Juni 20th, 2017

Über all die Connaisseure

Wir standen bei einem Japaner irgendwo links von der Friedrichstraße, als Schiffbrüchige einer großen Regenflut. Das Restaurant war sehr dunkel. Die Kellnerin verbeugte sich tief, wies uns ein Separée am Ende eines verschachtelten Ganges an, verbeugte sich noch mal und fragte, ob wir jetzt ein Sake-Tasting wünschten? Was wir wünschten, waren trockene Klamotten und dampfende Teller voll Miso und Reisnudeln. Möglicherweise auch ein Bier. Stattdessen machten wir das Sake-Tasting. Denn ein angebotenes Tasting abzulehnen ist heute etwa so, als würde man einen Achtsamkeits-Workshop oder ein Energiespar-Tutorial ablehnen – es lässt einen alt und gestrig wirken.

Egal ob Sake, Wein, Whisky – der Programmpunkt „Tasting“ bedeutet, dass aus dem bis dahin angenehm banalen Sachverhalt „Getränk“ der Mittelpunkt einer Tischrunde wird. Jeder am Tisch fängt an, sich seltsam zu benehmen, die Gläser zu greifen, als hätten sie auf einmal das vierfache Gewicht, dann mit Nase und Glasrand eine Art Schattenboxen zu veranstalten, schließlich auf dem genommenen Schluck fremd herumzukauen. Es herrscht Prüfungsstille statt munterem Palaver, der Mensch ist unwichtig, das Produkt wichtig geworden, darauf soll man sich konzentrieren oder ehrlich gesagt: auf ein postschluck anzubringendes Adjektiv. Eines, das die Tasting-Runde zufriedenstellt, eines das über „Ah, interessant!“ hinausgeht. Man sagt also mit vagem Erleuchtungsgesicht: „Das erinnert mich jetzt ganz stark an was, äh, ich komm nicht drauf.“ Denn das wirkt immerhin, als führe man eine kulinarische Datenbank und würde nicht einfach nur alles so beiläufig in sich hineinfüllen, wie es von der Biologie vorgesehen ist.

Nein, ein urbaner Gaumen muss heute beredt Rechenschaft ablegen, diese Belege zehn Jahre aufheben und auf Nachfrage vorweisen können. Und beim Trinken in der Öffentlichkeit muss man sich verhalten, wie sich früher nur Sommeliers und Fachjournalisten verhalten haben. Also wie Nerds, die das zum Beruf hatten, was allen anderen Menschen einfach Lebenslust war. In seiner lesenswerten Abhandlung „Die Perfektionierer“ benennt der Journalist Klaus Werle schon 2010, worum es den sogenannnten Lohas, also den urbanen Superkonsumenten mit Nachhaltigkeitsanspruch, eigentlich geht. „Sie haben mit ihrem Wunsch nach Individualität neue Spielfelder eröffnet: das Connaisseurtum und das gute Gewissen.“ Deshalb ist der mündige Delikatessen-Konsument heute gerne bereit, einen semiprofessionellen Habitus an den Tag zu legen. Mehr noch: Das Tragen einer Kennermiene wird an vielen Orten mittlerweile vorausgesetzt, ebenso Praxiserfahrung im Umgang mit Manufaktur-Gins und die Bereitschaft, halbtags an unterschiedlichen Kaffeeröstungen zu schnüffeln. Man soll Geschmacksnoten parat haben wie Fußballergebnisse und eben aus dem Stegreif seriös ein Tasting bestreiten können. Kulinarisches Nischenwissen taugt heute als Distinktion und Statussymbol. Den Whiskyhändler mit Fachfragen in die Enge zu treiben ist zum Wochenendvergnügen des mittleren Angestellten geworden.

So ein Tasting selbst ist die Bürokratisierung des Genusses. Es eröffnet einen Wettbewerb, wo es vorher nur Gewinner gab, aus Zufriedenheit macht es Optimierungsbedarf. Denn es bestehen ja, wie man unweigerlich sofort erfährt, bei Sake, Gin, Tonic oder Apfelsaft immer sogenannte himmelweite Unterschiede! Bedeutet meistens nur: Das, was man bisher als Bier oder Gin zu sich genommen hat, ist aus diesem und jenem Produktionsprozesshintergrundwissen nicht empfehlenswert oder zumindest nicht das echte, eigentliche, authentische, maximale Dings. Es war nämlich die Röstung zu heiß, die Maische zu kurz, das Fass nur aus Stahl und nicht aus geräuchertem Sherryholz, etc. Schon im Referat dieser Expertisen liegt der Vorwurf, man kümmere sich nicht ausreichend um das, was man so in sich hineinfüllt, man wäre ignorant und überhaupt eben noch lange nicht: genussoptimiert.

Sogenannte Genussmessen, wie sie neuerdings in jeder Stadthalle erblühen, sind schon als Wort eine bizarre Antithese. Es ist eben nicht die Steigerung des Savoir-vivre, was dort passiert, sondern der Versuch, große Lebensart als niedrigschwelliges Event zu verkaufen. Botschaft: Der Besuch der Genussmesse Bockenheim berechtigt Sie fortan zum Führen einer hochgezogenen Augenbraue hinsichtlich der Trinkgewohnheiten Ihrer Mitmenschen. Besucher treten sonntagnachmittags aus diesen Hallen, leicht beduselt vom Verkosten, mit einer raren Sonderabfüllung und dem beruhigenden Gefühl in der Tasche, mit wenig Aufwand ein neues Hobby entdeckt, ja mehr noch, eine Leidenschaft geweckt zu haben. Eine Leidenschaft, die wohl mehr Anerkennung finden wird als der Jobtitel Senior Advertising Sales Manager.

So ist das Connaisseurtum, das scheinbar jeden Zweiten im Ü-35-Bekanntenkreis befallen hat, vielleicht einfach nur die ersehnte Antwort auf die blöde Frage: „Und was machst du, also außer Arbeit?“ Whisky-Sammler, Portwein-Freak, Zigarren-Zampano, Craft-Beer-Connaisseur, das klingt lebenstüchtig und nach großer Welt. Schließlich, wie in der Anzeige für ein neuerdings abgehaltenes Rum-Tasting in München steht: „Unsere Tastings nehmen die Teilnehmer mit auf eine aromatische Insel-Hopping-Tour durch die Karibik.“ Gehoppt wird danach aber eher nur direkt ins Netz, zu den anderen Auskennern.

Das Web gab mutmaßlich überhaupt erst den Anstoß zu der Entwicklung, denn die Produktauswahl dort verlangte nach neuen Navigatoren. Ein Kreislauf: Viel Auswahl im Netz erzeugt noch mehr neue Auskenner, für die wieder neue Kenner-Plattformen und Shops geschaffen werden. Nur nebenbei: Wäre jemand vor zwanzig Jahren in, sagen wir Passau-Ost oder Hildesheim, zum Sake-Aficionado geworden? Die Karriere zum Spirituosen-Connaisseur verlangt heute eben nicht nach Flugtickets, Händler-Netzwerk und jahrelang ersessener Bar-Biografie, sondern nur nach Tastatur und Kreditkarte, das Tasting-Set kommt frei Haus oder als Gutschein von Jochen Schweizer zu Weihnachten.

Wer sich durch die Berge von hastig hingeseiertem Fachwissen in den Food-Foren und Blogs liest, die wöchentlich zum Thema Single Malt oder Orange Wine verfasst werden, durch all die Rechthabereien, Herabwürdigungen, Plädoyers und Detaildiskussionen, erkennt vielleicht selbst als Infizierter, was das Ärgerliche am neuen Connaisseurtum ist: Es ist eine Bewegung weg von der Sache selbst. Die Produkte werden dabei durchweg sterilisiert. Was sie bisher auszeichnete – Geschmack, Sekundenglück, Überfülle – wird der Pädagogik und Lehrmeisterei geopfert. Man versucht, das Unfassbare mit Ingenieurseifer zu vermessen. Aber guter Whisky wird nicht besser, wenn man darüber spricht. Rum, Zigarren und Whisky sind nicht wie Briefmarken, oder Mineralien totes Material, das erst durch den Sammler aufgewertet wird. Nein, es sind eben Lebens-Mittel, diese Dinge tragen Freude in sich und gehören nicht nüchtern aufgereiht ins Hinterzimmer, nicht in Messehallen, nicht in ein Amazon-Paket. Das Verlangen, jedes ihrer Geheimnisse zu sezieren, entspricht etwa dem Verlangen, angesichts eines prächtigen Feuerwerks die Sprengstoffmischungen in Tabellen einzutragen. Es ist profan.

Bitte kein Missverständnis: Jeder soll immer den besten Whisky trinken, den er bekommen kann. Es gibt nichts Angenehmeres, als einen stillen Kenner, der weiß, was er wo in welcher Qualität erwarten darf. Noch viel mehr Menschen hierzulande sollten die Angst vor der Weinkarte ablegen oder vor teurem Olivenöl. Weichkäse-Profis, Terroir-Faschisten, Espresso-Erklärer – tobt euch aus. Aber bitte dabei nicht vergessen, dass diese Dinge immer nur Mittelchen zum Zweck sind. Und dieser Zweck heißt gutes Leben.

