September 14th, 2016

Über den 37. Geburtstag

Er taucht in der Literatur so selten auf wie auf vorgedruckten Grußkarten, ist kein denkwürdiger Markstein, keine runde Sache und scheinbar nur eine weitere Stufe in der Treppe. Wenige Menschen können deshalb tolle Geschichten von ihrem 37. Geburtstag erzählen.

  Dabei sollte man ihn groß feiern, denn vieles deutet darauf hin, dass die 37 gerade die Lieblingszahl von Lebensforschern und Statistikern wird. Das Meinungsforschungsinstitut YouGov etwa hat sie kürzlich als Ergebnis auf der Suche nach dem idealen Alter ermittelt. Die Teilnehmer der Studie wurden gefragt, welches Alter ihnen lebenswert vorkommt oder in der Rückschau das beste war. Amerikanische Statistiker wiederum kamen auf die gleiche Zahl, als sie das Alter ausrechneten, in dem man genauso viel ältere Mitmenschen wie jüngere um sich hat. Man steht also tatsächlich, wo man sich in dieser Zeit gefühlsmäßig ohnehin verortet: zwischen Alt und Jung. Und eine Studie errechnete die 37 als das Jahr, in dem die Briten durchschnittlich ihre Lebensziele erfüllt haben wollen. Handelsübliche Ziele sind das: Ehepartner gefunden, Eigenheim bezogen, gutes Einkommen und Familiengründung bewerkstelligt. Da ist die 37 also der Punkt, an dem alle Zwischenlösungen überwunden sein sollen, das Ende des Konjunktiv-Lebens. Glück, Erfüllung, Wendepunkt – ziemlich viel los an einem Termin. Und weil der Autor nur noch ein paar Monate bis zu dem elementaren Geburtstag hat, ist es offenbar höchste Zeit für eine kleine, persönliche Inventur.

  Ein Freund sagt: Mit 37 ist endgültig kein guter Fußballer noch älter als man selbst. Die männerwichtige, theoretische Möglichkeit einer Profikarriere ist dann also auch auf dem Papier besiegelt. Es lässt sich auch jenseits des Platzes nicht mehr übersehen – Türen haben sich leise geschlossen, manches wird man wohl nicht mehr. Der Kindheitstraum, der einen bislang aus dem Spiegel angesehen hat, beginnt zu verblassen oder sich mit der Realität abzugleichen. Das ist neu.

  Selbst in den frühen Dreißigern erschien das Leben ja noch als endloses Sushi-Laufband. Flatrate und Multioption sind nicht von ungefähr Schlagworte unserer Generation geworden – Gelegenheiten kommen bunt vorbei, nimm dir, was du willst! Wir konnten an Omas Geburtstag fast 15 Jahre lang problemlos irgendwas von Hospitanz, neuer WG und monatelangen Südamerika-Trips erzählen, Städte, Partner, Lebensformen – alles war bis Mitte 30 noch verhandelbar, ohne dass es weiter aufgefallen wäre. Weil unsere Generation die Wechselzone zwischen Schulende und Ankerplatz, die tatsächliche Jugend und das anschließende Jugendgefühl, sagenhaft ausgedehnt hat. Wenn das so weitergeht, wird bald niemand mehr alt sein.

  Diese endlose Gnadenfrist ist aber, gegen jede Wahrscheinlichkeit, doch abgelaufen. Das Sushiband ab 37 hat eben doch schon Lücken. Manches gibt es nicht mehr für uns, auf manches verzichten wir aus Erfahrung, Vernunft oder weil am nächsten Tag die erste Krebsvorsorge ansteht, die die Kasse bezahlt. Und dann fehlt jetzt vielleicht auch ein bisschen die Neugier. Diese Eigenschaft gilt vielen Psychologen als wichtiger Indikator, wenn es darum geht, ob man sich alt oder jung fühlt. Sicher würde kein 37-Jähriger von sich sagen, genug gesehen zu haben. Trotzdem verkleinern viele ihren Horizont schon wieder. Diagnose: altersbedingter geistiger Aufnahmestopp. Klar, man ist jetzt ein fertiger Mensch, und das ist erst mal ein ganz wertfreier Zustand. Bei den einen bedeutet das gutes, mutiges Selbst-Bewusstsein. Bei anderen wird daraus ein Selbst-Genugsein. Im Bekanntenkreis versammeln sich jetzt jedenfalls viel mehr Prinzipienbesitzer als noch vor zehn Jahren. Die einen finden, Altbau gehe gar nicht mehr. Andere halten Busfahren jetzt für ein totales No-Go. Oder Impfen. Die eigene Ansicht scheint plötzlich jedenfalls zur Leitkultur zu taugen. Und viele 37-Jährige würde ihrem 27-jährigen Ich überraschend früh vergreist und rechthaberisch vorkommen.

  Aber das allgemeine Sedimentieren der Altersgenossen, dieser Ansturm auf Eigentum, Eigenglück, Eigenheit und Eigenstand, der ab 35 einsetzt, ist eben ziemlich ansteckend. Lebensversicherungen wurden bis 2014 am häufigsten von 37-Jährigen abgeschlossen, meldete der Branchenverband GDV. Wenn sich das Erwachsensein schon nicht mehr leugnen lässt, dann wird es eben gleich mustergültig exerziert. Das ist wahrscheinlich der größte Stressfaktor für Enddreißiger – auch jetzt locker zu bleiben, wenn die Würfel noch nicht ansatzweise so liegen, wie man es sich vorgestellt hat. Tröstlich nur, dass die, die ihr Leben termingerecht geordnet haben, genauso gestresst sind.

  Bei denen werden Entscheidungen jetzt nicht mehr erlebnisgetrieben, sondern pragmatisch (Zeit, Geld, Kitaplatz, Urlaubssperre) getroffen. Der Freundeskreis, vor wenigen Jahren noch heiligstes Gremium, sortiert sich neu. Eine britische Studie meldet: Menschen ab 35 pflegen noch etwa 14 Freundschaften und alle fünf Jahre verschwindet eine davon. Wen man bis hier von Spielplatz, Schulbank und WG halbherzig mitgeschleppt hat, der prallt jetzt eben oft an einer Firewall namens Familie ab. Dafür werden Netz- und Nutzbekanntschaften geschlossen, die zusammen mit der Handvoll alter Freunde genug soziale Sättigungsbeilage ergeben. Und da sind ja vor allem die kleinen Menschen, die man sich selbst gemacht hat! Der Sozialradius wird kleiner und auf dem Klingelschild in der Neubausiedlung steht zwischen den Zeilen stolz: „Mia san mia“.

  Was eher nicht mehr stattfindet: sich von einem Wind irgendwohin wehen zu lassen, noch mitzukommen oder einfach nur zu bleiben, um zu schauen, was passiert. SpontaneEinladungen, kurzfristige Überschwänglichkeiten und Quatsch haben keine große Lobby mehr. Aber das ist o.k. Denn schließlich ist ja, während man 37 wurde, das Unfassliche eingetreten: Es gibt eine neue Jugend. Eine, an der man jetzt auch beim besten Willen keinen Anteil mehr hat. Die einen auch bei Androhung der Prügelstrafe noch siezt und deren Popgrillen man nur noch zufällig zirpen hört. Es ist nicht ganz einzusehen, aber: Die sind das jetzt, die auf Teppichen schlafen, an die falschen Typen geraten und den Sommer ihres Lebens haben. Eigentlich, nach einer schmerzhaften Weile, ist das sogar ganz gut. Schließlich ist man selbst mit dem Auftritt auf der Hauptbühne genug beschäftigt. Und auf dem Teppich zu schlafen war doch schon immer blöd. Oder? Gut, dass das Gedächtnis ab 35 auch ganz gemächlich nachlässt.

  Beruf und Familie, die zwei Hauptprojekte von Mitte der 30er-Lebensjahre an, sind ziemlich monotheistische Beschäftigungen und haben die gleiche Nebenwirkung: Feierabende, die nicht mehr gefeiert werden, sondern als Kurz-Reha angelegt sind. K.o. ist auf einmal o.k. Als Ersatz fürs Draußensein gibt’s Onlinesein. Eine große Social-Media-Studie über alle sozialen Plattformen hinweg ergab: Der durchschnittliche Nutzer da ist eben nicht Teenie, sondern 36,9 Jahre alt. Nebenbei konsumieren wir laut einer US-Studie zwar nur noch halb so viel Haschisch wie mit 25, aber dafür Serien, Bücher und Zeitschriften, die gerne von uns selbst handeln. Wir haben heute mit 37 sagenhaft viel theoretisches Lebenswissen angehäuft. Zu viel über Burn-out, Depressionen und Glutenunverträglichkeit gelesen, über spät gebärende Akademikerinnen, Single-Sexstatistiken, den Irrtum der Monogamie und die Vorteile des Bikram-Yoga. Wir sind Befindlichkeitsexperten. Schwer, bei so viel Sekundärliteratur nicht neurotisch zu werden. Wir haben uns einen Sommer lang vor dem Jahrtausend-Bug gefürchtet und einen anderen Sommer lang vor Ehec-Gurken. Wir sind eine lückenlos vermessene Generation, werden seit „Sex and the City“ laufend reflektiert. Wie wirkt sich das aus? Immerhin: Viele aktuelle Studien attestieren den ab 1980 Geborenen, dass ihnen eine Balance zwischen Freizeit und Arbeit genauso wichtig ist wie Geld. Eine gesunde Einstellung mit einer Kehrseite, in Form eines leisen Tinnitus, der uns ständig fragt: Really? Ist es das jetzt? Habe ich Leben und Job, Sex und Liebe, Stadt und Land, Kind und Karriere schon ausreichend vereint?

 Stand-by-Stellung ist eine zarte Sehnsucht. Wer mit der Gewissheit aufgewachsen ist, es könnte immer noch was Besseres auf dem Sushiband liegen, hat das eben auch mit 37 noch nicht abgelegt. Das ewige Warten auf Verbesserung ist übrigens eine gelernte Regel aus der digitalen Welt. Da ist jeder Zustand nur Version und das Warten aufs Update die Systemgrundlage. Hätte dieser Job, diese Liebe, dieses Life nicht eine neue Version verdient? Fühlt sich mein Leben nicht noch Beta an? Immerhin, mit 37 werden große Updates weniger, das Programm stürzt nicht mehr so oft ab.

  Auch neu: Mit 27 waren alle noch annähernd gleich, zehn Jahre später ist jeder anders. Aber wer heute in Deutschland 37 wird, der teilt mit den Altersgenossen doch ein paar historische Erfahrungen, die sich auf das eigene Leben auswirkten. Tschernobyl, Wiedervereinigung, den 11. September 2001, vielleicht die große Migration. Nicht viel. Aber auch das ist eine prägende Erkenntnis – es war eine friedliche Zeit, die uns schön ausreifen und etwas unpolitisch werden ließ. Wir mussten nicht kämpfen, konnten anderes vorantreiben. Umweltbewusstsein zum Beispiel. Einen Alltags-Feminismus und damit den ersten Zentimeter eines Schlussstrichs unter dem Patriarchat. Und den Umzug ins Netz, natürlich. Wir werden in 50 Jahren als Zeitzeugen (hoffentlich) nicht vom Krieg erzählen, sondern von einer Welt, die analog funktionierte. Sentimental genug für diese Rolle sind wir jetzt schon, ein Nebeneffekt unserer halbdigitalen Brückenbiografie. Was im Geschichtsbuch fehlt: der Selbstmord von Kurt Cobain, der damals für uns gestorben ist. Das erste Smartphone. Die hundert Akkus um uns herum, die ein neues Zeitgefühl vermitteln. Google, das Weltgedächtnis, das uns schon fast das halbe Leben versorgt. Die Simpsons und überhaupt Ironie, als Werkseinstellung einer Generation.

