Mai
3
Übers Aufwachen
Mai 3, 2012 | | Kommentar hinterlassen
Wake up, Boo. Da ist dein Traum und da bist du jetzt. Kurz seid ihr gleichauf, danach hast du diese Nacht verloren. Du weißt noch gar nichts, eine beige Sekunde lang. Dann ist sie da, Jennifer, die alte Bewusstseinslawine, die jeden Morgen für dich abgeht, nur für dich. Jeden Morgen reißt sie beim Aufwachen hinter deinen Lidern ein bisschen mehr mit sich, solange und Tag für Tag, bis eines Morgens mehr gelebtes Leben da runtergehen wird, als überhaupt noch Berg da ist.
Also, dein Startmenü wird geladen, ob du willst oder nicht, ein Prozent, zwei , fünf, zwölf Prozent sind schon voll, schau doch. Da kannst du ans Schlafen denken so innig du willst, Jenny baut die letzte Brücke schon ab. Dein Balken füllt sich, anders als die Balken am Bildschirm, von beiden Seiten und du liegst noch so warm genau in der Mitte, wie der Teig in der Pizzabodenpresse und jeden Tag wirst du ein bisschen dünner ausgedrückt. Nur von Sekunden und Kriegen weißt du gerade noch nichts. Was du jetzt zuerst gehst, ist die einfache Tour: Du. Du atmest. Du liegst. Das Dunkel. Der Geruch. Das Vertraute. Bett. Es ist das Ende der Nacht. Pause. Jennifer, die blöde Wachkuh, verschüttet ihr Zeug längst in alle Richtungen. Stellt in den Nebeln schon die echten Kulissen auf, es soll, es muss jeden Tag alles wiederhergestellt werden, blitzdingsen ist leider nur im Film. Da packt sie also zuerst die paar großen Dinge aus, die dich bisher kreuzten: Da sind die wenigen Toten, die Nahen, das Nackte, das Ungesagte, das heimlich Geliebte, die kranken Eltern, alles was eingeätzt steht. Dann schön langsam tauchen wieder die Niederlagen, die großen und die jüngsten, sauber sortiert, dann das Ungesühnte, das Verbotene, das bisschen Hoffnung, das Lebendige und alles was dich so schreckt, alles ist wieder da, hier ist es, nimm es, es gehört dir. Dein Wesen to go. Verbleibende Restzeit 32 nein 37 nein 18. Jennifer verzieht sich nach hinten in die Kleinarbeit. Klar, an den Rändern werden auch mit diesem Dienstagmorgen wieder ein paar Dinge verschwinden, Kleinigkeiten, Gesichter, ein kleiner Schuppen hinter dem du dich als Kind einmal, zweimal versteckt hast beim Spielen im Urlaub, weg ist er, jahrelang ungenutze Dateien werden gelöscht, die Festplatte reinigt sich selbst, aber davon wirst du nie mehr etwas erfahren. Auf der großen Bühne dafür, nur rückwärts abgespielt, das Gestern, jedes Wort, jede Falte, gestern ist das was du kennen musst, um heute weiterzumachen. Wann klingelt der Wecker, welcher Tag soll das sein, was die Jahreszeit, was das vermutete Wetter hinter den geschlossenen Fensterläden? Botschaften kommen jetzt rein. Die große Kälte außerhalb der weichen Festung, erste Geräusche, die Nachbarn links unten, die Markise draußen, das Kopfsteinpflaster, die Türen, da ist wohl auch Wind, wer schickt den denn? Und dein Rekorder läuft, die Blackbox, die sie nie finden werden, zeichnet längst auf: den Wind, das unbestimmte Weh der linken Wade seit Tagen und wie das Haar heute so seltsam schmerzt, den aktuellen Stand der Körperfunktionen allen voran deine unlustige Erektion, weit weg. Was dich interessiert – wie ist der Pegelstand der Erschöpfung im Allgemeinen und dann noch im Abgleich mit den heutigen Ansprüchen? Gleich danach willst du weg, Südfrankreich das klingt so schön und auf den Bildern die Jennifer dir davon einspielt, glitzert das Wasser und die Tischdecken wehen und man darf, das nimmst du an, schon sehr früh mit dem Trinken anfangen, an der Küste. Anisküsse. Du willst jetzt nach Aix oder wenigstens Eggs en Provence, wenigstens, wenigstens einmal frühstücken, wie früher, als noch so oft Ostern war.
Die Uhrzeit, die aktuelle Uhrzeit musst du jetzt erfahren. Leuchtzeiger schwimmen, wenn man sie auf ganz frische Augen gibt. Dienstag. Es ist der Dienstag, nicht mehr und nicht weniger. Der Dienstag, an den du letzte Woche noch nie gedacht hast, und der dir, je näher er rückte, immer unausweichlicher wurde, bis er schließlich, am Montagabend, das einzige Ziel überhaupt war. Der Lastkahn-Dienstag, auf den du alles geladen hast, was der Lastkahn-Montag nicht trug und es wird Lastkahn Freitage geben, von denen du jetzt noch nichts weißt, so viele.
Du kannst jetzt alles, du bist tatsächlich: da. Nur die Augen sind wieder geschlossen, sie sind die letzten die noch an die Nacht glauben wollen und du berechnest für sie, das kannst du auch schon, minutengenau die Zeit, die ihnen bis zur endgültigen Öffnung bleibt, du berechnest eine offizielle und eine allerletzt mögliche Zeit und weißt zuverlässig, dass auch die wanken wird. Zu warm, Bein raus, Kissen verloren, nein, nur verkeilt, Füße, Ende und Anfang, hallo Doofi, hallo letzter Mensch, hallo alte Todesangst. Was wartet, wer wartet heute, was bringt die Post, wer hat geschrieben, ist der Text erschienen, was um Himmels willen sagen die Computer, gibt es eine Antwort oder musst du antworten? Was war es, das du im Traum gegoogelt hast? Woher kommt jetzt die Melodie? Was liegt und was kann noch weiter liegen bleiben, was macht das Konto, ist alles bezahlt oder wird demnächst irgendwas abgedreht, nur weil du diesen Morgen nicht darüber nachgedacht hast, sind Briefmarken im Haus und Milch, geht das Hemd noch mal, wer hilft dir den Schlüssel zu suchen und warum nur haben früher die Menschen ständig Bussi aufs Bauchi gesagt? Ist die Wohnung sicher? Wirst du überleben? Machen die anderen das genauso, flicken die auch nur? Wie wärst du als Kenianer? Sind das Bauchmuskeln, sollst du doch mal beten? War das vorhin die Müllabfuhr, was willst du lesen und warum, warum immer dieses italienische Radio?
