Max Scharnigg

Über Dinzler am Irschenberg

1. Juli 2014 · Keine Kommentare

Der Irschenberg ist ja eigentlich ein topographischer Bandscheibenvorfall. Ein allgegenwärtig wunder Punkt aus den Verkehrsnachrichten, ein stets sorgenvoll erwartetes Hindernis für den Autofahrer. Zugute halten muss man dem asphaltierten Hügel aber, dass er auch stets die erste Aussicht auf die richtigen Berge bietet und damit eine frühe Verheißung jenes Urlaubs ist, dem man auf der A8 so oft entgegen eilt. Auf dem Rückweg ist er die Schwelle ins Zuhause, man rollt ihn dann hinab in die Heimat, wohlwissend, dass es von hier höchstens noch ein oder zwei Baustellen bis nach München sind. Der rührige Kaffeeröster Dinzler hat sich vom Auffahrunfall-Charme des Irschenbergs nicht abschrecken lassen, sondern versucht, die Schönheit dieses neuralgischen Punktes herauszuarbeiten. So fährt der Besucher also am Scheitel ab, vorbei an den dürftigen Attraktionen der Autobahnraststätte und auf den großzügigen Dinzler-Parkplatz, neben dem der Hauptsitz des Unternehmens mit gewissem Feinsinn in den Hügel eingefügt wurde. Innen durchwandert er zunächst die großzügige Kaffeebar, von der aus es direkt hinüber in die Rösterei geht. Hier lässt sich schon gut gut verweilen, schließlich kann man dabei zusehen bzw. zuriechen, wie sich Dinzler seinem Kerngeschäft widmet: Dem Veredeln von hochwertigen Bohnensorten, die in feine Tüten verpackt von hier aus ihre Reise in die Maschinen der Kaffeekenner antreten. Eine Etage über dem Café erstreckt sich das Restaurant, das auch bei zähfließendem Verkehr in beiden Richtungen noch genug Stauraum bieten dürfte, so weitläufig ist es. Dank der aufwändigen Einrichtung mit viel Shabby- und Industrial-Mobilar stellt sich in der Halle aber durchaus so etwas wie ein angenehmes Raumgefühl ein, der Blick in die Berge tut sein Übriges. Große Tische aus Altholz, Vintage-Turnböcke mit cognacbraunem Leder – Dinzler trifft mit seinem Interior ganz gut den aktuell angesagten Kontorstil und das passt ja auch irgendwie zur authentischen Manufakturseele des Ortes. Die Kellnerinnen haben mit der Weitläufigkeit allerdings ein wenig zu kämpfen, obwohl das Restaurant an diesem Mittag nicht besonders stark besucht ist, dauert alles ein bisschen zu lang – zu lang jedenfalls, um zum Transitcharakter des Irschenbergs zu passen. Aber das Weiterfahren hat man hier ohnehin schnell vergessen, Kinder spielen im Garten, Einheimische treffen sich zum Mittagessen und auch die Speisekarte bewegt sich wohltuend jenseits von allem, was man sonst in unmittelbarer Autobahnnähe angeboten bekommt. Klar, dass Getränken ohne Alkohol hier ein besonderes Augenmerk zuteil wird, von Apfelquittenschorle liest man und hausgemachter Waldmeisterlimonade. Her mit den interessanten Kracherl! Die Schorle ist ausgesprochen gut, das Waldmeisterzeug aber eher nicht hausgemacht, sondern sehr brausepulvrig und mit 14 Eiswürfeln doch etwas überfrachtet.

Die Spargelcremesuppe umgeht dann die vier häufigsten Fehler, die meistens in Tateinheit mit Spargelcremesuppe begangen werden und hat dafür mit saftigen Lachspovesen auch noch eine markante Einlage, zusätzlich zu den pünktlich gegarten weiß-grünen Spargelstücken. Sie war jedenfalls der bessere Einstieg als der Spargel-Rucolasalat. Bei dem ist die Rauke zu scharf, sie macht die dünn gehobelten Spargelspäne deshalb mühelos nieder – auch weil denen kein ordentliches Dressing zu Hilfe eilt. Das Erste, was der Maibockrücken über einem kleinen Irschenberg aus Morchelrisotto dann für sich in Anspruch nehmen darf, ist dass man derlei noch nie in der Nähe eines LKW-Parkplatzes serviert bekommen hat. Der Teller ist grundsätzlich in Ordnung, die Details sind etwas unscharf. Das Risotto zu körnig und vermutlich nicht die beste Sorte, an Butter und Käse wurde gespart, das Wild selbst ist eine Kitzligkeit zu trocken aber dafür recht nett beträufelt. Wesentlich goldener glänzt das Kalbsschnitzel, das durchaus eine Zierde seines Vereins ist. Akribisch dünn geklopft und mit einer so vollmundigen Panierung, die eben keine Panade ist, dass der Gaumen keine weiteren Beilagen verlangt.

Den allgegenwärtigen Kaffee danach nimmt man stimmungsvoller unten ein, wo die Röstschwaden köstlich wabern und die Vitrinen mit süßen Kleinigkeiten gefüllt sind. Der Espresso ist erwartungsgemäß über jeden Zweifel erhaben, wer Richtung Italien fährt könnte hier schon durchaus ins Wanken geraten. Klar ist, die Preise für diesen besonderen Autostopp liegen über dem Budget, das man sonst dafür einplant. Rechnet man aber die gewonnene Gemütsruhe und die Glückshormone dazu, die ein sorgfältig zubereitetes Essen ausschüttet, ist das Preis-Leistungsverhältnis durchaus gewahrt. Weil alles soliebevoll gemacht ist, lohnt sich ein Halt auch ohne großen Hunger und gerade für Familien mit akuter Quengelproblematik auf dem Rücksitz dürfte das Dinzler-Land eine schöne Exit-Strategie sein. Ein Tütchen frisch gemahlenen Kaffees, vielleicht den herrlich milden Äthiopischen Mokka, sollt man sich beim Hinausgehen natürlich auch noch mitnehmen. Wirkt im Auto besser als jeder Duftbaum.

 

(erschienen in der Süddeutschen Zeitung)

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Über Essen auf dem Zauberberg

18. Mai 2014 · Keine Kommentare

 

„Wenn neben dir jemand stirbt, das merkst du gar nicht. Und der Sarg wird in aller Frühe gebracht, wenn du noch schläfst, und abgeholt wird der Betreffende auch nur zu solchen Zeiten, zum Beispiel während des Essens.“

Derart appetitlich steht es im „Zauberberg“ und auch auf die Gefahr hin, eine Bildungsbürger-Phrase zu benutzen: Man sollte das Buch bei Gelegenheit mal wieder zur Hand nehmen. Es ist viel flotter, als man sich das aus der Schulzeit noch zurecht erinnert. Guten Anlass für ein Wiederlesen bietet eine Reise zum Schauplatz nach Davos, das sich heute unter anderem mit dem Attribut „höchstgelegenen Stadt Europas“ schmückt. Wobei der Ort das mit der Stadt schon sehr wörtlich nimmt und also auch viel mehr Architektur-Tristesse bietet als sonst eine Schweizer Bergdestination. Der einstige Tuberkulosetourismus wurde jedenfalls, wer kann es den Davosern verdenken, schon lange und mit Freude und viel Beton gegen den großen Skizirkus eingetauscht. Als eines der wenigen gebliebenen Zeugnisse der Luftheilung steht die Schatzalp majestätisch über Davos. Geldmangel hat die schöne Anlage einst vor dem Abriss bewahrt, der viele andere Sanatorien ereilte. Heute muten die erhaltene Jugendstilarchitektur mit den langen Zimmerfluren in denen Hotelgäste wandeln, die herrlichen Balkone und die kurios altmodische Lobby mit Telefonkabinen und Käfig-Aufzug sehr romantisch an. Diese Schatzalp ist zwar nicht das Orginal-Sanatorium das Thomas Mann vor Augen hatte, aber es passt mit seiner solitären Lage zwischen Wald und Berg eigentlich viel besser in die Phantasie des Lesers. Herzstück ist der Belle Epoque Saal, in dem jeden Abend Restaurant gehalten wird. Hier lassen sich Literaturreisende, Nostalgiker und natürlich die Hotelgäste der Schatzalp in freudvoller Erwartung und großer Garderobe das Abendmenü servieren, ganz so, wie es Hans Castorp einst Abend für Abend einzunehmen pflegte und dabei kaum wagte, hinüber zum „guten Russentisch“ mit Madame Chauchat zu blicken.

Heute geht derlei natürlich eine Reservation per E-mail voraus, die auch sogleich in allerbester Schweizer Hotelschule und mit vielen freundlichen Worten bestätigt wird. Derlei sollte man sich trotzdem immer ausdrucken, denn das nicht für möglich Gehaltene tritt ein, als der Abend schließlich gekommen ist: Keine Reservation auf ihren Namen! Ein jäher Einbruch der Hochstimmung, in welcher man in kalter Schweizer Nacht auf den Berg gefahren ist, die Dienste der Standseilbahn in Anspruch nehmend. Der Fauxpas ist allerdings nicht weiter schlimm, denn wie der Saaldiener nach einigem Gehüstel zugeben muss, ist der halbe Raum leer, nur eben, die Tische an den Fenstern zum Tale sind belegt. Nun gut, der Saal an sich ist ja auch genug Erlebnis. Das Beste daran ist die schiere Weite, die durch die Spiegel an den Wänden noch mal vergrößert wird, dazu die elegant eingedeckten Tische mit Kerzenleuchter und ein bisschen Damast – so effektvoll, dass man geziert einen Kratzfuß vor der Kellnerin macht. Die Hausgäste trudeln dann ein, wie es nur Hausgäste tun – ein bisschen zu leger, ein bisschen zu trudelig, die halbe Flasche Wein von gestern noch auf dem Tisch, aber das gibt dem riesigen Raum immerhin einen wichtigen Anstrich von Lebendigkeit und Internationalität.