  Ist 37 also das beste Alter? Gut möglich. Man ist wer. Es gab Entscheidungen. Man hat Narben, darunter auch solche, die man nicht stolz vorzeigt. Vielleicht ist nicht mehr nur Sturm und Drang, aber da ist Leben, schönes, volles Leben. Es rauscht beruhigend um einen herum und führt noch nicht so viel hartes Treibholz. Man kennt einen Gleichaltrigen, der Krebs und einen, der Millionen geerbt hat. Aber noch sind die meisten Eltern so pflegeleicht, dass es reicht, wenn man sie mal in den Arm nimmt. Man hat sich jetzt, ehrlich gesagt, auch mal genug mit sich beschäftigt. Was an Selbstbefindlichkeit noch im Weg steht, schleifen die eigenen Kinder rigoros ab.     Heute 37 zu werden bedeutet aber auch: Jung war erst gestern. Vieles davon trägt man noch mit sich. Wenn man spätnachts mit dem Fahrrad durch die warme Stadt fährt, fühlt es sich kein bisschen anders an als mit 20. Und es besteht die vage Hoffnung, dass es auch mit 50 nicht viel anders sein wird.

September 14th, 2016

Über Monaco und Gstaad

Die Vorführdamen glänzen schon auf der Stirn. Seit zwei Stunden geben sie ihre Körper im Minutentakt den Exponaten hin, tragen Diamantensonnen im Ohr, mehrlagige Ketten aus Südseeperlen oder Opalen um den Hals oder strecken ihre Hände maximal grazil in das Publikum, das ungeniert daran herumzerrt, um den dargebotenen Cartier-Rubin von der Größe einer Haselnuss betrachten zu können. Währenddessen klettern an der Wand des Belle-Époque-Saals im Hotel Hermitage Zahlen nach oben, bis jeweils ein doppelter Hammerschlag die kleine Darbietung beendet. „Good one“ sagt der Mann in Reihe acht, wenn der Betrag über 45 000 Euro gelandet ist, und er sagt es ziemlich oft im Laufe der Juwelen-Auktion. Mit seinem Übergewicht, den abgelatschten Tod’s, rosa Bermudas und einer Plastiktüte mit Wasserflaschen würde er auch in einem städtischen Freibad nicht auffallen, wäre da nicht der gut frisierte, hechelnde Zwergpudel in seiner Armbeuge und die Bell-&-Ross-Aviation am Handgelenk.  

  Genau das mache den Charme der großen Sommerauktion aus, wird einer der Verantwortlichen des französischen Auktionshauses Artcurial später erklären: Eine Woche lang zwangloses Luxusshoppen, wie es keine Boutiquen-Meile auf der Welt bieten kann. Schließlich handelt es sich um ausgesuchte Vintage-Objekte, einmalige Sachen wie etwa die James-Bond-Uhr, im Film getragen von George Lazenby, die am Vortag aufgerufen wurde. Es war der Höhepunkt einer endlos proklamierten Abfolge von Rolex-Variationen, gefolgt von fünf- bis sechsstelligen Zuschlägen. Telefonbieter, Sammler, Schaulustige, die von ihren Yachten gekommen waren und bei 36 000 Euro spontan ins Bieten gerieten – es fühlte sich einen Abend lang an, als könnte der Rolex-Hunger der Welt nie gestillt werden.

  „Porsche, Rolex und Hermès sind die Marken, die in den letzten Jahren sagenhaft im Wert steigen, da kann man gar nichts falsch machen“, sagt später Martin Guesnet, der Europa-Chef des Auktionshauses. Ein ganzes Jahr lang bereitet er mit seinem Team diesen Sommerausflug an die Küste der Superreichen vor. Dafür klappern sie das alte Geld und die großen Familien ab, immer auf der Suche nach den magischen drei Ds eines Auktionators: „Death, Debt, Divorce, das sind die Anlässe, bei denen sie ihre Schätze verkaufen und wir zuschlagen.“ Goldener Kerzenständer von Salvador Dalí gefällig? Nein? Macht nichts, der geht später für mehr als 200 000 Euro an ein deutsches Museum. Die James-Bond-Uhr ist übrigens nicht versteigert worden, obwohl mehr als 300 000 Euro geboten wurden. „Etwas überzogene Preisvorstellung des Verkäufers“, murmelt man backstage beim Auktionsteam. Vielleicht lag es auch an George Lazenby, dem Aushilfs-Bond.

  Draußen, vor der Drehtür des Hermitage brütet Monte Carlo in der Sommerhitze. Die Stadt ist immer Baustelle, die zwei Quadratkilometer steuerfreundliches Staatsgebiet werden nonstop nach oben oder unten erweitert, wegen des großen Erfolges. Ein ewiger Stau ist die Folge, in dem sich die Motoren der Lamborghinis und Rolls-Royce-Cabrios im Schritttempo vom Hafen hinaufgrollen Richtung Casino, wo wieder Kräne stehen. An den Türen des alten Casinos wird seit Kurzem streng auf die Kleiderordnung geachtet, keine Shorts, Turnschuhe oder Flip-Flops, ab 20 Uhr Jackettpflicht. „Wir wollen den traditionellen Zauber Monte Carlos erhalten, denn das unterscheidet uns von anderen Spielerstädten“, sagt die zuständige Pressesprecherin über die Maßnahme, die an diesem Nachmittag etlichen russischen und britischen Sportwagenbesitzern den Casinobesuch verdirbt.

  Am nächsten Tag im Hotel Hermitage, nach Tagen voller Uhren und Juwelen – endlich Hermès! Die Vorführdamen sind frisch gepudert, tragen Birkin Bags aus Krokoleder und Straußen-Kellys vorbei an Frauen, die auf ihre Männer eintuscheln, vorbei an Händlerinnen, die mit ihren Kunden am Handy debattieren und Sammlerinnen wie Carine Menache, die zuvor von Star-Auktionator François Tajan persönlich begrüßt wurde. Ihr Geld hat sie in der Finanzbranche verdient, jetzt ist die resolute kleine Dame Hermès-Spezialistin, mehr als 70 Taschen hat sie, und für jede das passende Outfit. Später wird sie in eine Fernsehkamera den Satz sagen: „Ja, ich definiere mich über Taschen.“ Aber sie kauft nicht alles. Bei der kleinen gelben Kelly mit der ungewöhnlichen Kalbsleder-Canvas-Ausstattung, bietet sie lange mit, nach 30 000 Euro bleibt ihr Schild unten. „Absolut verrückt“, sagt sie. Aber ihre Augen sagen etwas anderes.

 

Gstaad

Vorgesehen ist vom Architekten, dass die Gäste den Außenpool über einen Aufzug aus dem unterirdischen Spa-Bereich betreten, als Showbühnen-Effekt sozusagen. Der saudische Clan hält aber nichts davon. Man nimmt die Direktroute von der Frühstücksterrasse des Hotels Alpina, wo dieses Jahr statt Kaffee lieber ayurvedischer „Golden Latte“ getrunken wird – vegan, gluten-, lactose- und koffeinfrei. Vorweg laufen also fünf verschleierte Frauen, gefolgt vom Kindermädchen, das einen obsidianschwarzen Cybex-Kinderwagen mit goldenen Flügeln schiebt, eine Sonderedition des Designers Jeremy Scott. Dann ein paar lustige Kinder und schließlich, nicht lustig und trottend: der Mann.

  Die anderen Gäste machen es richtig, kommen aus dem Aufzug auf die Swimming-Bühne, begrüßt vom vierköpfigen Pool-Team des Alpina, das die nächsten zehn Stunden Handtücher rollen, Drinks balancieren und mit Schirmen den Sonnenstand korrigieren wird. Es treten auf: der Schweizer Skistar mit der unbekannten Schönheit. Das junge Männerpaar, das keinen Schatten möchte, aber alle Magazine. Etwas später das ältere, süddeutsche Fabrikanten-Ehepaar in tadelloser Freizeitkleidung, sauber bestrumpft. Dazu noch zwei zeitlose Damen, die sich mit der Langsamkeit von teuren Zootieren bewegen und über eine leere Liege hinweg unterhalten. Aus dem Tal wehen dazu an diesem Samstag ziemlich unpassende Fetzen von Stimmungsmusik herauf, das internationale Beach-Volleyballturnier legt dort den Ort lahm. Morgen Nacht werden ein paar Dutzend Helfer den Sand wegschaufeln, dann geht es mit dem großen Tennisturnier weiter, danach stehen die Menuhin-Festspiele an, dann das Country-Festival.

  Gstaad im Sommer, das ist ein Event-Kraftakt. Hochkarätige Veranstaltungen sollen die Winterstammgäste und ihre Kreditkarten locken, auch St. Moritz und Lech proben dieses Comeback der alpinen Sommerfrische. Im Gegenzug zu diesen Luxusdörfern hat Gstaad aber noch eine separate Goldader – das Edelinternat Le Rosey, dessen Zöglinge seit jeher aus Königs-, Diktators- oder zur Not auch Millionärsfamilien stammen und das aus Gründen der Luftveränderung drei Monate im Winter hier gastiert. In Gefolge der Schule haben sich Eltern und Alumni in den letzten Jahrzehnten Grundstück für Grundstück einverleibt. Heute hat deshalb nahezu jedes Chalet an den Hängen und im angrenzenden Lauenental schon zweistellige Millionbeträge gebracht, und niemand wundert sich, wenn die neuen Nachbarn nur Vornamen tragen. Vornamen wie Madonna oder Valentino.

  Eric Favre, Direktor des Alpina, ist ein freundlicher Mann, in seiner Freizeit läuft er Ultramarathons. Er schlendert nach dem Lunch durch die unterirdische Auffahrt seines Hauses, zehn Autos der Gäste dürfen vor dem Eingang parkieren. An diesem Tag sind im Menü ein Ferrari 612, ein Flügeltüren-Mercedes, ein Vintage-911er und mehrere Range Rovers. Vor dem letzten bleibt er stehen, es ist nämlich keiner, sondern ein Bentley. „Ach, der erste Bentayga der Schweiz“, sagt Favre. Ein Gast hat ihn sich zur Probefahrt kommen lassen, den ersten gekauft hat angeblich schon die Queen. Favre lächelt nachsichtig, kein Geldhaufen der Welt kann ihn noch beeindrucken. „Diesen Menschen muss man etwas Neues bieten“, sagt er vergnügt. „Aber gleichzeitig mögen sie auch keine Veränderung. Sie wollen im Sommer von dem gleichen Gesicht bedient werden wie im Winter, am besten jahrzehntelang.“ Später öffnet der PR-Manager heimlich eine Seitentür neben dem Empfang. Ein Druck auf den Master-Lichtschalter, und man steht in einer vertäfelten Suite, die eher ein vertäfelter Gebäudetrakt ist. 850 Quadratmeter Geheimversteck. Wenn man hier eincheckt, bekommt niemand etwas mit, nur Eric Favre und irgendwo ein Konto, das pro Nacht eine 25 000 Euro tiefe Kerbe verbucht. Albert von Monaco habe diesen Service zum Beispiel kürzlich genutzt.