Anlässlich eines Interviews erwähnte der Stil-Intellektuelle Bernhard Roetzel, warum er sich abgewöhnt habe, Pfeife in der Öffentlichkeit zu rauchen. Nämlich nicht nur, weil es überall verboten sei, sondern weil er es leid war, das Pfeiferauchen zu thematisieren. Das aber sei unweigerlich der Fall gewesen, sobald er mit dem Stopfen angefangen habe. Die Vorstellung, einem Pfeifen- oder Zigarrenklub beizutreten, erschien Roetzel geradezu absurd. Schließlich seien Rauchen und Trinken seit jeher einfache Freuden. Man betreibt sie nebenbei, während man sich mit interessanten Dingen beschäftigt. Pfeife oder Branntwein nun plötzlich eine tiefgründige Faszination zuzuschreiben, zeugt in diesem Sinne von Geistesbequemlichkeit und unfeiner Anbetung des Banalen. Natürlich kann man Namen schottischer Brennmeister auswendig lernen. Aber ist das nicht eigentlich so, als würde ein Fußballfan sich in den Feinheiten der Rasenpflege verlieren?

Auffällig ist, dass sich der Wissenseifer besonders auf Spirituosen und Artverwandtem entlädt. Kennertum in Sachen Fischfang-Gütesiegel oder Zwiebelsorten ist nicht annähernd so verbreitet. Nein, es wirkt, als müssten gerade Laster und Luxus krampfhaft akademisiert werden. Genuss um des Genuss willen ist eben immer noch verdächtig. Wehe, ein schöner Rausch, eine teure Flasche? Derlei muss der wissenschaftlichen Sache dienen. Das zelebrierte Connaisseurtum atmet so auch oft eine kleinbürgerlich-protestantische Freude. Man gönnt sich was, aber nicht ohne lautere Absichten. Auch wenn Connaisseure glauben, die besten Versteher ihres Forschungsgegenstandes zu sein, sie sind sicherlich nicht seine besten Liebhaber.

Das Sake-Tasting in Berlin ist übrigens uneingeschränkt zu empfehlen. Es kostet 49 Euro, man hat danach trockene Klamotten und eine Vorstellung von den Unterschieden der Sake-Qualität. Himmelweit sind die.

(erschienen in der Süddeutschen Zeitung)

Juni 12th, 2017

Über das Lachtränen-Emoji

Für alle, die erst kürzlich im Netz zugeschaltet haben – das nebenstehende Emoticon mit dem Gattungsnamen „Tears of Joy“ ist seit einigen Jahren das dominante Stilmittel in den sozialen Medien. Falls es nicht gleich ersichtlich ist, es soll ein fröhliches Gesicht darstellen. Eines, das vor lauter Spaß Tränen lacht. Dieses Emoji wird mittlerweile inflationär verwendet, steht gerne im halben Dutzend unter Tweets, Whatsapp-Nachrichten, Eltern-SMS und Facebook-Einträgen und ist besonders beliebt auch als Zierleiste in Fachforen, in denen garantiert noch nie jemand über irgendwas Tränen gelacht hat.

  An das Ende eines Eintrages oder Tweets gesetzt, bedeutet das Gesicht: Seht her, ich lache mich hier gerade so richtig schlapp. Über meinen eigenen Beitrag. Das allein ist schon fragwürdig. Aber eventuell noch verständlich, in einer Umgebung, in der zwar alle ironisch sind, aber eigentlich keiner mehr Ironie versteht. Deswegen herrscht ja auf den Kanälen und Streams längst Kennzeichnungspflicht für nicht ernst Gemeintes, denn sonst: Aua, Shitstorm. Für diese offenbar notwendige Kennzeichnung aller para-humoristischen Beiträge und süffisanter Antworten stünde eine ganze Reihe vergleichsweise dezenter Emojis zur Verfügung, zwinkernde, freundliche oder eben auch kichernde Gesichter. Verwendet wird aber am liebsten immer nur das hier: Die fiese Titanwurz der Fröhlichkeit.

  Diese Epidemie des Lachtränengesichts aber muss endlich eingedämmt werden. Bitte, das Ding soll verschwinden.

  Es ist nicht ganz leicht zu sezieren, was daran heute so abstoßend ist. Erstens vielleicht – es ist immer zu billig übertrieben. Niemand lacht so, höchstens die Kinder in japanischen Zeichentrickfilmen. Schon gar nicht aber lacht jemand so im Zusammenhang mit den Witzeleien, die dieses Emoji im Web-Alltag heute meistens begleiten muss. Es steht dort ja beispielhaft hinter heiteren Anmerkungen der Güteklasse: „ … dann hätte er doch gleich seine Frau mitnehmen können.“ Oder: „Sieht man ja, welchen grandiosen Erfolg die FDP damit hatte.“ Der aktuelle Kommentarstrang unter dem neuen Facebook-Beitrag von 1860-Geldgeber Hasan Ismaik ist musterhaft für den völlig spaßfreien Massenaufmarsch dieses Emojis. Hass, Schmähungen und kalter Hohn werden nonstop damit verniedlicht. Das harmloseste Beispiel: „Ich lach mich schlapp mit Euch traurigen 60ern. Immerhin taugt Ihr noch als guter Witz.“ Und dahinter dreimal die feucht explodierende Grinsefratze.

  Über derart mattes Gefrotzel werden also täglich hektoliterweise Tränen der Freude vergossen. Was für eine deprimierende Welt. Mag sein, dass es anfangs wirklich nur das Lustigste aller Emojis war und als solches 2015 sogar in den Oxford Dictionaries gewürdigt wurde. Heute ist das irre Lachgesicht aber vorwiegend zu einem Symbol für Schadenfreude, Hohn, Nachtreten und bitteren Sarkasmus verkommen.

  Nicht nur seine Funktion, auch das Gesicht selbst ist unangenehm. Vor allem, weil es einen nicht anschaut. Da sind nur diese verkniffenen Schlitze. Wer so blöd selbstgerecht und grell auflacht, das mutmaßt man als Betrachter irgendwann, den interessiert die Wirklichkeit eigentlich gar nicht. So einer will sich nur auf die Schenkel klatschen, über die Doofheit der anderen oder seinen eigenen Gag wiehern. Dieser Gesichtsausdruck erinnert stimmungsmäßig an Bierbankbesatzungen im Endstadium und den Moment, an dem ihre Heiterkeit jederzeit in handfeste Pöbelei umschlagen kann. Es ist jedenfalls keine gesunde Freude.

  Irgendwie ist „Tears Of Joy“ damit auch eine symbolträchtige Fußnote der Fake-News-Debatte geworden und nicht von ungefähr oft Sättigungsbeilage bei populistischen Schmähbeiträgen. Die Botschaft der Grimasse ist dann: Erzähl mir doch, was du willst, ich sehe nix und lache über alles. Wer sich vom Geschehen abwendet und jede Nachricht nur noch fatalistisch einsortieren kann, der lacht so. Dieser Mensch ist im Rotbereich seiner Zurechnungsfähigkeit angekommen. Es gäbe doch auch ein kotzendes Gesicht, warum lieber dieses böse Lachen? Und angesichts der Weltlage wirkt die Lache des Emojis unter aktuellen Nachrichten sowieso meistens etwa so passend wie ein Furzkissen im OP.

  Irgendwie lässt das Emoji heute auch den Absender nicht mehr besonders gut aussehen. Natürlich ist es meistens lieb gemeint. Aber eine Person, die offenbar jede zweite Wortmeldung oder Nachricht urkomisch findet und ständig wie in ein Megafon schreilacht, die würde man im echten Leben ja auch irgendwann etwas skeptisch beäugen. Woher kommt denn überhaupt der Bedarf an derart übertrieben dargestellter Fröhlichkeit? Reicht das normale Lachgesicht nicht mehr, vielleicht aus dem gleichen Grund, aus dem heute auch jedes Tellergericht mindestens „sehr, sehr lecker“ sein muss? Geht es also um Aufmerksamkeit, die man sich nur noch vom drei- bis achtfachen Superlativ verspricht? Und ändert das achtfache Gesicht irgendwas am Inhalt des Postings, an der Tageslaune oder dem Selbstwert des Postenden? Nein, eher wirkt es, als würde der Absender seiner unfassbaren Fröhlichkeit selbst nicht trauen.

  Ein weiteres Einsatzfeld der Lachtränen ist die verkappte Kritik geworden. Man kann damit ziemlich ausgewachsene Gemeinheiten servieren, zum Beispiel unter einem Bild auf Instagram, und sie dann abschließend mit dem Gesicht gewissermaßen als superlustigen Irrtum oder Gag entwerten. Etwa hinter einem Kommentar wie: „Dachte schon, da siehst du aber krank aus!“ Hahaha. Auch wenn gar kein Witz vorkommt, tun die krassen Lachtränen so, als wäre hier irgendwo ein Witz versteckt gewesen. Und bevor man genauer darüber nachdenken kann, rauscht ohnehin schon wieder anderes darüber.