Das Menü beginnt mit einer winzigen Quiche vom Davoser Käse und Nüsslisalat, was eine nette Sache ist, allerdings etwas zu kalt, das Ganze. Bei der Wild-Consomée mit Gemüsejulienne schleichen sich erste Zweifel ein, ob das Menü mit den hochgesteckten Erwartungen und Frisuren ringsum mithalten kann. Eine mäßig kräftige Brühe mit einem paar Kubikmillimetern Gemüse darin, so was mag als heißer Schluck während der Liegekur auf dem Balkon serviert werden, aber als zweiter von vier Gängen – nicht ganz Belle Epoque. So erwartete man mit aufkeimender Panik den Hauptgang, beruhigt sich mit dem guten Pouilly Fumé Villa Paulus, die Flasche zu hochliterarischen 60 Euro, und wagt nicht, hinüber zum schlechten Deutschentisch zu blicken, wo das Essen schon eingetroffen ist. Der Kaninchenschenkel mit Püree und Tomaten-Olivensoße ginge dann als guter Teller durch, säße man in der Betriebskantine. Umrahmt von Stuck und Lüster wollen die allzu fruchtige Tomatenpfütze, der Klecks Püree und die, nun ja, kleine dumme Hasenkeule so gar kein nobles Bouquet entfalten. Es ist offenbar, dass sich die Küche hier eher als Vollpension-Erfüller versteht, wobei auch damit das Gebotene hinter Gepränge und Auspreisung des Ortes zurück steht. 60 Euro werden immerhin für die vier Nichtigkeiten pro Person aufgerufen. Dafür erwartet man keine Sterneküche, aber spürt doch eine herbe Enttäuschung, dass die Teller die überall geschürte Eleganz und eben das omnipräsente Thomas-Mann-Niveau gar nicht erfüllen wollen. TM wäre auch niemals an ein Dessert-Büffet getreten, schon gar nicht an eines, das in diesem Zustand ist: Ledrige Pfannkuchen, angeschmolzene Eiscreme in der klumpige Löffel stecken, dazu eine kleine Auswahl Cremes und eine Schüssel Obstsalat, herrje. Gezaubert wird hier auf dem Berg also nicht. Immerhin kommt man aber auch spätnachts wieder mit der Seilbahn runter und muss nicht auf den Sarg zurückgreifen.

(erschienen in der Süddeutschen Zeitung)

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Über das Schweinsbräu in Glonn

14. April 2014 · Keine Kommentare

Vielleicht sollte an dieser Stelle zunächst kurz über die Beleuchtung in Restaurants gesprochen werden. Es ist da meistens zu hell. Die wenigsten wollen doch abends am Wirtshaustisch komplizierte Häkelarbeiten oder perspektivische Bleistiftzeichnungen anfertigen. Viel wahrscheinlicher sind Anlässe romantischer und sonst wie inniger Natur, die in gedämpftem Lichte viel besser zu bewerkstelligen wären. Gute Bars dunkeln deswegen mit jeder Stunde auch ein wenig die Lampen nach und halten so mit dem natürlichen Verfall ihrer Gäste Schritt. In Gaststätten geschieht derlei selten und die unseligen EU-Neubirnen haben viele Räume noch zusätzlich sterilisiert.

So kann es sein, dass man in einer eindrucksvollen Tenne wie der des Schweinsbräu sitzt, einer haushohen Kathedrale aus schön bearbeitetem Holz und trotzdem sägt ein winziges aber sehr helles Halogen-Lämpchen überm Tisch am Stimmungsast. Nun ja. Sonst ist es ja sehr schön, auf dem Mustergut des geläuterten Fleischfabrikanten Karl Ludwig Schweisfurth, der hier bei Glonn seit 30 Jahren mit großem Aufwand und Getrommel nachhaltige und ökologische Landwirtschaft und Tierhaltung vormacht. Die Früchte dieser Arbeit sind im Hofladen, in den eigenen Filialen in der Stadt und eben in gegarter Form im Wirtshaus auf dem Gelände zu bestaunen. Bei Tageslicht ist das Gut ein wirklich reizender Fleck Oberland, bei Nacht tapst man ziemlich ungefähr zwischen den nachtschwarzen Stallungen und dem Parkplatz herum. Immerhin lockt in Leuchtschrift das Wirtshaus-Schild, dahinter wartet aber wie gesagt, eher ein Wirtshaus-Loft im ersten Stock. Mit ihren massiven Tischen und der gefälligen Tierkunst an den Wänden hat die Halle aber durchaus Charakter. Nur die Tischdeko darf überarbeitet werden, am besten ganz gestrichen, Stechblatt und Ikea-Windglas-Kerze passen nicht zum handfesten Charme des ganzen Unternehmens, das sein selbst gebrautes Bier – eben jenes Schweinsbräu – natürlich auch mit dem Attribut „saugut!“ bewirbt. Selbiges kommt auch als erstes an den Tisch und schmeckt dickhopfig und voll bei gut goldtrüber Farbe. Die Karte zeigt dann, dass das Wirtshaus-Schild eher irreführend war. Mittags hätte es Krustenbraten gegeben, abends greift Koch Thielemann in der offenen Küche aber eine Etage höher und schickt erst mal einen Küchengruß. Ein feiner Fleischsalat, der eher ein pulled pork tonnato ist, aber ziemlich großartig. Der Kellner ist übrigens ein Ausbund an Nettigkeit und schleppt in Folge gleich den ganzen Kalbsrücken durch das Interieur, um ihn stolz am Tisch zu präsentieren. Der Einsatz liegt vielleicht aber auch daran, dass das abgelegene Schweinsbräu an diesem Abend unter der Woche nur spärlich besetzt ist. Spärlich ist auch der Unterhaltungsgrad der Steckrübensuppe, aber das liegt wohl in der Natur der Sache. Die Steckrübe, ob ökonachhaltig gezogen oder nicht, tut sich meistens schwer, wenn sie ein Soloprogramm spielen soll.

Bis der Kalbsrücken dran ist, gibt es aber noch ein wirklich sehenswertes Intermezzo in dem ein Carpaccio von der Amalfi-Zitrone und kross gebratene Scheiben Salsicce involviert sind. Ein unerwarteter Gaumensalto hier in der Wirtschaft zwischen den Moränenhügeln, aber gelungen! Die milde Zitrone und die gar nicht milde Wurst kämpfen in einem harmonischen Fingerhakeln um die Vorherrschaft auf der Zunge und gemahnen dabei knallig an den Frühling. Der Rücken wurde natürlich am Knochen gebraten und als Kotelett serviert, jede Unze vom mühsam erzüchteten Fett soll schließlich erhalten bleiben und gerade an diesen Rändern erkennt man die besondere Qualität des rosigen Fleisches. Das Fett ist von luzider Textur, gleichzeitig aber Geschmackbotschafter voll Saft und verlangt von seinem Esser nichts anderes als Andacht. Von den Beilagen in Form von ein paar guten Ofenartischocken und Kartoffeln wird man auch nicht allzu sehr abgelenkt. Mit 34 Euro ist das kleine Manufaktur-Kotelett denn auch ausreichend bezahlt und erfüllt genau den erwünschten Herrmannsdorfer-Effekt: Wenn schon Fleisch, dann bitte schmerzhaft gut und teuer. Auch die ebenfalls gekosteten Schweinebäckchen sind ein schöner Teller. Nicht nur, dass dieses Gericht Hinweis auf das Bemühen gibt, das geschlachtete Tier möglichst ganz zu verwerten, gut in Rotwein geschmort in sind die Dinger auch eine wahre Delikatesse. Weil es keine Getränkekarte gibt, bleibt dieser Teil des Abendessens eher unkreativ beim Bier hängen. Der nette Kellner bietet zwar an, alle Getränke aus dem Kopf runterzurattern, aber das ist ja auch nicht der Sinn der Sache. Später verrät er noch, nicht nur Kellner sondern auch Likörfabrikant zu sein, aber diese Probe seines Könnens muss aufs nächste Mal verschoben werden. Die Nachspeise bot schließlich schon süßen Wahn genug, mit Schokoladenpastete und Rahmtopfen-Creme nebst allerlei tropischer Früchte, die sicher nicht vom Hof stammen. Muss dieses Duett eigentlich immer sein? Muss jedes Mousse, Parfait, Schaum, Röllchen immer von exotischer Obstsäure abgerundet werden? Warum? Diese Frage konnte auch im Halogen-Licht nicht ganz erhellend beantwortet werden.