  Es ist Abend. Die Liegen am Pool haben sich geleert, die Fußabdrücke der saudischen Kinder sind getrocknet. Noch hat sich niemand für das Dinner umgezogen. Schon bald werden im japanischen Restaurant Tranchen vom Thunfisch geschnitten und US-Wagyubeef gegrillt. Ein Pianist nimmt in den letzten Strahlen der Sonne an seinem Instrument Platz, und bevor er sehr mezzopiano anfängt „Englishman in New York“ zu spielen, hört man es zum ersten Mal und wie von sehr weit her: echte Kuhglocken.

September 12th, 2016

Über das Sparen

Meine Mutter ist eine schwäbische Protestantin. Das ist ein äußerst lebenstüchtiger und unerschrockener Menschenschlag. Ich wurde von ihr in der Überzeugung erzogen, dass man alles schaffen kann, wenn man nur frisch und fröhlich ans Werk geht und Bundesschatzbriefe hat. Es machte mir Spaß, an ihrer Hand am Weltspartag zur Bank zu laufen und für mein kleines Sparbuch einen neuen Eintrag und irgendwas aus buntem Plastik zu bekommen. Sparen ist gleich Belohnung, das war die prägende Botschaft dieser Ausflüge. Erst Belohnung in Form eines Spielzeugs und später in Form von dem, was meine Mutter ein „hübsches Sümmchen“ nannte.

  Reichtum interessierte sie übrigens genauso wenig wie die Sonderangebote bei Aldi. Sie war nicht übertrieben sparsam, sie war sparfröhlich. Zinsrechnung machte meiner Mutter gute Laune.

  Aber das waren auch die Achtzigerjahre, ein Jahrzehnt, in dem die einfachen Sparzinsen bisweilen bei fünf Prozent standen. Fünf Prozent! Ich kenne heutige Börsenmenschen, die froh sind, wenn sie am Ende eines Jahres so eine Rendite für ihr Portfolio ausrechnen können. Damals aber vermehrte sich das Geld tatsächlich einfach von selbst auf der Bank, unsere Eltern trugen es dorthin und schauten sich danach im Kino „Wall Street“ mit Michael Douglas an. In der ruhigen Gewissheit, dass die Handlung nichts mit ihrer Welt und ihrem Geld zu tun hatte. Bald würden aus ihren Bausparverträgen Bauaufträge werden und später Reihenhäuser mit Tischtennisplatte in der Garage, in denen wir friedlich aufwachsen konnten. Hinein in eine Welt allerdings, in der das Sparen nicht mehr so einfach war, dass es von leicht irren Bankmaskottchen wie der Sparbiene Sumsi oder dem redlichen Volk der Knaxianer vermittelt werden konnte.

  Im Alter von elf Jahren hielt ich also folgerichtig nicht nur Bundesschätze, sondern auch einen kleinen Sparbrief, einen kleinen Bausparvertrag und zwei Sparschweine. Dass ich mir unter Bundesschätzen einen piratenmäßigen Goldhaufen vorstellte – egal. Im Grunde tue ich das heute noch. Nur dass ich schon lange keine Bundesschätze mehr habe, keinen Bausparvertrag und kein Sparbuch, alles irgendwann aufgerieben. Die drei Säulen, auf die meine Mutter einst meine Zukunft stellte, sind in den letzten zwei Jahrzehnten unbedeutend geworden. Es wird bisweilen sogar davor gewarnt, sein Geld noch an einem dieser Orte anzulegen. Und nicht nur das, Sparen an sich, diese Grundtugend der alten BRD, ist irgendwie in Verruf geraten.

  „Die Deutschen geben ihr Geld mit vollen Händen aus“, titeln die Wirtschaftsteile der Zeitungen seit einigen Jahren und jedes Quartal wieder. Die Zahlen der dabei zitierten Statistiken sind kaum zu glauben: Hui, sind das wirklich wir? Hemmungslosen Konsumenten, die seit ein paar Jahren immer noch mehr für Möbel und Haushaltsgeräte ausgeben? Dinge also, die man schon hat und bald wieder neu haben möchte. Wie so ein durchgeknalltes Kreditkarten-Volk! Wir, die schon vor zweihundert Jahren das Sparbuch für uns entdeckt haben und etwas später das gesellige Sparen in Vereinen. Wenn uns die hohe Kante nicht mehr heilig ist, wem dann?

  Gleichzeitig wird so viel übers deutsche Sparen geredet wie nie zuvor. Gerade wurde Wolfgang Schäuble öffentlich als Spar-Fetischist gebrandmarkt, der Südeuropa am liebsten einen lebenslangen Weltspartag verordnen würde, aber ohne buntes Plastikgeschenk. Schäuble ist badischer Protestant. Das Sparen im Sinne von Sparmaßnahmen liegt jedenfalls seit den großen Krisen absolut im Trend. Aber das gute, fröhliche Sparen meiner Mutter, das ist verschwunden. Warum?

  Weil die Zinsen verschwunden sind. Der Leitzins in den USA, Großbritannien und Europa ist eine große Null. Daran wird sich so schnell nichts ändern, sagen Volkswirte. Möglich, dass unseren Kindern das Prinzip Plus-Zins und der Zusammenhang von Banken und Ansparen so fremd sein werden wie Autofenster zum Kurbeln.  

  Also, Geld, das man ablegt, bleibt heute erst mal nur das Geld, das man abgelegt hat. Eigentlich ganz natürlich: Wenn man einen Apfel irgendwohin legt, sind nach ein paar Jahren ja auch nicht zwei daraus geworden. Er ist nur geschrumpelt. Und genau das droht dem Geld ohne Zinsen angeblich auch bald – ein bisschen zu schrumpeln. Wobei sich Negativzins-, Inflations- und Deflationsexperten mit ihren Prognosen in etwa so einig sind wie Schäuble und der kleine Mann von der griechischen Straße. Aber weil das so eine Horrorvorstellung ist, schrumpelndes Geld, geben wir es jetzt lieber gleich aus.

  Das Statische Bundesamt vermeldet seit Jahren mehr Haushaltsausgaben bei sinkenden Preisen, die private Spendierhose der Deutschen hatte 2015 die Bundweite von 1,63 Billionen Euro. Damit sorgen wir für saftige Binnenkonjunktur, die wieder dazu beiträgt, dass Deutschland anderen Ländern das Sparen vorschreiben kann.

  Raushauen, weil es gerade nicht rentiert? Eine Logik, bei der die brave Sparbiene Sumsi wohl randalieren würde. Vielleicht ist im Zinsfieber unserer Eltern, dem Börsenhype der Neunziger mit T-Online-Robert, gefolgt von flächendeckenden Steuerfluchten, etwas Elementares untergegangen. Sparen bedeutet nicht nur vermehren und abgreifen, sondern erst mal einfach nur Vor-Sicht. Wer etwas spart, geht grundsätzlich davon aus, dass er eine Zukunft hat. Es ist eine positive Lebenseinstellung. Angesichts der prekären Arbeitsverträge, in denen meine Generation unterwegs ist, angesichts der Schnelligkeit, mit denen aus Top-Arbeitgebern sinkende Schiffe, aus mittelgroßen Städten teure Edelpflaster, aus der Mittelschicht ein Mittelschacht nach unten und aus der gesetzlichen Rente Gänseblümchen werden, scheint Sparen heute mehr denn je angebracht. Nur wie und wo?

  Mit 19, gleich nach dem Zivildienst, wollte ich Infineon-Aktien kaufen, machten ja damals alle. Es war das letzte Mal, dass ich einem Bankberater leibhaftig gegenübersaß. Er klärte mich über die Mindestzeichnungsmenge auf, damit hatte sich die Sache mit der Aktie erledigt. Aber er verkaufte mir einen Aktienfonds mit Sparplan, der viel später mal als Volksfonds tituliert werden würde. 100 Mark im Monat, breit gestreutes Aktienpaket, weltweit und mit, äh, branchenüblichen Nebenkosten. Wenig, aber regelmäßig, das war nach Ansicht meiner Mutter sowieso der goldene Weg, also kaufte auch sie an diesem Tag die ersten Fondsanteile ihres Lebens.

  Eine grundlegende Börsenregel verstand ich damals – schlechte Kurswerte sind gar nicht unbedingt schlecht für den Sparplan-Fonds, für die 100 Mark gibt’s dann eben mehr Anteile, über die ich mich in guten Zeiten freue. Leider waren die Zeiten an der Börse in den nächsten zehn Jahre recht wechselhaft. Meine Mutter stieg deshalb irgendwann wieder aus, das Misstrauen in diese Kurven, die immer wieder nach unten zeigten, war zu groß.

  Damit ist sie in bester Gesellschaft. Eine Umfrage der Postbank ergab kürzlich, dass mehr als 70 Prozent der Deutschen zwar etwas zurücklegen, das meiste davon aber noch auf Sparbuch und Girokonto entfällt. Bedeutet nichts anderes, als dass wir die Entscheidung, etwas damit zu machen, dauerhaft vertagt haben und dabei sind, Geld zu verlieren. Wir sind zu träge für die neue Sparwelt, niemand hat sie uns beigebracht. Vielleicht ist die Bereitschaft zum Ausgeben in den letzten Jahren auch nur gewachsen, weil wir insgeheim von der eigenen Unbeweglichkeit in Anlagedingen so genervt sind. Lieber gleich nix haben, als das Wenige so vernachlässigen! Aktien und Fonds kamen bei der Postbank-Umfrage übrigens auf dem letzten Platz; sogar die Zahl derjenigen, die ihr Geld tatsächlich zu Hause aufbewahrten, war noch etwas höher. Ha! Das geht an alle, die Lehrpläne für Wirtschaftsunterricht an den deutschen Schulen schreiben.

  Ich halte diesen winzigen, ersten Fonds seit fast zwanzig Jahren und hatte bei der letzten Abrechnung eine Summe im Depot, die etwa doppelt so hoch war, als wenn ich das Geld jeden Monat ins Sparschwein gelegt hätte. Aber ein kleiner Fonds reicht natürlich nicht. Jeder aus meiner Generation weiß, Erben ausgenommen, dass es niemals reichen wird. Nicht mit der normalen Rente, nicht mit 200 Euro im Monat Privatvorsorge und einer mittelernsten Lebensversicherung. Wir werden alt werden und viel länger Möbel, Haushaltsgeräte und Tofu-Wurst kaufen müssen, als wir uns das heute ausrechnen. Ein maßgeblicher Teil der Finanzstrategie meiner Generation ist deswegen: Verdrängung.