  Nicht zuletzt – solche Tears of Joy waren eigentlich mal eine emotionale Extremsituation. Als Mensch kann man sich jedenfalls meist ziemlich lange an die paar Momente im Leben erinnern, an denen man wirklich vor Freude Tränen vergossen hat. Schon wegen der Entwertung dieser Besonderheit ist es schade, dass diese Reaktion jetzt in solchen Mengen, in jeder SMS vorkommt. Eine Nummer kleiner tut es eigentlich immer auch. Und vielleicht sollte sich jeder mit einem losen Finger an der Emoji-Taste lieber vornehmen, wieder mal im echten Leben ein paar Freudentränen zu vergießen.

Mai 4th, 2017

Grant. Oder: Keine Stadt, nirgends

Weil gerade wieder ein goldiges München-Magazin nach dem anderen erscheint, muss ich auch mal was dazu sagen. Ich bin hier geboren und habe insgesamt 25 Jahre hier gelebt. Ich habe die Stadt oft genug in Texten gestreichelt und hundertmal verteidigt. Aber in den letzten 15 Monaten habe ich auch viele andere Städte gesehen. Ich war in New York, London, Berlin, Paris, Mailand, Wien, Lissabon, Porto, Reykjavik, Rom, Stockholm, Triest, Budapest, Zürich und Kopenhagen. Ich war nicht nur dort, sondern habe meistens auch eingekauft, gekocht, gegessen, getrunken, bin Rad gefahren und nachts irr rumgestolpert. Nach jeder Reise bin ich ein bisschen unglücklicher in München aufgewacht, denn jede dieser harmlosen Städte war besser. Keine war perfekt, aber alle hatten etwas genuin Städtisches, das München nicht hat. Eine spezifische Verdichtung, etwas Lebendiges, einen historischen Pulsschlag oder auch ein modernes Drehmoment, die es hier alle nicht gibt. München ist eine Theaterkulisse auf den Schultern von sechs DAX-Konzernen. Die Schleuser hierher nennen sich Headhunter. Sie haben eine Karriere- und Schlafstadt geschaffen, in die unentwegt Menschen kommen, um Geld zu verdienen und am Wochenende wandern zu gehen. Mit dem Geld kaufen sie sich erst eine Portion Stadtstolz, dann eine bayerische Tracht, dann eines der Autos von hier und dann eine Wohnung und daneben ist eigentlich keine Zeit für irgendwas anders, höchstens mit dem Hund in den Park, weil was anderes kannst du in den Münchner Parks auch nicht machen. Das sind dunkle Reinkackparks, die nicht bespielt werden, wo es kaum Sportplätze oder Fußballkäfige gibt und selbst wenn du kicken willst, musst du dich anstellen oder hoffen, dass das Gras mal gemäht ist. Alter Botanischer Garten, was würden andere Städte daraus machen! Hier seit Jahrzehnten ein einziges düsteres Gebüsch. Den Platz hinterm Rathaus kenne ich nur als Baustelle. Sogar die hässlichen Sitzbänke (in Wien, London und Paris stehen sie elegant und dicht nebeneinander aufgereiht wie Sesselreihen, weil es was zu sehen gibt!) sind in den Parks so selten wie die Mülleimer und auf jeder sitzt ein frisch geduschter Rentner und schaut grimmig, wer da schon wieder vorbeigeht.

Man hat zwar die Taschen voll Geld, aber die Versorgung ist allgemein miserabel. Flußufer, Aussichtshügel, Hinterhöfe, zehn Meter breite Bürgersteige – alles leere, lebenslustbefreite Zonen. In Stockholm werden sogar in kleinen Regionalzügen Zimtkringel und Kaffee verkauft, Paris ist voll mit Patissiers und Rom, ach Rom. An der Stadtisar aber läufst du ewig, bis es mal irgendwo eine trockene Breze gibt. Schon klar, dass Städte wie Menschen unterschiedliche Talente haben. Aber München ist mittlerweile wie die sentimentale Idee von einer Stadt, die alle irgendwie haben und wegen der nicht zuletzt auch nonstop diese Magazine und Lebenswert-Sonderhefte entstehen. Wenn du genau hinschaust, dann ist da aber eigentlich gar nicht mehr viel. Du darfst nix. Keine Bank auf den Gehweg, keinen Stuhl auf die Grünfläche, keine Musik im Hinterhof, keinen Blumenkübel aufstellen, keine Lichterkette in die Bäume, kein Straßenflohmarkt, schon gar keinen Foodtruck. Versuch mal ein Brotzeitfahrrad für den Englischen Garten anzumelden, da gibst du auf. Es gibt keinen Ermessenspielraum, kein Augezudrücken, keinerlei Wildwuchs, keinen Platz, keine Lust. Im Kulturzentrum Gasteig gibt’s im Hof so etwa sechs wacklige Stühle, auf die man sich mittags kostenfrei setzen kann. Warst du mal in Skandinavien, hast du gesehen, wie da die Kulturzentren aussehen? Die sind für echte Menschen gemacht, da sollst du hingehen, sitzen, arbeiten, essen, Leute treffen, das ist so gewollt, von der Stadt, das sieht sogar gut aus. Was in München öffentlicher oder städtischer Raum ist, ist immer der ärmste, kleinste, schäbigste gemeinsame Nenner.

In München kannst du nicht einfach essen gehen, die zwei Dutzend guten Restaurants sind alle immer reserviert, du musst Tage vorher anrufen. Und wenn du aus dem Kino oder Theater kommst, gibt’s nichts mehr, weil die Köche hier um 22 Uhr flächendeckend das Kochen einstellen. In der Bierstadt München kannst du nix trinken, einfach mal schnell ein Bier, für so was musst du hier richtig eine Idee, einen Plan haben. Wenn nicht, endest du nach viel Gerenne in einer der Folklore-Schänken oder in der letzten Spelunke, wo noch ein Platz frei ist. Nirgends sind die Eck-Italiener so mies wie in der nördlichsten Stadt Italiens, die Speisekarten laminierter, die Wirte unlustiger. Ich weiß, du hast jetzt gleich ein paar Ausnahmen parat, aber wir sprechen hier von den lebenswichtigen Aufgaben einer Großstadt. Ich will nicht eine Handvoll guter Beispiele, nicht drei gute Läden in einer Millionenstadt. Eine Stadt soll ihre Leute verdammt noch mal nach der Arbeit unterhalten, betören und sedieren. London ist auch eine fiese, verspiegelte Bürostadt, aber da rennen die Anzugmenschen um 18 Uhr zu Tausenden in die tausend Pubs und saufen sich solidarisch an, und alle kriegen irgendwo einen Tresen und niemand schaut und niemand hat reserviert. Und mittags gehen sie alle zu tausenden dampfenden Takeaway-Läden und Ständen, die so tadellos, modern, international und interessant sind, dass sie bei uns wieder zwei Monate voraus ausgebucht wären. Hier hingegen stapeln sich die Bürogemeinschaften vor dem letzten verbliebenen Döner der Straße. Der Rest isst in der Kantine, fühlt sich workhard-playhard und geht trotzdem nach Feierabend brav heim, in eine hässliche, niedrige, kleine Isolierfensterwohnung, weil’s uns die alten Häuser nun mal zerbombt hat und seitdem nur mit Kleingeist gebaut wurde. In Italien kriegst du an jeder Ecke ein Glas Prosecco, was Kleines dazu, in Wien hast du bis spät in die Nacht überall tadellose Ober, die dich akkurat mit Gulasch und Wein versorgen, egal in welchen Zustand du ankommst, in Lissabon kannst du dich den ganzen Tag in einem der winzigen Jugendstil-Kioske verköstigen und vor dem Schlafengehen noch Kirschschnaps trinken bis der Boden klebt. Herrgott, sowas sind doch die Basics, da müsste man doch gar nicht drüber reden, schon gar nicht in so einer Speckgürtel-Wohlstandsgemeinde. Aber hier schwitzt du, wenn sich ein Gast spontan ankündigt, wenn du mit den Nachbarn mal schnell irgendwohin hocken, einen weitgereisten Interviewpartner Nachmittags irgendwo schön empfangen willst oder auch nur eine Flasche Wein kaufen nach acht Uhr, da musst du googlen, gibt’s diese eine Tankstelle in der Innenstadt noch? Nö.