 

 

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Über das neue Draußensein

14. April 2014 · Keine Kommentare

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Multifunktionsjacke. Das war mal ein veritables Mode-Schimpfwort. Es klang nach verregneter Wanderung durchs deutsche Mittelgebirge, nach rüstigen Rentern, Tchibo-Sonderfläche und eben diesen pflichtaktiven Menschen, die zwar sympatex waren, aber nicht sympathisch. Eine solche, schön schmähbare Multifunktionsjacke sucht man in dem gerade erschienen Buch „The Outsiders“ aus dem gestalten-Verlag vergeblich, obwohl es auf den 260 Seiten des Fotobandes um nichts anderes geht als um Menschen, die in Wäldern, auf Bergen und an kalten Stränden stehen. Am Anfang ist die Botschaft dieses gewichtigen Kompendiums rätselhaft, das teils wie ein aufwändiger Produktkatalog wirkt, teils wie ein sehr geschmackvolles Blog oder Facebook-Album. Am Ende ahnt man, dass die neue Outdoor-Ästhetik die hier gefeiert wird, mehr ist als nur eine monothematisch sortiertes Fotoarchiv und dass man auf den Seiten stattdessen einen wichtigen Teil von dem sieht, was ein junges Leben heute ausmacht: Abenteuer- Akquise, gut dokumentiert im Retrofilter.

Klar, das temporäre Verlassen der urbanen Zone und die große Selbstuche in der Natur sind keine neuen Anliegen. Schon Büchner schickte seinen Lenz mitsamt Unruhe des Herzens ja bekanntlich erstmal „ins Gebirg“, die Lebensreformer suchten später auf dem Monte Verità mit Luft und Licht nach besserem Leben und die Original-Hippies ließen sich an einsamen Stränden nieder. Natur als Katalysator, Einsamkeit als Katharsis – alter Hut. Aber die neuen Menschen in diesem neuen Buch zitieren noch mal anders innig dieses nostalgische „Hinaus!“, sie sehen so glücklich aus in ihrer gefunden Wildnis, als würden ihre Sinnesorgane erst im Baumzelt oder im Kanadier richtig funktionieren. Sie sind sehr furchtlos und locker. Keine Funktionsjacken-Verspanntheit, kein Bangen um die Dichtigkeit des Gore-Tex, kein „Oje, Hüttenschlafsack vergessen!“. Nein, sie wirken, als wären sie einfach in Neukölln oder Brooklyn losgelaufen, mit ihren Vollbärten und Karohemden, im sicheren Wissen, dass ihnen die Welt jenseits der Zivilisationsgrenzen genauso gehört wie die Stadt. Sie müssen sich ja nicht mal umziehen. Im herrschenden Chick des Antimodernen, in der großen Sehnsucht nach authentischem Konsum, wertigen Materialien und simpler Funktion, wie sie die breite New-Öko-Bewegung in den Städten hegt, ist das Naturerlebnis fest angelegt. Es sehen ja alle schon im Club aus wie die Trapper und am Wochenende wird dann auch folgerichtig fast ironiefrei gewandert, geklettert oder irgendeine Annäherung an Selbstversorgung gewagt. Keiner lacht! Obwohl also alle weiterhin in die Städte ziehen, sind sie eigentlich keine Stadtfetischisten oder sie sind es nur unter der Woche. Am Wochenende laufen dann auf den sozialen Kanälen Bilder von jenseits der U-Bahnkarte ein, Bilder in denen alle stolz beweisen, dass sie das Einfache genießen können – ein Gipfelkreuz, ein gefundener Pilz, eine Picknickdecke im Sonnenuntergang. Das gute, wilde Leben eben, zwinker.

Genau wie so ein gewissenhafter Blogger reiht das Outsiders-Buch dann auch zwischendurch mal die verwendeten Produkte aus den Stimmungsbildern auf, zeigt die Hammerschlag-Thermosflaschen, Manufaktur-Messer und schnörkellosen Jacken aus gewachster Baumwolle und nennt die Marken. Denn das sind natürlich Statussymbole, dezent und funktional genug, um nicht als solche zu wirken und allesamt versehen mit rührenden Entstehungsgeschichten fürs Lagerfeuer. Eine schöne Jacke des britische Outdoor-Schneiders Nigel Cabourn etwa, kostet gerne mal 1000 Euro und zitiert in ihrem Schnitt und Materialien die Anoraks der frühen Himalaya-Expeditionen. Eine handgeschmiedete 300-Euro-Axt von BestMadeCompany findet sich heute nicht mehr in den Händen von Holzfällern sonder, das beweisen Interiorblogs, in vielen urbanen Wohnungseinrichtungen als Accessoire, einfach nur weil sie so herrlich schlicht ist. Der „Kanken“-Rucksack des schwedischen Ausstatters Fjäll Räven hat ganze geisteswissenschaftliche Fakultäten unterwandert und wird seit anno dingsbums unverändert hergestellt. Es ist schön, mit diesen ur-schönen Gegenständen dann auch mal tatsächlich im Wald zu sitzen. Schön, schön, schön! Aber ein Wandel ist das schon. Die letzten Jahrzehnte hat sich die Outdoor-Ausrüstung, genau übrigens wie Ski oder Fahrräder, vor allem über sportliche und technische Aspekte verkauft und nicht über ästhetische. Sie war Schutz vor der Natur, sollte dicht machen, aber atmungsaktiv. Heute muss Outdoor-Design emotional ansprechen und ganzheitlich zum Erlebnis passen, deswegen bitte nicht die Multilayer-Jacke aus Bangladesh, sondern lieber der Wollpullover von den Hebriden oder von Opa. Man traut sich wieder offenporig hinaus in die Natur und genießt ihr superauthentisches Design.

Trotzdem wandelt den empfänglichen Betrachter die Atmosphäre dieser versammelten Fotoarbeiten doch sehr an. Auch du, sagen sie, könntest jetzt vor einem schlichten Zelt sitzen, aus zerbeulten Blechflaschen trinken und dabei Colour-Block-Jacken aus gewalkter Wolle tragen. Könntest deinen nostalgischen Lederriemen-Rucksack seiner Bestimmung zuführen, ein kunstvoll lackiertes Kanupaddel schwingen und endlich, endlich Strandgut mit dezenten Kringeln bemalen, wie es die Menschen in diesem Buch tun. Denn man sieht es ihnen an: Morgen gehen sie wieder surfen, klettern, die Welt umradeln, einfach weil sie es können. Multioption eben, statt Multifunktion.

(erschienen in der Süddeutschen Zeitung)

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Über das Fahrrad in der Stadt

31. März 2014 · 1 Kommentar

Ich glaube, die Seele meines Kronans sitzt in seiner Glocke. Während mich das Fahrrad seit acht Jahren tadellos durch die Stadt trägt, blieb das Glockengehäuse jedenfalls von Anfang an stumm. Es gab nur ein zart schepperndes „Sssjä-äl!“ von sich, wenn ich einen Mitmenschen über unsere bevorstehende Kollision informieren wollte. Wenn aber in dem silberne Gehäuse keine Fahrradglocke ist, muss was anderes drin sein, und Själ ist schwedisch für Seele. Ich werde mich hüten, die Glocke zu ersetzen. Als ich das Kronan entdeckte, musste ich es noch aus Stockholm importieren. Zum Glück hatten die Schweden dafür Verständnis. Es war verrückt, aber bei uns gab es damals einfach kein neues Fahrrad zu kaufen, das nach Fahrrad aussah. Was es gab, waren Bikes. Sie standen in den Hallen des Fahrraddiscounters, es waren Mountain-, Cruiser-, Trekking-, Citybikes, sie hatten wulstige Schweißnähte, knallige Aufschriften und ein Arsenal an Aufbauten und Plastikteilen. Man sah ihnen ihren Verfall schon im Geschäft an. Überzüchtete Pferde, die nach zwei Regenwintern an S-Bahnhöfen vor sich hin rosten würden.

„Stellen Sie sich hier ein großes Schild vor, auf dem No Sports! steht.“ Michael Vogt deutet an die Stelle an der weißen Wand in seinem weißen Geschäft. Es ist nicht so leicht, sich hier ein Schild vorzustellen, denn der ganze Laden ist so klar wie die Google-Startseite. Nur ein paar Fahrräder stehen in den Schaufenstern, die allerdings auf die Passanten draußen wie Stopper wirken: Anhalten und gucken. Dabei haben die Räder gar nichts Besonders. Zwei Reifen, Sattel, Lenker, mehr nicht. Und genau dieses „Mehr nicht“ zieht die Blicke ins Fenster und lässt Michael Vogt seit sechs Jahren expandieren. Fünf minimalistische Showrooms seiner Firma stilrad gibt es schon zwischen Berlin und Zürich und es wird nicht dabei bleiben. Vogt deswegen einen Fahrradhändler zu nennen, trifft es aber nicht. Fahrradhändler, flüstert die Erinnerung, sitzen in schlecht gefliesten Läden unter einem Banner der Firma Giant, zugestellt mit halbverpackten Crossbikes, kraftstrotzenden FullSuspenions und den klapprigen Einstiegs-Damenfahrädern, deren Lichtanlage sich nach einem Jahr verabschieden wird. Außerdem sind normale Fahrradhändler ruppig. Sie haben keine Lust auf einen kleinen Service, sie sind immer noch frustriert, weil es Baumarkträder gibt. Eigentlich seltsam: Während sich die Infrastruktur für Fahrradfahrer in unseren Städten schnell verändert, bleiben die Händler und ihre Palette an technisch überrüsteten und anfälligen Rädern die alten. Sie scheinen nicht verstanden zu haben, dass ihr Produkt in der Zukunft noch eine große Rolle spielen wird und es sich lohnen würde, moderner und freundlicher zu sein. Ist ein Auto kaputt, bekommt man am Telefon Reparaturtermine angeboten, später einen Ersatzwagen und hat es am nächsten Tag zurück. Oder jemand sammelt einen an der Straße auf. Für Radfahrer gibt es das nicht. Ein modernder Fahrradservice mit Online-Check-In wäre in den Städten ein Renner, dafür braucht man keine Marktanalysen. Die Radwege sind voll, die Bahn baut zweistöckige Fahrradparkhäuser, 65 Prozent der Deutschen wollen laut Studie in 2014 noch mehr mit dem Fahrrad erledigen.