Zu wenig geschlafen, schon wieder. War’s das Essen? Der Film? Die Heizung? Die Nacht selber, mit ihren unendlichen Schrecken? Musst du vielleicht ein Kind kriegen, demnächst oder auswandern und wann fällt dir das ein? Auch an einem Dienstagmorgen wie jetzt, wo du schon längst wieder über die Waschmittelmarke Omo nachdenkst und ob es sie noch gibt oder ist die auch einfach verschwunden wie Lupo? Da sind so viele Menschen im Treppenhaus, unentwegt gehen sie hoch und runter und an dir vorbei in die tilschweigerhafte Welt. Würdest du Häuser bauen, jeder hätte seine eigene Treppe und wie würde das aussehen. Würdest du Häuser bauen. Nie jedenfalls, nie bist du mit denen im Treppenhaus, immer bist du erst hier, wenn sie draußen schon gehen. Nie, nie nie und immer, immer immer und irgendwie allein.
Es war das Glas. Das du noch voll eingeschenkt hast, obwohl weit nach zwölf. Was hast du dir gedacht, wie hast du das alles, die unerbittliche Jennifer, vergessen können? Und wo hast du es abgestellt? Am Fensterbrett? Nein, da steht es ja, auf dem Nachttisch. Der letzte Tropfen Wein über Nacht vertrocknet. Das wär’s, denkst du jetzt lange, Kruste sein.
(erschienen unter dem Titel “Eggs en Provence” in der Anthologie texttourismus 2)
Mai
2
Über Mode auf dem Fahrrad
Mai 2, 2012 | | 1 Kommentar
Es ist ziemlich einfach, seinem Fahrrad eine Seele zu attestieren, und zwar nicht nur angesichts der aktuellen Benzinpreise. Nein, das gutmütig rollende Gefährt fühlt sich doch schnell nach mehr an als nur nach der Summe seiner Konstruktionsteile. Das liegt zum einen daran, dass so ein Fahrrad ja erst mit uns als Fahrer eine sinnstiftende Symbiose ergibt. Es braucht uns. Einmal aufgestiegen, teilen wir die erlebten Abenteuer gerecht mit ihm, während bei einem Auto der Fahrer ja weder zur Funktion noch zum Gesamtbild Wesentliches beiträgt, er ist dort eher Passagier, der gerade noch die Richtung bestimmen darf. Nicht umsonst wird akribisch am führerlosen Automobil gearbeitet, während ein führerloses Fahrrad schlichtweg Unsinn wäre. Zum anderen ist das Fahrrad in den letzten hundert Jahren wohltuend analog geblieben und hat sich allzu modernistischer Umdeutung verweigert. Die Silhouette des Fahrradfahrers ist seit jeher die gleiche geblieben: zwei Räder, ein Sattel und darauf ein beschwingter Mensch, der den Kopf auf angenehmer Höhe durch die Welt tragen kann und dabei Autofahrer und Fußgänger überragt.
Trotz derart exponierter Stellung im Straßenbild war die Mode des radelnden Flaneurs bisher ein recht vernachlässigtes Sujet. Einerseits war das Stadtfahrrad wohl immer zu alltäglich und zu proletarisch, um die Modeschöpfer anhaltend zu beschäftigen, andererseits ist es gerade Teil seiner betörenden Schlichtheit, dass man sich eben nicht zum Fahrradfahren umzieht. Es befördert einen im Anzug ebenso gut wie in Badehose und sogar nackt, wie die zunehmende Zahl der Protestradler beweist. Was die Rennsport-Fraktion in ihren bunten Funktionspellen angeht, so sind sie in dieser Betrachtung zu vernachlässigen, erstens weil sie dankenswerterweise meist frühmorgens aus der Stadt auf die Landstraßen verschwinden und zweitens, weil sie dem Fahrrad das Vergnügliche und Würdevolle versagen – wer schon mal versucht hat, eine Schwadron ehrgeiziger Amateur-Rennradler auf einer Bergetappe zu überholen, weiß, was gemeint ist.
Nun ist das alte Stadtfahrrad in den letzten Jahren aber auf ähnliche Art in den Fokus gerückt wie der Balkon oder das Einweckglas – als Ausdruck urbaner Selbstbestimmung und Nachhaltigkeit sowie als Möglichkeit, Stil und gutes Gewissen zu verbinden. Es war deshalb nur eine Frage der Zeit, bis die Street-Style-Fotografen nicht nur der Mode zufälliger Passanten auf den Straßen zwischen Kopenhagen und Sydney huldigten, sondern auch das Fahrrad in diese neu empfundene Alltags-Ästhetik einbanden und ihm modische Bedeutung verliehen wurde. Zwei Fotobände feiern nun besonders gelungene Kombinationen von Mensch und Rad. Das Buch „Cycle Chic“, geboren aus dem gleichnamigen Blog von Mikael Colville-Andersen, schickt seinen Aufnahmen dabei ein Manifest voraus: „Ich werde stets mit Anmut, Eleganz und Würde fahren.“ Oder: „Ich werde danach streben, dass der Gesamtwert meiner Kleidung immer den Wert meines Fahrrads übersteigt.“ ist da unter anderem zu lesen, gefolgt von einer deutlichen Ablehnung aller Funktionsklamotten. Die Bilder, rund um die Welt aufgenommen, zeigen dann Rad und Fahrer in Aktion; mal ist das Fahrrad Menschmaschine und Logistikwerkzeug, mal Symbol wonnigster Lebensfreude. Den Fahrradfahrer, das wird angesichts dieser Aufnahmen klar, umgibt immer dann besonderer Glanz, wenn er mit der Stadt im Hintergrund kontrastiert, wenn er durch eine stehende Autokolonne manövriert oder auch nur das einzig bewegte Teilchen vor Glasfassaden und Brückenpfeilern ist. Klar: Wo alles erstarrt ist, ist jeder Tritt in die Pedale ein herrliches Versprechen.