Die U-Bahn im zehn Minuten-Takt, die S-Bahn 20 Minuten. Ab Mitternacht dann so gut wie nix mehr. Waren die Verantwortlichen dafür mal irgendwo anders? Und ich meine nicht Regensburg. Dazu jeden Tag Störung. Jeden Tag: Wegen starkem Verkehrsaufkommen… . Diese Stadt ist gleichzeitig immer zu voll und zu leer. Die mag weder Neues noch schätzt sie das Alte. Die alten Straßenbahnen werden verschrottet, andere Städte würden die zum Wahrzeichen machen, aber hey, wir haben ja schon das abgefuckte Glockenspiel. Die letzten Villen werden umstandslos durch kastige Mehrfamilienhäuser ersetzt. Du wirst irre, wenn du nicht längst auch so betäubt wärst. In London ist die U-Bahn auch Katastrophe, klar. Aber da schreiben die Verantwortlichen wenigstens jeden Morgen mit der Hand Hinweisschilder, die originell und herzlich sind und das reicht schon, da ist ein gemeinsamer Witz in der Luft und ein Berufsstolz und du kriegst überall Kaffee und jedes zweite Auto ist sowieso ein roter Bus. München ist so humorlos wie ein Sechszylinder. Aber wenn man schon in einem sterilen Sechszylinder lebt, warum funktioniert der dann nicht mal?

Es gibt große Viertel in München, in denen bist du so dankbar, wenn wenigstens mal ein Aufback-Bäcker neu eröffnet, weil es kilometerlang sonst nichts gibt als senfgelbe Wohnblöcke aus den 70er-Jahren und Bürobauten. Da ist nix. Ich bin in Laim aufgewachsen, damals war der McDonald‘s an der Fürstenrieder eine Sensation. Das ist er heute immer noch. Fahr mal von der Donnersberger bis Pasing, das sind zehn Kilometer bitterster, sterilster Wohnungsbau. Da schlafen hunderttausend stolze Eigentümer, aber da ist kein Leben, leere Gehsteige, höchstens ein unterbudgetierter, sicherheitsfixierter Spielplatz. Und alle vier Straßen das immergleiche Kleeblatt aus Rossmann, Lidl, Apotheke und Tengelmann, damit keiner verhungert. Du bist hier dankbar für jeden schäbigen Getränkemarkt, der noch nicht Kinderpsychologe ist. Dankbar für irgendein altes Firmenschild, das dich daran glauben lässt, dass es hier früher auch Menschen gab. Für jede Initiative, die ein bisschen mehr als nur das Nötigste will. Aber jeder kreative Vorstoß wird ja Stadtpolitikum, jede Zwischennutzung, jedes Stadtgartendings verstrickt sich nach kurzer Zeit in Ego-Stolz-Knatsch, denn so sind wir hier. Das Mia san Mia hier ist eigentlich ein Ich bin ich. Das bedeutet eigentlich nur Mia stehen jeder einzeln in seinem 5er im Stau und zwar jeden Tag und morgens und abends. So bled san mia.

Du verlangst ja gar nicht junge Kaffeeröster, frische Blumengeschäfte, Fischläden oder stolze Metzger, wie du sie ihn Wien und Mailand noch überall findest oder gar ein echtes Cafe an jeder Ecke, wie in Triest. Aber wenn selbst Manhattan für seine Menschen eine ganze Kette an blitzsauberen Sportplätzen einrichten kann und du da an jeder Straße einen Seven Eleven findest, der zumindest die lebenswichtigen Sachen hat und zwar immer und trotzdem freundlich, dann weißt du, München ist eigentlich keine funktionierende Stadt, sondern eher ein Übungsplatz für Hausmeister. Klar, Berliner Verhältnisse, wo du in deiner Straße alles bekommst und die Läden und Kneipen sich so schnell austauschen wie die Mieter, das gab es hier nie. Dickicht, Gemenge, Potzblitz – das kommt auch nie mehr. Jeder Zentimeter ist gekärchert und vom Ordnungsamt abgenommen. Die zehneinhalb offen kreativ Lebenden stehen genau so unter Denkmalschutz wie die vier Verrückten und die drei Traditionsgeschäfte, die es hier noch gibt. Lies mal die täglichen Münchner Polizeimeldungen, die eine Hälfte sind Senioren, die an falsche Handwerker und Polizisten versehentlich zehntausende Euro weiterreichen und das anderen sind Unfälle, in denen die gleichen Senioren mit ihrem Range Rover in einen Mini krachen.

Ich will keine junge Subkultur, die ist eh überbewertet. Eine Stadt braucht keine flippige Szene, um gut zu sein. Eine Stadt braucht Kaufleute, Gastronomen, Architekten, Exzentriker, Familienbetriebe und schreiende Markthändler. Ich will Kultur, Überforderung, Reizflutung. Oder wenigstens Lebensart. Weißt du wie in Wien eine Theaterpremiere gefeiert wird? Was in Mailand so wegflaniert wird, jeden Abend? Wie in Lissabon die Lichter angehen? Wenn die Münchner Abonnenten aus der Oper kommen wird nix mehr flaniert, wohin auch, da ist zehn Minuten später nur ein Stau auf der Maximilianstraße, weil alle schnell umlandheim wollen. München ist angeblich reich. Find ich gut. Aber wie äußert sich der Reichtum eigentlich? Die schönen alten Schulen sind alle baufällig, für Fachärzte brauchst du zwei Monate Wartezeit, die Bürgerbüros sind so abgerockt, eng und beamten-analog, das willst du keinem Dänen zeigen. Gibt’s irgendwas Neues, außer zweier bildschöner Tunnels? Gibt’s einen Fortschritt, eine Großzügigkeit, ein Experiment, gibt‘s irgendwas aus dem digitalen Zeitalter? Bist du auf irgendwas stolz, das die Stadt in den letzten zehn Jahren aus sich heraus geschaffen hat? Was zeigst du einem Gast, der in München zu Recht den Wohlstandsmotor Europas vermutet? Du zeigst ihm den SUV-Stau und die Burnout-Visagen.

Klar, das ist jetzt eine ziemlich gestreute Schrotladung in den breiten Arsch der Tante. Diese Stadt hat ihre Momente, natürlich und auch ihre Adressen. Sicher, man kann hier gut leben. Aber auch nur noch in dem Sinne, wie man in einem Rewe-Markt gut einkaufen kann. Man geht halt in die vier Bars, die drei Clubs, die zwei Theater und an den einen Fluß, wie eine halbe Million anderer Bedürftiger eben auch. Und wischt sich mit ihnen einmal im Jahr auf dem Königsplatz ein Tränchen aus dem Auge, weil der Monaco wieder so schön ist. Dann bringt man den Pfandbecher zurück und fährt mit funktionierendem Rücklicht durch die fest schlafende Stadt nach Hause. Echt, zum Verklären besteht kein Anlass.

September 14th, 2016

Über den 37. Geburtstag

Er taucht in der Literatur so selten auf wie auf vorgedruckten Grußkarten, ist kein denkwürdiger Markstein, keine runde Sache und scheinbar nur eine weitere Stufe in der Treppe. Wenige Menschen können deshalb tolle Geschichten von ihrem 37. Geburtstag erzählen.

  Dabei sollte man ihn groß feiern, denn vieles deutet darauf hin, dass die 37 gerade die Lieblingszahl von Lebensforschern und Statistikern wird. Das Meinungsforschungsinstitut YouGov etwa hat sie kürzlich als Ergebnis auf der Suche nach dem idealen Alter ermittelt. Die Teilnehmer der Studie wurden gefragt, welches Alter ihnen lebenswert vorkommt oder in der Rückschau das beste war. Amerikanische Statistiker wiederum kamen auf die gleiche Zahl, als sie das Alter ausrechneten, in dem man genauso viel ältere Mitmenschen wie jüngere um sich hat. Man steht also tatsächlich, wo man sich in dieser Zeit gefühlsmäßig ohnehin verortet: zwischen Alt und Jung. Und eine Studie errechnete die 37 als das Jahr, in dem die Briten durchschnittlich ihre Lebensziele erfüllt haben wollen. Handelsübliche Ziele sind das: Ehepartner gefunden, Eigenheim bezogen, gutes Einkommen und Familiengründung bewerkstelligt. Da ist die 37 also der Punkt, an dem alle Zwischenlösungen überwunden sein sollen, das Ende des Konjunktiv-Lebens. Glück, Erfüllung, Wendepunkt – ziemlich viel los an einem Termin. Und weil der Autor nur noch ein paar Monate bis zu dem elementaren Geburtstag hat, ist es offenbar höchste Zeit für eine kleine, persönliche Inventur.

  Ein Freund sagt: Mit 37 ist endgültig kein guter Fußballer noch älter als man selbst. Die männerwichtige, theoretische Möglichkeit einer Profikarriere ist dann also auch auf dem Papier besiegelt. Es lässt sich auch jenseits des Platzes nicht mehr übersehen – Türen haben sich leise geschlossen, manches wird man wohl nicht mehr. Der Kindheitstraum, der einen bislang aus dem Spiegel angesehen hat, beginnt zu verblassen oder sich mit der Realität abzugleichen. Das ist neu.