Mein Kronan hat drei Gänge, Rücktrittbremse und sein schwarzer Stahlrahmen wiegt 20 Kilo. Keine Aufdrucke, keine Schnörkel, kein Sport. Ein Muster von einem Fahrrad aber das Gegenteil von einem Bike. Es transportiert mich zehn Kilometer morgens und zehn abends, quer durch die Stadt, hundertmal hin und her, vorbei an einem Best-of-München: Nymphenburger, Stiglmaier, Königsplatz, Hofgarten, HdK, Friedensengel, Käfer, Endspurt. Auf dem Rückweg rollt der schwere Stahl fast von selbst hinunter zur Isar. Sein massiver Gepäckträger mit zwei Klammern eignet sich, um einen gefangenen Karpfen zu transportieren oder eine Snare-Drum vom Schlagzeug, das kann ich bezeugen. Das Kronan ist mit der Zeit ein bisschen knarzig geworden, aber es steht immer noch gut da, lässt sich vom Regen waschen und wartet auf mich an der Oper, vor der Kneipe, am Baum im Park. Ich kenne jedes seiner Teile, es hat drei Schlösser und ein paar Schläuche verschlissen, mich einmal abgeworfen und hundertmal gerettet. Es ist bestimmt nicht das beste Fahrrad, aber es ist ehrliche Fortbewegung. Es ist mein Vorwärts. Und wenn ich jemanden dabei erwischen würde, wie er es in einen Lieferwagen hebt, wäre ich so nah an einem Kapitalverbrechen wie noch nie in meinem Leben.

Es ist eigentlich herrlich verrückt, wie gern wir ein Vehikel benutzen, das noch weitgehend so aussieht wie vor hundert Jahren. Dem Fahrrad fehlt einfach nichts. Aber es hat sich erst heute endlich von allen Dogmen befreit, die ihm angehängt wurden. Es ist nicht mehr Arbeiterklasse, Rebellion, Ökoding, Billigtransport, Anti-Auto, Abnehmhilfe. Während das Auto sich wandeln muss, steht das Rad fest mit beiden Reifen in der Gesellschaft. Wir leben damit und bezahlen auch gerne dafür. Der Betrag der durchschnittlich in Deutschland für ein Fahrrad ausgegeben wird, steigt seit Jahren, er hat sich seit 2005 schon fast verdreifacht auf aktuell 513 Euro.  Die Preise bei Michael Vogt fangen in diesem Bereich langsam an, das Pelago zum Beispiel. Das ist so ein Fahrrad, das man problemlos in einer Tucholsky-Verfilmung einsetzen könnte, dünner Stahlrahmen, sauber gemufft. Kommt aus Finnland. Vogt sucht kleine Hersteller und importiert, was ihn überzeugt, in Qualität und Aussehen. Eigentlich ist er Wirtschaftsberater, das mit den Fahrrädern war eher ein Experiment. Weil er sich ärgerte, dass es nirgends ein einfaches, hellblaues Fahrrad zu kaufen gab, er stellte er eines Tages im Jahr 2008 drei schöne Räder in sein Büro und druckte auf die Schnelle ein paar Visitenkarten. Am Ende des ersten Tages waren zwei der Räder verkauft. Da wusste er, dass er nicht der einzige war, der Stadträder ohne Ballast gesucht hat. Die minimalistischen Räder der Fixie-Szene vermittelten zur gleichen Zeit vielen Menschen eine Ahnung davon, wie wenig ein Rad braucht, um zu funktionieren. Und auch wenn er erzählt, dass die stabilsten und schönsten Rahmen eigentlich schon in der Frühzeit des Fahrrades gebaut wurden, geht es Michael Vogt nicht um Sentimentalität. Er hat auch raffinierte Räder der deutschen Manufaktur Schindelhauer im Programm, mit Carbon-Kettenriemen. Die sind nicht billig, aber immer noch günstiger als die Klimaanlage in einem Oberklassewagen, das ist Vogts überzeugender Vergleich, den er aber meistens gar nicht braucht. „Ein Fahrrad ist so ein positives Produkt und heute einfach das interessantere Statussymbol. Schauen Sie sich um, überall in den Schaufenstern der Stadt und vor dem Schumann’s stehen schöne Räder, sie gehören einfach zur urbanen Ausstattung.“ sagt er und redet dann viel über die neue Fahrradkultur und wie elegant Mensch und Maschine zusammen aussehen können. Warnwesten-Radler mit Hosen in den Socken und dem Finger am Klingelabzug sind Vogt ein Gräuel, lieber schwärmt er von den Hosen von Outlier, einem New Yorker Label das mit viel Schneiderwissen schlichte Stoffhosen und elegante Anzüge herstellt, allesamt satteltauglich. „Mode und Fahrrad!“ ruft der Mann begeistert und scheint recht zu haben. Der britische Szeneschneider Oliver Spencer hat gerade ein Bike-Jacket vorgestellt, die Traditionsfirma Brooks einen Sattel aus Kautschuk für Veganer. Entwicklungen, die das urbane Fahrrad feiern. Es geht seinen Fans nicht darum, mit dem Rad auf die Berge zu klettern oder 120 Kilometer über die Landstraße zu rasen. Das sind andere. Es geht um das genussvolle Flanieren auf zwei Reifen, das Klassik und Moderne vereint. Alt und Jung können sich damit identifizieren, dafür genügt ein Blick ins Auftragsbuch von Michael Vogt. Demnächst wird Sony mit einem Stilrad-Bike ein Smartphone bewerben und gleichzeitig startet er im Frühsommer eine Kooperation mit dem alten Traditionsmodehaus Loden-Frey.

Vielleicht mögen wir das Fahrrad so gerne, weil es uns braucht. Autos sehen ja immer gleich aus, egal ob einer drin sitzt oder nicht. Gerade wird sogar mit selbststeuernden Autos experimentiert, da ist der Fahrer ganz überflüssig. Ein Fahrrad ist aber erst komplett, wenn ein Mensch darauf sitzt. Dann erschließen sie sich zusammen die Stadt. Es ist ein demokratisches Beförderungsmittel, weil es die Reichweite derjenigen vergrößert, die sich kein Auto oder Busticket leisten können. Es ist gesund, leise, umweltfreundlich und schnell. Vor allem aber ist ein Rad eine gute Schule. Wer darauf fährt, beginnt, sich mit seiner Stadt zu beschäftigen, weil er sie unmittelbar wahrnimmt. Er lernt ihre Topographie nochmal neu, weil er eigenverantwortlich Wege finden muss, ohne Navi. Er sieht die Straßen und Sichtachsen der Stadt, riecht ihre Brauerei und ihren Abfall, wenn der Mülllaster vorbeifährt, schmeckt den Frühling und die ersten Schneeflocken. Der Radler sorgt aus eigener Kraft für sich und erfährt auch, wie weit diese Kraft reicht. Er trägt den Kopf hoch über den gewöhnlichen Autofahrern und kann den ängstlichen SUV-Lenkern immerhin in die Augen sehen, wenn er sich an ihnen vorbeischiebt. Nichts gegen Autofahren, das kann auch schön sein. Aber in den Städten ist es einfach zu eng geworden, es macht keinen Spaß mehr. Ein Auto-Pendler, der in Hamburg 30 Minuten zur Arbeit fährt, stand 2013 im Durchschnitt 80 Stunden im Stau. Und es ist ja nicht nur die verlorene Zeit, die auf Dauer unglücklich macht, es ist das einsame und tatenlose Sitzen in einer Maschine, die unentwegt verbrennt, es ist die Bevormundung der Assistenzsysteme, die Geisel der Parkplatzsuche, das künstliche Klima – Autofahren in der Stadt ist einfach nicht mehr smart. Das verstehen mittlerweile auch viele Automenschen. „Ich würde sagen, von jedem DAX-Konzern in München hat ein Vorstand schon mal ein Rad bei mir gekauft. Der Chefdesigner einer Automarke übrigens gleich drei oder vier. Bayern-Fußballer, Banker, alle schon da gewesen. Je höher im Management, desto lieber kommen sie mit dem Fahrrad zur Arbeit. Klar, ein großes Auto fällt hier doch gar nicht mehr auf.“ sagt Michael Vogt und dann erzählt er noch von dem Bogenhausener Paar, das sich ganz stolz zwei Räder von ihm liefern ließ und ein paar Tage später noch mal anrief. Bei ihrer ersten Tour seien sie aus Gewohnheit auf dem Mittleren Ring gefahren! Sie dachten noch wie ein Auto. Ist ja auch kein Wunder, das 20. war das Jahrhundert des Automobils, es wurde massiv subventioniert, der Staat baute ihm überall Straßen, die letztlich Stadtviertel entzweiten und öde Einfallschneisen schufen. Jetzt, wo kein Platz mehr für neue Straßen ist und die alten überfüllt sind, triumphiert wieder das Fahrrad. In Paris war der Smog unlängst so dicht, dass die Hälfte der Autos stehen bleiben musste, während die Leihräder kostenlos ausgegeben wurden. In Kopenhagen gibt es schon Schnelltrassen für Radfahrer, wunderschöne Pulks steuern darauf jeden Morgen in beträchtlicher Geschwindigkeit in die Innenstadt und verständigen sich untereinander mit eigenen Codes. In vielen Städten wurden in den letzten zehn Jahren brauchbare Leihradsysteme eingerichtet, die alle unterschiedlich funktionieren, aber alle die gleiche Botschaft haben: Wer zwei Beine hat, dem gehört die Stadt.

