Juli 9th, 2018

Über das Ende der Leiter

Es gibt dieses Foto, das so ähnlich in vielen Familien zu finden ist: Darauf zu sehen ist die BRD in Polaroid-Farben und meistens Papa mit Bart und Schubkarre beim Pflastern der Hofeinfahrt. Mama dahinter: schwanger, winkend, irgendwas im Haar. Beide sind da immer jünger als man selbst, trotzdem schon weiter in der Lebensplanung, selbstbewusster im Umgang mit großen Maschinen und großen Entscheidungen. Das vielleicht Surrealste: Die Menschen auf dem Foto sind auf eine Art unbekümmert, die einem heute fast fahrlässig erscheint. Einfach so mit 27 die Zukunft pflastern? Sieht man als erwachsenes Kind dieses alte Bild, lacht man über den Bart und denkt still für sich: Wie zum Teufel habt ihr das eigentlich geschafft?

Passend dazu lassen sich viele Fälle aus dem Bekanntenkreis zusammentragen. Da ist die Familie, in der der Vater Ingenieur und die Mutter Dolmetscherin war und die Kinder jetzt Journalistin und ausgebildeter Fotograf sind. Beide mit je 50 Arbeitsstunden pro Woche, die leider niemand zählt. Beide sehr froh, wenn die Eltern zum Geburtstag und Weihnachten grüne Scheine reichen. Oder: Eltern beide Mediziner, Haus in zweiter Seereihe, darin aufgewachsen drei Kinder – studierter Eventmanager, Architektin und ein Nachzügler, heute Dozent an der Musikhochschule. Alle sehr glücklich in ihren Berufen, alle lange an der Uni, alle drei weit entfernt von einem Haus, noch weiter vom See. Oder die Freunde, die gerade gegen jede Einkommenslogik in Eigentum gezogen sind, das weniger von der Bank als viel deutlicher von den Eltern finanziert wurde – vorgestrecktes Erbe. Da sitzen sie, mit kleinen Zweifeln an der eigenen Ergiebigkeit. Und Papa kommt zum Rasenmähen. Wer heute zwischen 25 und 50 ist und dem entstammt, was einst Mittelschicht genannt wurde, dem ist die Botschaft aus diesen Beispielen vermutlich vertraut. Sie lautet: Die Eltern hatten es mal besser als ich. Oder zumindest einfacher.

Das ist ziemlich neu, in der Geschichte der arbeitenden Bevölkerung. Denn die baumelnde Riesenkarotte vor dem Esel der Zivilgesellschaft war eigentlich das Gegenteil. Auf der stand immer: Meine Kinder werden es mal besser haben. Mit diesem Generationsversprechen wurden ganze Länder aufgebaut. Industrialisierung, Kapitalismus, Wirtschaftswunder – hat alles nicht zuletzt darüber funktioniert. Es war ausgemacht, dass die junge Generation auf den Schultern der alten sitzen darf und deshalb mehr sieht, höher steigt, weiter kommt. So wurden aus Kleinbauernkindern einst Fabrikarbeiter, aus Arbeitersöhnen wurden Unternehmer oder Lehrer, aus Lehrertöchtern wurden Ärztinnen, und aus Ärztinnensöhnen wurden, na ja, Dramaturgen, abgebrochene Juristen, Junior-PR-Consultants mit Jahresvertrag, Unternehmensberater mit Burn-out, Architekten und Start-up-Gründer, die seit Jahren kurz vor dem Durchbruch stehen.

Nein, die Generation der von 1975 an Geborenen wird deswegen nicht gleich aus der Mittelschicht absteigen. Sie kann sich ernähren und in Urlaub fahren. Aber was den Aufstieg in die nächste Klasse angeht, ist sie kollektiv versetzungsgefährdet. Der Anspruch, es „noch besser“ zu haben als die Eltern, ist oft nicht zu halten, zumindest nicht nach alten Maßstäben. Das kann irritieren. Etwa, wenn man mit Ende dreißig noch keine nennenswerten Ersparnisse und nur ein klappriges Auto hat und das Wertvollste im Haus die Espressomaschine ist. Wenn man lange nach dem Studium noch in studentischer Kulisse lebt, die Grundstückspreise der Stadt immer gleich weit vom Eigenanteil entfernt bleiben und man die Details der Altersvorsorge so gerne thematisiert wie den überfälligen Weisheitszahn. Es ist ein kollektives Erlebnis der Generation X und Y: Man arbeitet und hat auf dem Papier die bessere Ausbildung als die Eltern. Aber es bleibt gefühlt weniger hängen, es ist weniger vorzeigbar, und es waren viel mehr Brüche. Kurz: Man ist in Sachen Zuversicht und Schubkarre nicht auf Augenhöhe mit den Vorfahren.
Auf der Suche nach möglichen Gründen wird man durchaus fündig. Kinderlose Alleinstehende – was man im ersten Berufsjahrzent oft ist – haben hier 2017 durchschnittlich 49,7 Prozent ihres Einkommens als Steuern und Sozialabgaben weitergereicht. Gerade Sozialbeiträge und Lohnsteuer sind dabei im Vergleich zur Eltern- und Großelterngeneration gestiegen. Fürs Wohnen gehen heute statistisch noch mal gut 30 Prozent drauf. Es gibt Reallohnverluste, steigende Kosten für die Deckung der Grundbedürfnisse, die Notwendigkeit privater Altersvorsorge. Und welche Zinsen Mutti auf ihr Sparbuch und Vati für Bundschatzbriefe bekamen, ist Jungsparern nur schonend beizubringen. Aber darum soll es gar nicht gehen. Sondern um ein Ende des Mantras von einer Zukunft, die besser, lukrativer, glänzender sein muss. Diese historische Erwartungshaltung macht allen Beteiligten schlechte Laune und erzeugt Minderwertigkeitskomplexe in der Größe des Saarlandes. Weite Teile der heute werberelevanten Zielgruppe werden den Lebensstandard ihrer Eltern nicht übertreffen. Viele werden ihn gar nicht mehr erreichen. Basta.