  Selbst in den frühen Dreißigern erschien das Leben ja noch als endloses Sushi-Laufband. Flatrate und Multioption sind nicht von ungefähr Schlagworte unserer Generation geworden – Gelegenheiten kommen bunt vorbei, nimm dir, was du willst! Wir konnten an Omas Geburtstag fast 15 Jahre lang problemlos irgendwas von Hospitanz, neuer WG und monatelangen Südamerika-Trips erzählen, Städte, Partner, Lebensformen – alles war bis Mitte 30 noch verhandelbar, ohne dass es weiter aufgefallen wäre. Weil unsere Generation die Wechselzone zwischen Schulende und Ankerplatz, die tatsächliche Jugend und das anschließende Jugendgefühl, sagenhaft ausgedehnt hat. Wenn das so weitergeht, wird bald niemand mehr alt sein.

  Diese endlose Gnadenfrist ist aber, gegen jede Wahrscheinlichkeit, doch abgelaufen. Das Sushiband ab 37 hat eben doch schon Lücken. Manches gibt es nicht mehr für uns, auf manches verzichten wir aus Erfahrung, Vernunft oder weil am nächsten Tag die erste Krebsvorsorge ansteht, die die Kasse bezahlt. Und dann fehlt jetzt vielleicht auch ein bisschen die Neugier. Diese Eigenschaft gilt vielen Psychologen als wichtiger Indikator, wenn es darum geht, ob man sich alt oder jung fühlt. Sicher würde kein 37-Jähriger von sich sagen, genug gesehen zu haben. Trotzdem verkleinern viele ihren Horizont schon wieder. Diagnose: altersbedingter geistiger Aufnahmestopp. Klar, man ist jetzt ein fertiger Mensch, und das ist erst mal ein ganz wertfreier Zustand. Bei den einen bedeutet das gutes, mutiges Selbst-Bewusstsein. Bei anderen wird daraus ein Selbst-Genugsein. Im Bekanntenkreis versammeln sich jetzt jedenfalls viel mehr Prinzipienbesitzer als noch vor zehn Jahren. Die einen finden, Altbau gehe gar nicht mehr. Andere halten Busfahren jetzt für ein totales No-Go. Oder Impfen. Die eigene Ansicht scheint plötzlich jedenfalls zur Leitkultur zu taugen. Und viele 37-Jährige würde ihrem 27-jährigen Ich überraschend früh vergreist und rechthaberisch vorkommen.

  Aber das allgemeine Sedimentieren der Altersgenossen, dieser Ansturm auf Eigentum, Eigenglück, Eigenheit und Eigenstand, der ab 35 einsetzt, ist eben ziemlich ansteckend. Lebensversicherungen wurden bis 2014 am häufigsten von 37-Jährigen abgeschlossen, meldete der Branchenverband GDV. Wenn sich das Erwachsensein schon nicht mehr leugnen lässt, dann wird es eben gleich mustergültig exerziert. Das ist wahrscheinlich der größte Stressfaktor für Enddreißiger – auch jetzt locker zu bleiben, wenn die Würfel noch nicht ansatzweise so liegen, wie man es sich vorgestellt hat. Tröstlich nur, dass die, die ihr Leben termingerecht geordnet haben, genauso gestresst sind.

  Bei denen werden Entscheidungen jetzt nicht mehr erlebnisgetrieben, sondern pragmatisch (Zeit, Geld, Kitaplatz, Urlaubssperre) getroffen. Der Freundeskreis, vor wenigen Jahren noch heiligstes Gremium, sortiert sich neu. Eine britische Studie meldet: Menschen ab 35 pflegen noch etwa 14 Freundschaften und alle fünf Jahre verschwindet eine davon. Wen man bis hier von Spielplatz, Schulbank und WG halbherzig mitgeschleppt hat, der prallt jetzt eben oft an einer Firewall namens Familie ab. Dafür werden Netz- und Nutzbekanntschaften geschlossen, die zusammen mit der Handvoll alter Freunde genug soziale Sättigungsbeilage ergeben. Und da sind ja vor allem die kleinen Menschen, die man sich selbst gemacht hat! Der Sozialradius wird kleiner und auf dem Klingelschild in der Neubausiedlung steht zwischen den Zeilen stolz: „Mia san mia“.

  Was eher nicht mehr stattfindet: sich von einem Wind irgendwohin wehen zu lassen, noch mitzukommen oder einfach nur zu bleiben, um zu schauen, was passiert. SpontaneEinladungen, kurzfristige Überschwänglichkeiten und Quatsch haben keine große Lobby mehr. Aber das ist o.k. Denn schließlich ist ja, während man 37 wurde, das Unfassliche eingetreten: Es gibt eine neue Jugend. Eine, an der man jetzt auch beim besten Willen keinen Anteil mehr hat. Die einen auch bei Androhung der Prügelstrafe noch siezt und deren Popgrillen man nur noch zufällig zirpen hört. Es ist nicht ganz einzusehen, aber: Die sind das jetzt, die auf Teppichen schlafen, an die falschen Typen geraten und den Sommer ihres Lebens haben. Eigentlich, nach einer schmerzhaften Weile, ist das sogar ganz gut. Schließlich ist man selbst mit dem Auftritt auf der Hauptbühne genug beschäftigt. Und auf dem Teppich zu schlafen war doch schon immer blöd. Oder? Gut, dass das Gedächtnis ab 35 auch ganz gemächlich nachlässt.

  Beruf und Familie, die zwei Hauptprojekte von Mitte der 30er-Lebensjahre an, sind ziemlich monotheistische Beschäftigungen und haben die gleiche Nebenwirkung: Feierabende, die nicht mehr gefeiert werden, sondern als Kurz-Reha angelegt sind. K.o. ist auf einmal o.k. Als Ersatz fürs Draußensein gibt’s Onlinesein. Eine große Social-Media-Studie über alle sozialen Plattformen hinweg ergab: Der durchschnittliche Nutzer da ist eben nicht Teenie, sondern 36,9 Jahre alt. Nebenbei konsumieren wir laut einer US-Studie zwar nur noch halb so viel Haschisch wie mit 25, aber dafür Serien, Bücher und Zeitschriften, die gerne von uns selbst handeln. Wir haben heute mit 37 sagenhaft viel theoretisches Lebenswissen angehäuft. Zu viel über Burn-out, Depressionen und Glutenunverträglichkeit gelesen, über spät gebärende Akademikerinnen, Single-Sexstatistiken, den Irrtum der Monogamie und die Vorteile des Bikram-Yoga. Wir sind Befindlichkeitsexperten. Schwer, bei so viel Sekundärliteratur nicht neurotisch zu werden. Wir haben uns einen Sommer lang vor dem Jahrtausend-Bug gefürchtet und einen anderen Sommer lang vor Ehec-Gurken. Wir sind eine lückenlos vermessene Generation, werden seit „Sex and the City“ laufend reflektiert. Wie wirkt sich das aus? Immerhin: Viele aktuelle Studien attestieren den ab 1980 Geborenen, dass ihnen eine Balance zwischen Freizeit und Arbeit genauso wichtig ist wie Geld. Eine gesunde Einstellung mit einer Kehrseite, in Form eines leisen Tinnitus, der uns ständig fragt: Really? Ist es das jetzt? Habe ich Leben und Job, Sex und Liebe, Stadt und Land, Kind und Karriere schon ausreichend vereint?

 Stand-by-Stellung ist eine zarte Sehnsucht. Wer mit der Gewissheit aufgewachsen ist, es könnte immer noch was Besseres auf dem Sushiband liegen, hat das eben auch mit 37 noch nicht abgelegt. Das ewige Warten auf Verbesserung ist übrigens eine gelernte Regel aus der digitalen Welt. Da ist jeder Zustand nur Version und das Warten aufs Update die Systemgrundlage. Hätte dieser Job, diese Liebe, dieses Life nicht eine neue Version verdient? Fühlt sich mein Leben nicht noch Beta an? Immerhin, mit 37 werden große Updates weniger, das Programm stürzt nicht mehr so oft ab.

  Auch neu: Mit 27 waren alle noch annähernd gleich, zehn Jahre später ist jeder anders. Aber wer heute in Deutschland 37 wird, der teilt mit den Altersgenossen doch ein paar historische Erfahrungen, die sich auf das eigene Leben auswirkten. Tschernobyl, Wiedervereinigung, den 11. September 2001, vielleicht die große Migration. Nicht viel. Aber auch das ist eine prägende Erkenntnis – es war eine friedliche Zeit, die uns schön ausreifen und etwas unpolitisch werden ließ. Wir mussten nicht kämpfen, konnten anderes vorantreiben. Umweltbewusstsein zum Beispiel. Einen Alltags-Feminismus und damit den ersten Zentimeter eines Schlussstrichs unter dem Patriarchat. Und den Umzug ins Netz, natürlich. Wir werden in 50 Jahren als Zeitzeugen (hoffentlich) nicht vom Krieg erzählen, sondern von einer Welt, die analog funktionierte. Sentimental genug für diese Rolle sind wir jetzt schon, ein Nebeneffekt unserer halbdigitalen Brückenbiografie. Was im Geschichtsbuch fehlt: der Selbstmord von Kurt Cobain, der damals für uns gestorben ist. Das erste Smartphone. Die hundert Akkus um uns herum, die ein neues Zeitgefühl vermitteln. Google, das Weltgedächtnis, das uns schon fast das halbe Leben versorgt. Die Simpsons und überhaupt Ironie, als Werkseinstellung einer Generation.