Das vielleicht Beste an einem gut geschmierten Stadtfahrrad ist, dass es sich die meiste Zeit anfühlt wie ein gesundes Organ: Man denkt nicht darüber nach, während man es nutzt. Es gibt Tage, an denen schwebe ich auf dem Kronan einfach durch die Straßen und alles geht wie von selbst, es fährt mich einfach den altbekannten Weg. Und es gibt Tage, da mühe ich mich durch jedes Schlagloch und kämpfe mit jeder Faser gegen den Wind, das Isarhochufer oder die Zweite-Reihe-DHL-Laster. Ja, das Leben mit Rad hat mich verändert. Ich habe die genauen Ampelphasen der halben Stadt in den Beinen, weiß vor welcher Bar immer Scherben liegen und erkenne einen Rechtsabbieger lange bevor er vergisst zu blinken. Das Sitzen im Sattel schärft meine Instinkte, trainiert die Beobachtung und den Überlebenswillen. Das Stadtrad quietscht, ächzt, leiert und hat eine Seele. Bei meinem sitzt sie vermutlich in der Glocke.

 (erschienen in der Süddeutschen Zeitung)

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Das Buch als Magazin

2. März 2014 · Keine Kommentare

Ich durfte für den lieben Kollegen Peter Wagner und sein schönes Heft aus der Schreibwerstatt berichten.

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Über Notwist

2. März 2014 · Keine Kommentare

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Das Gewerbegebiet Trifthof in Weilheim gehört zu den unambitionierten Vertretern seiner Art. Ein Kino, halbhohe Lagerhallen, eine Firma für Beschläge, insgesamt viel Parkplatz. Es dürfte schwer werden, hier eine hübsche Stelle für eine Gedenktafel zu finden, auf der in Helvetica etwas stehen wird wie: „Hier verbrachte die Band Notwist glückliche Jugendjahre und komponierte später im Abstand von sechs Jahren Meisterwerke moderner Musik.“ In einem wilden Proberaum-Studio im Trifthof, das aussieht wie das Lager einer auf Synthesizer spezialisierten Diebesbande, ist jetzt wieder so ein neues Notwist-Album entstanden. Das Komische daran ist, dass es nicht komisch geworden ist. Keine Sekunde lang irgendwie bemüht, keine Unsicherheit, nicht mal Chaos, wie es der Entstehungsort nahelegen würde. Nein, was in diesem heillosen Tonlabor in der oberbayerischen Provinz aufgeschichtet wurde, ist ein souveränes neues Kapitel im Gesamtwerk der wichtigsten Band Deutschlands. Verändert hat sich nur die Kulisse, in die die Gebrüder Acher und Elektroingenieur Martin Gretschman ihr Werk entlassen. Seit dem epochalen „Shrink“-Album sind mittlerweile fünfzehn Jahre vergangen. Das Jahrtausend hat sich endgültig gewendet und avantgardistische Popmusik ist durch erschreckend viele Formen geschritten. Jene Riesenwelle, deren schönste Schaumkrone einst eine internationale Troika aus Notwist, Radiohead und Tortoise war, ist schnell zwischen den Felsen rückwärts orientierter Indiekultur ausgebrandet. Frickelklang, die Idee des dezentralen Musikkollektivs, überhaupt das Gesetz, nach dem sich jedes zeitgenössische Musikgenre plus Blasmusik und Geräusche zu einem schwerelosen neuen Wesen verformen lassen – all das ist schneller überkommen, als man es beim ersten Hörn von „Chemicals“ im Jahr 1998 je gedacht hätte. Der Weilheim-Sound, er föhnte nicht so viele neue Frisuren, er hatte viel weniger direkte Nachahmer als eine starke Bewegung es gebraucht hätte und zwar nicht, weil er nicht tragfähig war, sondern wohl schlicht zu aufwändig. So wirkte dann „Neon Golden“ (2002), primus inter pares unter den Notwist-Alben, schon irgendwie wie ein Monolith und das leicht verhaspelte „The Devil, You and Me“ (2008) beinahe wie ein Autismus. Und wenn Notwist jetzt auf „Close to the Glass“ (City Slang) ihre aktuelle Denkarbeit vorstellen, bei der kein Knastern an der falschen Stelle sitzt und keine der vielen Spuren eine schiefe Bahn ist, ahnt man endlich, wie egal es der Band wohl schon immer war, wozu sie gerechnet werden. So unbeirrt von allen Moden pulst es, so abgeklärt erzählt es von nichts anderem als sich selbst. Die beeindruckende Konsequenz ihrer Arbeit in den letzten 25 Jahren macht es deutlich: Die brauchen kein Netzwerk, keine Riesenwelle, die brauchen nicht mal mehr den Hype, den die Ankündigung eines neue Notwist-Songs im Netz immer noch auslöst. Die haben Gerhard-Richter-Status!

Aber der Hype kommt natürlich von selbst. Warum, das wurde wieder klar, als der erste neue Song zum Jahreswechsel kursierte. Es ist der essentielle Aha-Moment bei dieser Band: Du hörst das Fiepen und aus Granulat wird spät Musik. Herrlich und neu ist das und dann kommt erst Achers dunkle Maulwurfstimme durch und du schnappst über vor Freude, weil du jetzt weißt, das sind ja die großen Jungs von Gegenüber und sie haben’s wieder getan. Das ist nicht Neukram aus Toronto oder Brooklyn, nein, es ist deine Erinnerung an neongoldenen Zeiten, die jetzt ein frisches Kapitel bekommt. Überhaupt, die Stimme von Markus Acher. Das war ja immer ein Kompromiss, schon zu den punkrockigen „Nook“-Zeiten war sie eher Instrument das auch noch da war, eher Fußnote als eigenes Medium. Wer hätte gedacht, dass aus dieser Nebensächlichkeit mal ein derart ikonisches Merkmal wird. Und dass Acher je so hoch singen kann, wie bei „Kong“, einem von mehreren abgekochten Hits der Platte. Er singt also richtig und hinter ihm formiert sich tatsächlich wieder jene Band, die sich seit „Shrink“ so kunstvoll langsam vor ihm und den Computern aufgelöst hat. Und genau diese Band, mit richtigen Gitarren, brettert heute zum Teil wieder so arg auf den Refrain hin, als wäre der kleine Hausmusik-Laden von Wolfgang Petters immer noch geöffnet, als wäre die Welt ein einziges Puch-Festival. Der helle Rock ist aber nur die eine Seite, und eine wunderbar leicht verdauliche. Der anderen Teil der klassischen Notwist-Formel, die Suche nach Schönheit mittels Blubber und Beat, fühlt sich diesmal an wie trockener Humor, etwa im hochtechnischen „Signals“. Manche der Loops und Samples da klingen, als würde die Band sich selbst zitieren, andere Effekte auf der Platte bröseln so sympathisch nebensächlich vor sich hin wie ein guter Keks. Martin Gretschmann, die digitale Muse der Band, hat seine wunderwirkende Hände diesmal scheinbar mehr darauf verwendet, einen Liveband-Charakter zu unterstützen oder zu simulieren. Man muss das also unbedingt sehr laut hören, genau so laut wie Produzent Olaf Opal die Songs im Trifthof abzuhören pflegt. Erst dann geht der ganze Blumenstrauß so richtig auf und gerade auch ein bitterfeines Instrumental wie „Lineri“ liebkost dann jeden einzelnen Zellzwischenraum.

Ach, was für ein Album! So vielseitig, ohne jemals seinen tief schlagenden Ruhepuls aufzugeben, so zärtlich und nah, ohne dabei eine internationale Ästhetik einzubüßen. Nach dem Dokumentarfilm den Jörg Adolph damals bei der Entstehung von „Neon Golden“ gedreht hatte, konnte man sich ja der Angst nicht ganz erwehren, dass aus den Achers bald grantige Hausmeister und aus Gretschmann ein verrückter Professor würden. Sie ist mit „Close to the Glass“ für immer gebannt. Die sitzen da draußen im Trifthof und graben ihren Stollen, eben weil sie wissen, dass sie gute Chance haben auf Gold zu stoßen. Sie haben all diese Maschinen, das Wissen, die Fähigkeiten. Und noch wichtiger, sie haben Vertrauen in ihre Art, die Melancholie der Welt zu kompostieren. Notwist, gut gegen Gewerbegebiete.