  Aber man googelt natürlich doch an einem engagierten Abend im Jahr herum, schnorchelt in der Welt der Finanz-, Börsen- und BWL-Foren, abonniert Börsenbriefe und schwer deutbare Expertisen und taucht mit hundert vagen Fahrplänen wieder auf. Das ist vielleicht das größte Problem des neuen Sparens, jeder verheddert sich beim einsamen Knüpfen des eigenen Sicherheitsnetzes, jeder nutzt andere Knoten dafür. Investieren in Gold und Immobilien, in Daimler oder asiatische Tech-Aktien? Kunst kaufen oder den letzten kalifornischen 911 importieren? Weiter mit Riester- oder Rüruprente? Schottische Festgeldkonten? Altersvorsorge mit Lebensversicherung oder Fonds? Dynamik, Risiko, gehebelte Optionsscheine? Von allem ein bisschen? Oder auf nur zwei Pferde setzen und hoffen, dass sie in 30 Jahren noch ins Ziel finden?

  Mit dem eigenen Geld ist es ein bisschen wie mit dem eigenen Kleinkind: Es gibt tausend Ratschläge, aber man misstraut allen. Und weil man hierzulande immer noch sehr viel schwerer übers Geld statt übers Kind redet, wurschteln viele mit ihrem Ersparten schamhaft leise und halbherzig herum. Ewige Statusmeldung: Es ist diffus. Es herrscht Angst vor Ausgabeaufschlägen, Börsengurus, Onlinebanking und den Honoraren von Finanzberatern, es herrscht vor allem der Irrglaube, für das bisschen, was sich auf dem eigenen Festgeldkonto gesammelt hat, würde sich das alles eh nicht lohnen. Also, wir müssten mehr darüber reden! Das Thema Anlegen und Vorsorgen muss den Typen in Anzügen weggenommen werden, es soll auch nicht mit erhobenem Zeigefinger im Hinterzimmer der Verbraucherzentrale stattfinden. Eigentlich sollten die aus der Mode gekommenen Sparvereine gerade heute florieren und im Anschluss an die Yoga-Kurse auf der Rooftop-Terrasse tagen.

  Seit ich mein eigener Finanzminister bin, gefällt mir übrigens das englische Wort für Erspartes besser: Savings. Das klingt viel mehr nach dem, was Sparen im Alltag ist – das, was man retten konnte aus der Flut der monatlichen Ausgaben, was man irgendwie ins Trockene gebracht hat.

  Wenn ich das erzähle, halten mir Altersgenossen Vorträge übers Eigenheim, schneller als ich „Sparerpauschbetrag“ sagen kann. Ja, Betongold ist ein wichtiges Thema, zu dem ich jedes Argument schon gehört habe. Aber ich will nicht. Will auch bei Niedrigzinsen keinen sagenhaften Schuldenberg, keine fiese Kompromisswohnung in S-Bahn-Nähe, kein betoniertes Spielbein. Bitte, das ist meine persönliche, diffuse Anleger-Angst. Ich habe Freunde in den Niederlanden und Dänemark, die seit zehn Jahren Hausbesitzer sind. Da wird schnell gekauft, Banken finanzieren fast 100 Prozent, und Schulden sind allen eher egal. Aber die hatten eben keine schwäbische Protestantin als Mutter.

  Die ersten zehn Jahre meines Erwerbslebens war ich selbständig. Ja, ich habe den Traum gelebt. Und schrecke bisweilen immer noch aus dem Schlaf auf, weil ich denke, das Finanzamt läge unterm Bett.Selbständigkeit ist eine gute Sparschule, weil der große Steuerhammer erst spät zuschlägt. Außerdem schaut man ständig auf sein Konto, weil man neugierig ist, ob der Auftraggeber noch zwei Monate mehr zum Überweisen braucht. So konnte ich live mit ansehen, wie mein Tagesgeldkonto langsam verhungerte. Als es drohte, sich selbst zu verdauen, kaufte ich ETFs. Das sind Fonds mit Stützrädern, sie kopieren feste Indizes. In einen ETF zu investieren ist etwa so, als würde man nicht ins Museum gehen, sondern nur in dem Bildband dazu blättern, man spart sich Kosten für Eintritt und Anfahrt.

  Ich legte mein Erspartes (Nicht alles, Mama!), in einen Dax-ETF, supersimpel. Wenn ich im Radio höre, der Dax fällt oder steigt, weiß ich, was mein Depot macht. Es ist bestimmt das unglamouröseste Anlagekonzept, und ich würde es niemals öffentlich empfehlen. Aber es funktioniert für mich, und in den letzten drei Jahren hat der Dax im Schnitt doch über 20 Prozent zugelegt, dieses brave Töfftöff. Ich kaufe nach einer Talfahrt und verkaufe, wenn er wieder gestiegen ist, so ergänze ich zumindest das, was mir an Zinsen entgeht, manchmal mehr. Es macht Spaß, nur ist der Dax keine feste Vorsorge, es kann gut gehen oder auch nicht. So ist das wohl, beim neuen Sparen. Eine positive, schwäbische Lebenseinstellung ist dabei aber immerhin noch genauso hilfreich wie früher.

September 12th, 2016

Überall Flamingo

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Mit Trendtieren ist es so eine Sache. Sobald sie als solche klassifiziert sind, ist ihre Karriere meistens schon wieder beendet, denn einen Großteil ihres Erfolges ziehen sie nun mal aus dem putzigen Überraschungseffekt. Bestes Beispiel ist die Eule, die man so etwa bis zum Jahr 2011 außerhalb von Märchenbüchern gar nicht mehr auf der Rechnung hatte, schon gar nicht im sogenannten Lifestyle-Bereich. Dann aber brach, mutmaßlich ausgelöst durch Kindermode, befeuert durch lustige Youtube-Clips und die allgemeine Infantilisierung, eine regelrechte „Eulphorie“ aus, die in kurzer Zeit dazu führte, dass jede verfügbare Baumwolle entweder in Eulenform gepolstert oder mit Eulenvarianten bedruckt wurde. Eine großäugige Kerzen-, Seifen-, Schmuckanhängerwelle folgte, flankiert von Eulen-Uhren und ebensolchen Schneidebrettern. Woraufhin nimmermüde Blogger Essays zu diesem Phänomen schrieben, kauzige Essays, in denen der weltweite Eulen-Konsens festgestellt wurde, was es reststolzen Menschen wiederum sofort unmöglich machte, fürderhin noch mehr Eulen-Merchandise nach Hause zu schleppen – (B)uhu!

  Eine kurze Zeit lang sah es danach so aus, als könnten Einhörner das Rennen machen. Ihre Population wurde aber von der gleich darauf einsetzenden Flamingo-Invasion wieder relativ umstandslos ausgerottet. Der Flamingo ist nun etwa seit einem Jahr das Maß aller tierischen Zierdinge und erreicht in diesem Sommer den Höhepunkt seiner Ansiedlung zwischen Wohnzimmer, Szene-Boutique und Kleiderschrank. Keine Frage, er steht dabei auch auf einem Bein wesentlich stabiler als die Eule. Denn er hat nun mal diese prägnante Färbung, die seine tatsächliche Anwesenheit gar nicht unbedingt notwendig macht, es reicht schon das Flamingo-Pink, das es derzeit als spezifische Haartönung ebenso gibt wie als Farbe von Sitzkissen, Jeans und Lippenstiften.

  Ob zuerst also die Farbe Trend wurde oder das ganze Tier, ist nicht mit Sicherheit zu sagen. Klar ist aber, dass der Vogel selbst eben auch besondere ästhetische Qualitäten hat, er ist eine zeitlose Schönheit, mit diesen perfekten Jugendstil-Körperteilen: Strichdürre, superlange nackte Beine, der herrlich rosawolkige Rumpf, die kunstvoll geschwungene Halsranke und dann der kühn schwarz-getunkte, aber kräftige Schnabel, der das ganze Vogel-Standbild vor allzu großer Kitschigkeit rettet, eben trotz dieser sagenhaften Farbe. Schon vor über 250 Jahren notierte der Botaniker und Jesuit Francesco Cetti: „Mit schöneren Farben schmückte sich nie die Göttin des Morgens, glänzender waren nicht die Rosengärten des Pästus als der Schmuck, den der Flamingo auf seinen Flügeln trägt. Es ist ein lebhaft brennendes Rosenrot, ein Rot erst aufgeblühter Rosen.“

  In der derart geschilderten Pracht wirkt der Flamingo bis heute als wirkliches Tier nicht ganz lebensfähig, eher wie eine etwas irre Kunstaktion. Deshalb scheinen die derzeit stattfindende Domestizierung und die hemmungslose Zuneigung der Kreativen und etsy-Bastler zum Flamingo auch ganz logisch: So was Schönes soll doch bitte nicht draußen irgendwo im Wasser stehen. Nein, der Flamingo macht sich auf Tapeten und Seidenslippern, auf Jersey-Tops bei H&M und Porzellan einfach sehr viel besser – oder gleich in der aktuellen Pre-Fall-Kampagne von Gucci, wo die Models mit Flamingos um die Wette schön herumstehen. Schon der Name ist ja auch eine lautmalerische Delikatesse und nahezu weltweit verständlich, was dem globalen Hype sicher nicht abträglich war. Nur die Franzosen setzen noch einem drauf und rufen ihn: Flamant! Nie war ein Eigenname wohl gleichzeitig so ein passender Ausruf.

  So sehr der Flamingo also als kunstvolles Accessoire und temporäre Stilphilosophie taugt, man sollte ihn doch durchaus auch mal wieder leibhaftig im Zoo besuchen. Es ist dann nämlich der seltene Fall zu beobachten, dass sich ein vornehmes Tier auch tatsächlich ebenso beträgt, der Stelzvogel scheint auch charakterlich flamboyant zu sein. Da sind die wunderlichen S-fömigen Verrenkungen des Halses, als würde er sich fortwährend zieren. Da ist die elegante Schlafposition auf einem Bein und schließlich der grazile Flug, den der alte Brehm im gleichnamigen „Tierleben“ so beschreibt: „Gegen anderer Langhälse Art streckt dieser Vogel nämlich im Fliegen außer den langen Beinen auch den langen Hals gerade von sich und erscheint deshalb auffallend lang und schmächtig. An diese Gestalt sind nun die schmalen Flügel genau in der Mitte eingesetzt, und so nimmt der fliegende Flamingo die Gestalt eines Kreuzes an.“

  Das sind also optische Bestnoten zu Lande, zu Wasser und in der Luft! Auch die Nahrungsaufnahme, die doch für gewöhnlich ebenjene tierischen Komponenten eines Tieres recht deutlich aufdeckt, löst der Flamingo galant: Kopf unter Wasser, Schnabel in den Schlamm gedrückt und dann wird mit der Zunge schnabuliert und zwar ohne Publikum.

  Warum sich nun gerade die Generation Instagram ein Wappentier sucht, das die meiste Zeit nur dekorativ herumsteht oder den Kopf in den Sand steckt, darüber darf von hämebegabten Menschen spekuliert werden. Der große Vorteil des Trend-Flamingos gegenüber der ollen Trend-Eule ist jedenfalls, dass er nicht und niemals niedlich ist. Es gibt keine putzigen Videoclips mit ihm, niemand will mit einem Flamingo kuscheln. Er ist blanke, surreale Schönheit. Und er hat dazu diese leicht schwüle Aura, die auf ein modernes Genderverständnis schließen lässt. Er ist exotisch, aber nicht zu sehr, kein Haustier und nichts zum Essen – wenn auch alle anderen Epochen vor uns Flamingozungen als die ultimative Delikatesse gefeiert haben. Aber nein, der Flamingo ist heute der Federn gewordene Eskapismus und damit das perfekte Trendtier. So lange zumindest, bis irgendjemand anfängt, Texte darüber zu schreiben.