  Ist 37 also das beste Alter? Gut möglich. Man ist wer. Es gab Entscheidungen. Man hat Narben, darunter auch solche, die man nicht stolz vorzeigt. Vielleicht ist nicht mehr nur Sturm und Drang, aber da ist Leben, schönes, volles Leben. Es rauscht beruhigend um einen herum und führt noch nicht so viel hartes Treibholz. Man kennt einen Gleichaltrigen, der Krebs und einen, der Millionen geerbt hat. Aber noch sind die meisten Eltern so pflegeleicht, dass es reicht, wenn man sie mal in den Arm nimmt. Man hat sich jetzt, ehrlich gesagt, auch mal genug mit sich beschäftigt. Was an Selbstbefindlichkeit noch im Weg steht, schleifen die eigenen Kinder rigoros ab.     Heute 37 zu werden bedeutet aber auch: Jung war erst gestern. Vieles davon trägt man noch mit sich. Wenn man spätnachts mit dem Fahrrad durch die warme Stadt fährt, fühlt es sich kein bisschen anders an als mit 20. Und es besteht die vage Hoffnung, dass es auch mit 50 nicht viel anders sein wird.

September 14th, 2016

Über Monaco und Gstaad

Die Vorführdamen glänzen schon auf der Stirn. Seit zwei Stunden geben sie ihre Körper im Minutentakt den Exponaten hin, tragen Diamantensonnen im Ohr, mehrlagige Ketten aus Südseeperlen oder Opalen um den Hals oder strecken ihre Hände maximal grazil in das Publikum, das ungeniert daran herumzerrt, um den dargebotenen Cartier-Rubin von der Größe einer Haselnuss betrachten zu können. Währenddessen klettern an der Wand des Belle-Époque-Saals im Hotel Hermitage Zahlen nach oben, bis jeweils ein doppelter Hammerschlag die kleine Darbietung beendet. „Good one“ sagt der Mann in Reihe acht, wenn der Betrag über 45 000 Euro gelandet ist, und er sagt es ziemlich oft im Laufe der Juwelen-Auktion. Mit seinem Übergewicht, den abgelatschten Tod’s, rosa Bermudas und einer Plastiktüte mit Wasserflaschen würde er auch in einem städtischen Freibad nicht auffallen, wäre da nicht der gut frisierte, hechelnde Zwergpudel in seiner Armbeuge und die Bell-&-Ross-Aviation am Handgelenk.  

  Genau das mache den Charme der großen Sommerauktion aus, wird einer der Verantwortlichen des französischen Auktionshauses Artcurial später erklären: Eine Woche lang zwangloses Luxusshoppen, wie es keine Boutiquen-Meile auf der Welt bieten kann. Schließlich handelt es sich um ausgesuchte Vintage-Objekte, einmalige Sachen wie etwa die James-Bond-Uhr, im Film getragen von George Lazenby, die am Vortag aufgerufen wurde. Es war der Höhepunkt einer endlos proklamierten Abfolge von Rolex-Variationen, gefolgt von fünf- bis sechsstelligen Zuschlägen. Telefonbieter, Sammler, Schaulustige, die von ihren Yachten gekommen waren und bei 36 000 Euro spontan ins Bieten gerieten – es fühlte sich einen Abend lang an, als könnte der Rolex-Hunger der Welt nie gestillt werden.

  „Porsche, Rolex und Hermès sind die Marken, die in den letzten Jahren sagenhaft im Wert steigen, da kann man gar nichts falsch machen“, sagt später Martin Guesnet, der Europa-Chef des Auktionshauses. Ein ganzes Jahr lang bereitet er mit seinem Team diesen Sommerausflug an die Küste der Superreichen vor. Dafür klappern sie das alte Geld und die großen Familien ab, immer auf der Suche nach den magischen drei Ds eines Auktionators: „Death, Debt, Divorce, das sind die Anlässe, bei denen sie ihre Schätze verkaufen und wir zuschlagen.“ Goldener Kerzenständer von Salvador Dalí gefällig? Nein? Macht nichts, der geht später für mehr als 200 000 Euro an ein deutsches Museum. Die James-Bond-Uhr ist übrigens nicht versteigert worden, obwohl mehr als 300 000 Euro geboten wurden. „Etwas überzogene Preisvorstellung des Verkäufers“, murmelt man backstage beim Auktionsteam. Vielleicht lag es auch an George Lazenby, dem Aushilfs-Bond.

  Draußen, vor der Drehtür des Hermitage brütet Monte Carlo in der Sommerhitze. Die Stadt ist immer Baustelle, die zwei Quadratkilometer steuerfreundliches Staatsgebiet werden nonstop nach oben oder unten erweitert, wegen des großen Erfolges. Ein ewiger Stau ist die Folge, in dem sich die Motoren der Lamborghinis und Rolls-Royce-Cabrios im Schritttempo vom Hafen hinaufgrollen Richtung Casino, wo wieder Kräne stehen. An den Türen des alten Casinos wird seit Kurzem streng auf die Kleiderordnung geachtet, keine Shorts, Turnschuhe oder Flip-Flops, ab 20 Uhr Jackettpflicht. „Wir wollen den traditionellen Zauber Monte Carlos erhalten, denn das unterscheidet uns von anderen Spielerstädten“, sagt die zuständige Pressesprecherin über die Maßnahme, die an diesem Nachmittag etlichen russischen und britischen Sportwagenbesitzern den Casinobesuch verdirbt.

  Am nächsten Tag im Hotel Hermitage, nach Tagen voller Uhren und Juwelen – endlich Hermès! Die Vorführdamen sind frisch gepudert, tragen Birkin Bags aus Krokoleder und Straußen-Kellys vorbei an Frauen, die auf ihre Männer eintuscheln, vorbei an Händlerinnen, die mit ihren Kunden am Handy debattieren und Sammlerinnen wie Carine Menache, die zuvor von Star-Auktionator François Tajan persönlich begrüßt wurde. Ihr Geld hat sie in der Finanzbranche verdient, jetzt ist die resolute kleine Dame Hermès-Spezialistin, mehr als 70 Taschen hat sie, und für jede das passende Outfit. Später wird sie in eine Fernsehkamera den Satz sagen: „Ja, ich definiere mich über Taschen.“ Aber sie kauft nicht alles. Bei der kleinen gelben Kelly mit der ungewöhnlichen Kalbsleder-Canvas-Ausstattung, bietet sie lange mit, nach 30 000 Euro bleibt ihr Schild unten. „Absolut verrückt“, sagt sie. Aber ihre Augen sagen etwas anderes.

 

Gstaad

Vorgesehen ist vom Architekten, dass die Gäste den Außenpool über einen Aufzug aus dem unterirdischen Spa-Bereich betreten, als Showbühnen-Effekt sozusagen. Der saudische Clan hält aber nichts davon. Man nimmt die Direktroute von der Frühstücksterrasse des Hotels Alpina, wo dieses Jahr statt Kaffee lieber ayurvedischer „Golden Latte“ getrunken wird – vegan, gluten-, lactose- und koffeinfrei. Vorweg laufen also fünf verschleierte Frauen, gefolgt vom Kindermädchen, das einen obsidianschwarzen Cybex-Kinderwagen mit goldenen Flügeln schiebt, eine Sonderedition des Designers Jeremy Scott. Dann ein paar lustige Kinder und schließlich, nicht lustig und trottend: der Mann.

  Die anderen Gäste machen es richtig, kommen aus dem Aufzug auf die Swimming-Bühne, begrüßt vom vierköpfigen Pool-Team des Alpina, das die nächsten zehn Stunden Handtücher rollen, Drinks balancieren und mit Schirmen den Sonnenstand korrigieren wird. Es treten auf: der Schweizer Skistar mit der unbekannten Schönheit. Das junge Männerpaar, das keinen Schatten möchte, aber alle Magazine. Etwas später das ältere, süddeutsche Fabrikanten-Ehepaar in tadelloser Freizeitkleidung, sauber bestrumpft. Dazu noch zwei zeitlose Damen, die sich mit der Langsamkeit von teuren Zootieren bewegen und über eine leere Liege hinweg unterhalten. Aus dem Tal wehen dazu an diesem Samstag ziemlich unpassende Fetzen von Stimmungsmusik herauf, das internationale Beach-Volleyballturnier legt dort den Ort lahm. Morgen Nacht werden ein paar Dutzend Helfer den Sand wegschaufeln, dann geht es mit dem großen Tennisturnier weiter, danach stehen die Menuhin-Festspiele an, dann das Country-Festival.