 

(erschienen in der Süddeutschen Zeitung)

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Über die Leuchtturminsel

2. März 2014 · Keine Kommentare

e5b8e0aec41b6d541bbe870c0bc1697c_r2_detailWer zu spät kommt, den bestraft die Strömung. Käpt’n Ivan steigt jedenfalls gar nicht aus seinem rostigen Peugeot aus, er lacht nur, als wir uns um elf und nicht um zehn am Café Viva in Premantura treffen und deutet dann auf die Uhr am alten Kirchturm des Dorfes. Erst um zwei, erklärt er, könne wieder auslaufen, vorher wäre ein Anlegen am Leuchtturm Porer zu riskant. Bleibt also Zeit, ein wenig diese südlichste Spitze Istriens zu erkunden, das wilde Kap Kamenjak mit seiner roten Erde, den hellen Kalkfelsen und an drei Seiten tiefdunkler Adria. Die Werbeschilder an der Straße belegen es dutzendfach: Hier ist Campergebiet. Wo die geteerten Straßen aufhören, fährt man auf Feldwegen bis das Naturschutzgebiet beginnt und spätestens dann sollte man wissen, welcher der vielen Trampelpfade zu einer guten kleinen Badebucht in der felsigen Küste führt. Die aufregend erodierte Küstenlinie ist es auch, die der Schifffahrt hier bis heute das Leben schwer macht. Sie ist schuld an der Perlenkette von Leuchtbojen, unbemannten und bemannten Leuchttürmen, die die Seekarte rund um die Istrische Küste verzeichnet.

Der Leuchtturm Porer, den wir am frühen Nachmittag nach einer knappen Stunde Überfahrt erreichen, ist ein besonders ehrwürdiges Denkmal dieser Sicherheitsvorkehrungen. Ein Bilderbuchturm aus hellem Stein, erbaut auf einem winzigen Stück Felsen mitten im grünblauen Wasser, das hier an den Scharkanten schnell auf 40 und mehr Meter abfällt. Die Zahl 1833 steht über der grünen Tür des Leuchtturms. „Denk an die Branzino!“ ruft Ivan mir zum Abschied zu, dann tuckert er zurück in den Hafen. Auf der Hinfahrt hatte er von den Wolfsbarschen geschwärmt, die um diese Zeit wieder an die Küste kommen und bei Fischern wie Köchen gleichermaßen begehrt sind. Angeln gehört zu den wenigen Zeitvertreiben, die das Eiland Porer seinen Gästen bietet. Alternativ sollte man eine Neigung zum Baden oder Tauchen haben, oder wenigstens zum Müßiggang, wenn man eines der zwei Appartements im Leuchtturm bucht. Denn mit dem ablegenden Käpt’n Ivan verabschiedet sich die letzte Abwechslung danach ist man nur noch hier, umgeben von sehr wenig Fels und sehr viel Wasser. Immerhin – zwei Striche Empfang auf dem Telefon bedeuten im Notfall Kontakt zum Festland, das man bei klarer Sicht klar vor Augen hat. Porer ist vermutlich eine gute Insel, für alle die nicht sicher sind, ob sie Insel können.

Als ich in der einfachen Küche meine Lebensmittel für die nächsten Tage auspacke kommt mir der Haufen sehr klein vor. Daheim hatte ich noch mal aussortiert, Stichwort Mittelmeer-Diät. Fisch vor der Haustür, ein bisschen Olivenöl, was braucht man mehr für vier Tage? Die klägliche Antwort: Eine Packung Reis, eine Packung Nudeln, Buchstabensuppe im Beutel, vier Zwiebeln, vier Karotten, löslicher Kaffee, eine Tafel Schokolade und ein paar Müsliriegel. Schluck. Gegen das Verlangen alles sofort aufzuessen, hilft es, die Fensterläden aufzustoßen und zu erschrecken, weil das Meer so nah ist. Egal wo, überall ist es gleich nah. Das Meer ist sogar in der kleinen Wohnung, die Beschläge der Fenster sind vom Salz korrodiert, die Türen ins Freie haben große Schließriegel für die Herbstürme. Erst letzen November, hieß es in der Hafenkneipe, wäre das Wasser bis in der Ferienwohnung gestanden, als tagelang ein Sturm die Wellen an den Mauern des Turmes vorbeidrückte.

Aber heute ist ein Spätsommertag, die Segelboote kreuzen lustig an Porer vorbei, die Möwen sonnen sich auf den Steinen, jedes Fenster des Appartements ist sein eigenes Gemälde und als Leuchtturmneuling winkt man noch allen Seglern zu. Ein Spaziergang rund um meine Insel dauert fünf Minuten, aber nur, wenn ich den beschwerlichen Weg über die rissigen Karstfelsen nehme. Ich sondiere meine Mitbewohner. In jeder Felsspalte sitzen Taschenkrebse, zwischen den Steinen wächst in dicken Stängeln Meerfenchel, als einziges Grünes über dem hellen Kalk. Ein Insel-Rotkehlchen schlägt ein bisschen Alarm, ein paar Eidechsen huschen, das war’s. Robinson hatte auf seiner Insel einen ganzen Wald voller Hasen und Vögel, ich habe Buchstabensuppe im Päckchen. Nach einer Stunde Forschen und Fotografieren sitze ich das erste Mal. Man muss erst lernen, da zu sein, wo man ist, vor allem im Urlaub, vor allem hier. Das ist ja nicht mehr Reisen, Porer ist einfach nur: Angekommen. Ich habe alles gesehen, ich muss nichts tun, es gibt keine Stadt zu besichtigen, keinen Markt zu besuchen, kein ausreserviertes Restaurant, keinen geheimen Strand, die für Unruhe sorgen. Es ist großartig. Ich schalte das Handy aus, ich höre auf zu winken. Die einzige Neuigkeit der nächsten Stunden ist ein Sonnenuntergang, bei dem ich den dringenden Verdacht habe, in der allerersten Reihe zu sitzen.

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Nachts pfeift der Wind durch die Fenster und das Meer hört sich an, als würde mein Bett auf einem Floß stehen. Ich bilde mir sogar ein, der uralte Leuchtturm und ich, wir würden auf den Wellen schaukeln aber das stimmt nicht, Porer steht fest. Dreißig Meter über mir wirft das Leuchtfeuer unablässig seine drei Lichtarme in die dunkle Nacht, acht Sekunden dauert es, dann wandern sie wieder vorbei. Aber davon merke ich nichts, denn ich schlafe, wie ich sonst nie in ersten Nächten in der Fremde schlafe: Lang und ergebnisorientiert. Es gibt hier zum Aufwachen tatsächlich kein anderes Geräusch als das Wellenrauschen, mal stärker, mal nur ein zartes Gischtknistern. Das Wasser hat am Morgen die Farbe von guten Aquamarinen und man sieht bis auf den Grund, wo ein Schwarm Lippfische seinen Spielplatz zwischen den Felsen hat. Ich springe zu ihnen. Dusche gäbe es zwar, Badehose gäbe es auch, braucht man aber beides nicht. Die Strömung ist stark, sie macht sofort klar, dass man doch mitten im Meer schwimmt und Vorsicht geboten ist. Von den Felsen pflücke ich dann ein paar der Napfmuscheln. Man muss schnell sein, sonst saugen sie sich untrennbar fest. Das Fleisch der Muscheln soll mein Angelköder werden. Es hält nicht besonders gut am Haken, aber ich habe genug Zeit und genug Muscheln, um sehr geduldig zu sein. Das ist vielleicht das Größte hier, die Zeitdehnung. Der Tag vergeht, ohne dass ich einmal daran denke, es gibt keine Uhrzeit, keinen Termin, nicht mal Mittag, es gibt nur Tag und Nacht.

Die Strömung treibt meinen Köder zu schnell an die Felsen, die frechen Lippfische klauen die Muschel vom Haken, bevor andere eine Chance haben. Meine Haut spannt schon von der Sonne, als ich den ersten Fisch an Land hebe. Er hat einen schmalen Körper und ungewöhnlich große Augen, eine Gelbstriemenbrasse, lese ich später, die von den Römern als leicht halluzinogene Delikatesse verehrt wurde. Ich brauche ihn als Köder. Kleiner Fisch fängt großen Fisch, das gilt besonders im Meer. Die Adria ist hier durchaus noch artenreich, die Felsen und Kanten unter Wasser bieten interessante Reviere, sogar Thunfische gibt es. Als es anfängt zu dämmern, bekomme ich auf ein unsichtbares Signal hin Gesellschaft. Von allen Seiten strömen kleine Boote an die Insel, ankern in Rufweite und starke Lampen leuchten ins Wasser, während die Männer eine Schnur mit ruckartigen Bewegungen auf- und abheben. Tintenfischangeln in ruhigen Nächten gehört zu den Traditionen der Einheimischen, wird Käpt’n Ivan mir später erzählen, und die Felsen rund um Porer sind dabei besonders aussichtsreich. Ich fange nichts mehr, esse langweilige Nudeln und staune über die Dunkelheit, die einen hier von einer Minute auf die andere von der restlichen Welt trennt. Nur noch Sterne und Wind, Porer schwebt dann im Kosmos. Die folgenden Tage vergehen wie bei einem Segeltörn auf offener See, mit wenig Abwechslung aber ohne Langeweile. Mein Logbuch verzeichnet Erfolge beim Angeln. An einer Stelle habe ich einen Schwarm Palometas beobachtet und mit einiger List ließen sich die starken Fische schließlich an den Haken bringen. In der Pfanne gebraten, gewürzt mit einer guten Portion gehackten Meerfenchels und kroatischem Olivenöl habe ich ein Festmahl auf den Felsen. Frischer und regionaler geht es nicht, höchstens wenn man beim Tauchen den Mund offen hat. Einmal kommt eine Schule Delphine vorbei, draußen, etwa einen Kilometer entfernt, ja wirklich, Delphine. Es ist beinahe kitschig. Sie springen in der letzten Sonne, überschlagen sich, kommen immer wieder. Das ist der Moment, wo ich die Einsamkeit bedauere, denn das möchte man doch gleich jemandem erzählen oder noch besser: Mit jemandem ansehen. Die Appartements im Leuchtturm werden gerne von Paaren in den Flitterwochen gebucht, heißt es. Angesichts der Sonnenuntergänge und Delphine durchaus stimmig, allerdings ist die Ausstattung der Zimmer nicht besonders romantisch und bei schlechtem Wetter wird es sehr eng, auf Porer.