Etwas subversiver gibt sich der „Cycle-Style“ im gleichnamigen Buch aus dem Prestel Verlag, für das der Fotograf Horst A. Friedrichs die Londoner Fahrradszene mit der Kamera besuchte. Die bietet ein wild wucherndes Abbild der neuen Fahrradmoden, da sind die dünnen Fixie-Bike-Hipster und die Blitz-Chic-Matronen auf den restaurierten Vorkriegsrädern, da sind tätowierte Kuriere und neuerdings auch viele Nostalgiker im Tweed-Anzug – für sie wird in der Stadt sogar seit einigen Jahren der Tweed-Run abgehalten, gesponsert vom ehrwürdigen Sattelhersteller Brooks. Die stilistische Einheit von Mensch und Rad, die die Fahrradhelden hier anstrengen, ist tatsächlich etwas Neues, eine Lust, die nicht selten in maßgeschneiderter Kleidung zum customized bike kulminiert. Altbekannt ist dagegen die selbstverständliche Zärtlichkeit, mit der alle Protagonisten auf den Bildern ihre Lenkergabel und Sattel umfassen – diese Zärtlichkeit kennt schließlich jeder, der schon mal darüber nachgedacht hat, ob sein Fahrrad eine Seele haben könnte.
(erschienen in Süddeutsche Zeitung am Wochenende)
Mai
2
Über olympische Kleidung
Mai 2, 2012 | | Kommentar hinterlassen
Als Kind gab es bei uns eine immer wiederkehrende Debatte, an deren Ende man sich gegenseitig prima doof finden konnte. Sie drehte sich darum, was besser, im Sinne von superduper ist: Den Mount Everest zu besteigen. Den Nobelpreis zu bekommen. Bei den Olympischen Spielen anzutreten. Heute lässt sich diese knifflige Abwägung ein Stück weit klären, zumindest was die Schuhe angeht. In Stockholm trüge man Lackschuhe zum Frack. Beim Gipfelsturm wären massive Hi-Tech-Steigeisenstiefel angesagt und naja beim Einmarsch ins Londoner Olympiastadion am 27. Juli müsste man dieses Jahr einen „sportlich-lässigen Schnürschuh aus einer Kalbs- und Veloursleder-Kombination“ anziehen. Das ist natürlich nicht so gut.
Das kombinierte Schnürding gehört zu den siebzig Teilen, die jeder deutsche Olympionike an modischem Rüstzeug in den Koffer bekommt. Neben der rein funktionellen Wettkampfkleidung die aus Herzogenaurach beigesteuert wird, geht es dabei eben vor allem um die Parade- und Ausgehuniform, entworfen von Willy Bogner. Das ist der, um den immer noch nicht herum kommt, wer hierzulande die Begriffe Mode und Sport in einem Satz sagen möchte. Die Amerikaner werden von Ralph Lauren wieder einen smarten Ostküsten-Look bekommen, die Italiener stecken in Anzügen von Armani. Wir hätten einen Lagerfeld, aber der hat mal im Interview bekundet er fände Jogginghosen „gefährlich“ und scheidet deswegen aus. Also Bogner. Wir erinnern uns: Das größte Verdienst des altgedienten Anorak-Moguls war es, einst für James Bond eine Bobbahn hinabzudonnern und später die deutschen Skifahrer dauerhaft zu Zebras zu machen. Jetzt entwarf er erstmals das Outfit für Sommersportler, er übt gewissermaßen noch und es ist deswegen verzeihlich, dass sie nun doch ein bisschen aussehen wie Menschen, die in Kitzbühel aus der Gondelbahn steigen, in ihren bonbonfarbenen Jacken und weißen Hosen. Rosa für die Mädchen und Azurblau für die Jungs – nicht mal der schlichteste Provinzkindergarten, würde sich dieses Farbschema noch erlauben, wegen dringenden Stereotypen-Verdachts. Bei der Präsentation der Olympia-Kollektion in dieser Woche in Düsseldorf wurde denn auch diplomatisch geurteilt, die Bogner-Sachen wären „schön bunt“ und „toll auffällig“. Es sind dies bestimmt keine verkehrten Eigenschaften, angesichts ihrer Verwendung in unübersichtlich großen Sportanlagen. Zudem wird bunt ja gemeinhin mit gut gleichgesetzt, es ist harmlos beleumundet oder sagen wir: Bunt ist zumindest das Gegenteil von dem, was die Welt von Deutschland erwartet, wenn es irgendwo einmarschiert. Die Deutschen sind blasse, kantige Speerwerfer und nadelgestreifte Eurostreber, aber eben vom Typ her und als Gesamtvolk nicht per se besonders bunt. Die wuchtrosigen Übergangsjäckchen an unseren Sportsoldatinnen werden dieses Vorurteil genauso wenig entkräften wie es Angela Merkels fliederfarbene Hosenanzüge tun. Das ist nicht schlimm, Belgier sind zum Beispiel auch nicht bunt! Schlimm ist nur, dass der Deutsche sich damit nicht abfinden will und sowohl im Urlaub als auch bei international beachteten Großereignissen das Bunte immer grimmig zur Schau stellen muss, als eine Art Mimikry der Heiterkeit. Glaubt uns doch keiner!
Wenn also am späten Abend des 27. Juli einige Hundert Paar Kalbs-Velours hinter der deutschen Fahne im Kreis gehen, werden Millionen Fernsehzuschauer aus aller Welt einen Blick auf die beflissen winkende Abordnung werfen und nichts anderes denken als: „Och ja, Germany! Die Mädchen rosa und die Jungs blau, schön ordentlich, so wie sich das für die gehört.“ Dabei wissen die meisten dann gar nicht, dass das dargebotene Outfit wirklich auch Klischeetugenden erfüllt, es ist nämlich praktisch und durchdacht. Nicht nur, weil die Materialkombination laut den Ausrüstern auch einen leichten englischen Sommerregen verkraften könnte, nein, der Clou ist die eingebaute deutsch-deutsche Wende. Auf links gedreht ist das Stöffchen nicht mehr knallfarbig, sondern dezent dunkelblau und somit nach einem wenig anspruchsvollen Umstülpvorgang für Botschaftsempfänge und Kindstaufen durchaus geeignet. Für diese modische Ingenieursleistung darf man dem alten Bogner aufrichtig gratulieren, rheinische Fröhlichkeit und teutonische Strenge in einer einzigen Klamotte und das alles ganz ohne Zebrastreifen, hurra!