  Gstaad im Sommer, das ist ein Event-Kraftakt. Hochkarätige Veranstaltungen sollen die Winterstammgäste und ihre Kreditkarten locken, auch St. Moritz und Lech proben dieses Comeback der alpinen Sommerfrische. Im Gegenzug zu diesen Luxusdörfern hat Gstaad aber noch eine separate Goldader – das Edelinternat Le Rosey, dessen Zöglinge seit jeher aus Königs-, Diktators- oder zur Not auch Millionärsfamilien stammen und das aus Gründen der Luftveränderung drei Monate im Winter hier gastiert. In Gefolge der Schule haben sich Eltern und Alumni in den letzten Jahrzehnten Grundstück für Grundstück einverleibt. Heute hat deshalb nahezu jedes Chalet an den Hängen und im angrenzenden Lauenental schon zweistellige Millionbeträge gebracht, und niemand wundert sich, wenn die neuen Nachbarn nur Vornamen tragen. Vornamen wie Madonna oder Valentino.

  Eric Favre, Direktor des Alpina, ist ein freundlicher Mann, in seiner Freizeit läuft er Ultramarathons. Er schlendert nach dem Lunch durch die unterirdische Auffahrt seines Hauses, zehn Autos der Gäste dürfen vor dem Eingang parkieren. An diesem Tag sind im Menü ein Ferrari 612, ein Flügeltüren-Mercedes, ein Vintage-911er und mehrere Range Rovers. Vor dem letzten bleibt er stehen, es ist nämlich keiner, sondern ein Bentley. „Ach, der erste Bentayga der Schweiz“, sagt Favre. Ein Gast hat ihn sich zur Probefahrt kommen lassen, den ersten gekauft hat angeblich schon die Queen. Favre lächelt nachsichtig, kein Geldhaufen der Welt kann ihn noch beeindrucken. „Diesen Menschen muss man etwas Neues bieten“, sagt er vergnügt. „Aber gleichzeitig mögen sie auch keine Veränderung. Sie wollen im Sommer von dem gleichen Gesicht bedient werden wie im Winter, am besten jahrzehntelang.“ Später öffnet der PR-Manager heimlich eine Seitentür neben dem Empfang. Ein Druck auf den Master-Lichtschalter, und man steht in einer vertäfelten Suite, die eher ein vertäfelter Gebäudetrakt ist. 850 Quadratmeter Geheimversteck. Wenn man hier eincheckt, bekommt niemand etwas mit, nur Eric Favre und irgendwo ein Konto, das pro Nacht eine 25 000 Euro tiefe Kerbe verbucht. Albert von Monaco habe diesen Service zum Beispiel kürzlich genutzt.

  Es ist Abend. Die Liegen am Pool haben sich geleert, die Fußabdrücke der saudischen Kinder sind getrocknet. Noch hat sich niemand für das Dinner umgezogen. Schon bald werden im japanischen Restaurant Tranchen vom Thunfisch geschnitten und US-Wagyubeef gegrillt. Ein Pianist nimmt in den letzten Strahlen der Sonne an seinem Instrument Platz, und bevor er sehr mezzopiano anfängt „Englishman in New York“ zu spielen, hört man es zum ersten Mal und wie von sehr weit her: echte Kuhglocken.

September 12th, 2016

Über das Sparen

Meine Mutter ist eine schwäbische Protestantin. Das ist ein äußerst lebenstüchtiger und unerschrockener Menschenschlag. Ich wurde von ihr in der Überzeugung erzogen, dass man alles schaffen kann, wenn man nur frisch und fröhlich ans Werk geht und Bundesschatzbriefe hat. Es machte mir Spaß, an ihrer Hand am Weltspartag zur Bank zu laufen und für mein kleines Sparbuch einen neuen Eintrag und irgendwas aus buntem Plastik zu bekommen. Sparen ist gleich Belohnung, das war die prägende Botschaft dieser Ausflüge. Erst Belohnung in Form eines Spielzeugs und später in Form von dem, was meine Mutter ein „hübsches Sümmchen“ nannte.

  Reichtum interessierte sie übrigens genauso wenig wie die Sonderangebote bei Aldi. Sie war nicht übertrieben sparsam, sie war sparfröhlich. Zinsrechnung machte meiner Mutter gute Laune.

  Aber das waren auch die Achtzigerjahre, ein Jahrzehnt, in dem die einfachen Sparzinsen bisweilen bei fünf Prozent standen. Fünf Prozent! Ich kenne heutige Börsenmenschen, die froh sind, wenn sie am Ende eines Jahres so eine Rendite für ihr Portfolio ausrechnen können. Damals aber vermehrte sich das Geld tatsächlich einfach von selbst auf der Bank, unsere Eltern trugen es dorthin und schauten sich danach im Kino „Wall Street“ mit Michael Douglas an. In der ruhigen Gewissheit, dass die Handlung nichts mit ihrer Welt und ihrem Geld zu tun hatte. Bald würden aus ihren Bausparverträgen Bauaufträge werden und später Reihenhäuser mit Tischtennisplatte in der Garage, in denen wir friedlich aufwachsen konnten. Hinein in eine Welt allerdings, in der das Sparen nicht mehr so einfach war, dass es von leicht irren Bankmaskottchen wie der Sparbiene Sumsi oder dem redlichen Volk der Knaxianer vermittelt werden konnte.

  Im Alter von elf Jahren hielt ich also folgerichtig nicht nur Bundesschätze, sondern auch einen kleinen Sparbrief, einen kleinen Bausparvertrag und zwei Sparschweine. Dass ich mir unter Bundesschätzen einen piratenmäßigen Goldhaufen vorstellte – egal. Im Grunde tue ich das heute noch. Nur dass ich schon lange keine Bundesschätze mehr habe, keinen Bausparvertrag und kein Sparbuch, alles irgendwann aufgerieben. Die drei Säulen, auf die meine Mutter einst meine Zukunft stellte, sind in den letzten zwei Jahrzehnten unbedeutend geworden. Es wird bisweilen sogar davor gewarnt, sein Geld noch an einem dieser Orte anzulegen. Und nicht nur das, Sparen an sich, diese Grundtugend der alten BRD, ist irgendwie in Verruf geraten.

  „Die Deutschen geben ihr Geld mit vollen Händen aus“, titeln die Wirtschaftsteile der Zeitungen seit einigen Jahren und jedes Quartal wieder. Die Zahlen der dabei zitierten Statistiken sind kaum zu glauben: Hui, sind das wirklich wir? Hemmungslosen Konsumenten, die seit ein paar Jahren immer noch mehr für Möbel und Haushaltsgeräte ausgeben? Dinge also, die man schon hat und bald wieder neu haben möchte. Wie so ein durchgeknalltes Kreditkarten-Volk! Wir, die schon vor zweihundert Jahren das Sparbuch für uns entdeckt haben und etwas später das gesellige Sparen in Vereinen. Wenn uns die hohe Kante nicht mehr heilig ist, wem dann?

  Gleichzeitig wird so viel übers deutsche Sparen geredet wie nie zuvor. Gerade wurde Wolfgang Schäuble öffentlich als Spar-Fetischist gebrandmarkt, der Südeuropa am liebsten einen lebenslangen Weltspartag verordnen würde, aber ohne buntes Plastikgeschenk. Schäuble ist badischer Protestant. Das Sparen im Sinne von Sparmaßnahmen liegt jedenfalls seit den großen Krisen absolut im Trend. Aber das gute, fröhliche Sparen meiner Mutter, das ist verschwunden. Warum?

  Weil die Zinsen verschwunden sind. Der Leitzins in den USA, Großbritannien und Europa ist eine große Null. Daran wird sich so schnell nichts ändern, sagen Volkswirte. Möglich, dass unseren Kindern das Prinzip Plus-Zins und der Zusammenhang von Banken und Ansparen so fremd sein werden wie Autofenster zum Kurbeln.  

  Also, Geld, das man ablegt, bleibt heute erst mal nur das Geld, das man abgelegt hat. Eigentlich ganz natürlich: Wenn man einen Apfel irgendwohin legt, sind nach ein paar Jahren ja auch nicht zwei daraus geworden. Er ist nur geschrumpelt. Und genau das droht dem Geld ohne Zinsen angeblich auch bald – ein bisschen zu schrumpeln. Wobei sich Negativzins-, Inflations- und Deflationsexperten mit ihren Prognosen in etwa so einig sind wie Schäuble und der kleine Mann von der griechischen Straße. Aber weil das so eine Horrorvorstellung ist, schrumpelndes Geld, geben wir es jetzt lieber gleich aus.

  Das Statische Bundesamt vermeldet seit Jahren mehr Haushaltsausgaben bei sinkenden Preisen, die private Spendierhose der Deutschen hatte 2015 die Bundweite von 1,63 Billionen Euro. Damit sorgen wir für saftige Binnenkonjunktur, die wieder dazu beiträgt, dass Deutschland anderen Ländern das Sparen vorschreiben kann.