Mai 17th, 2016

Über Marimba und Klingeltöne

Es gibt spannende Videos auf Youtube. Und es gibt es ein sechs Sekunden langes Video mit dem Titel „Marimba!!“. Darauf sieht man ein altes iPhone, das den gleichnamigen Klingelton abspielt. Sonst passiert in dem Film nichts. Er wurde 1,8 Millionen Mal angeklickt. Das zu erklären wird ziemlich schwierig.

  Dabei war anfangs alles so einfach. Der Klingelton war in der Frühzeit des Mobilfunks so ungefähr das spannendste Accessoire, das ein Handy hatte – schon alleine, weil sich sonst nicht allzu viel damit herumspielen ließ und die Modelle alle ziemlich ähnlich aussahen. Das getragene Telefon war noch Statussymbol, man wollte durchaus damit auffallen und ließ es deswegen laut klingeln, erst monoton und ab 2002 dann polyfon. Gleichzeitig mit der Vielstimmigkeit entwickelte sich ein ganz neues Geschäftsmodell: die Klingeltonanbieter. Sie brachten so dezente Werbeträger wie den Crazy Frog in Umlauf und sorgten mit ihren massiven Werbeschaltungen im Alleingang für das Fortleben von Nischensendern – mehr als 90 Millionen Euro steckten Firmen wie Jamba in den besten Jahren in diese lauten Nonstop-Clips. Die Landesmedienanstalten sahen sich 2005 sogar zu der offiziellen Feststellung genötigt, dass offenbar in bis zu 90 Prozent der Werbezeit bei Musiksendern Klingeltöne verkauft werden sollten.

  Das war der nervige Höhepunkt der Klingelblase. Die Geräte sollten Lärm machen, man konnte kaum erwarten, sein neuestes Jingle vorzuführen. Eben ganz, wie es einem ein Typ in Unterhosen im zweitnervigsten Klingelton-Werbespot entgegenbrüllte: „Alter, ruf mich auf meinem Handy an!“ Ja, anrufen, das machte man damals eben noch.

  Als Gegenpol zu der anstrengenden Klingel-Hitparade der Schüler im Bus etablierten sich um diese Zeit auch zwei Standard-Töne für die gemäßigten Hörer. Das altmodische Ring-Ring (Old Phone), das schon die Sehnsucht nach einem Leben ohne den aufdringlichen Crazy Frog ausdrückte. Und natürlich das vom damaligen Marktführer etablierte Nokia Tune, das einem hundert Jahre altem Werk des spanischen Komponisten Francisco Tárrega entnommen war und heute so altbekannt nostalgisch tönt wie ein mütterlicher Lockruf.

  Zwei Jahre später kamen das iPhone und seine Epigonen und ließen das Trash-Geschäft mit den Klingeltönen ebenso umstandslos erodieren wie Nokias Führungsrolle. Denn das waren Geräte, die mehr konnten, als nur Laut zu geben, sie hielten ganze Musikbibliotheken vorrätig. Gleichzeitig passte der Klingel-Klimbim nicht zum puristischen Auftritt des iPhones und Steve Jobs Philosophie vom einfachen Leben mit schöner Technik. 25 neue Klingeltöne waren auf dem Pionier-iPhone vorinstalliert, darunter Instant-Klassiker wie das besagte Marimba-Thema oder auch das knackige Piano Riff, eine Zeitlang Pflichtsound auf jedem Konferenztisch der westlichen Welt. Der Schöpfer dieser Akustik ist übrigens der deutsche Chirurg Gerhard Lengeling, der zum Musikprogrammierer umsattelte und schließlich Apples Kapellmeister wurde. Seine Botschaft war unmissverständlich: Klingelton ja, aber nicht mehr. Dezente Sounds in guter Qualität, das passte zum Gesamtbild von Apple. Vermutlich deswegen ist der Sechs-Sekunden-Clip auf Youtube über die Jahre zu einer Art Pilgerort geworden, der an die glorreichen Anfänge dieser neuen Mobil-Generation erinnerte und als Quelle für alle diente, die zwar kein iPhone haben, aber im Marimba-Fieber sind.

  Wer im betont unschrillen Apple-Soundmenü nicht fündig wurde oder in seinem Individualismus unbefriedigt blieb, der zog sich eben den Ringtone-Maker von Apple. Die App, mit der man den eigenen Alarm basteln konnte, wurde bald millionenfach geladen, während Jamba und Co. mit dem Stellenabbau kaum nachkamen. Zeitgeist in der Tasche, das bedeutete in Folge entweder ein Chartlied oder einen Kino-Soundtrack als Klingelmelodie oder eben den Standardton von Apple, als Erkennungsfanfare der Steve-Jobs-Gemeinde. Der Marimba-Jingle hat sich mit seiner klöppelnden Harmlosigkeit und dem angenehm unspitzen Klang dafür über die Jahre so unentbehrlich gemacht wie eine zurückhaltende Haushaltshilfe.

  Heute ist der Klang-Zinnober ziemlich egal geworden. Der Klingelton, der einst Wirtschaftszweige unterhielt und die Musikindustrie an eine Zukunft glauben ließ, ist nicht mehr als eine Fußnote der Geräte. Wenn die Telefone in der Öffentlichkeit überhaupt noch klingeln, dann oft im voreingestellten Ton der Hersteller. Bei Apple eben die stumpfe Marimba oder ihr Nachfolger „Auftakt“, bei dem das Marimbaphon ganz ähnlich verstopft vor sich hindengelt. Das ist ein Instrument, dem keiner so richtig böse sein kann, vielleicht ist es deswegen so populär. Vor einigen Jahren wurde allerdings ein Konzert des New York Philharmonic Orchestra unterbrochen, weil aus einer der ersten Zuschauerreihen eine Marimba ertönte, die nicht im Notenblatt stand.

  Bei Samsung ist das neue Understatement ein keckes Pfeifen – „Whistle“ ist die maximale analoge Simulation eines Klingeltons, so wenig störend wie möglich, leider trotzdem nervig. Statt akustisch auf sich aufmerksam zu machen, soll das Kistchen heute still sein. Statt anzurufen, schreiben die Menschen Nachrichten, das ist viel sozialverträglicher. Wer im Bus noch einen auffälligen Klingelton hat, wirkt peinlich aus der Zeit gefallen, noch nicht mal die Schüler scheinen noch großen Wert auf die tascheneigene Hitparade zu legen. Eigentlich klar: Wenn das Gerät ohnehin die ganze Zeit in der Hand ist, braucht man keine akustische Ortung. Wenn der Blick aufs Display so regelmäßig erfolgt wie ein Wimpernschlag, genügen kleinste Hinweistöne. Weil es die ganze Zeit offen getragen wird, findet die Individualisierung des Handys optisch statt: Schmuck-Cases, Anhänger, besondere Farben und neue Modelle haben als Distinktionsmerkmale den Klingelton abgelöst. Wer sich nach den polyfonen Nuller-Jahren zurücksehnt – auf Youtube hat auch der Crazy Frog überlebt.

Mai 17th, 2016

Neu im Buchhandel. #etikette

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Mai 17th, 2016

Über das Grantlitz

Die Diagnose kann man selbst stellen: Werden Sie oft grundlos gefragt, ob was Schlimmes passiert ist? Werden Sie regelmäßig aufgefordert, mal zu lachen oder spontan getröstet? Fühlt es sich komisch an, wenn Sie lächeln wollen? Ja? Dann herzlich willkommen im Klub der sauertöpfischen Gesichter. Keine Sorge, Sie werden vermutlich trotzdem ein wunderbares Leben führen. Es sieht nur eben nicht danach aus.

  Was in Amerika den etwas saloppen Namen „Resting Bitch Face“ (etwa bleibendes Zickengesicht) bekommen hat, ist eine ziemlich ungerechte Laune der menschlichen Natur. Mundwinkel, die im neutralen Zustand immer leicht nach unten zeigen oder sich gar merkelhaft zu sogenannten Marionettenfalten fortsetzen, eine bedrohlich hängende Oberlid-Konstellation oder eine ausgeprägte Tränenrinne und dazu steile Furchen in der Glabellaregion, im Volksmund Zornfalten – schon ist ein grimmiges Ruhegesicht besiegelt. Nicht schlimm, wäre man allein auf der Welt. So aber lässt es Mitmenschen ständig annehmen, dass sie etwas Falsches gesagt haben oder sich auf schlechte Nachricht gefasst machen müssen.

  Eine eigentlich heiter-neutrale Grundstimmung wird mit solchen Mimik-Zutaten jedenfalls zu einem Gesicht, das auf andere stets arrogant, ärgerlich oder abweisend wirkt. In Abwandlung des Resting Bitch Face wurden in der Folge auch Variationen wie das „Sad Resting Face“ und sogar das „Asshole Face“ (bei Männern), oder auch eine unabsichtlich ironische Stimmlage konstatiert. Es kann für Inhaber solcher hauseigener Falschaussagen zum ermüdenden Alltag werden, ihre nonverbale Botschaft immer wieder berichtigen zu müssen: Nein, es ist nichts! Alles gut! Doch, ich amüsiere mich! Es ist anstrengend, wenn jede witzige Bemerkung ernst genommen wird, einfach weil das Gesicht nicht zu einem Witz passt. Wer mit einem Resting Bitch Face versehen ist, wünscht sich in manchen Situationen Echtwelt-Emoticons, die er bei Bedarf vor sein Gesicht halten kann, damit die anderen wissen, was wirklich hinter der Fassade vor sich geht. Vorsorglich einfach immer zu lächeln ist meistens keine Lösung – ein Gesicht, das keine Veranlagung dafür hat, sieht mit einem erzwungenen Lächeln erst recht aus wie eine ungemütliche Grimasse.

  Die digitalsoziale Foto-Kultur, namentlich eben das Facebook, haben sicher auch zur zügigen Erfassung und Lokalisierung dieses Problems beigetragen. Wenn man ständig fotografiert, bewertet und geliked wird und demonstrative Heiterkeit so etwas wie eine Grundbedingung geworden ist, fällt eine durchweg misanthropische Gesichtslandschaft eben schnell auf.

  Wer sich nicht sicher ist, ob er zu den Betroffenen gehört, kann auf der Seite des Forschungsinstitutes Noldus ein Foto von sich hochladen – ein Programm wertet innerhalb weniger Sekunden aus, welche Stimmungen das Gesicht auf dem Bild verbreitet und wie sich in der analysierten Physiognomie die sechs sichtbaren Basisemotionen verteilen: fröhlich, traurig, wütend, erschrocken, überrascht und angeekelt. Um dem auf die Schliche zu kommen, was ein Resting Bitch Face im Innersten zusammenhält, haben die Wissenschaftler noch weitere Gesichtsemotionen untersucht, zum Beispiel Verächtlichkeit. Ergebnis: Schon millimetergroße Unterschiede in der Stellung von Augenbrauen und Mundwinkel tragen dazu bei, dass dem Betrachter ein Gesicht nicht mehr neutral, sondern verächtlich vorkommt. Dieser Eindruck, den man innerhalb von Zehntelsekunden gewinnt, führt dann in Gänze zur Wahrnehmung eines negativen Ausdrucks.