Das merke ich, als in der Nacht vor meiner geplanten Abholung plötzlich ein anderer Sound da ist. Die Wellen haben keine Zeit mehr für ihren gewohnten Rhythmus sondern überschlagen sich schnell und nah, der Wind lässt die Fensterrahmen ächzen. Das Leuchtfeuer zeigt mir nur Schaumkronen. Bei Tag ist die Szenerie komplett verändert, das Meer ist gut zwei Meter näher gerückt und grün aufgewühlt, über der Anlegestelle brechen sich große Wellen. Käpt’n Ivan ruft an und vermeldet ungerührt: Keine Überfahrt möglich, vielleicht morgen, vielleicht auch nicht. Das ist mehr Robinson als geplant. Eine halbe Packung Reis habe ich noch, drei Müsliriegel, zwei Karotten, eine Zwiebel. Draußen kommt der Regen senkrecht, kein Schiff lässt sich blicken, das Festland ist verschwunden, so tief stehen die Wolken. An Angeln ist nicht mehr zu denken, mir bleibt nichts, als im Bett zu liegen und etwas über die Schiffe zu lesen, die in den letzten Jahrhunderten hier in schrecklicher Regelmäßigkeit kenterten. Nicht weit südlich von meinem Bett etwa liegt der Dampfer Luana. Er fuhr nach Kriegsende mit einer Ladung Gips auf eine vergessene Seemine und ging unter, nur drei Matrosen konnten sich damals retten. Der Sturm und die Unglücke machen wieder klar, warum der Leuchtturm hier seit 170 Jahren in Betrieb ist und dass die Adria nicht nur ein plätscherndes Bademeer ist. Die ganze Nacht und noch den nächsten Tag hält das Heulen an. Gerade als ich beginne, den letzten Müsliriegel säuberlich in drei Stücke einzuteilen, meldet Käpt’n Ivan einen Landeversuch an. Schließlich wartet ein Paar aus Hongkong auch auf die Überfahrt – neue Gäste für Porer. Mehre Versuche sind nötig, bis der Wechsel glückt, alle Beteiligten sind danach durchnässt, aber alle strahlen. Vorfreude ist es bei den einen, überstandenes Abenteuer und entronnener Hungertod beim anderen. Und Käpt’n Ivan freut sich, weil der Wetterbericht für morgen schon wieder Tintenfischwetter ansagt.

 

(gekürzt erschienen in ADAC-Reisemagazin Kroatien, Fotos von Andreas Chudowski)

 

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Über den Maler Martin Potsch

17. Januar 2014 · Keine Kommentare

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Nanu, Martin Potsch ist doch nicht wie angekündigt im Urlaub? „Nein, läuft gerade so gut, mit den Bildern.“ sagt der Maler am Telefon. Also wurde der Urlaub erstmal gestrichen, stattdessen wird weiter gemalt, in seinem wunderbaren Atelier in München-Haidhausen – und im Akkord. Einen Hinterhof, ein großes, altes Werkstattfenster, eine allzeit offene Tür gibt es da und solche Sachen sind selten in dieser Stadt. Genauso selten wie der Mann, der hier arbeitet. Potsch ist groß, ein schüchterner Hüne mit den Begeisterungsaugen eines Kindes. Gerade rahmt er eines seiner kleinen Gemälde, schneidet das Passepartout, fixiert, signiert, klebt schließlich mit großen Händen sehr genau und sorgfältig, das kleine Bild auf. Seine Bewegungen verraten, dass er diesen Arbeitsablauf schon auswendig kennt, kein Handgriff geht zu weit, es ist eine schöne, stille Choreographie, bei der sein Oberkörper ganz ruhig über den Tisch gebeugt bleibt und nur Hände und Augen flitzen ein bisschen. Über 170 Mal hat er das im letzen Jahr schon gemacht, seine Bilder eingepackt und zur Post getragen. Immer am Sonntagabend enden seine Auktionen bei ebay, dann stellt er drei Bilder für die nächste Woche ein, am Montag ist Logistiktag im Atelier und ab Dienstag wird schon wieder gemalt. „Dieser strenge Rhythmus ist gut für mich. Malen und weg damit, das ist herrlich. Es gibt für mich nichts Schlimmeres als das da.“ Potsch deutet auf eine Ecke in seiner Werkstatt, dort stehen auf roh gezimmerten Balken ein paar ältere Bilder in Esstischgröße. „Ich überlege schon, ob ich die wieder vernichte.“ Wäre schade um die helle Szene mit Badenden am Tegernsee, oder das Bild mit den Skifahrern, viel Weiß in dicken Schichten und ein paar winzige Menschen in der Bildmitte. Aber gekauft hat die großen Bilder eben noch niemand, obwohl der gegenständliche Stil sehr gefällig ist. Und Potsch verlangt keineswegs Akademiepreise, noch nicht mal Galeristenpreise, denn er hat weder das eine noch das andere. Er malt in Öl, weil er gerne in Öl malt und das schon so lange, dass er, wie er sagt, wahnsinnig würde, wenn es seine Farben nicht mehr gäbe. Er weiß schließlich jetzt gerade erst alles über sie. Aber was nützt einem die Kunst nur im Atelier? Diese Frage hat ihn vor einem Jahr zu ebay gebracht und zu den Kleinformaten. Es war ein Versuch. Einfach fünf Ölbilder im Postkartenformat ab 1 Euro einstellen, mit einer Woche Laufzeit. „Als das erste Gebot kam, das war toll.“ sagt er und die Begeisterungsaugen sind ein bisschen verlegen. Tatsächlich verkaufte er aus dem Stand alle Bilder, zu Preisen zwischen 25 und 50 Euro. Nicht viel für Originale, aber darum ging es Potsch erstmal gar nicht. Ihn faszinierte die neue Struktur, der pragmatische Umgang mit Kunst, das Verändern der Gewohnheiten, dafür hatte er schon immer eine Schwäche. Mitte der 90er-Jahre wäre er deswegen schon mal fast berühmt geworden. Er fuhr damals von Stadt zu Stadt und malte an jeder Station 1000 großformatige Bilder auf MDF-Platten, 80 schaffte er damals am Tag, abstrakt, wild und schnell aus großen Farbeimern. Waren die 1000 Bilder fertig gab es eine Party in irgendeiner Off-Location auf der die Werke verkauft wurden, das Stück für 20 Mark, dann ging es weiter, es war wie eine Tournee. „Das war wahnsinnig anstrengend. Aber der Erfolg war groß, die Leute standen Schlange. Wer weiß was geworden wäre, wenn ich das noch ausgeweitet hättet.“

Aber das hat er nicht. Es reichte Potsch, zu beweisen, dass Kunst auch andere Wege nehmen kann. Danach arbeitete er als Grafikdesigner für eine gefragte Produktionsfirma und malte nebenbei. Von den abstrakten Turbobildern der 90er-Jahre kam er zur aufwändigeren, gegenständlichen Malerei, bei der bis heute immer Fotos die Grundlage sind. Potsch fotografiert Szenen, die andere nicht mal als Szenen sehen würden. Beiläufige Passanten, zwei Menschen an einem Tisch im FastFood-Restaurant, Steaks auf dem Grill. Daraus wächst heute sein Werk, es ist eine Kette von Augenblicken, festgehalten auf kleinstem Raum und mit pastösem Pinselstrich. Steht man nah vor seinem Bildern, sind die Linien und Farbaufträge beinahe grob, die Gesichter nur dicke Abdrücke, erst aus ein paar Metern Entfernung sieht man in den Postkartengemälden das Foto, das Bild.

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Die drei Motive für die nächste Woche stehen an der Wand, ein paar Farbtuben im Regal, Verpackungsmaterial, sonst ist der Arbeitsraum weitgehend leer. Dieses Atelier war ein Glücksfall, vorher gab es hier eine Schreinerei, die sich über Nacht aus dem Staub gemacht hatte. Übrig blieb ein völlig verschmutze Werkstatt, mitten im angesagten Haidhausen. Agenturen wollten den Raum aufwändig renovieren, aber Martin Potsch und zwei Künstlerfreunde wollten ihn, wie er war und das war dem Vermieter am liebsten. „Wir haben hier tagelang nur Sägespäne in Müllsäcken rausgetragen.“ erinnert sich der Maler.