Zum Glück ist aber Mode im Allgemeinen und Sportmode im Besonderen hierzulande ohnehin kein großes Thema, niemand wird sie bemerken, wenn unsere Kanuten und Hürdenläufer damit angetan dem Ziel zustreben. Da haben die anderen mehr Sorgen: Die Gastgeber sind zum Beispiel höchst empört über die Leibchen, die der britischen Delegation von Designerin Stella McCartney verpasst wurden. Tatsächlich gemahnt ihre Neuinterpretation der Flagge in blassem blaugrün und weiß mehr an ein Warnzeichen zur See als an den stolzen Union Jack. Kein britisches Rot? Das kränkt die Gemüter – mehr als tausend überwiegend empörte Kommentare gingen dazu bei der BBC ein. Derlei Aufregung kann uns kaum passieren, schließlich tun wir uns bei nationaler Symbolik naturgemäß recht schwer und stellen diesbezüglich keine großen Ansprüche. Da dürfen die Ausstatter sogar den Bundesadler tranchieren, ohne dass es jemandem auffällt. Seine gestutzten Schwingen sind auf die Ärmel der Trainingsjacken montiert worden, in der die Sportler bei der Siegerehrung auftreten sollen. Atmungsaktive Adlerschwingen – ein hübsch trashiger Einfall. Dergleichen Geflügel-Ornament hat man doch zuletzt als Rubbel-Tatto aus dem Kaugummi-Automaten gezogen und war dabei ehrlich beglückt. Vielleicht also, haben die Olympischen Spiele in Sachen Kindheitstraum doch noch eine Chance!
(erschienen in der Süddeutschen Zeitung)
Mrz
28
Wie ich lese….
März 28, 2012 | | Kommentar hinterlassen
Freund und Kollege Christoph Koch hat mir seinen Medien-Fragebogen geschickt, den ich gerne ausgefüllt habe. Die Ergebnisse sind auf seinem Blog nachzulesen.
Mrz
28
Über den Echo 2012
März 28, 2012 | | Kommentar hinterlassen
Es wäre zu überlegen, ob das Fernsehen wirklich das beste Medium für die Echo-Verleihung ist. Warum eigentlich soll die Betriebsfeier der Akustik-Branche visuell umgesetzt werden? Was am Donnerstagabend aus der Messe am Funkturm gesendet wurde, gab jedenfalls wieder manch Rätsel auf, allen voran die Kostümierung sämtlicher Beteiligten. Liegt der mangelnde Glamour deutscher Preisverleihung eventuell daran, dass sich niemand mehr gediegen anziehen kann oder möchte? Von Casper bis Campino – die gewürdigten Musikanten sahen allesamt aus wie gerade aus der Kneipe gezerrt (ausgenommen: Specter, der mit Sido und Bushido den Preis für das beste Musikvideo bekam). Die Laudatoren waren entweder in auberginefarbene Wursthaut gegossen (Katy Perry), trugen Ledermäntel (Barry Manilow) oder gingen als „KanalFatal“-Epigonen durch (Müller/Schöneberger).
Dieses arg beanspruchte Moderatorinnenduo sorgte auch dafür, dass sich der Abend zerfahren in die Länge zog, trefflich assistiert vom gelangweilten Publikum, das nie grölen wollte und auch das Klatschen auf ein Minimum reduzierte. Immerhin reagierte es beim innigen Kuss der Ansagerinnen korrekt: Es sah irritiert darüber hinweg. Die Regie der ARD komplettierte das Durcheinander mit einem maximal unautoritären Kommentator, der sich alle zwanzig Minuten zu Wort meldete, und überraschenden Kameraschwenks ins Publikum, bei denen entweder der sogenannte Dick Brave gezeigt wurde, oder noch deutlich unbekanntere Gesichter.
Die Preise in den Hauptkategorien waren wie immer untadelig, weil sie auf der schlichten Wahrheit der Verkaufszahlen beruhen und präsentierten, was dank der Radio-Dauerrotationen zu ahnen war: Jupiter Jones , Tim Bendzko, Ina Müller, Udo Lindenberg, Helene Fischer und die ewigen Wiedergänger Rammstein . Grundsätzlich lässt sich feststellen, dass deutsche Texte heute in allen Musikgenres goutiert werden und dass vor allem noch Platten verkauft, wer sich seit zwanzig oder dreißig Jahren im Geschäft hält – die deutschen Hörgewohnheiten sind eben wertbeständig. Dass Preisträger wie Rosenstolz (Beste Gruppe National) und Modeselektor (Preis der Kritiker), gar nicht leibhaftig auftauchten, ist dabei weniger fragwürdig als die bizarre Auswahl der Preishostessen.
Mando Diao (im Harry Potter-Kostüm) überreichten den Echo an Rammstein in der Kategorie Best German Act International, Barry Manilow zitterte einen an Helene Fischer hin. Irgendwer gibt irgendwem einen Echo. Die einzig nennenswerte Laudatio hielt dabei Campino auf Wolfgang Niedecken, der für sein Lebenswerk ausgezeichnet wurde. Gedankt wurde, wie üblich zuvorderst der jeweiligen Plattenfirma, Skandale gab es keine, höchstens einen kleinen Maffay-Diss von Bushido, gefolgt von der trotzigen Schutzbehauptung: „Wir sind eben politisch unkorrekt.“
Dazwischen servierte man Musikbeilage, bei der das Spannendste der Auftritt von Kraftklub aus Chemnitz war, die gemeinsam mit dem Hiphop-Crossover-Künstler Casper zumindest kurz mal die Aufmerksamkeit aller Anwesenden hatten. Das konnten der luftarme Auftritt der Lana del Ray, die in den USA schon als neuer David Hasselhoff gehandelt wird (ergo: nur in Deutschland erfolgreich), und die Rock-Bückware der Toten Hosen nicht von sich behaupten. Originell immerhin war die Idee, die beiden Nuschelmeister Udo Lindenberg und Jan Delay gemeinsam ihr Ständchen auf die Reeperbahn murmeln zu lassen. Denn man muss ja nicht alles verstehen, beim Echo.
