrieben von dem bekannten Berliner Kunstsammler Christian Boros an den damals noch unbekannten Absolventen der Hochschule für Gestaltung in Offenbach. Es war Herbst 2009. Den Tisch, um den es in dieser Nachricht ging, hatte Boros auf einem Foto im Magazin Architectural Digest gesehen, er wollte ihn in seinen Kunstbunker stellen, zu kaufen gab es den Tisch noch nicht. Herkner war verdutzt, sagte dreimal hintereinander Ja in den Hörer. Dann hatte er nicht nur einen Auftrag, sondern auch das Gefühl, dass es mit seinem »Bell Table« etwas werden konnte. Ist ja nicht alltäglich, dass Nachwuchsdesigner Fan-Anrufe erhalten, und noch dazu von einer Geschmacksinstanz wie Boros, der schon oft Schätze entdeckt hat, wo andere nichts sahen.

Boros sah so einen Schatz in diesem Couchtisch, bei dem der Fuß aus Glas ist, eine dicke Kuppel, auf deren Krümmung eine Platte aus Metall sitzt. Die Kunst dieses Entwurfs liegt in der Formgebung und dem Willen des Erfinders, den kühlglatten Werkstoffen etwas Sinnliches abzugewinnen. Die dicke mundgeblasene Glasglocke und das weiche Messing der Tischfassung, die organische Form und die Verbindung der Materialien ohne sichtbare Konstruktion machen aus dem »Bell Table« eine Erscheinung, von der man gar nicht genau sagen könnte, welche Epoche sie hervorgebracht hat und welcher Kulturkreis. Als er die schmeichelhafte Mail von Christian Boros bekam, hatte Herkner gerade mal einen Prototyp. Er baute in den folgenden Wochen noch zwei Stück, lud sie in seinen Polo, fuhr von Offenbach nach Berlin und dann mit dem Aufzug auf das Dach des Kunstbunkers in Boros’ Penthouse. Dessen Frau empfing ihn mit den Worten: »Oh, hat er wieder was entdeckt?« Er hatte. Der »Bell Table« bekam in der Folge zwei Designpreise und, was noch wichtiger ist, einen namhaften Hersteller: Die Firma Classi-Con reihte den Tisch in ihr Sortiment neben ikonische Entwürfe von Eileen Gray und Konstantin Grcic ein. Dabei ist die Produktion des »Bell Table« aufwändig. Den großen Fuß gleichzeitig fragil und stabil in Serie mundzublasen, das können nicht viele. Zum Glück fand Herkner die Firma Freiherr zu Poschinger im Bayerischen Wald, die seit 445 Jahren Spezialanfertigungen in Glas macht. Und jetzt eben das Unterteil eines Tisches, der rund um die Welt in den Magazinen zu sehen ist und trotz seines stolzen Preises von 1600 Euro »gut läuft«, wie Herkner sagt.

 

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Er steht nun mit einem schmutzigen Neonschild in seinem Studio, gerade war der 33-Jährige, in Sakko und polierten Schuhen, auf dem Flohmarkt in Frankfurt. »Super – Internet – Cafe« ist auf dem Schild zu lesen. »Zu irre, um es stehen zu lassen. Vielleicht ist es ja mal für was gut«, sagt Herkner mit tauberfränkischem Einschlag. Den Fund sortiert er in das Schwerlastregal ein, das eine ganze Wand seines Ateliers einnimmt. Dieses Regal ist eine Art externe Festplatte, den ganzen Besuch über wird Herkner daran auf und ab gehen und Materialproben, Modelle und inspirierendes Treibgut herausnehmen. Es ist eine ganze Menge, denn der Erfolg mit dem »Bell Table« war nur der erste Schritt eines Sprints durch die Königsklasse der Designer. Körbe, Wanduhren, Sofas, Stühle und Lampen wurden bei Sebastian Herkner seitdem in Auftrag gegeben, es hagelt Auszeichnungen, er arbeitet mit legendären Labels wie Moroso zusammen und wird dort von Design-Stars wie Patricia Urquiola gefördert. Wie ging das so schnell? Sebastian Herkner schwenkt als Antwort eine Kindersocke mit Anti-Rutsch-Noppen, was bei einem ernsten Mann besonders komisch wirkt. »Das war der Ansatz für mein erstes Sofa bei den Italienern, nur damit bin ich zu Patrizia Moroso.« Ein mutiger Auftritt, und wieder ein Erfolg. »Coat«, ein Sofa, das leicht ist und dank Noppenbesatz an der Unterseite trotzdem nicht rutscht, wenn man sich hineinfallen lässt, war der Auftakt zu einer Zusammenarbeit, die ihn heute oft eine Tagesreise nach Udine antreten lässt, es folgte eine Handvoll weiterer Aufträge. Herkners Gestaltungsphilosophie steckt in diesen kleinen Hauruck-Ideen. Eine Banalität wie die Socken oder das abgeknibbelte Flaschenhalsetikett einer Tannenzäpfle-Bierflasche nimmt er mit, denkt darauf herum, lässt sie liegen und kommt irgendwann zu ihr zurück. Werden die Entwürfe dann konkret, geraten sie meistens ein bisschen opulenter und hedonistischer, als man es vom deutschen und skandinavischen Design der vergangenen Dekade gewohnt ist.

Ein weiteres schönes Beispiel ist seine Lampe »Oda« für das junge deutsche Label Pulpo: Ein riesiger Glasballon mit opaker Eintrübung schwebt im Raum, balanciert von einem dünnen Metallgestell. Diese fantastische Leuchtboje ist nicht funktionell, nicht ökonomisch, aber eine gestalterische Kühnheit auf dem schwer belagerten Feld der Raumbeleuchtung. Herkner steht daneben und tätschelt sie mit zerstreutem Stolz, er lächelt nie, wenn er erzählt. Die Idee dafür kam ihm übrigens beim Betrachten eines Wasserturms, fotografiert von Bernd und Hilla Becher.

Aber der Erfolg hat noch andere Wurzeln. Jahrelang und schon während des Studiums ist Herkner über Messen getingelt, hat in den Nachwuchshallen seine Ideen präsentiert, Geld für die Stände zusammengespart, in Köln und Mailand eine Woche lang aus dem Auto heraus improvisiert, als Student am Rand der glamourösen Designszene. »Ich bin überzeugt, dass sich diese Präsenz und das Knüpfen von Kontakten jetzt auszahlen«, sagt Herkner und macht zum ersten Mal seit einer Stunde eine Erzählpause.