  Seit das Phänomen einen Namen bekommen hat und ein lustiges Resting- Bitch-Face-Video auf Youtube Szenen zeigt, in denen ein Gesicht seinen Besitzern im Weg steht, tauschen sich in Foren im Netz die Leidenden dazu aus und konstatieren das Phänomen bei Prominenten: Victoria Beckham, Michelle Obama, Kristen Stewart oder Queen Elizabeth – auch sie wirken in unbedachten Momenten, als läge das Gewicht der ganzen Welt auf ihren Schultern, oder als hätte man sie gezwungen, etwas vom Boden zu essen. Gerade in Hollywood, dem Land des Lächelns, kontrastieren die Griesgesichter recht deutlich mit denen, die das Lächeln als Grundeinstellung verbaut bekommen haben. Eine der Prominenten, die offensiv mit ihrem Grantlitzumgeht, ist dabei die Schauspielerin Anna Kendrick. Sie forderte auf Twitter publikumswirksam einen Fotofilter für Zickengesicht-Opfer und schilderte in einem Interview mit der britischen Tageszeitung Guardian, wie sie schon als kleines Mädchen stets aufgefordert wurde, doch bitte mal zu lachen. Damit befeuerte Kendrick auch eine Debatte über weiblichen Freundlichkeitszwang, in deren Folge das Nichtlächelnmüssen in den feministischen Forderungskatalog aufgenommen wurde. Die Künstlerin Tatyana Fazlalizadeh etwa hinterließ in Brooklyn dazu überdimensionale Street- art-Porträts von ernsten Frauen mit der Überschrift „Stop Telling Women to Smile!“ und identifizierte das Lächelgebot als ebenso unzulässigen Eingriff in die Selbstbestimmung der Frau wie propagierte Schönheits- und Verhaltensideale. Botschaft: Mein Gesicht gehört mir.

  Mehrere Studien belegen, dass Frauen deutlich häufiger ein freundliches Gesicht machen als Männer und insgesamt viel mehr lächeln, auch die diesbezüglichen Muskeln sind ausgeprägter – ob von Geburt an oder durch soziales Training ist noch nicht ganz sicher. Deswegen wohl sind es auch überwiegend Frauen, die sich über das eigene Ärgergesicht so ärgern, dass sie medizinische Hilfe aufsuchen. „Zu mir kommen Frauen, die nicht mehr grundlos traurig aussehen wollen oder darunter leiden, dass ihre Ausstrahlung ganz anders ist, als sie sich fühlen. Beim ersten Eindruck, den wir von einem Menschen gewinnen, zählt nun mal das Äußere“, sagt die Münchner Schönheitschirurgin Luise Berger. Gerade die Zornesfalten, die sich meist als Folge eines angewöhnten Reflexes mit den Jahren immer tiefer in die Stirn eingraben, sieht die Ärztin als Auslöser der ungewollten Fassaden, gefolgt von gemeinen Untiefen und Schwellungen rund um die Augenpartien.

  Während also auf feministischen Plattformen wie jezebel.com längst eine Akzeptanz des Nichtfreundlichen beschworen wird und Autorinnen ihr Resting Bitch Face feiern, ohne dabei den Ausdruck gutzuheißen, sorgen auf den OP-Tischen Botox und Co. für ein gefälligeres Äußeres. „Ich habe durchaus auch Männer in der Sprechstunde, die darüber unglücklich sind, dass ihr Gesicht vielleicht zu aggressiv wirkt. Aber Arroganz und Strenge im Gesicht akzeptieren wir bei Männern immer noch leichter als bei Frauen“, sagt Luise Berger dazu. Man erinnert sich: Mister Darcy, der historische Top-Herzensbrecher von Jane Austen ist ja nicht nur wegen eines jährlichen Einkommens von 10 000 Pfund so interessant, sondern vor allem, weil er nie auch nur eine freundliche Regung durchlässt.

  Einen Eingriff sollte man sich aber auch mit der größten Hiobsbirne gut überlegen. Schließlich hat eine abweisende und kühle Aura durchaus Vorteile. Man wirkt damit in Konferenzen, Vorstellungsgesprächen oder Talkshows immer topseriös und konzentriert. Und aufdringliche Unterschriftenjäger in der Fußgängerzone und anhängliche Verkäufer prallen an der eisigen Miene genauso ab wie der allzu plauderfreudige Nachbar im ICE.

Mai 17th, 2016

Über die Biertischgarnitur

Der Blogeintrag ist mal wieder ein Grundkurs für hippes Wohnen. Das auf apartmenttherpay.com gezeigte kleine Haus von Chris Scheurich und Ali McNally in New Orleans vereint jedenfalls alles, was es derzeit dafür braucht: Neonteppich unter Marmor-Beistelltisch, darauf ein trüb gewordener Jugendstil-Spiegel, eine abgerockte Heiligenfigur plus ausgestopftem Vogel und darüber an der Wand moderne Schwarz-Weiß-Fotografie. Vorne im Laden verkauft das junge Paar Produkte, die nur eines gemeinsam haben: Sie sind nicht lebensnotwendig, sehen aber schön aus. Chris und Ali sind also die typischen Urbanisten mit Selbständigkeitshintergrund, er mit Bart, sie mit Hut. Und sie zeigen ihre Wohnung in einem dieser Blogs, die man konsumiert, um einen soliden Hass auf das eigene Gerümpelleben zu entwickeln. Aus dieser höchst geschmackvollen Bilderstrecke schaut aber plötzlich ein vertrautes Gesicht, beziehungsweise ein vertrautes Gemöbel: ein Biertisch. Ali McNally hat ihre zarten Schmuckkreationen darauf ausgestellt, der Text zum Bild lobt die Schlichtheit des „Original Vintage German Beer Garden Table“. Er wäre ein „great find“ gewesen, sagen die Besitzer stolz. Hä, New Orleans?

  Der Biertisch im Design-Blog ist kein Einzelfall. Das bayerischste aller Möbel hat in der letzten Zeit seinen Weg in das internationale Stil-Alphabet gemacht. Ein hippes Restaurant wie das neue „Annex“ in Brooklyn kombiniert sein Industrial-Interior aus Werkstatthockern und nackten Messingleuchten mit einem ganzen Sortiment an Bierbänken und -tischen. Die Edel-Antiquitätenplattform Omero hat gerade eine Vintage-Biergarnitur für knapp 800 Dollar verkauft und etliche große Stilplattformen wie etwa Remodelista.com, zeigen in eigenen Beiträgen, wie vielfältig sich der seltsam schmale Holztisch aus Germany einsetzen lässt, wenn man einen ergattert hat. Als Familienesstisch, als Arbeitstisch, frisch lackiert in einem trendigen Grauton namens „Elephants Breath“ oder natürlich einfach auf dem Balkon. So simple and puristic!

  Angesichts dieser internationalen Begeisterung sollte man den eigenen Blick auf das Isarmöbel vielleicht auch noch mal nachjustieren. Als Münchner nimmt man den Biertisch ja eigentlich nur noch wahr, wenn er auf der Wiesn unter dem Gewicht von zehn tanzenden Mannsbildern spektakulär nachgibt. Oder wenn man im Frühjahr mit der verhakelten Klappvorrichtung an der Unterseite kämpft, die sich gegen den ersten Einsatz nach dem Winter wehrt. Neu und objektiv betrachtet, muss man zugeben: So eine Bierzeltgarnitur ist tatsächlich schon spektakulär einfach designt und angenehm auf ihre Funktion reduziert. Brett und Gestell. Ein Lob des rechten Winkels. Stabil, leicht verstaubar und aus ehrlichen Materialien gebaut. Und sie ist auch erstaunlich frei von modischen Deklinationen geblieben, was kaum einem Outdoormöbel in den letzten fünfzig Jahren gelungen ist.

  In einer Zeit, in der jede alte Fabrikhalle mehrfach geplündert wurde und auch die letzte verbeulte Blechlampenschirm oder Transportpalette zum gefeierten Wohngegenstand geadelt wird, passt diese schnörkellose Verbindung von Holz und Metall natürlich gut. Bauhaus vom Brauhaus, sozusagen. Wenn er nicht gerade im knalligen Orange der Brauereien ankommt, sondern vielleicht charmant verwittert von seinem langen Leben als Masskrugmatratze zeugt, kann man durchaus ästhetische Gefühle für den langen Tisch kriegen. Und nachvollziehen, warum sich die Menschen in Designforen in Neuseeland und Schweden über die Bezugsquellen für das puristische deutsche Biermobiliar austauschen. Der Versand von traditionell 2,20 Meter langem Massivholz ist ja nicht ganz so einfach, klappbare Beine hin oder her.

  So historisch, wie die Preise bei manchem Vintage- und Industrial-Händler es in Übersee erscheinen lassen, sind die Tische übrigens nicht. Erst Anfang der 1950er-Jahre erfand der schwäbische Unternehmer Rudolf Kurz Senior sein patentes Klappmöbelschloss, das bis heute Gestell und Platte so stabil miteinander verbindet. Anstoß für diesen Geniestreich gaben nicht leere Bierzelte, sondern Weinfeste, für die jedes Jahr wieder umständlich die Tische und Stühle gerückt werden mussten. Einen stabilen Klapptisch für solche Geselligkeiten hatte Kurz Senior im Sinn und damit war das Pflichtmobiliar für Biergärten und Volksfeste geboren. Einige der ersten Modelle seiner Firma Ruku stehen heute im Münchner Stadtmuseum, noch mit Holzbeinen statt mit Stahlgestell. Sie strahlen, vielfach alkoholisch getauft, eine archaische Würde aus.

  Bis heute werden bei der Firma Ruku Klappmöbel in Illertissen klassische Bierzeltgarnituren und Abwandlungen davon gefertigt und bestehen seit Jahrzehnten den Stresstest in mehreren Wiesnzelten. Dort hat sich die Bierzeltgarnitur übrigens erst in den Siebzigerjahren so richtig durchgesetzt. Auf Fotos aus dem Oktoberfestarchiv sitzen die Besucher zuvor noch an Gartentischen und Stühlen – sehr schwierig zu betanzen. Eine Qualitätsbiergarnitur vom Erfinder kostet etwa 160 Euro, im Baumarkt bekommt man die Nachbauten für ein Drittel dieses Preises. Die mattschwarze Garnitur, die das trendorientierte Designer-Label Nordal aus Dänemark neuerdings im Programm hat und in Möbelboutiquen von Stockholm bis Rom liefert, kostet hingegen gleich fast 800 Euro.

  Vielleicht ist es also der Verkaufsort Baumarkt, der den Biertisch hierzulande nicht als besonders edles und eher grobes Möbel erscheinen lässt. Während die zuagroasten Stil-Profis den Tisch selbstverständlich in ihre Apartments installieren oder ihn als flotte Bedarfstheke mit Scharnier an der Küchenwand befestigen, lässt man ihn in seiner Heimat doch eher in der Garage. Er ist hier weniger Familienmittelpunkt als vielmehr Metapher für Sommer und Brotzeit. Wer auf der Bierbank sitzt, der hat Freizeit und Wonne. Es ist aber auch ein kommunikatives Möbel, das mit seiner eingebauten Dazuhock-Botschaft viel zur Weltoffenheit und Völkerverständigung der Münchner beigetragen hat. Kein Wunder also, dass der Schweizer Künstler Rolf Sachs einst für seine Ausstellung „Typisch deutsch“ auch eine Biertischgarnitur aufstellen ließ. Die war ganz aus Bronze gefertigt, was gar nicht übel aussah. Ein Denkmal der Gemütlichkeit!