(erschienen in der Süddeutschen Zeitung)
Mrz
9
Frühling! Jetzt auch im Bücherregal…
März 9, 2012 | | 2 Kommentare
Feb
22
Über Kettcar
Februar 22, 2012 | | 1 Kommentar
Beim Fernsehen gibt es bisweilen diese Momente, in denen man nicht gleich erkennt, ob man noch die leibhaftigen Raabs und Rachs vor sich hat oder doch schon die Switch-Parodien. Entweder ist die Karikatur zu gut oder das Original zu berechenbar geworden.
So ähnlich war es auch mit dem neuen Kettcar -Lied „Im Club“, das Ende letzen Jahres die Runde machte und das eigentlich wie eine Persiflage eines Kettcar-Liedes klang. Als hätte sich endlich jemand über die Elb-Weinerlichkeit der Band, die immergleiche Syntax der Texte lustig gemacht und dabei möglichst viele Kettcar-Signalbegriffe wie „Letztes Aufbäumen“, „letztes Gefecht“ und „schlaflose Nächte“ untergebracht. Nun, das Lied war echt, wenig später konnte man das Video dazu sehen, in dem die Band groß und blass und ernst vor städtischen Nicht-Orten steht. Drumherum flimmern vorab eingesandte Fotos von Kettcar-Fans – eine mittlerweile recht gängige Methode der Pop-Kundenbindung. Diese echten Fans im Hintergrund sehen überwiegend glücklich und manchmal sogar verliebt aus, was zusammen mit der bleichen Theatralik der Band im Vordergrund den ersten Ironieverdacht fast noch anheizt. Von da nach Westernhagen ist es jedenfalls nicht mehr allzu weit, möchte man meinen.
Aber klar, in Persiflage-Gefahr gerät nur, was schon mal markant und erfolgreich war, und markant und erfolgreich ist weiterhin die Art, wie Marcus Wiebusch seine Lieder macht. Sein Kettcar-Songwriting war eine ganze Dekade lang prägend für deutsche Nachwuchsmusikanten, zwischenzeitlich wimmelte es da von befindlichkeitsfixierten, bröckelnd sprech-singenden Gitarrenmännern, die angestrengt das kleine Glück oder Unglück in urbaner Kulisse suchten und deswegen absichtlich leiernd von Nachttankstellen und Taxirücksitzen und Becks-Kotzlachen erzählten.
Wenn Tocotronic und Blumfeld Anfang der 1990er-Jahre die Musik zum Spex -Abonnement machten, belieferten Tomte , Kettcar und ihre Derivate zehn Jahre später die Neon -Zielgruppe: Aufrichtig, effektvoll unrasiert und lieber mit zu viel Bauchgefühl als zu verkopft. Diese diffuse Befindlichkeit der mittlerweile wohl eher mittdreißigjährigen Hörer kriegt immer noch keiner so lakonisch zwischen die Akkorde gepackt wie Wiebusch und seine Kollegen. Ewiges Angeschossensein im Alltag, wohltemperierte Gitarren, ewig krächz-flüsternder Wiebusch und gerne immer das Klavier im Refrain.
Das neue Album „Zwischen den Runden“ knüpft mit diesen Zutaten eher an die beruhigende Sentimentalität des Debüts „Du und wie viel von deinen Freunden“ an, setzt wieder eher auf Schulterklopfen als auf die leicht inflationär verwendete große Rockgeste der letzten Werke. Man hört die patentierte Larmoyanz, die eigentlich unmöglichen Strophen in denen Ausdrücke wie „bestgemeinteste Revolte“ mühelos verstaut werden, dazu registriert man ein wenig vorsichtige Eleganz, ein paar Geigen und weiß: Erstklassige Musik zum Unglücklichsein in der neuen Ikea-Küche. Schon nach dem ersten Durchlauf hat man begriffen, da sind ein bis zwei Lieder, bei denen Männer weinen sollen, und da ein bis zwei, bei denen man sich einbilden kann, es würde um all das Ungesagte in einer kleinglücklichen Beziehung gehen.
Damit hat Kettcar die Erwartungen erfüllt, die längst nicht mehr die Indie-Szene an sie stellt, sondern eher schon das Chartpublikum. Aber mit den frühen Kettcar ließen sich eben noch akute Dinge wie verlorene Freunde oder eine ungeküsste nächtliche Heimkehr lindern – dafür ist die Band 2012 schon zu behaglich geworden. Das macht nichts, denn Musik für junge Menschen, die tatsächlich an irgendwelchen Klippen stehen, wird heute woanders gemacht. Aus der Nummer sind Kettcar raus, allerdings auch aus diesem ganzen Erwartungsding, das man bei Tocotronic oder auch den Sternen immer noch hat, weil man ahnt, da pulst noch was, das über Fanfotos im Videoclip hinausgeht, da hat das Abenteuer noch einen Schlüssel zum Bandraum.
Kettcar aber, und zu gewissen Teilen auch ihre Labelmitbegründer von Tomte, möchten sich offenbar nie mehr zu weit von der schönen Strahlkraft ihrer ersten Werke wegbewegen, sondern sorgen eben nur noch für angemessenen Nachschub. Das ist in gewisser Weise sogar stimmig, angesichts der von ihnen besungenen Mittelmäßigkeiten, in denen angeblich das wahre Leben steckt. Sie sind so zum Adressaten ihres eigenen Slogans geworden: „Nur schade, wenn man mehr erwartet.“ Kettcar haben nie mehr versprochen als ein wenige Thekentrost, waren trotz ausverkaufter Tourneen und immer größerer Hallen immer eine schlichte working class Band, die Bier aus dem Backstageraum verschenkte. Sie sind vermutlich zu klug, um ein richtig schlechtes Album zu machen, die Frage aber stellt sich angesichts von „Zwischen den Runden“, ob sie irgendwann noch mal die Kathedrale füllen werden, die manch einer seit ihrem Debüt für sie nah am Herzen freihält. Oder ob man diesen Platz nicht mal schleunigst anderweitig vergeben sollte?