Das heißt nicht, dass sie verarmen. Sie werden nur nicht unbedingt noch ein Haus bauen oder den Übertritt ins gehobene Bürgertum schaffen. Sie haben schlechtere Verträge, später mit der Altersvorsorge angefangen, ihre Investitionen riskanter finanziert und eine enorme Abgabenquote zu schultern. Auch die Jobs sind nicht mehr so, wie sie die Eltern in Erinnerung haben. Neue Ärzte, Anwälte, Piloten, leitende Angestellte verdienen nicht schlecht, aber oft nicht genug, um an die satten Verträge der Eltern ranzukommen. Und was die Akademiker angeht, die Dozenten, Wissenschaftler und angrenzende Bildungsbürgerbiografien, so sind sie heute meistens weit davon entfernt, Speck anzusetzen. Der Lehrer, der seiner Familie ein Haus baut und es bis zur Rente abbezahlt hat? Auch mit beinahe Nullzinsen in Ballungsräumen nicht mehr denkbar. Wer sich im wissenschaftlichen Mittelbau von Jahresvertrag zu Jahresvertrag hangelt, als Pädagogin über die Sommerferien arbeitslos meldet, im öffentlichen Dienst befristet am Mindestlohn entlangschrammt oder immer mal wieder berufliche Durststrecken überbrücken muss, der kann sich weder große Rücklagen noch Pläne leisten.
Man kann das als überzogene Abstiegspanik und hochtouriges Jammern abtun, wie einige Politiker. Oder den Millennials Faulheit vorwerfen, wie es zuletzt die BWL-Professorin Evi Hartmann auf Buchlänge getan hat. Man kann aber auch zur Kenntnis nehmen, dass sich die Arbeitswelt zwischen der Babyboomer-Generation und jenen Millennials eben komplett gewandelt hat. Es gibt sogar Termine dafür, den 26. April 1985 zum Beispiel. Damals unterschrieben Helmut Kohl und Norbert Blüm das Beschäftigungsförderungsgesetz. Es öffnete die Tür für unwirtliche Arbeitsmodelle, denen sich gerade Berufsanfänger seither ausgesetzt sehen: Leiharbeit, befristete Verträge, Teilzeit. Für die Arbeitssoziologin Nicole Mayer-Ahuja war dieses BeschFG der staatliche Beitrag zu einer Unternehmenskultur, die Arbeitnehmern drei entscheidende Nachteile eingetragen hat: schlechtere Vergütung, rechtlich oft prekärere Stellung und weniger betriebliche Absicherung. Außerdem beobachtet sie schon lange, dass Ausbildung nicht mehr viel mit dem Einkommen zu tun hat. „Mein Vater hat sein ganzes Leben bei der Sparkasse gearbeitet. Seine Chefs hatten Hauptschulabschluss, heute wird dort kein Azubi ohne Abitur eingestellt“, sagt Mayer-Ahuja. Und sie erzählt von den Statusunterschieden in Betrieben, die sie gerade erforscht. Von Abteilungen, in denen alle die gleiche Arbeit machen, aber zwischen Alt und Jung ein enormes Lohn- und Absicherungsgefälle herrscht. Die Gemütlichkeitsgrenze verläuft da einfach quer über den Kantinentisch.
Das individuelle Aufstiegserlebnis, das in den Nachkriegsjahrzehnten schnell und flächendeckend Zufriedenheit und materielle Belohnung brachte, lässt heute oft lange auf sich warten. Und wird für viele ihr ganzes Berufsleben so vage bleiben, wie ihre Renten schon sind. Eltern müssen begreifen, dass viele Sprösslinge sich nicht vorrangig um den Aufstieg bemühen können, sondern strampeln müssen, um einen Abstieg zu vermeiden. Das Erbe, das auf sie wartet, wird für viele Menschen der größte wirtschaftliche Erfolg in ihrem Leben werden. Dieses Vermächtnis noch zu mehren aber, wie es bis weit nach den Buddenbrooks für vornehm galt, dürfte meist nicht mehr praktizierbar sein.

Seufzen kann man darüber, zum Verzweifeln ist es zu früh. Denn natürlich ist das Leben besser geworden, man darf es nur nicht in Mercedes- und Schwäbisch-Hall-Maßstäben messen. Ein heute Vierzigjähriger hat wohl mehr Flugreisen und Hot-Stone-Massagen, Pekingenten und Bioprodukte intus als seine 70-jährige Mutter. Er nimmt Annehmlichkeiten in Anspruch, die für die Eltern noch als Luxus gelten: Restaurantessen, Kreuzfahrten, Putzservice und Sabbaticals. Das Geld ist heute nicht schwerer verdient, aber leichter ausgegeben und der kurzfristige Konsum wohl eines der größten Missverständnisse zwischen Alt und Jung. Und Fortschritte lassen sich vielleicht nicht bei Sparsamkeit und Landnahme vermelden, dafür aber bei Geschlechtergerechtigkeit, Umweltschutz und individueller Glücksuche. Weniger Arbeit, mehr Leben – vielleicht auch, weil es da noch Erfolgserlebnisse gibt?

Beim Erleben von Freizeit und Familie merkt manch einer dann auch wieder, dass es sich nicht auf dem Niveau abspielt, das er von früher gewohnt war. Das große Auto, den Garten, die Ferienwohnung? So was nutzt man dann eben wenn möglich weiterhin bei den Eltern. Wenn das beide Seiten akzeptiert haben, ist zumindest die familiäre Großwetterlage entspannt. Und dann lässt sich gemeinsam darüber reden, wie das mit dem Erbe so gedeichselt wird, dass vielleicht auch noch für die nächste Generation was übrig ist – aus der goldenen Polaroid-Zeit.

 

(erschienen in der Süddeutschen Zeitung)

Mai 23rd, 2018

Über meine Kaffeemaschinen

Der Anfang: Die Moka Express

Was in dieser Kanne entsteht, wird bisweilen als der einzig wahre Espresso verklärt. Aber selbst falls alle italienischen Großmütter die achteckige „Caffettiera“ tatsächlich noch benutzen – es ist doch eher lavaheißer Brutalkaffee. Natürlich war die Bialetti Moka Express meine erste Kaffeemaschine, denn sie verströmte den Charme eines soliden Arbeitsgeräts bei gleichzeitig herrlich niedrigem Preis. Frisch von zu Hause ausgezogen, glaubt man ja eine Weile daran, dass man mit derart ehrlichen und simplen Produkten durchaus das Leben bestreiten könnte (vgl. auch: Lada Niva, Opinel-Messer, Doc-Martens-Schuhe, Funny van Dannen-Platte etc). Außerdem sieht auf einem alten Gasherd in einer winzigen Wohnung mit Tauben vor dem einzigen Fenster nichts so melodramatisch aus wie eine in Flamme und Kaffeefluten gealterte Bialetti. Patina sagt man, wenn man zu faul ist zum Putzen.

Leider machte die Handhabung der seit 1933 weitgehend unveränderten Kanne selbst ziemlich viel Schmutz. Das Befüllen mit Espressopulver und spätere Beseitigen des Kaffeesatzes gingen selten ohne Kollateralbrösel über die Bühne. Aber das leise Geräusch, mit dem der Kaffee warm schäumend übergeht, gehört schon zu den besseren Soundeffekten des Lebens. Bei den damals unvermeidlichen Musikfestivals wähnte ich mich damit und mit einem leibhaftigen Esbit-Kocher (auch so ein ehrliches Ding) auf der Lebenskünstler-Skala recht weit vorne. Dass irgendwann der Griff anschmorte, der Gummiring zerbröselte und der Schraubverschluss knirschte, gehörte dazu. Zwei Jahre lang waren die Moka Express und ich Partner in einer schmutzigen Stadt am schmutzigen Rhein. Als ich dort die Umzugskartons packte, konnte ich die dicke Berta natürlich nicht wegwerfen. Ausgepackt habe ich sie aber eigentlich auch nie mehr.