Sein zeitenthobenes Gestalten passt gut in die aktuelle Designlandschaft, in der die Firmen jedes Jahr zwei neue Kollektionen zeigen und sich die Sehgewohnheiten deshalb sehr schnell überleben. Das Auge sehnt sich nach etwas, was auf Minimalismus und Industriechic folgt. Etwas, was auch dem Sichtbeton von Bunkerwänden mit Eleganz und Schwärmerei begegnet.

Neben dem Lampenballon stapeln sich Körbe, geflochten aus einem besonderen Schilfgras. Herkner war von einer britischen Organisation für zwei Wochen nach Simbabwe eingeladen worden, um sich mit einheimischen Frauen Formen und Muster für die Körbe zu überlegen, die sie für den europäischen Markt interessant machen könnten. Er hat einen Film auf seinem Mobiltelefon, man sieht eine Gruppe Frauen in einer Dorfhütte singend um ihn herum sitzen und Körbe flechten. »Eine Woche nach der Messe in Mailand war das ein wahnsinniges Kontrastprogramm«, sagt Herkner, »aber sehr interessant und ergiebig!« Dazu macht er eine vielsagende Geste in Richtung Schwerlastregal, und man weiß: Der hat natürlich auch noch andere Ideen mitgebracht aus der Dorfhütte. Besuche an den Orten, wo die Dinge entstehen, putschen Herkner regelrecht auf, ob bei den Glasbläsern im Bayerischen Wald oder eben in Afrika. Oder die Henkel von Tüten in Barcelona aus gedrehtem Papier! Ein ganz billiger Werkstoff ist das, den er zufällig entdeckt hat und jetzt verwendet wie Rattan: Auch die Papierschnüre werden zu bunten Körben geflochten. Er kann viel über die Eigenschaften von Materialien sprechen, und wer so gern die Disziplinen mixt wie er, muss viel darüber wissen, wie sie entstehen und welches Potenzial sie haben. Die für Möbeldesigner schon fast zum Pflichtprogramm gehörende Schreinerausbildung ließ er aus, stattdessen war er ein Jahr bei Stella Mc-Cartney in London: Fashion statt Fichte. »Das war eine Zeit, in der ich viel über die Wichtigkeit von Details und akribischer Arbeit an den Feinheiten gelernt habe.«

Dann will er einen Spaziergang machen, durch Offenbach, das gar nicht so übel sei, wie er vorsichthalber versichert. Okay, direkt nebenan ist ein Boxcamp für Problemjugendliche, und ein paar Meter weiter ist der Mülleimer explodiert. Trotzdem. »Offenbach ist aktuell im Aufbruch, und es ist schön, in einer Stadt zu arbeiten, die eine echte Handwerkstradition hat.« Noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts war Offenbach die Hauptstadt der Lederverarbeitung, und deshalb freut sich Sebastian Herkner, dass er für die italienische Firma Gervasoni gerade einen Stuhl namens »Unam« entworfen hat, der die klassische Bugholztechnik mit einem speziellen breiten Ledergeflecht in Popfarben verbindet. Das sei doch eine schöne Reverenz an seine Wirkungsstätte, nicht wahr, sagt er und strahlt, zum ersten Mal. Dann kommt der Bahnhof. »Nicht hinschauen!«, ruft Herkner.

 

(erschienen im Magazin der Süddeutschen Zeitung)

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Über große Ferien

12. November 2014 · 6 Kommentare

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Drüben im Solarium ist ein neues Schild im Schaufenster. „Faken Sie das Urlaubsgefühl!“ steht darauf. Daneben ist ein Paar in Badehosen freigestellt, das sich gegenseitig auf die knusprige Kruste schaut. Den Urlaub vortäuschen, darauf muss man erst mal kommen. Noch komischer ist, was das schmuddelige Schaufenster eigentlich sagt: Urlaub muss bitteschön was abwerfen. Wozu wegfahren, wenn man nicht mindestens als ein anderer wiederkommt? Dieser unterschwellige Anspruch ist schon ein Teil unserer Urlaubskrise. Ein anderer ist jene vermaledeite Woche vor dem Urlaub. Für gewöhnlich wird das ja die schlimmste Arbeitswoche des ganzen Halbjahres. Der Klumpen Unbeantwortetes und Aufgeschobenes, den man nun schon über Monate jongliert hat, jetzt soll er doch noch schwinden. Alle Kanäle, auf denen im Büroalltag gesendet wird, müssen vorbereitet sein auf die Unterbrechung, sie sollen möglichst wenig weiterleiten, der Urlaub muss ja, frei sein von den Anfragen, Vorwegfragen, Nachfragen, Direktbotschaften, all dem cc-Gesetztem und dem nur zur Kenntnis Durchgesandtem. Aber an welcher digitalen Tür nur, hängt das „Gone Fishing!“-Schild am wirksamsten? Die Angst vor der unwägbaren Störung, dem versehentlich durchgesimsten Outlook-Termin, kennt nur eine Abhilfe: Alles fertigmachen. Deswegen ist die letzte Arbeitswoche vor dem Urlaub so produktiv wie drei normale, man schreit, finished, delegiert wie nie und kollabiert final, weil natürlich zu allem anderen auch noch was Neues reinkommt. Gerade Berufszweige, die sich ihren Arbeitsalltag besonders frei eingerichtet haben oder Selbstständige, erleben die letzten Tage vor den Ferien regelmäßig als quälendes Endzeit-Szenario. Vielleicht, weil das eine der wenigen Deadlines im Jahr ist, die nicht noch ein bisschen aufgeschoben werden kann. Spät am Freitagabend, wenn alle anderen schon gegangen sind, formuliert man dann jedenfalls im ungewohnten Beisein des Reinigungspersonals die Abwesenheitsnotiz. Meist wird es ein seltsam harsches Konstrukt aus Selbstbezichtigung und Erschöpfung: „E-Mails werden nicht gelesen, nur in sehr dringenden Fällen ist da der Kollege, meine geplante Rückkehr am…“ Erst wenn es klingt, als begäbe man sich mindestens nackt ins Herz der Finsternis, ist es drastisch genug, erst dann wird jeder verstehen, was los ist: Man ist mal kurz nicht da. Man macht Urlaub. Herrgott, ist das anstrengend.