(Erschienen in der Süddeutschen Zeitung)
Dez
5
Über Augustnachmittage
Dezember 5, 2011 | | Kommentar hinterlassen
Wie in fast allen Wochenendhäusern ist der Spätsommer auch in Niederbayern die lässigste Jahreszeit. Früh am Morgen hängen die Äpfel schon im Nebel, wenn aber die Sonne über den Hügel klettert, wird es innerhalb von Minuten noch mal ofenwarm. Am Horizont fressen sich in der flirrenden Hitze lautlos die Mähdrescher durch die weizenblonden Felder.
Ab halb eins ist es dann so sommerstill und heiß, dass die Minuten nur noch wie dicker Zeitsirup vertropfen, und sogar die Kirchturmuhr das Viertelstundeläuten vergisst. Amseln und Grillen halten die Klappe und alles, was man draußen angefangen hatte, muss jetzt warten. Man flieht ins Haus bis nah an die alte Steinmauer, die immer kühl ist und zieht die Holzläden zu, so dass gerade noch ein winziger Lichtspalt hindurchspazieren kann. Nichts Großes kann man lesen, in dieser langen Mittagsdämmerung. Stattdessen: Uralte Geo-Ausgaben durchblättern, aber auch nur, um das Rascheln der Seiten zu hören und sich vorzustellen, es wäre das Meer. Diese Beschäftigung führt zuverlässig zu einem Mittagsschlaf, bei dem man nichts träumt und bewacht wird von der einen matten Stubenfliege, die es in jedem Sommerzimmer gibt und die gelegentlich ans Fenster prasselt.
Gegen halb fünf dann kommen die Nachbarsbuben übersonnt und müde aus dem Freibad zurück – kleine, gechlorte Menschen. Sie schieben ihre Räder und sprechen nicht, denn die Ferien dauern einfach schon zu lang. Ihr knirschender Schritt auf dem Weg ist eines der Geräusche, die die Siesta im kühlen Zimmer sanft beenden, vielleicht auch das Plätschern des Gartenschlauchs, mit dem zwei Häuser weiter gegossen wird. Das ferne Kopfweh und der kalktrockene Gaumen sind die letzten Beweise dafür, dass man den Mezzogiorno auch in Günzöd überstanden hat. Viel Geld würde man in diesem Moment geben für ein Glas kalte Zitronenlimonade. Im Garten werfen die Sträucher ganz andere Schatten als noch im Juni. Hätte man Kinder, würde man das kleine Planschbecken mit den zwei treibenden Wespen darin jetzt umkippen, und die kurze, warme Sturzflut würde zwischen den alten Himbeeren versickern. Als Ersatz ist es auch schön, eine reife Tomate in zwei gleichgroße Hälften zu schneiden und sich dabei verbindlich vorzunehmen, ein bisschen südfranzösischer zu werden.
Dez
5
Über Babs Kijewski
Dezember 5, 2011 | | Kommentar hinterlassen
Ich fasse es gar nicht, dass es eine Frau gibt, die dermaßen erfolgreich ist und dazu auch noch so verdammt hübsch, du hast meinen größten Respekt.“ Das schreibt Stefan am 8. August kurz vor Mitternacht auf die Homepage von Babs Kijewski. Sein Gästebucheintrag fasst zusammen, was fast alle Gästebucheinträge hier täglich zusammen fassen möchten: Begeisterung, die aus den Männern herausplatzt, glückliches Gestammel von Typen, die sonst nicht stammeln, Heiratsanträge von Männern, die längst verheiratet sind. Das liegt nicht daran, dass Babs jung ist, blond und braungebrannt und man auf den Bikinifotos ihre Bauchmuskeln sieht. Oder, es liegt nur zur Hälfte daran. Die andere Hälfte machen die Fische aus, die Babs auf diesen Fotos im Arm hat, Zander, Hechte, Welse, allesamt ziemlich groß für ihre Verhältnisse, manche größer als die zierliche Babs selbst. Babs ist Anglerin. Ein eher gewöhnlicher Zeitvertreib in Deutschland, etwa 1,6 Millionen aktive Angler gibt es hier – so viele Menschen werden zum Beispiel auch als Vegetarier eingeschätzt.
Es ist ein ruhiges Hobby, das mehrheitlich im Schilf oder auf Ruderbooten stattfindet und in das man als Außenstehender wenig Einblick hat, bis auf die paar Klischees und Karikaturen. Kein Klischee ist: Angeln ist ein Männerhobby. So sehr, dass das führende Fachmagazin Blinker vergangenes Jahr eine Sonderserie brachte, über Frauen, die tatsächlich angeln und nicht nur ihren Mann ans Wasser begleiten. In der zehnten Folge war Babs dran, die von sich sagt, dass sie mindestens viermal die Woche am Wasser sein muss, um glücklich zu sein.
Babs, die Barschexpertin, Babs aus Köln, die im Urlaub nach Frankreich zum Welsfischen fährt, Babs, die neuerdings Profianglerin ist. Um zu verstehen, was eine Profianglerin ist, muss man erstmal verstehen, wie sich die Angelwelt verändert hat. Der gemütliche Kochtopfangler, der mit Bier und Plauze am Wasser hockt und seine Würmer badet, hockt da vor allem noch in den Köpfen. In Wirklichkeit ist er am Aussterben.
Angeln ist noch lange keine Szene-Sportart, aber es verjüngt sich offenbar, professionalisiert sich, erlebt einen Markenfetisch und wird stark beeinflusst von Trends aus Übersee, die mit knallbunten Angelruten und neonfarbenen Kunstwürmern statt armer Regenwürmer einhergehen. Statt nur in Vereinen schließen sich immer mehr Angler in großen Online-Foren zusammen, in denen es oft nur um eine Fischart geht. Vieles von früher ist verpönt beim modernen Angler. Zum Beispiel das Fischessen.