 

Die Nullerjahre: French Press

Der erste Praktikumstag bei einer richtigen Zeitung (also nicht: Schülerzeitung, Studentenzeitung, Stadteilzeitung, etc.) begann mit einem unfairen Kampf. Ganz ironiefrei wurde ich zum Kaffeemachen in die Küche geschickt. Dort stand ein Bataillon dieser Drück-Kaffeekannen, deren Handhabung mir nicht geläufig war. Im Überschwang des ersten Tages nahm ich die Sache beherzt in die Hand. Kurz darauf kam ein imposanter Kaffee-Geysir aus der Teeküche, gefolgt von mir. So verbrachte ich den ersten Tag bei der Zeitung mit Putzen und dem Notieren von hämischen O-Tönen („Pressearbeit“ etc.). Im Laufe des Praktikums lernte ich die Drücktechnik so gut, dass ich mir schließlich eine Kanne für zu Hause kaufte, das gesparte Praktikumsgehalt reichte knapp dafür.

Es war Anfang des Jahrtausends und die Produkte der dänischen Firma Bodum galten damals als weniger biedermeierlich als andere Haushaltsgegenstände, sie waren „flott“. Der Kaffee krankte aber meist daran, dass wahlweise zu viel oder zu wenig Pulver im Spiel war, zu heißes Wasser oder die falsche Zeitspanne bis zum albern achtsamen Drücken des Kolbens verstrich. Außerdem kühlte er in dem dünnen Glas schnell aus. Aber es war schon schick, wenn Damenbesuch da war: Die French Press nebst kernlosen Trauben, Croissants, Spex-Heften und blauen Gauloises auf dem winzigen Balkon meiner Münchner Wohnung, etwa gegen halb drei Uhr nachmittags und dann genüsslich frühstücken, über das Ende von Viva Zwei jammern und ausrechnen, ob man es noch irgendwie zum Flohmarkt schaffen könnte (nö). So war das damals.

 

Hallo, Alltag: Die Tropfmaschine

Es folgten lange Brüh- und Filterjahre. Zur Arbeit als freier Journalist passte das röchelnde Atmen und Blubbern dieser Maschinen ja recht gut, es schuf daheim eine Kulisse von Betriebsamkeit. Prokrastinierend nach zwei geschriebenen Sätzen in die Küche schlurfen und die Tasse nachfüllen, das war so ungefähr, was ich mir unter Schreiberleben vorgestellt habe. Also fast. Außerdem war die Warmhalteplatte ein deutlicher Fortschritt zu den Vorgängern. Faustregel: War der Kaffee nach ein paar Stunden von einer grünlichen, deutlich öligen Konsistenz, hatte man abends interessantes Herzrasen. Jedenfalls wurde Kaffee damit ein Volumengetränk, etwas, das ich trank wie Wasser, einfach, weil es warm war und die Welt draußen durch die Wirtschaftskrisen taumelte.

Anfangs musste es natürlich ein Modell von Braun sein, das ja vielleicht noch Spuren von Dieter Rams enthalten könnte. Rams war die Einstiegsklasse ins Designwohnen, weil seine Sachen gleichzeitig retro und minimalistisch waren, und darauf ließ es sich leicht einigen. Seine historische Kaffeemaschine KF 20 war allerdings optisch und technisch weit von dem entfernt, was es von Braun mittlerweile zu kaufen gab. Bald stellte ich fest, dass es auch völlig egal war, ob es nun eine von Braun, Krups oder Severin war, sie hielten mit Münchner Wasser alle ungefähr zwei Jahre durch. Danach dauerte ein Brühvorgang eine halbe Stunde, und die Maschine ächzte wie eine angekettete Dampflokomotive. Kein Entkalkungs-Hausmittelchen half mehr, auch keine Chemiekeule.

Trotz dieser Kurzlebigkeit kaufte ich immer wieder eine Filtermaschine. Espresso gab es schließlich tagsüber in der Stadt. Das, was morgens in die Kanne strullerte, hatte damit nichts zu tun, aber das Ritual war beruhigend: Wasser, Filter, Kaffee, Duschen, schlürf. Zwei Unannehmlichkeiten bereiten einem diese Brühorgeln dennoch: Kaffee und Filter gehen immer zur unpassendsten Zeit aus. Ich habe deshalb schon durch Küchenkrepp, Hunkemöller-Feinstrumpfhosen und Zeitungspapier gefiltert (Sportteil). Zum anderen stellt sich beim Entsorgen einer verkalkten Maschine die lästige Frage, was mit der intakten Kanne zu tun ist? Einfach wegwerfen schmerzt, für später aufheben ist zwar sinnlos, habe ich aber dennoch fleißig praktiziert.

 

Erwachsen sein: Der Siebträger

Menschen, die glücklich mit einer Filterkaffeemaschine verheiratet sind, wird ständig ein schlechtes Gewissen eingeredet. Und zwar von neuen Genussprofis, die mit fortschreitendem Alter den Bekanntenkreis unterwandern und die von Handhebel-Maschinen schwärmen und ihre Ansprüche an eine Crema definieren können. Das Schlimmste sind Barista-Foren im Netz. Gegen die dort grassierende Oberlehrerhaftigkeit haben nicht mal Kamera-Foren eine Chance. Irgendwann war ich mürbe und erwarb eine dieser Einstiegs-Siebträgermaschinen, eine Baby Gaggia Dingsbums Junior Edelstahl.

Das Elend dabei ist, dass damit aus der gemütlichen Tasse Morgenkaffee eine Prüfung wird. Man denkt sofort nach dem Aufwachen über Kupferkessel und Aufheizzeiten nach, Pumpdruck und Zweikreisermaschinen und darüber, ob es nicht doch notwendig gewesen wäre, in eine Bezzera zu investieren. Wenn man trotzdem aufsteht, kann man mit so einer Siebträger-Kiste anständigen Espresso machen. Aber das Ding ist laut, man schlägt beim Ausklopfen des Siebträgers die halbe Küche zu Brei, es fallen Unmengen an Aushub an, eine Kaffeemühle ist unumgänglich, und zu Weihnachten wünscht man sich allen Ernstes einen Kaffeestampfer und eine bestimmte Bohnensorte. Das ist der Moment, in dem man von einem echten Freund zur Ordnung gerufen werden sollte. Mit etwas Glück geht die Siebträgerin im zweiten Jahr kaputt, irgendein Kontakt, ein Schlauch und der Espresso-Mann sagt, man könnte das einschicken, aber. Und er hätte da eine Bezzera …

 

Schöner wohnen: Die Chemex

Irgendwann war das Alter erreicht, in dem man zum Zwecke der Inspiration ständig verreiste. Bei sogenannten Weekend-Trips machten wir genau das, was wir am Wochenende auch bei uns gemacht hätten, nur eben 800 Kilometer weiter südlich oder nördlich und mit mehr Enthusiasmus. In einem schwedischen Café sahen wir diese formschönen Kannen im Einsatz. Sie passten sehr gut in das grundsätzliche Gefühl, dass in Skandinavien alles besser war, natürlicher, klüger. Außerdem hatte sie eine gute Geschichte, und Produkte mussten mittlerweile eine Geschichte haben, damit sie mit nach Hause durften. Die Chemex also wurde 1941 von einem deutschen Chemiker mit dem schönen Namen Peter Schlumbohm erfunden und steht sogar im MoMa. Dass etwas im MoMa steht, ist so ein Prädikat, das etwa vom 32. Geburtstag an auf unklare Art relevant wird. Man sollte es aber niemals laut aussprechen. Die Chemex jedenfalls gehört zu den Produkten, die eine verbissene Fangemeinde hinter sich haben, was im Kaffeesegment auffallend oft der Fall ist. Sie verlangt einen speziellen Filter und korrekte Durchlaufzeiten und natürlich frischgemahlenen Kaffee und all das hat dazu geführt, dass die Karaffe mit der Holzmanschette umstandslos ins Regal für schöne Dinge wanderte. Dort erfüllte sie repräsentative Aufgaben, während die alte Filtermaschine weiterhin die Arbeit machte. Wetten, dass es im MoMa nicht anders ist?