Januar 13th, 2016

Aus dem Archiv: Über den Gutmensch

Er war schon immer eine Karikatur. Als der Begriff „Gutmensch“ vom Publizisten Kurt Scheel Anfang der 90er Jahre wieder in unseren Sprachgebrauch eingespeist wurde (das erste Mal besorgte es die NS-Propaganda), geschah das zum Spott. Zielgruppe war jener possierliche Utopist von nebenan, der die Mülltrennung akribisch einhielt und dabei Reinhard-Mey-Lieder trällerte. Ein Grünwähler und Spendensammler inklusive Sendungsbewusstsein. Er verkörperte die Fehlentscheidung zwischen gut und gut gemeint. Im schlimmsten Fall war er auch mal ein barfüßiger Querulant. Der geläuterte Konstantin Wecker war einer und Bono, mit seinen Anti-Aids-, Anti-Äthiopienhunger-, Anti-Jugoslawienkrieg- und Pro-Schuldenerlass-Konzerten, und der oberste Gutmensch war natürlich Peter Lustig, der in seinen Latzhosen das Kaffeewasser aus der Regentonne schöpfte.

Zwei Veränderungen sind dem Gutmenschen seither widerfahren. Zum einen ist er mit seinen Idealen ein Stück aus der Karikatur heraus und in die Gesellschaft hineingewachsen. Viele seiner Themen, von Mülltrennung bis zur Atomskepsis, vom nachhaltigen Konsum bis zum Vegetarismus sind heute Standards.

Zum anderen erlebt der Gutmensch in jüngster Zeit eine Anfeindung, die wesentlich tiefer geht als die einstigen Weltverbesserer-Frotzeleien von Harald Schmidt oder der Titanic . Am schnellsten merkt man das in den Leserdiskussionen im Netz, etwa bei Spiegel Online oder bild.de , wo „Du Gutmensch!“ heute als üble Schmähung gilt und in allen Ressorts zu finden ist, von der Außenpolitik bis zum Autotest. Nährboden für diese massenhafte Neudeutung lieferten wohl jene islamkritischen Bloggertrupps und Rechtspopulisten, die den Gutmenschen offiziell zum Feindbild erkoren haben. Folgt man ihrer Argumentation, die von Sekundanten wie Thilo Sarrazin oder Henryk M. Broder bis in Talkshows und auf Bestsellerlisten getragen wird, so ist der Gutmensch heute nicht mehr der Schaumschläger aus dem Reformhaus, stattdessen hat er universale Schuld auf sich geladen. Stuttgart 21, Multikulti, übereilter Atomausstieg, die Legende vom Klimawandel, kein Bundeswehreinsatz in Libyen, Bankenrettung, Hybridautos, der Erfolg des Käßmann-Buchs – an allem ist der Gutmensch schuld. Selbst daran, dass er in Norwegen abgeknallt wurde und zwar weil er auf unbewaffnete Sicherheitsleute gesetzt hat. Liest man sich durch die Sammelbecken der Gutmensch-Gegner, durch die Homepages „Achse des Guten“, „Politically Incorrect“, „SoE“, lernt man in jedem zweiten Beitrag: Das „linksreaktionäre Gutmenschenpack“ (Broder) hat alles verbockt. Es verdient nicht mehr nur ein bisschen Häme, sondern eher eine handfeste Abreibung.

Diese Radikalisierung muss man sich mal genüsslich ausbreiten. Ausgerechnet ein friedlich-freiheitsliebendes, humanistisch gebildetes und aufgeklärtes Wesen soll an der Krise des Abendlandes schuld sein. Dass er annähernd edel, hilfreich und gut sein wollte, muss sich der Gutmensch nun als Vorwurf gefallen lassen. Komische Zeiten. Wer möchte, kann ja mal versuchen, seinem Kind zu erklären, warum der Gutmensch als verdächtiges Subjekt gilt. So ein Kind ist ja nicht nur eine Art Ur-Gutmensch, sondern oft auch naseweis und wird deshalb fragen, ob auch „Du Richtigmacher!“ oder „Du Schöngesicht!“ Schimpfwörter wären. Und ob man selbst nicht auch zu den Gutmenschen gehört, Papa mit seinem Fahrradkorb, Mama, die die muslimische Nachbarin im Treppenhaus grüßt? Schwierige Sachlage. Die Zeit, als man über den Gutmenschen milde gelästert hat, ist jedenfalls vorbei. Aus der Karikatur ist ein Steckbrief geworden. Wen die Plattform politically-incorrect.de als „Gutmensch“ entlarvt, prangert sie mit Foto und E-Mail-Adresse an und empfiehlt ihren angeblich 50 000 täglichen Besuchern, ihm die Meinung zu geigen. Sieht man sich ihre Vorwürfe an die Gutmenschen an, trifft diese Kritik die ganze Mitte der Gesellschaft und auch alle großen Parteien. Überspitzt gesagt: Fast jeder, der nicht vom BND beobachtet wird, hat Chancen, in irgendeinem Bereich als Gutmensch denunziert zu werden.

Wer sind die, die sich da so bereitwillig auf den friedlichen Gutmenschen als Bedrohung einigen? Im besten Fall nüchterne Realos, die ihm sein klischeehaftes Weltverbessernwollen übelnehmen. Im schlechtesten Fall sind es Menschen, die das Leben hier trotz friedlicher Zeiten bitter gemacht hat und denen alles Weiche verdächtig vorkommt. Der neue und wachsende Mittelbau der Gutmenschgegner aber besteht aus denen, die sich gerne und seit Sarrazin verstärkt damit schmücken, politisch unkorrekt zu sein. Sie halten sich zugute, das auszusprechen, was viele insgeheim sagen wollen. Sie hinterfragen krampfhaft die herrschende Gesinnungsethik und simulieren damit progressives Denken. Kommt einem bekannt vor? Klar, im Grunde benehmen sie sich wie der alte Gutmensch mit seiner Mülltrenn-Propaganda. Die Gutmenschgegner sind genauso nervige Verkünder eines vorgeblich gesünderen Menschenverstands, nur dass sie in ihren Online-Teestuben sehr heftig mit den Säbeln rasseln.

Das Rasseln, der Grabenkampf in den Webforen, sogar die hasserfüllte Platte „Gutmensch“ der Rechtsrockband Weisse Wölfe könnten einem egal sein, wäre da nicht die vage Ahnung, dass es einen selbst angeht, dieses neue „Du Gutmensch!“. Wer noch keine Angst vor Überfremdung hat, zwischen Muslim und Islamist noch Unterschiede macht oder an das Gute im Menschen glaubt, ist gemeint. Dabei sind ökologische, nachhaltige, solidarische und nicht-xenophobe Ansätze doch längst Allgemeingut geworden – ohne dass man sich besonders dafür hätte engagieren müssen. Teilen, Partizipieren, Versöhnen, Krötenzäune aufstellen, das lernt man in der Grundschule. Der Gutmensch ist, zumindest in der Lightversion, das, was man erwartet, wenn man beim Nachbarn klingelt, um ein Päckchen abzuholen. Wenn dieser Normalzustand jetzt von Bloggern, von Suv-Fahrern und Islamkritikern, von Neonazis und allen anderen Unzufriedenen unter Generalverdacht für alles gestellt wird, was im Land schiefläuft, fehlt dem Gutmenschen erstmal schlicht die Erkenntnis, dass er gemeint sein könnte. Wenn ihm das dämmert, fehlt ihm mangels Übung die Kampfkraft, sich zu verteidigen. Er ist einfach da, lebt, liebt, lacht und will niemandem etwas Böses. So einer ist eigentlich nicht satisfaktionsfähig. Wer sich trotzdem dauerhaft an so einem harmlosen Gegner abarbeitet, kann seinen eigenen Waffen nicht allzu sehr vertrauen.
(Erschienen im September 2011 in der Süddeutschen Zeitung)

Januar 12th, 2016

Über das Ende der Plattensammlung

Die Band Phoenix hat eine Weihnachtssingle veröffentlicht. Zusammen mit Bill Murray und für einen guten Zweck. Eigentlich ein ziemlich perfektes Geschenk. Diese Single ist entweder als 7-Inch oder als Download zu erwerben. Irgendwie also doch kein so perfektes Geschenk mehr. Das eine Format ist zu speziell, das andere zu banal. Aber so wird Ende 2015 offenbar Musik vertrieben als Uralt-Vinyl oder Datenhaufen. Und irgendwo zwischen diesen beiden Extremen ist in den letzten fünf Jahren meine Plattensammlung verschwunden.

  Den Anfang machte eine wuchtige Kompaktanlage mit CD-Player am zehnten Geburtstag. Es war das Jahr 1990, CDs waren eine Botschaft direkt aus der Zukunft. Laser. Das irisierende Funkeln der Scheiben. Die Digitalzahlen. Keine Frage: Ich war im Besitz von Premiumtechnologie. Es gab auch zwei CDs dazu, Scorpions und eine obskure Tote-Hosen-B-Single. Ich schob die Erich-Kästner-Kassetten zur Seite. Platz für Scorpions und die Zukunft.

  In den nächsten 15 Jahren kamen zu den zwei CDs etliche Tausend Stück dazu. Jede einzelne Platte war ein Stück von einem wunderbaren Puzzle, das niemals fertig war. Ich kaufte eine, und wenn ich sie gehört hatte, wusste ich, dass mir fünf fehlten. Zum Glück gab es so viel davon und zum Glück gab es keine Frage, wie Musik dargereicht werden sollte: Innerhalb von wenigen Jahren hatte sich die ganze Welt auf ein Format geeinigt, niemand diskutierte über den Träger, sondern über das, was er trug – die Musik. Und wenn die CD das Pferd war, war die Kassette der alte Esel. Das gutmütige Lasttier, mit dem man nach einem beherzten Tastendruck aufnehmen konnte, was im Radio lief. Und weltbeste Mixtapes anfertigen, die jeden Besitzer einer hoffnungsvollen Plattensammlung in die Lage versetzten, Mädchenherzen anzuweichen. CD und Kassette waren ein gutes Team. Ich und die Musik waren ein gutes Team. Es hätte immer so weitergehen können.

  Platten sammeln macht glücklich. So wie jede Sammelleidenschaft, die nie an ein logisches Ende stößt. Ziemlich bald spürt der Sammler die Gegenwart seiner Sammlung als etwas viel Größeres als er selbst. Er begreift sich ab dann nur noch als Pförtner einer Welt. Sieht man sich die Porträts der großen Plattensammler im Mammutwerk „Dust  & Grooves“ (erschienen bei Eden) an, steht ihnen allen das gleiche, leicht desperate Glück ins Gesicht geschrieben. Niemals genug und immer in Sorge. Alle in der Gewissheit, dass ihr eigenes Schicksal untrennbar mit den Regalen in ihrem Rücken verknüpft ist.