Vor allem im Sommer, denn das ist ja der Vorzeigeurlaub, der Grand Slam der Freizeit, der Sommerurlaub muss alles liefern. Möglichweise haben wir diese fixe Idee von unseren Eltern übernommen, vielleicht aber auch einfach vom Dudelradio. Dort wird das Mantra von der bösen Arbeit und dem tollen Urlaub jeden Tag zementiert, die Anrufer, die Moderatoren, die Hörer im Stau singen es nonstop im Chor: Montag bäh, Wochenende hurra, Arbeit bäh, Urlaub hurra und erst recht der Sommerurlaub, heeey, ab in den Süden! Der Kontrast zwischen Arbeitswelt und Urlaub wird bei dieser Berieselung jeden Tag maximal herausgearbeitet. Wozu eigentlich, wem nützt diese Propaganda? Wer es auf dem Weg zu seiner Arbeit nur lang genug hört, hasst selbige bald pflichtgemäß und setzt sich für die nächsten Urlaube eine unerreichbare Erlebnis-Benchmark. Und irgendwann hat einen das System soweit, dass man wirklich denkt, das Mallorca-Herumliegen, das Gran-Canaria-Wandern, das Thailand-Tingeln wäre das wirkliche Leben, wäre das, wofür man gearbeitet hat. Was dort eigentlich passiert, ist aber natürlich banal: Man schaltet sich für zehn Tage in den gleichen Urlaubsmodus wie die Geräte um einen herum. Der Urlaubsmodus, das ist aber auch nur das Arbeitsprogramm in einer soften, bunten und wenig belastbaren Beta-Version, massenhaft kopiert. In diesem Programm sammeln wir Auslandserfahrung, verbessern Sprachkenntnisse, trainieren unsere Hobbyskills und zurück im Büro fahren wir aus dem Standby dann wieder auf die Arbeitsoberfläche hoch. Wir sind nicht wirklich aus. Das bisschen Urlaub ist nur die Fortsetzung der Arbeit-Leben-Gleichung mit etwas veränderten Vorzeichen. Alles was sonst Minus bedeutet, ist zwei Wochen lang Plus und der größte wirkliche Ausbruch besteht doch, seien wir ehrlich, meistens darin, dass man sich schon um fünf Uhr nachmittags einen Longdrink servieren lässt oder selbst einschenkt. Da sitzt man dann und denkt von sich als entschleunigter Person.

Es muss sich also etwas ändern. Nicht wegen der krampfhaft proaktiven Reiserei, nicht weil die Studien sagen, dass sich ab dem fünften Tag überhaupt der erste Erholungseffekt einstellt, der dann aber im schlechtesten Fall nach drei Wochen Büro schon wieder weg ist. Nein, wir müssen unser Urlaubsidee überarbeiten, weil sie die letzten fünfzig Jahren nicht hinterfragt wurde. Wir absolvieren ihn letztlich immer noch so wie Heinz Erhard, mit überfülltem Kofferraum und kleinem Pepita-Ehekrach, mit einem wohldosierten Hauch Exotik und buntem letzten Abend. Dabei wissen wir eigentlich, was der bessere Urlaub wäre. Jeder von uns trägt ihn als vage Erinnerung in sich, als verblichenes Polaroid eines Sommers aus längst vergangener Zeit. Große Ferien! Dieses Polaroid, es ist eine unscharfe Melange aus allen Sommerferien in denen wir vielleicht zwischen sechs und zwölf Jahre alt waren und die Zeitläufte nur von vagem Interesse. Sechs Wochen Schulferien sind ja eine kolossale Sache, die meisten haben später nie wieder im Leben eine solche Masse Zeit am Stück, eine Spanne, in die man nichts hineinträgt und aus der man nichts wieder mitbringen muss als sich selbst. Zwischen Zeugnisvergabe und erstem Schultag im Herbst schwebte man einfach so vor sich hin. Verpflichtungen? Zero! Man diffundierte in den Sommer hinein, der August war wie dunkler Honig in einem sehr großen Stundenglas, die Tage, die Wochen, man konnte sie einfach vergessen. Sicher, die Eltern entführten einen vielleicht in ihren Eltern-Urlaub, zwei Wochen in denen sie um fünf Uhr einen Longdrink für sich und ein Eis fürs Kind bestellten. Aber dann ging es zurück, in die hitzestillen Städte und Dörfer mit ihrem angezählten Gartengrün und dort war man dann endgültig: lose, frei. Man brauchte nicht viel. Das immergleiche Handtuch, mit dem man zum Freibad radelte, die paar Freunde, die ähnlich sommersediert neben einem trotteten und ohne Verabredung am Steg saßen, einen Ball vielleicht, ein bisschen Taschengeld. Man brauchte nicht viel, weil sich das Wichtigste unbemerkt von selbst einstellte: Goldene Langweile und ein Anflug von Ewigkeit. Nicht so sehr wenn man sich animieren lässt, die Alpen überquert, Wellen surft, auf Lanzarote Pilates lernt und Jetski ausleiht, erfährt man etwas über sich selbst, sondern wenn man sich gepflegt langweilt. Wir erreichen den Zustand echter Langweile später im Leben aber gar nicht mehr, sie hat einfach keine Lobby und all die Systeme, die uns umgeben sind darauf angelegt, sie zu bekämpfen. Das Web ist das absolute Gegenteil, mit seinem ewigen Output, dem steten Rattern und Twittern. Aber die gute Langweile der Sommerferien, die, sagen wir so Anfang vierte Woche in der endlose Vormittagsstille des Elternhauses einsetzte, begleitet nur vom Brummseln der Stubenfliege am Fenster, war sie es nicht, die uns wieder auf Null stellte? Wäre sie nicht auch heute den komischen Verben näher, die wir jedem Urlaub voreilig anheften: Runterkommen, abschalten, ausklinken? Sind damit nicht eigentlich Tage gemeint, in denen die schnellste Bewegung das Trocknen der eigenen Fußspuren am sonnenwarmen Beckenrand im Freibad ist? Und zwar: richtig viele Tage, richtig viele trocknende Fußspuren?