 

Der Sündenfall: Die Nespresso

Klar, wer so eine hat, kann direkt das Uber ins Fegefeuer bestellen. Ökologisch (Alu!) und ökonomisch (Grammpreise!) ein Desaster. Aber ich kann das erklären. Wenn beim Journalisten der mittlere Größenwahn anklopft, denkt er darüber nach, ein eigenes Büro einzurichten. Wäre doch nett, so ein Altbau-Ladenbüro mit Isarzugang auf der einen und authentischer Hinterhofatmosphäre auf der anderen Seite. Da ließe sich, denkt man, in Würde und glossierend alt werden und ab und zu kämen stadtbekannte Freunde vorbei, denen man erst einen Kaffee und später Rotwein anbieten würde. Die Stadt ist voll von solchen gutgedachten Journalistenbüros, die Büros selbst aber sind meistens leer. Denn das Beste daran ist die Visions- und Planungsphase, in der Eiermann-Schreibtische via Ebay-Kleinanzeigen von Büroauflösungen anderer Journalisten gekauft werden. Die kleine Nespresso schien mir dabei eine gute Übergangslösung zu sein. Erstens war kein Geld für eine Retro-Quickmill übrig, zweitens war kaum Platz auf der Küchenzeile und drittens war das vermaledeite Kapselsystem praktisch, wenn man vier Wochen nicht im Büro war – was zum Normalzustand wurde.

Wenn ich mal da war, um die Post für meinen Vormieter (Grafiker) aus dem Briefkasten zu holen, machte ich mir einen Kapselkaffee, der ja leider genauso schmeckt, wie das Wort klingt. Schlechter als Espresso in der Bar, besser als Filterbrack. Ungefähr gleich gut wie das, was der Vollautomat im Kreativbüro der Nachbarn (Fotografen) unter viel Kraftanstrengung, Serviceaufwand und Flächenfraß produzierte. Vollautomaten gehen gar nicht. Das eigene Büro ging aber auch nicht, vielleicht weil weder Isar noch Hinterhof in der Nähe waren. Also wurde der Laden wieder aufgelöst, der Eiermann-Schreibtisch an den nächsten Freiberufler (Illustrator) verkauft. Die Nespresso erfüllt seitdem Lückenbüßer-Aufgaben, würde bei Ebay aber als neuwertig durchgehen.

 

Gegenwart: Die Hipster-Masche

Das Slow-Coffee-Set habe ich nach 2015 geschenkt bekommen, versehen mit dem Hinweis, das sei die einzige Art, zeitgemäß Kaffee zu trinken. Nur echt mit japanischem Wasserkessel und Präzisions-Handmühle, Fair-Trade-Bohnen und viel Geduld. Die Anleitung zum richtigen Hand-Aufguss kann man sich bei dänischen Bartträgern auf Youtube abschauen, der Vorgang dort gleicht einer Zen-Übung. Ich sehe mir das heute manchmal einfach so an, als Stressabbau und zur Erheiterung. Dabei trinke ich eine Tasse guten Kaffee, den mir ein Profi aus dem Café im Erdgeschoss schweigend und schnell zubereitet, im Tausch gegen zwei Euro. Fair Trade, oder?

 

(erschienen in der Süddeutschen Zeitung)

März 23rd, 2018

Der neue Roman: Vier Menschen. Ein Problem. Liebe.

Dezember 14th, 2017

Über Kitsch an Weihnachten

Eine Familie hat hierzulande für ihre Bescherung zwei stilistische Vorbilder zur Auswahl: Buddenbrooks und Hoppenstedts. Gediegener Lichterglanz und gestriegelte Kinder mit Engelszungen in der prächtigen Eingangshalle bei der Senatorenfamilie. Oder eben Sofagemütlichkeit, kleinbürgerlicher Konsum und Katastrophen in der guten Stube bei Loriot. Gänsebraten oder Bockwurst. Andächtiges Weihnachten, „geschmückt mit Silberflittern und großen weißen Lilien“, wie es Thomas Mann vorschwebte und wie er es selbst noch unter den Palmen von Pacific Palisades beging. Oder eben mit der schnöden „Weihnachtssendung im Dritten“ und neuer Föhnhaube auf Mutti. Bei den meisten Familien liegt das erzielte Ergebnis jedes Jahr wahrscheinlich irgendwo dazwischen. Der festliche Anspruch ist da, aber eben auch das Sofa und eine gewisse Neigung, spätestens bei „Stirb langsam“ darauf unfein zu versacken.

Als geflügelter Volksglaube ist von Loriots berühmtem Sketch bis heute ja vor allem Opas Vorwurf übrig geblieben: „Früher war mehr Lametta!“ Denn schon damals, im Jahr 1978, tönte es unheilvoll: „Diesmal ist der Baum grün und umweltfreundlich, Opa!“ Ein Vorsatz, der durch die Geschenk- und Verpackungsflut und das Spielzeug-Atomkraftwerk bei den Hoppenstedts freilich gleich wieder hinfällig wurde.

Nein, für einen gänzlich grünen und umweltfreundlichen Christbaum scheint erst jetzt die Zeit reif zu sein. Am besten aus regionaler Bio-Zucht oder, wenn man die neue Wald-Sehnsucht der Deutschen ernst nehmen kann, selbst geschlagen aus eigenem Gehölz. Und schließlich, vieles in den neuen Wohnungen heute ist ja schon bemüht authentisch und massivhölzern designt, sogar bei Tchibo gibt es derzeit minimalistische Möbel, zum Beispiel den Beistelltisch „Baumscheibe“, bei dem der Name das Produkt schon treffend beschreibt.

Also, wenn das ganze Wohnzimmer schon aussieht wie ein skandinavischer Stall, weiß gekalkt und naturnüchtern abgeschmeckt, wieso nicht auch endlich der heilige Baum? Wie passen Omas schrill violette Metallic-Tannenzapfen und zwei Dutzend rote Kugeln mit Schnee-Applikationen immer noch dazu? Wieso werden wir wieder tropfenförmige Lichterketten kaufen und heimlich ein paar tropfenförmige Tränen darüber vergießen, dass die fiese Apricot-Abschlussspitze unklarer Provenienz letztes Jahr endgültig zerbrochen ist? Warum werden seit August Flohmärkte und Ebay nach Lametta mit echtem Bleikern abgesucht, das man, herrliche Vorstellung, noch wirklich bügeln könnte. Oder nach diesen winzigen, gilb-silbrigen Kugeln, an denen die Wunderkerzen vergangener Jahrzehnte und fremder Familien ihre Brandmale hinterlassen haben? Kurz: Warum wird jedes Jahr wieder diese zerfledderte Weihnachtskiste aus dem Keller gezerrt und die arme Nordmanntanne mit mehreren Breitseiten und etlichen Generationen geschmackslosen Glitzerkrams beballert?