  Das ist vielleicht der Unterschied zu anderen Sammlungen. Neben dem haptischen Anhäufen von Zeug gibt es hier eben die Musik selbst, deren Töne mit jeder Lebensminute verknüpft sind. Es müsste immer Musik sein, lautet eine alte Popforderung. Sammler arbeiten seriös daran.

  Anfangs kaufte ich eine CD pro Monat, später zehn, später noch mehr. Mit meinen Kumpels machte ich Listen: Platten, von denen wir uns wünschten, dass sie ins Nice-Price-Programm aufgenommen würden. Platten, von denen wir jede einzelne Single noch mal zu Hause hatten. Jahrescharts, Monatscharts, Forever-Best-Charts. Weil die Musik so wichtig war, war es natürlich wichtig, sie auch zu besitzen. Erst so konnte sie nah ans Herz wachsen. Man musste sie Tag und Nacht streicheln können. Die Zimmer, die ich seit meinem zehnten Geburtstag bewohnte, sahen immer gleich aus: CDs in kniehohen Stapeln auf dem Boden, CDs in Bücherregalen, zweireihig, weil keines der CD-Regale je groß genug war. Die wichtigsten hundert als silberner Scherbenhaufen vor der Stereoanlage. Wenn ich eine neue Liebe hatte, lernten sich auch die Musiksammlungen kennen und verschmolzen miteinander.

  Die Veränderung begann irgendwann um das Jahr 2005. Ich zog um, watete durch eine Dünenlandschaft aus CDs, Kassetten und etwas Vinyl. Ausgebreitet war meine Sammlung ein schönes Ungeheuer, zweieinhalbzimmergroß. Bei 2nd-Music um die Ecke verkaufte ich 400 Platten, Sachen, die ich doppelt hatte oder Seltsamkeiten wie das Spätwerk von Ocean Colour Scene. Vom Plattenhändler bekam ich damals ungefähr 800 Euro, und beim Rausgehen sprangen mir ein paar unerhört schöne Smiths-Singles in die Arme. Vom restlichen Geld kaufte ich mir den ersten iPod. Das kleine wunderweiße Gerät aus Kalifornien war das trojanische Pferd, das nach und nach meine Plattensammlung niedermetzeln würde. Aber das wusste ich noch nicht. Im Gegenteil: Premiumtechnologie, dachte ich mir.

  Ich begann, das analoge Ungeheuer zu digitalisieren. Eine mühsame Angelegenheit, weil anfangs die Titel noch per Hand eingetragen werden mussten. Die Sonntage verbrachte ich nicht mehr mit Mixtapes und Booklets, sondern ärgerte mich mit

iTunes herum. Nach einem Jahr waren immer noch erst ein paar Hundert CDs auf der Festplatte, ein willkürlicher Teil der Sammlung. Ein Ausschnitt von diesem Ausschnitt passte auf den iPod. Wollte ich eine gesunde Rotation haben, musste ich regelmäßig Platten aus dem Schrank in den Rechner und aus dem Rechner auf den iPod ziehen. Musikhören war komplizierter geworden und die Rechnung: Platte + Anlage = Musik auf einmal zu wenig. Dank Touchscreen begann ich, den Kontakt zur Musik zu verlieren. Ganz wörtlich, aber eben auch inhaltlich. Ich wusste nicht mehr, welches Cover zu welcher Platte gehörte, welche Songs zu welchem Album, von der Stöpsel-Qualität ganz zu schweigen. Egal, es sollte ja immer Musik da sein. Und das war sie.

  Dann war auf dem Computer die Festplatte voll. Ein Kumpel schenkte mir eine neue, er hatte auch schon ein bisschen Musik draufgepackt. Sehr nett, aber fatal. Ich würde fortan nie wieder Übersicht haben. Das war vielleicht der Moment, wo kurz die Sammleralarmglocke losging, aber ich hörte nicht darauf. Aus dem aktiven Musikhören wurde in kurzer Zeit ein passives, unmündiges Datenhaben. Es war auch die erste Musik, die ich nicht mehr physisch besaß. Wollte ich einen Song davon auf einer Party spielen, musste ich ihn mühsam verdinglichen. Es begannen sich Rohlinge zu stapeln und hässliche ausgedruckte Cover. Musikliebe, das war auf einmal etwas Selbstgemachtes mit Computern.

  Meine Regale standen immer noch in der alten Fülle um die Anlage herum, aber ich hielt mich nicht mehr dazwischen auf. Stattdessen schob ich Dateien, machte Player-Updates und Speicherplatz frei und fing an, Musik übers Netz zu kaufen. Es war verlockend, auf diese Weise ganz Neues oder Rares zu ergänzen. Dann entdeckte ich Bands auf Myspace. Frische Musik, die nur noch als Link existierte, flüchtig, nicht besitzbar und nicht zu streicheln.

  So etwa im Jahr 2010 hatte ich immer noch unfassbar viel Musik um mich, aber als heilloses Durcheinander. Auf Vinyl, auf CD original und gebrannt, auf Kassette und damit ohne Abspielmöglichkeit, auf meiner Festplatte mit und ohne Kopierschutz, privat und im Büro, als Bookmarks, auf dem Laptop und auf diversen MP3-Players, die inzwischen so günstig waren, dass ich sie benutzte wie Starbucks-Kaffeebecher: Einmal füllen und go! Aus einer Sammlung war ein Sammelsurium geworden. Aber schließlich, sagte ich mir, ist Musik was Lebendiges. Ich wollte mich nicht mit den CDs auf dem Dachboden verkriechen und aus der Zeit fallen.

  Als eine gute Freundin 30. Geburtstag hatte, wollte ich ihr, wie wir es seit Jahren hielten, ein Jahr beste Musik schenken. Anfangs hatte ich das auf Kassette gemacht, später brannte ich ihr CDs, was uns beiden schon nicht besonders gut gefiel. Jetzt schenkte ich ihr einen kleinen MP3-Player voll mit Musik. Der klägliche Endpunkt einer großen Mixtape-Liebe. So ein Ding hat im Alltag keine zwei Jahre Lebenszeit. Wie soll man da ewige Songs konservieren?

  Einer der Plattenfreunde von damals erzählte mir, wie er seine ganze Sammlung gerippt und alle CDs verkauft hatte und wie befreiend das gewesen sei. An dem Abend ging ich zum ersten mal seit Jahren bewusst durch die staubigen CD-Schluchten. Die Scheiben sahen klein und alt aus, überhaupt nicht mehr nach Zukunft, sondern nach Vogelabwehr in Kirschbäumen. Als ich eine einlegte, stellte ich fest, dass die Lautsprecher der Anlage gar nicht angeschlossen waren, seit ich sie mal in der Küche aufgebaut hatte. Das war ein halbes Jahr her. Wie konnte aus einer Lebensbeschäftigung in wenigen Jahren Wurschtigkeit werden, und das obwohl ich mich immer noch heiß für Musik interessierte?

  Statt alles zu vereinfachen hat die Technik alles verwirrt. Ich konnte mir nicht merken, welche iTunes-Käufe ich auf welchem Rechner spielen durfte, welche Teile welcher Festplatte ich noch kopieren musste, dann gab es Ärger mit der Kreditkarte oder dem Passwort, ich lud woanders, anderer Player, neue Songlist, anderes Format. Myspace war schon wieder verschwunden, ich war bei Soundcloud angemeldet, streamte britische Radiosender, aber was auch tönte, es schien immer nur Zwischentechnologie zu sein. Jedes halbe Jahr gab es im Netz was Neues, wo Musik rauskam. Irgendwann hatte ich viele Musikdateien doppelt, anderes war unbeschriftet und damit unbrauchbar, und manches, was ich hören wollte, fand ich nirgends mehr auf meinem Rechner und hatte vergessen, wo diese Platte in meiner Sammlung stand – oder ob ich sie überhaupt besaß. Wollte ich ein Lieblingslied hören, googelte ich es lieber, bevor ich lang in meinen Verzeichnissen schürfte. Ich digitalisierte nichts mehr, kaufte kaum mehr CDs und auch keine Downloads. Der andere Plattenfreund fing an, alle CDs noch mal in Vinyl kaufen. Heute ist seine Sammlung nur noch eine Art Denkmal seiner früheren Sammlung. Bei mir waren in fünf Jahren kaum fünfzig neue CDs dazugekommen, alles was wichtig und neu war, lag in unterschiedlichen Aggregatszuständen irgendwo. Die Regale standen unverändert, aber es war, als würde ich die Sprache meines besten Freundes nicht mehr sprechen. Dann rauschte mein Hauptrechner ab und riss alles mit sich. Der neue Computer hatte nicht mal mehr ein CD-Laufwerk, und von meinem ersten iPod war das Ladekabel seit Langem kaputt. Er liegt seitdem da, als kleiner weißer Sarg voller Musik, die niemand mehr jemals hören wird.

  Es ist ein Unterschied, ob man eine Platte nur jahrelang nicht aus dem Regal zieht oder ob man seine Musik nach und nach digital verschludert. Bei 2ndMusic verkaufte ich aus Platzgründen noch mal 300 CDs und bekam 100 Euro dafür. Der Händler sagte, er werde wohl bald keine CDs mehr ankaufen. Niemand stand in dem Geschäft und ließ Finger über die Kanten rattern. Das Prinzip Musik-CD war nach 25 Jahren am Auslaufen. Okay, aber was jetzt? Wie würde man sie, theoretisch, heute sammeln? „Ich würde es mal so sagen, dem Plattensammler eröffnen sich heute neue Möglichkeiten, er kann sich in einer Nische spezialisieren und muss vielleicht nicht hundert Regalmeter vollmachen, weil er den Rest zum Beispiel in der Cloud hat. Er muss sich entscheiden, welche Formate ihm liegen“, sagt Florian Drücke, Geschäftsführer des Bundesverbandes Musikindustrie. Vielleicht ist Musiksammeln aber auch unnötig geworden. Weil Musik immer da ist.

  Wie bei Spotify. Das war schön einfach. Ich musste nur ins Suchfenster eingeben, was ich hören wollte. Es gab Musik, die ich seit Jahrzehnten im Ohr hatte, verloren geglaubte, innig geliebte Songs, es war alles da. Nur wo eigentlich? Egal! Ich saß Nächte vor dem Rechner oder streamte mir was auf eine dieser Lautsprecherboxen, die wie ein Zahnputzbecher im Regal stehen. Es war kein Schatz, es war nicht meine Musik. Es war eher individuelles Dudelradio, nur davon abhängig, ob man Wlan hatte. Von Besitzen war gar nicht mehr die Rede.

  Heute weiß ich eigentlich überhaupt nicht mehr, wie ich zur Musik „Ich liebe dich“ sagen soll. Ich habe so ungefähr zehn digitale Sammlungsfragmente. Die Reste meiner echten Sammlung stehen tatsächlich auf dem Dachboden, Platten in Kisten. Ich würde meiner Schwester an Weihnachten gerne ein paar Lieder schenken, aber ich weiß wirklich nicht genau wie und schäme mich dafür. Ich bin immer der Musikbruder gewesen. Aber Download oder 7-Inch? Wahrscheinlich werde ich einfach mit ihr auf mein Smartphone starren und die Lautstärke voll aufdrehen, bis zur Werbeunterbrechung. Nur, Musikzeigen hat wirklich gar nichts mehr mit dem Plattenhören von früher zu tun.

 

(erschienen in der Süddeutschen Zeitung)

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