Nur mal im Spiel gedacht, wie ließe sich dieses Sommerferiengefühl wieder herstellen? Wichtig scheint die Einheit von Ort, Zeit und Handlung zu sein, was zufällig der Aristotelischen Forderung für ein gutes Drama entspricht. Aber als Kind war man eben meist an seinen Ort gebunden, man plante nicht in die Zukunft, man handelte lokal und flog immer nur auf Sicht. Dann die Vertrautheit der Umgebung! Erst wenn die Füße die Trampelpfade auch in der Dämmerung von alleine finden, erst wenn man eins mit der Topographie ist und alle Codes bekannt sind, lässt sich doch wahrlich entspannen und Ich sein. Das bedeutet nicht, dass man in den erwachsenen Sommerferien nicht verreisen soll, aber dann eben bitte auch mal: Irgendwo sein und zwar richtig. Wir sprechen schließlich von Ferien, nicht von einer Reise, nicht von einem Trip, nicht von einem Hopping. Zwei Wochen sind für Vertrautheit an einem neuen Ort zu kurz, wir sollten dieses Urlaubsformat endlich aufbrechen. Vier Wochen an einen Ort! Und das die nächsten fünf Sommer! Franzosen und Italiener halten es seit jeher so und vor hundertzwanzig Jahren waren wir diesbezüglich auch schon mal an diesem Punkt, Stichwort Sommerfrische. Sommerfrischen hießen ursprünglich nur die Behausungen, die zu eben jenem Zweck aufgesucht wurden. Einfache Bauernstuben, kleine Häuser, schlichte Quartiere. Man begab sich dorthin, kurz bevor der Sommer seinen Zenit erreichte und das war das Höchstmaß an Bewegung, das man die nächsten Wochen oder Monate auf sich nahm. Der Rest ergab sich. Man fuhr nicht in die Sommerfrische, um ein anderer zu werden. Es war nicht die krasse Flucht, die heutigen Urlauben anhaftet, nicht das unbedingte Bestreben für vierzehn Tage alles an Alltag, Klamotte, Sprache, Nachbarn hinter sich zu lassen. Nein, der Sommfrischler blieb zum Glück, wer er war, erledigte weiterhin Korrespondenz, kleidete sich weiterhin adrett, lud ein und besuchte reihum, es gab ein paar Freunde, man lernte andere kennen, ein leichter Flirt, ein bisschen Tennis und weil man Jahr um Jahr wieder kam wurde aus dem zögerlichen Fremdeln der ersten Woche mit den Jahren ein geborgenes Streicheln. Ziel war nicht das Ziel, sondern die angenehm verbachte Zeit. Luftveränderung ist ein wunderbares Wort. Ehrlich, wie viel Abenteuer mehr braucht der Mensch, als dass die Luft morgens ein bisschen anders riecht? Dazu reichte schon immer eine Fahrt mit dem Eilzug hinaus aus der Stadt. Weil es kein Dudelradio gab, war die Arbeit damals vielleicht auch nicht ganz so schrecklich ernst und verpönt. Künstler praktizierten im Urlaub einfach weiter, Fabrikbesitzer fuhren donnerstags zur Familie aufs Land und kehrten am Sonntag in die Stadt zurück, wer kein Geld hatte half den Bauern bei der Ernte. Der zu Unrecht vergessene Ludwig Steub notierte damals: Jeder Torwart, jeder Milchmann geht aufs Land, und selbst die abgelegensten Berghöfe werden aufgesucht, um dort arkadisch zu leben und im Schatten der Holunderbüsche Trautmanns und anderer bayerischer Schriftsteller beliebteste Werke zu lesen. Ein kleines Arkadien in dem man zeitenthoben im Schatten der Büsche liegt – streng genommen ähnelt die klassischen Sommerfrische damit den Sommerferien in unserer Erinnerung.

Klar, jetzt muss endlich der Einwand behandelt werden. Sechs Wochen am Stück weg, un-mö-glich! Aber ist es das wirklich? Käme es nicht auf einen Versuch an, in einer Zeit, in der unsere Arbeitsstrukturen ohnehin aufweichen und die technische Infrastruktur die Gartenlaube oder die Terrasse auf Mykonos kurzzeitig zu einem Schreibtisch machen können. Wäre nicht jetzt genau die Zeit, eine Renaissance der Sommerfrische einzuläuten, wo die Chefs doch schon mit Elternzeit, diversen Teilzeitmodellen und der ominösen Work-Life-Blance-Erfahrung gesammelt haben. Wäre es nicht ein Experiment wert, sich mal den Jahresurlaub aufzusparen und gleichzeitig den Hass auf die Arbeit ein bisschen zu mildern, den Stress an den Wochenenden auszuschlafen, die Vorfreude auf den Sommer zu kosten, der dann auch wirklich ein ganzer Sommer wird. Lasst uns das Land mal einen Monat runterfahren und jeder besucht den Ort von seinem Sommerferienpolaroid. Das ist ja nicht die künstliche Insel in Dubai, das ist viel günstiger. Deswegen reicht das Urlaubsbudget auch für vier Wochen. München, Frankfurt, Berlin – Gone Fishing, wäre das nicht herrlich? Dudelradio aus! Wir kämen vielleicht nicht so knusprig braun zurück, wie die Herrschaften auf dem Solariums-Plakat, aber hallo, wir hätten endlich mal das Urlaubsgefühl nicht vorgetäuscht.

 (erschienen in der Süddeutschen Zeitung)

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Über den heiligen Berg Athos

29. September 2014 · Keine Kommentare

1.Tag

Das Büro in einer Seitenstraße von Ournaopolis wirkt wie aus einem Harry-Potter-Film: „Holy Executive Of The Holy Mount Athos“ steht in alter Schnörkelschrift darüber. Drinnen muss es schnell gehen, Pass, Religion, 35 Euro. Schon kommt mein Diamonitirion aus dem Drucker, „Protestant“ steht in kyrillschen Lettern groß darauf. Es darf nicht verloren gehen in den nächsten vier Tagen, nur mit diesem Visum kann man sich als Gast auf dem Heiligen Berg bewegen. Am Pier ist es laut, die Cafebesitzer wollen Frühstück verkaufen, Pilgerautos rangieren, Rucksäcke werden gepackt, dann öffnet sich die große Ladeluke. Es gibt keinen Landweg auf die Halbinsel Athos, nein, es muss natürlich ein Fährmann sein, der uns von einer Welt in die andere bringt. Die Morgensonne beleuchtet bei der Abfahrt die Hügel der Chaldikidi und lässt das Meer glitzern – eine Urlaubspostkarte, aber das Gefühl dazu stimmt nicht, auf einem Schiff nur mit Männern, viele davon in Taschenbibeln vertieft. Küste zieht vorbei, herrliche leere Buchten, in denen seit tausend Jahren niemand gebadet hat. So wäre das Land also ohne Zivilisation: Wald, Macchie, knallgelber Ginster. Am Gipfel des Athos in der Ferne hängen ein paar Wolken, es sieht aus, als würde er eine weiße Mönchskutte tragen. Die Fähre macht Zwischenstopps, nimmt Pilger auf und entlässt welche, niemand winkt. Alexis, Informatiker aus Athen, steht mit einem Becher Kaffee an der Reling und ist bestens gelaunt. Er freue sich auf die nächsten Tage, sagt er. Worauf genau? Die Ruhe, den Frieden, das Woanders sein. Und die Religion? Ja, sagt er, das natürlich auch, haha, das gibt es sonst ja nirgends. Ziel der Überfahrt ist der kleine Hafenort Daphni, zwei Anleger und ein paar niedrige Häuser. Die ersten Schritte auf heiliges Land sind profan: Pilger und Mönche rennen auf die wartenden Kleinbusse zu. Es geht die steile Bergstraße hinauf nach Karyes, dem Hauptort der Halbinsel, sogar mit einer Handvoll Geschäften. Der kleine Dorfplatz ist belebt, Pilgergruppen begrüßen und verabschieden sich. Allgegenwärtig: Mönche und Priester in ihrem schwarzen Habit und das Stimmengewirr aus Russisch, Bulgarisch, Griechisch. Eine Fahrt zum Athos, ins Zentrum des Glaubens, ist für viele Orthodoxe eine heilige Pflicht. Wir wollen nach Mylopotamus, aber kein Kleinbus fährt in diese Richtung. In der Poststelle sitzt ein großer Mönch mit wildem Bart, der uns misstrauisch mustert. Was wir in Mylopotamus wollten? Übernachten? So, so. Aber er nimmt uns später doch in seinem PickUp dorthin mit. Vater Ioakim spricht nicht gern, das ist auch ein Grund, sagt er, warum er Mönch wurde. Dabei hat er hier jetzt mehr Aufregung als im alten Leben. Fünf Tage in der Woche sortiert er die Post, die mit der Fähre für den Heiligen Berg kommt. Obwohl die Halbinsel nur rund 50 Kilometer lang ist, dauert es zu manchen Klöstern über zwei Stunden mit dem Auto, manche kleine Skiten und Kelis sind nur zu Fuß oder mit Esel erreichbar, erzählt er, während er den Schlaglöchern ausweicht.