Einfache Antwort: Weil es immer so war. Und Weihnachten nun mal vorrangig das Fest ist, an dem alles so sein soll, wie es immer war. Es herrscht an diesem Datum eben eine Jahresend-Unschärfe, eine kollektive Stilerweichung, eine flächendeckende Nostalgie-Bereitschaft. Ein paar Stunden lang stehen Agnostiker, Millennials, besorgte Bürger, Herzchensammler, Dschungelkönige, Wechselwähler und Stilapostel im süßen Kitsch vereint um die Tanne. Ist ja auch toll: Einmal im Jahr ist kein Retrofilter in der Kamera nötig, weil der Baum tatsächlich wieder aussieht wie auf den Bildern in Omas Fotoalbum. Keine Mode, kein Deko-Trend und kein unterm Jahr erwachsenes Stilbewusstsein sollen daran etwas ändern.

Wenn man sich die alten Fotos aber genauer ansieht, wird man feststellen, dass der Weihnachtsbaum in einer Wohnung der Fünfziger- bis Siebzigerjahre auch ziemlich viel optische Konkurrenz hatte: geblümte Tapeten, lebhaft furnierte Schrankwände, starkfarbige Sitzgruppen und all die gemusterten Krawatten und Kostüme – kein Wunder, dass der Baum derart überladen wurde. In einer Gegenwart aber, in der die Farbe nahezu jeder Wohnwand, jeden Sofas und jeden Teppichs zwischen Grau und Weiß wabert und Paare sich bei Ikea nur noch über die Intensität unterschiedlicher Erdfarben streiten können, wäre dezimierter Pomp als Blickfang immer noch völlig ausreichend.

Die modernen Dekore auf dieser Seite machen es ja durchaus vor – wenige, aber edle Materialien, pointierter Einsatz von Formen und Farben, ein bisschen Luxus, ein bisschen Selbstgemachtes und vor allem wird das Naturgrün in Szene gesetzt und nicht nur als Aufhänger für bollerige Kugeln missbraucht.

Gerade die nordischen Designmarken bemühen sich dieses Jahr, passend zu ihren Wohnkollektionen auch dem Weihnachtsdekor eine architektonische Strenge zu verleihen. Sie lassen geometrische Muster auf Weihnachtskarten drucken, schlagen statt Sternen schlichte Hexagone aus Messing (bei Ferm Living) vor oder wollen nur goldene Kegel (bei Stelton) baumeln lassen, sodass der Baum am Ende wie ein kubistisches Mahnmal wirkt. Das sieht elegant aus, keine Frage. Schon eher fragt sich, was Thomas Mann dazu gesagt hätte, das Christfest stilistisch einfach zu neu zu formatieren, damit es besser zur Anrichte passt. Und ob das wirklich der Zeitgeist der Weihnacht ist, was man da in aufwendigen Shootings und entsättigten Farben präsentiert bekommt.

Denn eigentlich trägt gerade auch die Kitscherlaubnis dazu bei, das Fest zu einem menschelnden Ereignis zu machen. Kalorien sind jetzt erlaubt, bei Tisch genauso wie bei der Dekoration! Das ist doch eine befreiende Botschaft, darauf freut man sich. Einmal im Jahr darf was unhinterfragt und zeitenthoben bleiben – auch wenn das nur bedeutet, sich jedes Jahr wieder mit dem eingerosteten Christbaumständer abzumühen, der eben schon immer herhalten musste.

Auf angenehme Weise ist Weihnachtsdekoration damit von den Zwängen des Optimierungs-Kapitalismus befreit, der uns regelmäßig Smartphones, Kaffeemaschinen und Fernseher erneuern lässt. Nein, an Weihnachten wird lieber auf Familienschätze zurückgegriffen. Oder in Ermangelung solcher, auf Vintage-Glitzer, in der Hoffnung, dass man Familienglück vielleicht auch transplantieren kann. Denn man muss es sagen: Fabrikneuer Christbaumschmuck ist seelenlos. Der muss sich erst in vielen Bescherungen mit Essensdampf, Kerzenruß und Kinderzank aufladen, bis er sein eigentliches Gewicht erreicht. Jedes Jahr den Baum komplett neu einzukleiden ist deswegen ein Frevel. Vielleicht wirkt darum auch der Weihnachtsbaum, den jährlich ein Modeschöpfer im Londoner Hotel Claridge’s entwerfen darf, meist irgendwie tragisch. John Galliano installierte dort 2010 eine theatralische geschminkte Koralle. Dolce & Gabbana lieferten 2013 etwas ab, das entfernt an eine Leuchtreklame in Las Vegas erinnerte.

Der aktuelle Entwurf stammt nicht von einem Modisten, sondern von den Produktdesignern Marc Newson und Jonathan Ive. Letzterer hat mit den Apple-Produkten eine ganze Generation stilistisch ausgenüchtert und die aluminiumgrau-perlweiße Wohnwelt etabliert. Wie stellt sich so jemand einen richtigen Weihnachtsbaum vor? Klar, als naturbelassene Tanne. Einen ganzen kleinen Wald haben die beiden ins Hotel verpflanzt. Das ist in der Londoner Metropol-Enge reizvoll, aber so richtig an Weihnachten denkt man dabei nicht. Immerhin auch nicht an einen iPod. Aber es ist trotzdem zu cool. Und Weihnachten ist eben unter keinen Umständen cool.

Das Fest ist ein bisschen peinlich, ein bisschen ironisch, ein bisschen romantisch, ein bisschen traumschön und ein bisschen altbacken. Zusammengefasst: Es ist retro. Und das ist es übrigens schon seit dem ersten Jahr nach Christi Geburt. Der Baum soll deshalb möglichst immer aussehen wie beim ersten Mal. Kinder kennen das Urteil „Kitsch!“ ja nicht, und das ist ein Glück. Nur so lässt sich ein groteskes Durcheinander aus Tannenzweig, unechten Kerzen, Stroh- und Strobo-Sternen, Schleifen und Schokokringeln, Kugeln, Glocken, Figuren und die Farbkombination Grün-Rot derart lebenslang verklären.

Die zerfledderte Weihnachtskiste enthält in Wahrheit einen Kubikmeter Sehnsucht. In Berlin hat gerade ein Club seine Hip-Hop-Party mit dem Motto angekündigt: „Weihnachten, als wären deine Eltern noch zusammen!“ Das trifft es genau. Man überschmückt, kitscht und trällert in diesen Tagen und sagt: „Früher war mehr Lametta!“ Und was man eigentlich sagt, ist: „Früher war alles besser.“ An Weihnachten sei dieser Irrglaube erlaubt.