Nach dem erfolgreichen Testlauf ging Potsch das Ebay-Experiment richtig an. Die Arbeit an den großen Leinwänden ließ er bleiben, der Auktions-Account wurde zu seiner Galerie, die Verfeinerung der Postkarten-Gemälde seine Obsession und ein strenger Zeitplan der Takt, der ihm die Pinsel führte. Woche für Woche drei bis fünf Bilder, keine Ausnahme, kein Aufschub, kein künstlerisches Rumhängen. Sieben Tage liegen die Werke im Online-Schaufenster, als einzige Werbung schickt Potsch einen Newsletter und stellt bei Facebook Fotos ein. Inzwischen hat er Stammkäufer, die immer mitbieten, aber jede Woche kommen auch neue dazu. Obwohl viele seiner Motive in München spielen, gehen die meisten Bilder auf Reise nach jenseits der Stadtgrenze. „Es ist immer noch spannend, zu beobachten, welche Bilder sich gut verkaufen und welche nicht, man kann irgendwie keine richtige Regel festmachen .“ Das Bild mit dem Frauen im FastFood-Lokal, eine Szene an der Bushaltestelle, das waren so Überraschungserfolge mit Preisen jenseits der 100 Euro. „Oder Kühe! Die Menschen sind verrückt nach Bildern mit Kühen. Wenn ich mehr Kühe malen würde, das ginge bestimmt hervorragend.“ lacht Potsch und zwar so, dass man weiß, er  wird eher nie mehr Kühe malen. Die Preise für die kleine Kunst aus Haidhausen kletterten im Laufe dieses Jahres ein wenig. Sie ist immer noch sehr günstig, aber bringt immerhin soviel, dass Potsch an diesem Abend in seinem Atelier ausrechnet, er könnte schon etwa Drittel seines Lebensunterhalts auf diese Weise finanzieren. „Das ist doch toll. Warum soll Malerei nur 300 Menschen aus der Kunstelite ernähren?“ Aber das Geld ist nicht so wichtig. Wichtiger ist ihm, bei jedem der kleinen Bilder neu zu versuchen, das Foto perfekt zu übersetzen, die Komposition gut hinzukriegen, die Farben richtig zu treffen. Nicht jedes Bild das er hier einpackt, findet der Maler vollkommen, aber das ist auch nicht vorgesehen. „Wenn ich an jedem Bild drei Wochen sitzen würde, das würde auf ebay niemals jemand bezahlen.“ So ist er mit der Preis-Leistung ganz zufrieden und vor allem mit dem neuen Weg, den er der alten Kunst wieder abgerungen hat. Bald will er ein Werkverzeichnis herausgeben, auf dem jedes einzelne gelistet ist und zum Ende dieses Jahres soll es ein Fest geben, zu dem er nur Käufer seiner ebay-Bilder einladen will. Eine schöne Idee. „Ja,“ sagt Martin Potsch, „aber ob da überhaupt welche kommen?“

(erschienen in The Weekender)

 

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Über Rimowa

31. Oktober 2013 · 1 Kommentar

„Die Elefanten!“ ruft Dieter Morszeck und vergisst dann ziemlich lange sein Steak auf dem Teller. Denn er sitzt jetzt nicht im Restaurant Jägerhof in Köln-Longerich, er sitzt jetzt eigentlich in einem alten, russischen Lastwagen und fährt durch Indien. Oder in Hemingways Jaguar, den er mal in Havanna aufgestöbert hatte. Oder in Brasilien, Australien, New York! Überall war der Chef von Rimowa, überall hat er Geschichten erlebt, die er viel lieber erzählt, als nur wieder die Geschichte vom Kölner Kofferhersteller in dritter Generation, der jedes Jahr einen neuen Umsatzrekord vermelden kann. Dabei klingt die Unternehmensbiographie noch viel mehr nach Märchen, als seine Abenteuer in fernen Ländern. Da sind die drei Morszeck-Männer und ihre drei Wunderwerkstoffe. Der Großvater, der 1898 anfängt mit den Hohlkörpern und Fichtenholzkoffer baut. Der Vater Richard Morszeck, der um 1950 mit Flugzeugaluminium experimentiert und die ikonischen Rillenkoffer erfindet. Und da ist Dieter Morszeck, der pünktlich zur Jahrtausendwende das hat, was er ohne zu zögern „Die beste Idee meines Lebens“ nennt. Die Rillen bleiben, aber statt in Aluminium stanzt er sie in Polycarbonat, einen extrem schlagfesten Kunststoff, leichter und besser zu färben als Aluminium. „Das Polycarbonat hat uns katapultiert!“ sagt Morszeck später, bei einem Rundgang durch die Produktionshallen in Ossendorf. Die paar hundert Alukoffer die hier jeden Tag mit sehr viel Handarbeit entstehen, sind immer noch die Zierde des Unternehmens. Wer am Check-In auf sich hält, reist mit einem dezent verbeulten Exemplar aus Ossendorf, egal ob Piloten, Schauspieler oder Eilboten mit Spenderorganen. Aber es sind die Kunststoffkoffer, die das Unternehmen aus der Vielflieger-Nische geholt haben. „In einer Zeit, in der eigentlich niemand mehr so richtig an Hartschalengepäck geglaubt hat, ist das wirklich eine erstaunliche Geschichte.“ sagt Morszeck und dann klopft er einer Angestellten auf die Schulter, die gerade ein Kofferhülle mit Rimowa-Stoff auskleidet. „Allet jut?“- „Jut, Herr Morszeck!“

Allet jut gilt hier generell. Morszeck greift in eine Kiste mit Rollen und rattert runter: Zwei Kugellager, deutsche Produktion, schweißbarer Kunststoff, das Beste, was man kriegen kann. Egal, ob Reißverschlüsse, Schlösser, Beschläge, Rimowa hatte genug Zeit für Optimierung, sie haben hier schließlich nie was anderes produziert als Koffer. „Das einzige Problem ist jetzt, das die Dinger nicht kaputtgehen!“ lacht Morszeck und man merkt gleich, dass das natürlich kein Problem ist, sondern Stolz. Eine Million Koffer konnte Rimowa letztes Jahr verkaufen, das anfängliche Wagnis, Werke mit deutschen Qualitätsstandards in Kanada und Tschechien zu errichten, erwies sich als gerade noch rechtzeitige Entscheidung, um dem Ansturm auf die Polycarbonat-Koffer zu entsprechen. Mittlerweile haben alle Konkurrenten den Werkstoff auch im Programm, aber das lässt Morszeck kalt, Marktführer will er nicht werden „Wir sind eigentlich ne kleine Firma, wir wollen uns nur Schritt für Schritt so perfekt wie möglich weiterentwickeln.“ Anders als viele andere Mittelständler dachte Morszeck nie daran, die Produktion nach China zu verlegen. „Dann würde die Chinesen unsere Koffer nicht mehr kaufen und das ist für uns ein ganz wichtiger Markt. Viele produzieren da und wollen hier verkaufen, wir produzieren hier und die Chinesen reißen sich um unsere Koffer.“ Und die Chancen stehen gut, dass es damit nicht so schnell vorbei ist, China ist schließlich gerade erst Reiseweltmeister geworden.

Mit weltweiten Flagships-Stores, angemietet in den teuren Einkaufsstraßen der Metropolen, will Morszeck den Glamour der Marke betonen, was eigentlich gar nicht nötig scheint, wenn man sich die Facebookseite ansieht. Dort sind regelmäßig Schnappschüsse von Hollywoodstars und Fußballern geposted, die am Flughafen mit den Koffern hantieren. Das Fliegen spielt ja eine große Rolle für Rimowa, nicht nur weil das Gepäckband sozusagen der natürliche Lebensraum für ihre Produkte ist. Nein, Dieter Morszeck ist auch leidenschaftlicher Flugscheinbesitzer und wollte ohnehin eigentlich Verkehrspilot werden, bevor die Sache mit den Koffern dazwischen kam. Eine Junkers Ju 52, auf deren Aluminium-Flügeln das Rimowa-Logo prangt, ist dann auch in Ossendorf allgegenwärtig. Man muss ganz nah an das Foto im Konferenzraum herantreten, wenn man es sich mit Morszeck nicht verscherzen will. Zu sehen ist die Ju, wie sie über New York fliegt, aber das meint er nicht: „Da schauen Sie, wo die Passagiere sitzen, da waren die Zusatztanks, aus denen haben wir dann Kerosin in den Flügel gepumpt.“ Die Atlantiküberquerung der Ju letzten Sommer, die erste seit 1937, ist eines dieser Abenteuer, von denen der Kofferprimus aus dem Stand eine Stunde erzählen kann. Er hat das alles selbst geplant, genau wie er bei den aufwändigen Katalogshootings wochenlang selbst dabei ist und dann die Elefanten sucht oder Hemingway. Es gehe ihm dann darum, sagt er, auf den Fotos etwas vom nostalgischen Charme des Weltreisens einzufangen. Eine Aufgabe, in der seine Familie seit mehr als hundert Jahren ziemlich erfolgreich ist.

(Erschienen in AD)

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