  Raushauen, weil es gerade nicht rentiert? Eine Logik, bei der die brave Sparbiene Sumsi wohl randalieren würde. Vielleicht ist im Zinsfieber unserer Eltern, dem Börsenhype der Neunziger mit T-Online-Robert, gefolgt von flächendeckenden Steuerfluchten, etwas Elementares untergegangen. Sparen bedeutet nicht nur vermehren und abgreifen, sondern erst mal einfach nur Vor-Sicht. Wer etwas spart, geht grundsätzlich davon aus, dass er eine Zukunft hat. Es ist eine positive Lebenseinstellung. Angesichts der prekären Arbeitsverträge, in denen meine Generation unterwegs ist, angesichts der Schnelligkeit, mit denen aus Top-Arbeitgebern sinkende Schiffe, aus mittelgroßen Städten teure Edelpflaster, aus der Mittelschicht ein Mittelschacht nach unten und aus der gesetzlichen Rente Gänseblümchen werden, scheint Sparen heute mehr denn je angebracht. Nur wie und wo?

  Mit 19, gleich nach dem Zivildienst, wollte ich Infineon-Aktien kaufen, machten ja damals alle. Es war das letzte Mal, dass ich einem Bankberater leibhaftig gegenübersaß. Er klärte mich über die Mindestzeichnungsmenge auf, damit hatte sich die Sache mit der Aktie erledigt. Aber er verkaufte mir einen Aktienfonds mit Sparplan, der viel später mal als Volksfonds tituliert werden würde. 100 Mark im Monat, breit gestreutes Aktienpaket, weltweit und mit, äh, branchenüblichen Nebenkosten. Wenig, aber regelmäßig, das war nach Ansicht meiner Mutter sowieso der goldene Weg, also kaufte auch sie an diesem Tag die ersten Fondsanteile ihres Lebens.

  Eine grundlegende Börsenregel verstand ich damals – schlechte Kurswerte sind gar nicht unbedingt schlecht für den Sparplan-Fonds, für die 100 Mark gibt’s dann eben mehr Anteile, über die ich mich in guten Zeiten freue. Leider waren die Zeiten an der Börse in den nächsten zehn Jahre recht wechselhaft. Meine Mutter stieg deshalb irgendwann wieder aus, das Misstrauen in diese Kurven, die immer wieder nach unten zeigten, war zu groß.

  Damit ist sie in bester Gesellschaft. Eine Umfrage der Postbank ergab kürzlich, dass mehr als 70 Prozent der Deutschen zwar etwas zurücklegen, das meiste davon aber noch auf Sparbuch und Girokonto entfällt. Bedeutet nichts anderes, als dass wir die Entscheidung, etwas damit zu machen, dauerhaft vertagt haben und dabei sind, Geld zu verlieren. Wir sind zu träge für die neue Sparwelt, niemand hat sie uns beigebracht. Vielleicht ist die Bereitschaft zum Ausgeben in den letzten Jahren auch nur gewachsen, weil wir insgeheim von der eigenen Unbeweglichkeit in Anlagedingen so genervt sind. Lieber gleich nix haben, als das Wenige so vernachlässigen! Aktien und Fonds kamen bei der Postbank-Umfrage übrigens auf dem letzten Platz; sogar die Zahl derjenigen, die ihr Geld tatsächlich zu Hause aufbewahrten, war noch etwas höher. Ha! Das geht an alle, die Lehrpläne für Wirtschaftsunterricht an den deutschen Schulen schreiben.

  Ich halte diesen winzigen, ersten Fonds seit fast zwanzig Jahren und hatte bei der letzten Abrechnung eine Summe im Depot, die etwa doppelt so hoch war, als wenn ich das Geld jeden Monat ins Sparschwein gelegt hätte. Aber ein kleiner Fonds reicht natürlich nicht. Jeder aus meiner Generation weiß, Erben ausgenommen, dass es niemals reichen wird. Nicht mit der normalen Rente, nicht mit 200 Euro im Monat Privatvorsorge und einer mittelernsten Lebensversicherung. Wir werden alt werden und viel länger Möbel, Haushaltsgeräte und Tofu-Wurst kaufen müssen, als wir uns das heute ausrechnen. Ein maßgeblicher Teil der Finanzstrategie meiner Generation ist deswegen: Verdrängung.

  Aber man googelt natürlich doch an einem engagierten Abend im Jahr herum, schnorchelt in der Welt der Finanz-, Börsen- und BWL-Foren, abonniert Börsenbriefe und schwer deutbare Expertisen und taucht mit hundert vagen Fahrplänen wieder auf. Das ist vielleicht das größte Problem des neuen Sparens, jeder verheddert sich beim einsamen Knüpfen des eigenen Sicherheitsnetzes, jeder nutzt andere Knoten dafür. Investieren in Gold und Immobilien, in Daimler oder asiatische Tech-Aktien? Kunst kaufen oder den letzten kalifornischen 911 importieren? Weiter mit Riester- oder Rüruprente? Schottische Festgeldkonten? Altersvorsorge mit Lebensversicherung oder Fonds? Dynamik, Risiko, gehebelte Optionsscheine? Von allem ein bisschen? Oder auf nur zwei Pferde setzen und hoffen, dass sie in 30 Jahren noch ins Ziel finden?

  Mit dem eigenen Geld ist es ein bisschen wie mit dem eigenen Kleinkind: Es gibt tausend Ratschläge, aber man misstraut allen. Und weil man hierzulande immer noch sehr viel schwerer übers Geld statt übers Kind redet, wurschteln viele mit ihrem Ersparten schamhaft leise und halbherzig herum. Ewige Statusmeldung: Es ist diffus. Es herrscht Angst vor Ausgabeaufschlägen, Börsengurus, Onlinebanking und den Honoraren von Finanzberatern, es herrscht vor allem der Irrglaube, für das bisschen, was sich auf dem eigenen Festgeldkonto gesammelt hat, würde sich das alles eh nicht lohnen. Also, wir müssten mehr darüber reden! Das Thema Anlegen und Vorsorgen muss den Typen in Anzügen weggenommen werden, es soll auch nicht mit erhobenem Zeigefinger im Hinterzimmer der Verbraucherzentrale stattfinden. Eigentlich sollten die aus der Mode gekommenen Sparvereine gerade heute florieren und im Anschluss an die Yoga-Kurse auf der Rooftop-Terrasse tagen.

  Seit ich mein eigener Finanzminister bin, gefällt mir übrigens das englische Wort für Erspartes besser: Savings. Das klingt viel mehr nach dem, was Sparen im Alltag ist – das, was man retten konnte aus der Flut der monatlichen Ausgaben, was man irgendwie ins Trockene gebracht hat.

  Wenn ich das erzähle, halten mir Altersgenossen Vorträge übers Eigenheim, schneller als ich „Sparerpauschbetrag“ sagen kann. Ja, Betongold ist ein wichtiges Thema, zu dem ich jedes Argument schon gehört habe. Aber ich will nicht. Will auch bei Niedrigzinsen keinen sagenhaften Schuldenberg, keine fiese Kompromisswohnung in S-Bahn-Nähe, kein betoniertes Spielbein. Bitte, das ist meine persönliche, diffuse Anleger-Angst. Ich habe Freunde in den Niederlanden und Dänemark, die seit zehn Jahren Hausbesitzer sind. Da wird schnell gekauft, Banken finanzieren fast 100 Prozent, und Schulden sind allen eher egal. Aber die hatten eben keine schwäbische Protestantin als Mutter.

  Die ersten zehn Jahre meines Erwerbslebens war ich selbständig. Ja, ich habe den Traum gelebt. Und schrecke bisweilen immer noch aus dem Schlaf auf, weil ich denke, das Finanzamt läge unterm Bett.Selbständigkeit ist eine gute Sparschule, weil der große Steuerhammer erst spät zuschlägt. Außerdem schaut man ständig auf sein Konto, weil man neugierig ist, ob der Auftraggeber noch zwei Monate mehr zum Überweisen braucht. So konnte ich live mit ansehen, wie mein Tagesgeldkonto langsam verhungerte. Als es drohte, sich selbst zu verdauen, kaufte ich ETFs. Das sind Fonds mit Stützrädern, sie kopieren feste Indizes. In einen ETF zu investieren ist etwa so, als würde man nicht ins Museum gehen, sondern nur in dem Bildband dazu blättern, man spart sich Kosten für Eintritt und Anfahrt.

  Ich legte mein Erspartes (Nicht alles, Mama!), in einen Dax-ETF, supersimpel. Wenn ich im Radio höre, der Dax fällt oder steigt, weiß ich, was mein Depot macht. Es ist bestimmt das unglamouröseste Anlagekonzept, und ich würde es niemals öffentlich empfehlen. Aber es funktioniert für mich, und in den letzten drei Jahren hat der Dax im Schnitt doch über 20 Prozent zugelegt, dieses brave Töfftöff. Ich kaufe nach einer Talfahrt und verkaufe, wenn er wieder gestiegen ist, so ergänze ich zumindest das, was mir an Zinsen entgeht, manchmal mehr. Es macht Spaß, nur ist der Dax keine feste Vorsorge, es kann gut gehen oder auch nicht. So ist das wohl, beim neuen Sparen. Eine positive, schwäbische Lebenseinstellung ist dabei aber immerhin noch genauso hilfreich wie früher.

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