(erschienen in der Süddeutschen Zeitung, 2016)

September 7th, 2017

Über Hygge

Die letzten zwei Wochen waren ein Albtraum. Ach, eigentlich das ganze Jahr. Die Welt wackelt. Und dann sinkt die Schneefallgrenze auch noch überpünktlich auf unter 300 Meter. Was jetzt noch helfen kann? Hygge. Zumindest, wenn man den Dänen glaubt und der internationalen Studie, aus der sie regelmäßig als Glücksweltmeister hervorgehen. Von diesen glücklichen Dänen lernen heißt also unweigerlich, Hygge lernen. Das propagieren zahllose Bücher, Blogeinträge und Artikel, die vor allem im angelsächsischen Raum in den letzten Monaten erschienen sind und die Kunde des urdänischen Hyggeligseins in die Welt tragen wollen.

Diese Lehrbücher haben sperrige Untertitel: „Wie du dänische Gemütlichkeit in dein Leben bringst“ oder „Wie du die Freude an den einfachen Dingen durch das dänische Hygge-Prinzip wieder erlernst.“ Klingt, als ginge es bei Hygge um eine Therapie oder irgendetwas aus der Grauzone zwischen Yoga und Heilerde. Aber das stimmt nicht, Hygge ist eigentlich nur eine dänische Überlebensstrategie, nicht nur, aber gerade auch für die dunkle Jahreszeit. Das erklärt vielleicht schon, wieso es ausgerechnet in diesem Herbst zu einem Hygge-Hype kommen konnte. Wenn die ganze westliche Welt so kalt und düster geworden ist wie Skandinavien im Winter, dann braucht die ganze westliche Welt eben Hygge.

Mit der deutschen Gemütlichkeit oder der niederländischen „Gezelligheid“ ist der Begriff nur unzureichend übersetzt. Wohlsein trifft es vielleicht besser. Hygge ist eine Empfindung, aber auch Zeitvertreib, ist gefühlte Temperatur und räumlicher Zustand, der ein schönes Haus ebenso beschreiben kann wie eine angenehme Personenkonstellation bei Tisch. Es ist den Dänen Daseinsgrund, Qualitätsurteil, Philosophie, ewiger Ansporn, das Gegenteil von Stress und einfach das liebste Wort, wenn es um Einteilung in Gut und Böse geht. In dänische Restaurantkritiken jedenfalls ersetzt „hyggeligt“ problemlos das weite Feld, das sich bei uns zwischen „lecker“, „tolle Einrichtung“ und „freundlicher Service“ auftut. Hygge ist das kleine Glück eines kleinen Volkes. Es strahlt aus bis auf seine visionäre Fahrrad- und Familienpolitik, auf einen landesweiten Feierabend um fünf Uhr, allerdings auch auf eine gewisse Fremdenskepsis, aber dazu später.

Weil Hygge einfach nachzumachen ist, gehört es derzeit jedenfalls zum wichtigsten Meta-Exportartikel der Dänen. Die Suchstatistik von Google meldet seit September 2016 eine sagenhaft gestiegene europäische Hygge-Neugier. Gerade die Briten sind wie hyggnotisiert von dem Wort und dem großen Wohlbefinden, das es verspricht. Hygge steht dort dieses Jahr sogar auf der Liste der Wörter des Jahres, zusammen mit solchen Kalibern wie „Brexit“ und „Trumpism“. Auf dem britischen Buchmarkt sind in den letzten sechs Monaten zehn Hygge-Bücher erschienen, Dänen aller Art werden laufend im Frühstücksradio interviewt, mit einer Dringlichkeit, als hätten sie das ewige Leben entdeckt.

Die neuen Hygge-Ratgeber lesen sich allesamt wie eine Mischung aus Koch-, Selbermach- und Designbuch, auf entsättigten Fotos sind dabei viele lodernde Holzöfen, schön gedeckte Tische, geölte alte Dielen und Wolldecken zu sehen, zwischen denen vollentspannte Dänen-Darsteller mit gesunder Gesichtsfarbe lagern und offensiv Hygge praktizieren. Was dazu kapitellang erklärt wird, ist aber ziemlich banal. Zusammengefasst: Hygge für Einsteiger, das bedeutet einfach mal öfter ’ne Kerze anzünden, grauweiche Wollsocken anziehen und mit einer Tasse Tee am Fenster sitzen. Schon hat man das kleine Glück im Schwitzkasten! Zieht man die Skandi-Folklore ab, ist es aber eigentlich nur eine Basic-Anleitung zum Häuslichsein, angereichert mit formschönen Holzmöbeln und Designerlampen. Wohn-Wellness! Passend dazu hat übrigens eine Studie des University College in London herausgefunden, dass beim Betrachten von schönen Dingen tatsächlich Dopamin ausgeschüttet wird. Gefälliger Designkram macht also wirklich froh – eine erschütternde Nachricht für Kreditkarten auf der ganzen Welt.

Fortgeschrittene im Hygge-Kursus lernen, für echte Freunde ein unstressiges Biomenü zu kochen, einen Kuchen im Glas zu verschenken oder auch ein Picknick auf einem, möglichst authentisch verwitterten, Steg zu organisieren. Spazierengehen, basteln, sich selbst nette Dinge kaufen, Handy ausschalten, ein gutes Buch lesen – in der praktischen Übersetzung für Resteuropa wirkt Hygge eigentlich eher wie das, was sich die urbane Mittelschicht sowieso jedes Wochenende vornimmt. Gepflegte Langeweile, sagte man wohl auch mal dazu. In Zeiten, in denen viele Menschen bei sich Glücksmangel diagnostizieren, wirkt das aber offenbar neu verheißungsvoll.

Wobei schon die Hygge-Grundlagen nicht ganz klar sind. Die historische Herleitung bezichtigt die Wikinger, weil sie angeblich als Erste erkannt haben, dass lange Winter nur mit Gemeinsinn und fixen Familiennachmittagen erträglich sind. Die aktuelle Hygge-Lehre geht bei vielen Autoren aber über die soziale Komponente hinaus und wird als Rückkehr zu den einfachen Freuden des Lebens (Kerze, Lächeln, langes Schlafen, Familie, Einatmen) verklärt. Die Bildsprache in den Büchern und Blogs hingegen, sortiert auch ganz handfeste (und teure) Sachen wie Designklassiker, ökologische Lebensmittel, handgemachte Keramik und loftähnliche Wohnungen zu den notwendigen Zutaten. Original Hygge bei einer alleinerziehenden Mutter im Plattenbau? Eher nicht vorgesehen.