Mylopotamus ist so eine Dependance eines Klosters, in der nur wenige Mönche arbeiten. Seit 1000 Jahren sitzt das kleine Landgut malerisch auf einem Felsen über einer Bucht. Der Wehrturm wird gerade restauriert, davor steht eine Bautafel der EU. Sie machen Wein hier, ein Arbeiter geht durch die Rebstöcke und verteilt Sulfit. In der mittelalterlich dunklen Küche mit dem qualmenden Herdfeuer stehen schon die Teller. Lauwarme Linsensuppe und Kartoffelbrei mit viel Knoblauch, Salat und Oliven aus dem eigenen Garten. Schweigendes Essen mit Aussicht auf dunkelgrüne Wellen hinter ungeputzten Fenstern. Gastfreundschaft haben sich die Mönche des Athos auferlegt, Essen und Bett sind für den Pilger umsonst, aber nur für eine Nacht, dann muss er weiter. Im Gegenzug verlangen sie Teilnahme an den Gebeten und gottesfürchtiges Benehmen. In einer Kelis ist es aber nicht so streng wie in den Klöstern. Hier gilt nicht der Julianische Kalender und Vater Ioakim verzichtet darauf, uns um vier zum Morgengebet zu holen. Er betet alleine, dann fährt er zur Arbeit.

 

2.Tag

Es ist ein beschwerlicher Weg nach Megisti Lavra. Die unbefestigte Straße hat tiefe Löcher und der kleine Suzuki ist überladen. Trotzdem sind wir froh, dass Architekt Dimitris Garzonis und seine Kollegen uns mitnehmen, ins wichtigste Kloster der Insel. Sie sind im Auftrag der EU und der griechischen Denkmalbehörde unterwegs und kontrollieren die Fortschritte der Restaurierungen, die an vielen Klöstern stattfinden, es geht um Millionen an Fördergeldern. Am Wegesrand stehen Feigen, Kamille, Rosmarin und wilde Wicken. Wer nicht wegen der Religion zum Athos reist, könnte in der unberührten Natur einen Ersatz finden. Megisti Lavra sieht aus wie eine tibetanische Piratenburg, hoch überm Meer. Es war das erste Kloster, 975 wurde es gegründet. Der Archontaris, Gästemönch und Türwächter, bietet uns den seit Jahrhunderten gleichen Willkommensgruß an, ein Glas Ouzo, die Süßigkeit Lakhoumi und einen bitterer Kaffee. Gesundheit, Stärkung und Wachheit. Er weist uns Betten im großen Schlafsaal zu, um uns herum lagert eine Gruppe Griechen, schon erschöpft nach zwei Tagen Kleinbus und Beten.

Die Mönche weichen uns und vor allem der Kamera aus. Acht Stunden Gebet, acht Stunden Schlaf, acht Stunden Arbeit, so ist es seit jeher Tradition und nichts anderes zählt hier. Weit oben, am Südhang des Athos, steht ein Mönch vor einer Kapelle und winkt. Wir kämpfen uns durch die duftende Macchie hinauf, vorbei an verlassenen Höhlen von Eremiten, oben aber ist der Mönch verschwunden. Auf dem Rückweg: Schlangen und wilder Salbei. Vor der Abendmesse wird es laut, ein Hubschrauber der griechischen Luftwaffe landet, der Abt des Klosters steigt aus. Nicht ungewöhnlich, sagt ein Mönch, der Athos und das Militär haben eine gute Allianz und tatsächlich, mitten auf dem Armaturenbrett des Helikopters thront eine Ikone mit der Jungfrau Maria. Ihr gehört der Berg Athos und wegen ihr wird hier seit mehr als 1000 Jahren gebetet. Maria soll die einzige sein, deshalb dürfen sich Frauen bis heute dem Athos nur auf einem Schiff nähern, das maximal 500 Meter Abstand hält, auch weibliche Tiere sind verboten. Gegen 18 Uhr hallen dumpfe Schläge durch das Kloster, ein Mönch schlägt einen seltsamen Rhythmus auf das Simantron, ein großes Klangholz das im Säulengang hängt – Signal zur Abendmesse. Wir dürfen nicht bis in das Innerste der Kirche, ein alter Mönch schärft uns das noch mal streng ein, stehen steif im Vorraum, während um uns alles in Bewegung ist. Das Küssen der Ikonen, der hohe Gesang der Mönche, die beflissenen Rundgänge der Gläubigen, die sich von den Mönchen den Segen geben lassen, alles in zehnfacher Wiederholung. Kyrie Eleison. Immerhin, vom Weihrauch kriegen wir auch eine tüchtige Portion ab. Zwei Stunden später strömt alles aus dem Golddunkel der Kirche in die laue Abendluft und hinüber ins Refektorium. Das gemeinsame Essen mit den Mönchen beschreiben viele Pilger als Höhepunkt einer Athosreise und wir verstehen warum. Ein historischer Saal, die Wände voller Abbildungen aus dem Alten Testament und auf ehernen Steintischen stehen die gefüllten Blechteller. Hundert Männer werden hier gespeist, keiner spricht dabei, nur ein Mönch liest leiernd aus der Bibel. Es gibt zerkochte Nudeln und sauren Wein, nach zehn Minuten hört der Vorleser auf, das Essen ist vorbei, manche kauen noch beim Hinausgehen. Die Stunde zwischen Abendessen und dem Schließen der Klosterpforte ist die weltlichste. Gäste und Geistliche ergehen sich zwischen Mauern, man plaudert, betet, singt und in einer Kammer unter dem Torbogen verkauft ein Mönch Souvenirs: Ketten, kleine Ikonen, Seifen und getrocknete Kräuter. Dann wird das Kloster von der Nacht verschluckt, kein elektrisches Licht tut etwas dagegen und alles ist genau so, wie es die letzten Jahrhunderte war.