Schon ein Foto hochzuladen, auf dem ein Fisch in der Küche zu sehen ist, führt in einigen Angel-Foren zu einer Rüge. Die Parole „Catch & Release“ wird dafür immer populärer, nach ihr wird in England und Holland schon lange geangelt. Sie bedeutet ungefähr: Überliste den Fisch mit der größtmöglichen Sportlichkeit und setze ihn dann so schonend wie möglich wieder zurück. Zu diesem Zweck halten die Angelausrüster Spezialgeräte bereit: Feuchte Ablöse-Matten, Fisch-Wundspray, beschichtete Welshandschuhe. Gleichwohl verbieten die Vorschriften hier vielerorts noch das Zurücksetzen, obwohl die Fische es einigermaßen schadlos überstehen können, sagen Fischbiologen. Gefangene Fische jedenfalls werden heute nicht mehr präpariert, sondern mehrheitlich nur noch fotografiert. Es gibt Underground-Angelblogs, Urban-Fishing, Berliner Guerilla-Angler und seit die Fachzeitschriften DVDs mit Angelvideos beilegen, boomt auch die Filmkultur, bei der die schnell geschnittenen Clips nicht selten mit Punkmusik unterlegt werden. Neulich war sogar Profiangler Auwa Thiemann bei Stefan Raab. Angeln, das wusste man auch nicht, ist auch eine Materialschlacht, mit unendlich vielen Kleinteilen – der Hauptkatalog des führenden Angelversands Gerlinger etwa hat weit über 1000 Seiten, jede einzelne dicht bestückt mit Geräten und Zubehör. Die Marken brauchen Botschafter, und so ist der Beruf des Profianglers erfunden worden. Er posiert auf Anzeigen, bestreitet internationale Wettbewerbe, fischt in Videoclips erfolgreich mit dem neuen Gummiwurm der Firma X und jeder Amateur-Angler wird den Kauf des neuen Gummiwurms in Erwägung ziehen, wenn er zwei Tage lang nichts fängt.
Die hübsche Babs, die auf ihrem Blog so ungeniert im Bikini mit dicken Fischen posierte, wurde zu diesem Zweck von der amerikanischen Firma Zebco ins Profi-Team geholt. Will man die Frau treffen, die sich mit zwei Meter langen Welsen anlegt, ist sie darüber so erschrocken, dass sie sich für das Treffen Zettel schreibt, um nicht all die Dinge zu vergessen, die sie sagen möchte. In ihrem Auto riecht es nach Knoblauch und Vanille und Babs sagt verlegen, das käme noch von den Boilies, die sie vergangene Woche transportiert hat. Boilies sind knallharte kleine Teigkugeln die sehr stark duften müssen, nach Vanille, Knoblauch, Leber oder TuttiFrutti, damit die Karpfen sie später tief am Grund auch finden.
Die Angelruten im Kofferraum klappern, Babs plappert und zappelt unentwegt, so viel, dass man schon ahnt: Leise sein und still sitzen beim Angeln, das gehört wohl auch eher zu den Klischees. Später steht sie auf einer Buhne, der Rhein schwappt und Babs sagt fröhlich: „Verflixt, jetzt möchte ich hier doch gleich angeln, aber nein, wir müssen ja Interview machen.“
Seit einem Jahr also testet sie laufend neue Ausrüstung, steht bei Messen am Firmenstand und erläutert die Neuheiten. Sie trägt in Videos und auf den Fotos eindeutige Verweise auf ihre Sponsoren. Für die Firma ist sie nicht nur ein exotischer Hingucker. Babs sagt, die Männer glauben ihr auch, wenn sie auf der Messe über die perfekte Zanderrute spricht. Man kennt sie schließlich in der Szene und weiß: Die junge Frau hat mit ihren 1,59 Metern Körpergröße schon mehr dicke Fische gefangen als die meisten gestandenen Angler, sie hat mit den wichtigsten Profis zusammen gefischt, demnächst kommt ein Filmemacher aus den USA, der ausdrücklich nur mit ihr fischen gehen will.
„In Amerika kann man mit Angeln tatsächlich schon Millionär werden“, sagt Babs sehnsüchtig und dann: „Schau, Barschbrut!“ Vor ihren Füßen im Rheinwasser schießen winzige Fischlein zwischen die Buhnensteine und Babs freut sich, als hätte sie zum ersten Mal einen Fisch gesehen. „Ich kann nichts dafür, ich denke 24 Stunden ans Angeln und habe ernste Entzugserscheinungen, wenn ich mal längere Zeit nicht gehen kann.“ Schon vor ihrem Sponsorvertrag richtete sie ihr Leben danach aus. Auto, Wohnort, Freund müssen unbedingt angelkompatibel sein und der Beruf eben auch, deswegen ist jetzt das Profiangeln so verlockend. „Momentan kann ich davon nicht leben, aber das ist definitiv das Ziel.“
Sie schreibt für Fachzeitschriften, sucht weitere Sponsoren, beantwortet Fragen ihrer 8800 Facebook-Fans und arbeitet zusammen mit einer Produktionsfirma an einer Angelshow, sie ist wochenlang mit einem Kamerateam unterwegs. „Das wird viel besser und fröhlicher als alles, was es bisher dazu gibt“ sagt sie und strahlt überzeugend. Babs ist eigentlich die Botschafterin, die sich jedes Männerhobby wünscht: vollvergnügt, unbedingt fernsehtauglich, dezent tätowiert. Und dazu erzählt sie dauernd Geschichten wie die von der Klausur, die sie nur deswegen verhauen hat, weil ein Aquarium im Zimmer stand und sie deswegen abgelenkt war. Aber warum fängt sie eigentlich so gut? „Einfach weil ich mich mit nichts anderem beschäftige, seit Jahren alles andere unterordne. Außerdem, glaube ich, haben Frauen in manchen Momenten beim Angeln das bessere Feingefühl.“
Angefangen hat es für Babs als Kind, sie ist aus Neugier mal mitgegangen, wie viele kleine Jungs auch. Spannung und Ungewissheit, die jede Angelminute zu einem Abenteuer machen können, haben auch in der Pubertät ihren Reiz behalten, so sehr, dass Babs ihren Angelschein machte. Das ist die Prüfung, die in Deutschland jeder Angler braucht und die etwa so schwer ist wie die Theorieprüfung in der Fahrschule. Damals, noch in ihrer Heimat Berlin, merkte sie zum ersten Mal, dass etwas nicht normal ist, wenn sie mit der Angelrute am Kanal steht. Kein Mann konnte an ihr vorbeigehen, ohne seine Verwunderung kundzutun. „Du bist doch Fake!“ sagten die Jungs, so oft, dass Babs irgendwann anfing Männerklamotten zu tragen und eine Mütze, um nicht gleich als das erkannt zu werden, was sie nun mal war: ein Mädchen, das Fische fangen wollte.