Sicher, Hygge ist in erster Linie ein gutes Privatgefühl und somit für jeden leicht zugänglich. In zweiter Linie ist es aber eben auch nur ein Lifestyle und zwar zufälligst einer, der ziemlich deckungsgleich mit dem ist, was Wohnmagazine und Designblogs ohnehin schon seit Jahren propagieren, nämlich nordische Lässigkeit plus selbstgebackenem Kuchen. Das erklärt vielleicht die große Strahlkraft, Hygge war wohl einfach genau der gesuchte Oberbegriff, der viele gegenwärtige Wohlstands-Trends vereint: Achtsamkeit, De-Cluttering, Do it yourself, Cocooning, Detox – alles mündet letztlich in Hygge. Kein Wunder, dass sich die kuratiert Wohnenden weltweit damit identifizieren können und den Hygge-Begriff vereinnahmen. Er ist ja auch so angenehm hedonistisch: bräsiges Netflix-Schauen mit etwas zu viel Rotwein? Hygge! Shoppingrausch in der nächsten Hay-Filiale oder im Ikea-Kleinteilparadies – voll hyggelig! Das Geschirr einfach mal drei Tage nicht abspülen? Ist doch auch irgendwie hygge. Endlich gibt es eine modern klingende Rumhäng-Philosophie, die alles entschuldigt und den Kopf stilvoll in den Sand steckt. Hat vielleicht nichts damit zu tun, aber es sei erwähnt: Der jährliche Verbrauch von Bacon liegt in Dänemark bei drei Kilo pro Kopf (in Deutschland: ca. 0,7). Wenn die Duftkerze in Sachen Hygge also noch nicht ganz reicht, ein Pfund Speck in der Pfanne tut’s bestimmt.

Keine Frage, die Dänen sind ein beneidenswert fortschrittliches und stilvolles Volk. Sie haben beeindruckende Werte in Sachen Gleichberechtigung, Nachhaltigkeit und Bildung, die besten Restaurants, eine ansteckende Lust auf Lebensqualität und verfügen, nebenbei gesagt, über den meisten Wohnraum pro Kopf. Dass das kollektive Glücklichsein aber auch seine Schattenseite haben kann, hat Regisseur Thomas Vinterberg schon vor fast zwanzig Jahren mit seinem Film „Das Fest“ schmerzhaft deutlich gemacht. Aus dem zutiefst hyggeligen Ansatz eines Familienfestes mit großer Tafel wird dabei eine brutale Sozialkarambolage, noch angeheizt vom Zwang zur guten Miene und Fröhlichkeit. Das dazugehörige dänische Dogma-Filmmanifest liest sich auch fast wie ein Anti-Hygge-Programm: keine Filter, keine Beleuchtung, keine Requisiten forderte Lars von Trier damals, um den Film wieder aus der Wohlfühlfalle zu holen.

Alles andere als warm und einladend wirkte auch jüngst die rigide dänische Flüchtlingspolitik. Oder die konstante Weigerung, Immobilien an Ausländer zu verkaufen. Der Fremde ist dem Dänen eben immer erst mal und sehr lange ziemlich unhyggelig. Und die wohlige Geselligkeit in den eigenen vier Wänden hat von außen betrachtet auch etwas Hermetisches. Botschaft: Tür zu! Gemütlich wird’s erst, wenn wir unter uns sind. So schön es ist, das dämmrige Sofa der kalten Welt vorzuziehen, es ist auf Dauer eher nicht das Rezept, das diese Welt irgendwann wieder ein bisschen wärmer machen kann.

(Erschienen im November 2016 in der Süddeutschen Zeitung)

Juni 20th, 2017

Über all die Connaisseure

Wir standen bei einem Japaner irgendwo links von der Friedrichstraße, als Schiffbrüchige einer großen Regenflut. Das Restaurant war sehr dunkel. Die Kellnerin verbeugte sich tief, wies uns ein Separée am Ende eines verschachtelten Ganges an, verbeugte sich noch mal und fragte, ob wir jetzt ein Sake-Tasting wünschten? Was wir wünschten, waren trockene Klamotten und dampfende Teller voll Miso und Reisnudeln. Möglicherweise auch ein Bier. Stattdessen machten wir das Sake-Tasting. Denn ein angebotenes Tasting abzulehnen ist heute etwa so, als würde man einen Achtsamkeits-Workshop oder ein Energiespar-Tutorial ablehnen – es lässt einen alt und gestrig wirken.

Egal ob Sake, Wein, Whisky – der Programmpunkt „Tasting“ bedeutet, dass aus dem bis dahin angenehm banalen Sachverhalt „Getränk“ der Mittelpunkt einer Tischrunde wird. Jeder am Tisch fängt an, sich seltsam zu benehmen, die Gläser zu greifen, als hätten sie auf einmal das vierfache Gewicht, dann mit Nase und Glasrand eine Art Schattenboxen zu veranstalten, schließlich auf dem genommenen Schluck fremd herumzukauen. Es herrscht Prüfungsstille statt munterem Palaver, der Mensch ist unwichtig, das Produkt wichtig geworden, darauf soll man sich konzentrieren oder ehrlich gesagt: auf ein postschluck anzubringendes Adjektiv. Eines, das die Tasting-Runde zufriedenstellt, eines das über „Ah, interessant!“ hinausgeht. Man sagt also mit vagem Erleuchtungsgesicht: „Das erinnert mich jetzt ganz stark an was, äh, ich komm nicht drauf.“ Denn das wirkt immerhin, als führe man eine kulinarische Datenbank und würde nicht einfach nur alles so beiläufig in sich hineinfüllen, wie es von der Biologie vorgesehen ist.

Nein, ein urbaner Gaumen muss heute beredt Rechenschaft ablegen, diese Belege zehn Jahre aufheben und auf Nachfrage vorweisen können. Und beim Trinken in der Öffentlichkeit muss man sich verhalten, wie sich früher nur Sommeliers und Fachjournalisten verhalten haben. Also wie Nerds, die das zum Beruf hatten, was allen anderen Menschen einfach Lebenslust war. In seiner lesenswerten Abhandlung „Die Perfektionierer“ benennt der Journalist Klaus Werle schon 2010, worum es den sogenannnten Lohas, also den urbanen Superkonsumenten mit Nachhaltigkeitsanspruch, eigentlich geht. „Sie haben mit ihrem Wunsch nach Individualität neue Spielfelder eröffnet: das Connaisseurtum und das gute Gewissen.“ Deshalb ist der mündige Delikatessen-Konsument heute gerne bereit, einen semiprofessionellen Habitus an den Tag zu legen. Mehr noch: Das Tragen einer Kennermiene wird an vielen Orten mittlerweile vorausgesetzt, ebenso Praxiserfahrung im Umgang mit Manufaktur-Gins und die Bereitschaft, halbtags an unterschiedlichen Kaffeeröstungen zu schnüffeln. Man soll Geschmacksnoten parat haben wie Fußballergebnisse und eben aus dem Stegreif seriös ein Tasting bestreiten können. Kulinarisches Nischenwissen taugt heute als Distinktion und Statussymbol. Den Whiskyhändler mit Fachfragen in die Enge zu treiben ist zum Wochenendvergnügen des mittleren Angestellten geworden.

So ein Tasting selbst ist die Bürokratisierung des Genusses. Es eröffnet einen Wettbewerb, wo es vorher nur Gewinner gab, aus Zufriedenheit macht es Optimierungsbedarf. Denn es bestehen ja, wie man unweigerlich sofort erfährt, bei Sake, Gin, Tonic oder Apfelsaft immer sogenannte himmelweite Unterschiede! Bedeutet meistens nur: Das, was man bisher als Bier oder Gin zu sich genommen hat, ist aus diesem und jenem Produktionsprozesshintergrundwissen nicht empfehlenswert oder zumindest nicht das echte, eigentliche, authentische, maximale Dings. Es war nämlich die Röstung zu heiß, die Maische zu kurz, das Fass nur aus Stahl und nicht aus geräuchertem Sherryholz, etc. Schon im Referat dieser Expertisen liegt der Vorwurf, man kümmere sich nicht ausreichend um das, was man so in sich hineinfüllt, man wäre ignorant und überhaupt eben noch lange nicht: genussoptimiert.