 

3. Tag

Schlechte Nacht im Schlafsaal, das Schnarchen, der Geruch und das Wecken um vier zur Frühmesse sind keine gute Kombination. Schon um halb sieben klemmen wir im staubigen Kleinbus, der ein paar Pilger nach Iviron bringt, einem der größten Klöster des Athos. Es liegt trutzig an der Küste, in einem Meer aus rotem Mohn. Auf einer Bank davor sitzt Søren Riis aus Kopenhagen mit Rucksack und Wanderstock. Er kennt den Athos gut, einige Male schon war er hier, aber nun ist es wohl der letzte Besuch, die Beine, sagt er, machen nicht mehr mit. Was ihn als Protestant immer wieder an den komplizierten Berg ziehe? Die Suche nach den europäischen Wurzeln, hier vereinen sich schließlich das alte Griechenland und Byzanz, es ist die Wiege Europas, sagt er nach einigen Nachdenken.

Tatsächlich beherbergen viele der Klöster auch wertvolle Kunstwerke, Handschriften und Reliquien, die Schatzkammern sind voll. Die Schlafsäle allerdings auch, Iviron ist ausgebucht, kein Platz ohne Reservierung sagt der Achontaris. Eine ganze Gruppe junger Russen ist gerade angekommen, sie schlendern lässig im Armani-Trainingsanzug über den Hof und sehen eher nach Pauschaltouristen aus als nach Pilgern. Das nächste Kloster liegt ein paar mühsame Kilometer weiter den Berg hinauf. Die sind streng da oben, sagt uns Søren zum Abschied. Jedes Kloster legt die Regeln ein bisschen unterschiedlich aus, manche folgen eher der „Ekonomik“, andere der „Akribia“. Das kleine Bergkloster Philantheou gehört zu Letzteren, das macht der Archontaris klar, der eine Reihe an Verboten herunterleiert, die für uns hier gelten. Die Anlage aus dem 14. Jahrhundert ist lieblich, alte Brunnen bewässern einen großen Gemüsegarten. Die Klöster funktionieren weitgehend autark, das bedeutet allerdings auch: Klostereigene Müllkippe im Wald. Wieder das Klopfsignal, das Unsichtbarmachen während der Messe, der Singsang der Mönche auf nüchternen Magen. Neu ist, dass wir vor verschlossener Speisesaaltür warten müssen, bis alle Orthodoxen gegessen haben. Ein beklemmendes Gefühl, nicht willkommen zu sein. Aber der Ernst mit dem die Athos-Mönche hier der Tradition huldigen, macht den Platz auch zu etwas ganz Besonderem, einer Zeitinsel, in der ein anderer Takt gilt, als im schnellen Europa. Beim Abendspaziergang treffen wir Mönch Gelassio, der uns auf deutsch anspricht. Seit 26 Jahren lebt er hier oben, davor war er Wissenschaftler in Berlin. Er erzählt viel, aber es ist kein Gespräch, kein Austausch wie man es in der normalen Welt führen würde, er springt durch die Geschichte des Klosters, erläutert Ikonen, Bibelstellen und Wunder, die sich zugetragen haben. Wer sich für das Leben hier entschieden hat, ist als Person hinter diesen größeren Dingen verschwunden, das wird deutlich. „Die Merkel ist doch gestürzt!“, ruft er plötzlich und als wäre es das Irrste auf der Welt fügt er hinzu, „Beim Skifahren, ist das wahr?“. Stolz zeigt er noch eine Kamera, für deren Besitz er den Segen des Abts einholen musste. Sein neuestes Foto: zwei Kondensstreifen am Himmel, in Form eines Kreuzes. Als es dämmert, wird das große Tor geschlossen. Das ist vielleicht die stärkste Empfindung der Reise, tagsüber ante portas zu sein, frei aber auch ungeschützt. Und nachts in den meterdicken Steinmauern, behütet von der ewigen Gemeinschaft der Mönche.

 

4. Tag

Frühstück kennen sie nicht, um sieben Uhr morgens stehen Kartoffeln und Wein auf dem Tisch. Mit dem Sonnenuntergang beginnt für die Mönche der neue Tag und dann ist um sieben Uhr eben schon eher Mittag. Überall hängen billige Wanduhren, die die Klosterzeit anzeigen. Ein Bus bringt uns nach Karyes, das nach drei Tagen Klosterruhe wie eine pulsierende Kleinstadt wirkt. Ein Bäcker in einer Seitenstraße macht warme Teigtaschen mit Ziegenkäse, die ihm die Pilger aus den Händen reißen. Schmeckt nach echter Welt. Unser letztes Kloster ist zu Fuß zu erreichen, unterwegs treffen wir noch Walter Hanisch einen Apotheker aus Bayern. Hanisch ist Athos-Experte, hat schon in jedem Kloster der Halbinsel geschlafen. Seine Frau merkt als Erste, wenn es wieder Zeit für ihn ist, sagt er verlegen. Dann reist er los und wandert über den Heiligen Berg. Mit der Gelassenheit eines erfahrenen Pilgers redet er über die Eigenarten der Klöster, das Leben ohne Strom in Stavronichita, die schwierigen Russen in Panteleimon! Er versteht das Staunen über die Gepflogenheiten, aber man muss sich eben anpassen, sagt er zum Schluss. Die Mönche seien ja nicht hier, um als Gastgeber zu arbeiten.