Aus ihrem Freundeskreis hört sie seither und bis heute die Vorwürfe, die jeder Angler kennt: Quälerei! Eklig! Langweilig! Sie zuckt fröhlich mit den Schultern, sie hat das schon so oft erklären müssen. Eklig? Findet sie nicht, sie küsst sogar jeden Fisch, den sie zurück setzt, und wenn man sich die Videos ansieht, auf denen sie noch Minuten nach einem Fang selig strahlt, dann glaubt man: Es ist ein echter Kuss. Langweilig? Keine Spur. Sie, die keine fünf Minuten still sitzen kann, hat sie sich auf Methoden spezialisiert, bei denen Bewegung gefragt ist, und außerdem: „Es passiert dauernd irgendwas beim Angeln. Oder ich falle ins Wasser.“ Und der Vorwurf der Tierquälerei, ausgerechnet mit zarten Frauenhänden? Sie seufzt, ein Riesenthema, ewig wird das schon diskutiert, zwischen Tierschützern und Angelverbänden, ob der Fisch im Maul ein Schmerzempfinden hat und so weiter. Babs sagt dazu: „Wir werden das nicht so lösen können, dass jeder zufrieden ist. Ich habe eben einen besonders ausgeprägten Jagdtrieb, der nun mal auch zu uns Menschen gehört. Oder zumindest zu den Herren.“ Sie kichert und kann sich nicht erinnern, wann sie zuletzt einen Fisch getötet hat. „Außerdem sind Angler mit ihren bezahlten Erlaubnisscheinen und die Angelvereine die einzigen, die überhaupt für Fischbesatz in den Gewässern sorgen.“
Vor drei Jahren hat sie das mit den Männerklamotten beendet und ist in die Offensive gegangen, hat sich in Foren engagiert und ihre Homepage gestaltet, mit Fotos, von denen sie wusste, dass man so etwas in Deutschland noch nie gesehen hat. Seither hat sie auf allen Ebenen der Szene nur Begeisterung ausgelöst. „Ich möchte die bekannteste Anglerin Deutschlands werden, das ist das Ziel“, sagt sie heute. Als Profi hat sie längst andere Ziele als jeder Normalangler. Sie konzentriert sich einen ganzen Sommer lang nur auf kapitale Welse oder arbeitet an ihrem Hechtrekord. Die Größe der Fische, vor allem ihre Länge, sind die Statussymbole beim Angeln. Man spricht nur vom „50er-Barsch“ oder vom „Meterhecht“. Profis können anhand des Fotos unterscheiden, ob es ein 90er-Zander oder doch eher nur ein 85er ist. Babs muss diese Margen erfüllen, regelmäßig, um im Geschäft zu bleiben – eigentlich wie jeder Sportler. „Und die Großen sind ja nicht umsonst so groß geworden, die sind wahnsinnig schlau und selten“, sagt Babs und erklärt damit, warum sie ständig angeln muss, oft tagelang ohne Unterbrechung.
Mindestens so selten wie 50er-Barsche sind weibliche Gleichgesinnte, auch wenn sich zunehmend Frauen bei ihr melden, die auch angeln. „Es gibt mehr, als man denkt“, sagt Babs, aber das bedeutet natürlich immer noch: wenig. Deswegen wundert sie sich auch nicht über die täglich neu erstaunten Gästebuchkommentare und Heiratsanträge auf ihrer Homepage. Sie brauchte nur etwas, dann hatte sie die simple Tatsache verstanden: „Seit ich angle, bin für viele Männer eben die perfekte Frau.“
(erschienen in: Süddeutsche Zeitung)
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Über das Halkin-Hotel
Dezember 5, 2011 | | Kommentar hinterlassen
Schon klar, London im Fünf-Sterne-Hotel – danach grüßen einen die Erben nicht mehr. Aber gerade weil es so unvernünftig ist, sollte man es mal gemacht haben. Man kann ins »Savoy« gehen oder ins »Ritz« und dort so viele Tagestouristen erleben, dass die Stadt daneben verblasst. Im »Halkin« steigen dagegen die stillen London- Genießer ab: Außen ziert kein Schriftzug, keine pompöse Auffahrt das Haus. Hier stehen auch keine Rolls-Royces und bullige Aston Martins Parade, das empfände man als zutiefst degoutant. An der Rezeption bekommt man einen unauffälligen Schlüssel, der sich problemlos in den eigenen Schlüsselbund integrieren lässt. Die Flure sind dunkler illuminiert, als es jede deutsche Brandschutzordnung zulassen würde. Geheime Staatsaffären und Agentenliebschaften, denkt man, würde man genau in so einem Hotel stattfinden lassen. Man darf es allerdings nicht verschweigen: Die Ruhe im »Halkin« ist leicht gestört, seit im Erdgeschoss vor einigen Jahren das »Nahm« eröffnet hat. Es war das erste Thai-Restaurant Europas, das sich einen Michelin-Stern erkochen konnte, und bis heute versucht gelegentlich die ganze Supercity abends dort einen Tisch zu bekommen. Schlecht für eine geheime Staatsaffäre – aber gut für den unvernünftigen Reisenden.
(erschienen in SZ-Magazin)
The Halkin, London, Halkin Street, Tel. 0044/20/73 33 10 59, DZ ab 280 Euro,