Sogenannte Genussmessen, wie sie neuerdings in jeder Stadthalle erblühen, sind schon als Wort eine bizarre Antithese. Es ist eben nicht die Steigerung des Savoir-vivre, was dort passiert, sondern der Versuch, große Lebensart als niedrigschwelliges Event zu verkaufen. Botschaft: Der Besuch der Genussmesse Bockenheim berechtigt Sie fortan zum Führen einer hochgezogenen Augenbraue hinsichtlich der Trinkgewohnheiten Ihrer Mitmenschen. Besucher treten sonntagnachmittags aus diesen Hallen, leicht beduselt vom Verkosten, mit einer raren Sonderabfüllung und dem beruhigenden Gefühl in der Tasche, mit wenig Aufwand ein neues Hobby entdeckt, ja mehr noch, eine Leidenschaft geweckt zu haben. Eine Leidenschaft, die wohl mehr Anerkennung finden wird als der Jobtitel Senior Advertising Sales Manager.

So ist das Connaisseurtum, das scheinbar jeden Zweiten im Ü-35-Bekanntenkreis befallen hat, vielleicht einfach nur die ersehnte Antwort auf die blöde Frage: „Und was machst du, also außer Arbeit?“ Whisky-Sammler, Portwein-Freak, Zigarren-Zampano, Craft-Beer-Connaisseur, das klingt lebenstüchtig und nach großer Welt. Schließlich, wie in der Anzeige für ein neuerdings abgehaltenes Rum-Tasting in München steht: „Unsere Tastings nehmen die Teilnehmer mit auf eine aromatische Insel-Hopping-Tour durch die Karibik.“ Gehoppt wird danach aber eher nur direkt ins Netz, zu den anderen Auskennern.

Das Web gab mutmaßlich überhaupt erst den Anstoß zu der Entwicklung, denn die Produktauswahl dort verlangte nach neuen Navigatoren. Ein Kreislauf: Viel Auswahl im Netz erzeugt noch mehr neue Auskenner, für die wieder neue Kenner-Plattformen und Shops geschaffen werden. Nur nebenbei: Wäre jemand vor zwanzig Jahren in, sagen wir Passau-Ost oder Hildesheim, zum Sake-Aficionado geworden? Die Karriere zum Spirituosen-Connaisseur verlangt heute eben nicht nach Flugtickets, Händler-Netzwerk und jahrelang ersessener Bar-Biografie, sondern nur nach Tastatur und Kreditkarte, das Tasting-Set kommt frei Haus oder als Gutschein von Jochen Schweizer zu Weihnachten.

Wer sich durch die Berge von hastig hingeseiertem Fachwissen in den Food-Foren und Blogs liest, die wöchentlich zum Thema Single Malt oder Orange Wine verfasst werden, durch all die Rechthabereien, Herabwürdigungen, Plädoyers und Detaildiskussionen, erkennt vielleicht selbst als Infizierter, was das Ärgerliche am neuen Connaisseurtum ist: Es ist eine Bewegung weg von der Sache selbst. Die Produkte werden dabei durchweg sterilisiert. Was sie bisher auszeichnete – Geschmack, Sekundenglück, Überfülle – wird der Pädagogik und Lehrmeisterei geopfert. Man versucht, das Unfassbare mit Ingenieurseifer zu vermessen. Aber guter Whisky wird nicht besser, wenn man darüber spricht. Rum, Zigarren und Whisky sind nicht wie Briefmarken, oder Mineralien totes Material, das erst durch den Sammler aufgewertet wird. Nein, es sind eben Lebens-Mittel, diese Dinge tragen Freude in sich und gehören nicht nüchtern aufgereiht ins Hinterzimmer, nicht in Messehallen, nicht in ein Amazon-Paket. Das Verlangen, jedes ihrer Geheimnisse zu sezieren, entspricht etwa dem Verlangen, angesichts eines prächtigen Feuerwerks die Sprengstoffmischungen in Tabellen einzutragen. Es ist profan.

Bitte kein Missverständnis: Jeder soll immer den besten Whisky trinken, den er bekommen kann. Es gibt nichts Angenehmeres, als einen stillen Kenner, der weiß, was er wo in welcher Qualität erwarten darf. Noch viel mehr Menschen hierzulande sollten die Angst vor der Weinkarte ablegen oder vor teurem Olivenöl. Weichkäse-Profis, Terroir-Faschisten, Espresso-Erklärer – tobt euch aus. Aber bitte dabei nicht vergessen, dass diese Dinge immer nur Mittelchen zum Zweck sind. Und dieser Zweck heißt gutes Leben.

Anlässlich eines Interviews erwähnte der Stil-Intellektuelle Bernhard Roetzel, warum er sich abgewöhnt habe, Pfeife in der Öffentlichkeit zu rauchen. Nämlich nicht nur, weil es überall verboten sei, sondern weil er es leid war, das Pfeiferauchen zu thematisieren. Das aber sei unweigerlich der Fall gewesen, sobald er mit dem Stopfen angefangen habe. Die Vorstellung, einem Pfeifen- oder Zigarrenklub beizutreten, erschien Roetzel geradezu absurd. Schließlich seien Rauchen und Trinken seit jeher einfache Freuden. Man betreibt sie nebenbei, während man sich mit interessanten Dingen beschäftigt. Pfeife oder Branntwein nun plötzlich eine tiefgründige Faszination zuzuschreiben, zeugt in diesem Sinne von Geistesbequemlichkeit und unfeiner Anbetung des Banalen. Natürlich kann man Namen schottischer Brennmeister auswendig lernen. Aber ist das nicht eigentlich so, als würde ein Fußballfan sich in den Feinheiten der Rasenpflege verlieren?

Auffällig ist, dass sich der Wissenseifer besonders auf Spirituosen und Artverwandtem entlädt. Kennertum in Sachen Fischfang-Gütesiegel oder Zwiebelsorten ist nicht annähernd so verbreitet. Nein, es wirkt, als müssten gerade Laster und Luxus krampfhaft akademisiert werden. Genuss um des Genuss willen ist eben immer noch verdächtig. Wehe, ein schöner Rausch, eine teure Flasche? Derlei muss der wissenschaftlichen Sache dienen. Das zelebrierte Connaisseurtum atmet so auch oft eine kleinbürgerlich-protestantische Freude. Man gönnt sich was, aber nicht ohne lautere Absichten. Auch wenn Connaisseure glauben, die besten Versteher ihres Forschungsgegenstandes zu sein, sie sind sicherlich nicht seine besten Liebhaber.

Das Sake-Tasting in Berlin ist übrigens uneingeschränkt zu empfehlen. Es kostet 49 Euro, man hat danach trockene Klamotten und eine Vorstellung von den Unterschieden der Sake-Qualität. Himmelweit sind die.

(erschienen in der Süddeutschen Zeitung)

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