Das Kloster Koutloumousiou liegt in der Abendsonne, die Zellen für die Gäste sind klein und sauber. Auch hier dürfen wir nicht in die Kirche, ein junger Mönch weist uns immerhin einen Platz an, von dem aus wir hineinsehen können. Wir sehen: Ein paar russische Buben, vielleicht zwölf Jahre alt, die müde in den Betstühlen hängen und sich mechanisch an den richtigen Stellen erheben. Später spricht uns der Mönch noch mal an, er möchte über Dämonen reden. Kein leichtes Thema, leichte Themen gibt es nicht, mit den Athos-Mönchen. Als die Sonne untergeht und wir erschöpft hinter den uralten Mauern liegen, spüren wir zum ersten Mal auf der Reise etwas vom großen Frieden, der von diesem Landstrich ausgeht. Und wir begreifen langsam, dass es wahrscheinlich einen besonderen Berg mit besonderen Regeln braucht, um näher an den Himmel zu kommen und die Mönche vom Athos hier auf ein paar Quadratkilometern einen der eigentümlichsten Plätze der Welt verteidigen.

 

(gekürzt erschienen in ADAC Reisemagazin Griechenland)

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Über Dinzler am Irschenberg

1. Juli 2014 · 1 Kommentar

Der Irschenberg ist ja eigentlich ein topographischer Bandscheibenvorfall. Ein allgegenwärtig wunder Punkt aus den Verkehrsnachrichten, ein stets sorgenvoll erwartetes Hindernis für den Autofahrer. Zugute halten muss man dem asphaltierten Hügel aber, dass er auch stets die erste Aussicht auf die richtigen Berge bietet und damit eine frühe Verheißung jenes Urlaubs ist, dem man auf der A8 so oft entgegen eilt. Auf dem Rückweg ist er die Schwelle ins Zuhause, man rollt ihn dann hinab in die Heimat, wohlwissend, dass es von hier höchstens noch ein oder zwei Baustellen bis nach München sind. Der rührige Kaffeeröster Dinzler hat sich vom Auffahrunfall-Charme des Irschenbergs nicht abschrecken lassen, sondern versucht, die Schönheit dieses neuralgischen Punktes herauszuarbeiten. So fährt der Besucher also am Scheitel ab, vorbei an den dürftigen Attraktionen der Autobahnraststätte und auf den großzügigen Dinzler-Parkplatz, neben dem der Hauptsitz des Unternehmens mit gewissem Feinsinn in den Hügel eingefügt wurde. Innen durchwandert er zunächst die großzügige Kaffeebar, von der aus es direkt hinüber in die Rösterei geht. Hier lässt sich schon gut gut verweilen, schließlich kann man dabei zusehen bzw. zuriechen, wie sich Dinzler seinem Kerngeschäft widmet: Dem Veredeln von hochwertigen Bohnensorten, die in feine Tüten verpackt von hier aus ihre Reise in die Maschinen der Kaffeekenner antreten. Eine Etage über dem Café erstreckt sich das Restaurant, das auch bei zähfließendem Verkehr in beiden Richtungen noch genug Stauraum bieten dürfte, so weitläufig ist es. Dank der aufwändigen Einrichtung mit viel Shabby- und Industrial-Mobilar stellt sich in der Halle aber durchaus so etwas wie ein angenehmes Raumgefühl ein, der Blick in die Berge tut sein Übriges. Große Tische aus Altholz, Vintage-Turnböcke mit cognacbraunem Leder – Dinzler trifft mit seinem Interior ganz gut den aktuell angesagten Kontorstil und das passt ja auch irgendwie zur authentischen Manufakturseele des Ortes. Die Kellnerinnen haben mit der Weitläufigkeit allerdings ein wenig zu kämpfen, obwohl das Restaurant an diesem Mittag nicht besonders stark besucht ist, dauert alles ein bisschen zu lang – zu lang jedenfalls, um zum Transitcharakter des Irschenbergs zu passen. Aber das Weiterfahren hat man hier ohnehin schnell vergessen, Kinder spielen im Garten, Einheimische treffen sich zum Mittagessen und auch die Speisekarte bewegt sich wohltuend jenseits von allem, was man sonst in unmittelbarer Autobahnnähe angeboten bekommt. Klar, dass Getränken ohne Alkohol hier ein besonderes Augenmerk zuteil wird, von Apfelquittenschorle liest man und hausgemachter Waldmeisterlimonade. Her mit den interessanten Kracherl! Die Schorle ist ausgesprochen gut, das Waldmeisterzeug aber eher nicht hausgemacht, sondern sehr brausepulvrig und mit 14 Eiswürfeln doch etwas überfrachtet.

Die Spargelcremesuppe umgeht dann die vier häufigsten Fehler, die meistens in Tateinheit mit Spargelcremesuppe begangen werden und hat dafür mit saftigen Lachspovesen auch noch eine markante Einlage, zusätzlich zu den pünktlich gegarten weiß-grünen Spargelstücken. Sie war jedenfalls der bessere Einstieg als der Spargel-Rucolasalat. Bei dem ist die Rauke zu scharf, sie macht die dünn gehobelten Spargelspäne deshalb mühelos nieder – auch weil denen kein ordentliches Dressing zu Hilfe eilt. Das Erste, was der Maibockrücken über einem kleinen Irschenberg aus Morchelrisotto dann für sich in Anspruch nehmen darf, ist dass man derlei noch nie in der Nähe eines LKW-Parkplatzes serviert bekommen hat. Der Teller ist grundsätzlich in Ordnung, die Details sind etwas unscharf. Das Risotto zu körnig und vermutlich nicht die beste Sorte, an Butter und Käse wurde gespart, das Wild selbst ist eine Kitzligkeit zu trocken aber dafür recht nett beträufelt. Wesentlich goldener glänzt das Kalbsschnitzel, das durchaus eine Zierde seines Vereins ist. Akribisch dünn geklopft und mit einer so vollmundigen Panierung, die eben keine Panade ist, dass der Gaumen keine weiteren Beilagen verlangt.

Den allgegenwärtigen Kaffee danach nimmt man stimmungsvoller unten ein, wo die Röstschwaden köstlich wabern und die Vitrinen mit süßen Kleinigkeiten gefüllt sind. Der Espresso ist erwartungsgemäß über jeden Zweifel erhaben, wer Richtung Italien fährt könnte hier schon durchaus ins Wanken geraten. Klar ist, die Preise für diesen besonderen Autostopp liegen über dem Budget, das man sonst dafür einplant. Rechnet man aber die gewonnene Gemütsruhe und die Glückshormone dazu, die ein sorgfältig zubereitetes Essen ausschüttet, ist das Preis-Leistungsverhältnis durchaus gewahrt. Weil alles soliebevoll gemacht ist, lohnt sich ein Halt auch ohne großen Hunger und gerade für Familien mit akuter Quengelproblematik auf dem Rücksitz dürfte das Dinzler-Land eine schöne Exit-Strategie sein. Ein Tütchen frisch gemahlenen Kaffees, vielleicht den herrlich milden Äthiopischen Mokka, sollt man sich beim Hinausgehen natürlich auch noch mitnehmen. Wirkt im Auto besser als jeder Duftbaum.

 

(erschienen in der Süddeutschen Zeitung)

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Über Essen auf dem Zauberberg

18. Mai 2014 · Keine Kommentare

 

„Wenn neben dir jemand stirbt, das merkst du gar nicht. Und der Sarg wird in aller Frühe gebracht, wenn du noch schläfst, und abgeholt wird der Betreffende auch nur zu solchen Zeiten, zum Beispiel während des Essens.“

Derart appetitlich steht es im „Zauberberg“ und auch auf die Gefahr hin, eine Bildungsbürger-Phrase zu benutzen: Man sollte das Buch bei Gelegenheit mal wieder zur Hand nehmen. Es ist viel flotter, als man sich das aus der Schulzeit noch zurecht erinnert. Guten Anlass für ein Wiederlesen bietet eine Reise zum Schauplatz nach Davos, das sich heute unter anderem mit dem Attribut „höchstgelegenen Stadt Europas“ schmückt. Wobei der Ort das mit der Stadt schon sehr wörtlich nimmt und also auch viel mehr Architektur-Tristesse bietet als sonst eine Schweizer Bergdestination. Der einstige Tuberkulosetourismus wurde jedenfalls, wer kann es den Davosern verdenken, schon lange und mit Freude und viel Beton gegen den großen Skizirkus eingetauscht. Als eines der wenigen gebliebenen Zeugnisse der Luftheilung steht die Schatzalp majestätisch über Davos. Geldmangel hat die schöne Anlage einst vor dem Abriss bewahrt, der viele andere Sanatorien ereilte. Heute muten die erhaltene Jugendstilarchitektur mit den langen Zimmerfluren in denen Hotelgäste wandeln, die herrlichen Balkone und die kurios altmodische Lobby mit Telefonkabinen und Käfig-Aufzug sehr romantisch an. Diese Schatzalp ist zwar nicht das Orginal-Sanatorium das Thomas Mann vor Augen hatte, aber es passt mit seiner solitären Lage zwischen Wald und Berg eigentlich viel besser in die Phantasie des Lesers. Herzstück ist der Belle Epoque Saal, in dem jeden Abend Restaurant gehalten wird. Hier lassen sich Literaturreisende, Nostalgiker und natürlich die Hotelgäste der Schatzalp in freudvoller Erwartung und großer Garderobe das Abendmenü servieren, ganz so, wie es Hans Castorp einst Abend für Abend einzunehmen pflegte und dabei kaum wagte, hinüber zum „guten Russentisch“ mit Madame Chauchat zu blicken.

Heute geht derlei natürlich eine Reservation per E-mail voraus, die auch sogleich in allerbester Schweizer Hotelschule und mit vielen freundlichen Worten bestätigt wird. Derlei sollte man sich trotzdem immer ausdrucken, denn das nicht für möglich Gehaltene tritt ein, als der Abend schließlich gekommen ist: Keine Reservation auf ihren Namen! Ein jäher Einbruch der Hochstimmung, in welcher man in kalter Schweizer Nacht auf den Berg gefahren ist, die Dienste der Standseilbahn in Anspruch nehmend. Der Fauxpas ist allerdings nicht weiter schlimm, denn wie der Saaldiener nach einigem Gehüstel zugeben muss, ist der halbe Raum leer, nur eben, die Tische an den Fenstern zum Tale sind belegt. Nun gut, der Saal an sich ist ja auch genug Erlebnis. Das Beste daran ist die schiere Weite, die durch die Spiegel an den Wänden noch mal vergrößert wird, dazu die elegant eingedeckten Tische mit Kerzenleuchter und ein bisschen Damast – so effektvoll, dass man geziert einen Kratzfuß vor der Kellnerin macht. Die Hausgäste trudeln dann ein, wie es nur Hausgäste tun – ein bisschen zu leger, ein bisschen zu trudelig, die halbe Flasche Wein von gestern noch auf dem Tisch, aber das gibt dem riesigen Raum immerhin einen wichtigen Anstrich von Lebendigkeit und Internationalität.

Das Menü beginnt mit einer winzigen Quiche vom Davoser Käse und Nüsslisalat, was eine nette Sache ist, allerdings etwas zu kalt, das Ganze. Bei der Wild-Consomée mit Gemüsejulienne schleichen sich erste Zweifel ein, ob das Menü mit den hochgesteckten Erwartungen und Frisuren ringsum mithalten kann. Eine mäßig kräftige Brühe mit einem paar Kubikmillimetern Gemüse darin, so was mag als heißer Schluck während der Liegekur auf dem Balkon serviert werden, aber als zweiter von vier Gängen – nicht ganz Belle Epoque. So erwartete man mit aufkeimender Panik den Hauptgang, beruhigt sich mit dem guten Pouilly Fumé Villa Paulus, die Flasche zu hochliterarischen 60 Euro, und wagt nicht, hinüber zum schlechten Deutschentisch zu blicken, wo das Essen schon eingetroffen ist. Der Kaninchenschenkel mit Püree und Tomaten-Olivensoße ginge dann als guter Teller durch, säße man in der Betriebskantine. Umrahmt von Stuck und Lüster wollen die allzu fruchtige Tomatenpfütze, der Klecks Püree und die, nun ja, kleine dumme Hasenkeule so gar kein nobles Bouquet entfalten. Es ist offenbar, dass sich die Küche hier eher als Vollpension-Erfüller versteht, wobei auch damit das Gebotene hinter Gepränge und Auspreisung des Ortes zurück steht. 60 Euro werden immerhin für die vier Nichtigkeiten pro Person aufgerufen. Dafür erwartet man keine Sterneküche, aber spürt doch eine herbe Enttäuschung, dass die Teller die überall geschürte Eleganz und eben das omnipräsente Thomas-Mann-Niveau gar nicht erfüllen wollen. TM wäre auch niemals an ein Dessert-Büffet getreten, schon gar nicht an eines, das in diesem Zustand ist: Ledrige Pfannkuchen, angeschmolzene Eiscreme in der klumpige Löffel stecken, dazu eine kleine Auswahl Cremes und eine Schüssel Obstsalat, herrje. Gezaubert wird hier auf dem Berg also nicht. Immerhin kommt man aber auch spätnachts wieder mit der Seilbahn runter und muss nicht auf den Sarg zurückgreifen.

(erschienen in der Süddeutschen Zeitung)

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