Mai 17th, 2016

Über Marimba und Klingeltöne

Es gibt spannende Videos auf Youtube. Und es gibt es ein sechs Sekunden langes Video mit dem Titel „Marimba!!“. Darauf sieht man ein altes iPhone, das den gleichnamigen Klingelton abspielt. Sonst passiert in dem Film nichts. Er wurde 1,8 Millionen Mal angeklickt. Das zu erklären wird ziemlich schwierig.

  Dabei war anfangs alles so einfach. Der Klingelton war in der Frühzeit des Mobilfunks so ungefähr das spannendste Accessoire, das ein Handy hatte – schon alleine, weil sich sonst nicht allzu viel damit herumspielen ließ und die Modelle alle ziemlich ähnlich aussahen. Das getragene Telefon war noch Statussymbol, man wollte durchaus damit auffallen und ließ es deswegen laut klingeln, erst monoton und ab 2002 dann polyfon. Gleichzeitig mit der Vielstimmigkeit entwickelte sich ein ganz neues Geschäftsmodell: die Klingeltonanbieter. Sie brachten so dezente Werbeträger wie den Crazy Frog in Umlauf und sorgten mit ihren massiven Werbeschaltungen im Alleingang für das Fortleben von Nischensendern – mehr als 90 Millionen Euro steckten Firmen wie Jamba in den besten Jahren in diese lauten Nonstop-Clips. Die Landesmedienanstalten sahen sich 2005 sogar zu der offiziellen Feststellung genötigt, dass offenbar in bis zu 90 Prozent der Werbezeit bei Musiksendern Klingeltöne verkauft werden sollten.

  Das war der nervige Höhepunkt der Klingelblase. Die Geräte sollten Lärm machen, man konnte kaum erwarten, sein neuestes Jingle vorzuführen. Eben ganz, wie es einem ein Typ in Unterhosen im zweitnervigsten Klingelton-Werbespot entgegenbrüllte: „Alter, ruf mich auf meinem Handy an!“ Ja, anrufen, das machte man damals eben noch.

  Als Gegenpol zu der anstrengenden Klingel-Hitparade der Schüler im Bus etablierten sich um diese Zeit auch zwei Standard-Töne für die gemäßigten Hörer. Das altmodische Ring-Ring (Old Phone), das schon die Sehnsucht nach einem Leben ohne den aufdringlichen Crazy Frog ausdrückte. Und natürlich das vom damaligen Marktführer etablierte Nokia Tune, das einem hundert Jahre altem Werk des spanischen Komponisten Francisco Tárrega entnommen war und heute so altbekannt nostalgisch tönt wie ein mütterlicher Lockruf.

  Zwei Jahre später kamen das iPhone und seine Epigonen und ließen das Trash-Geschäft mit den Klingeltönen ebenso umstandslos erodieren wie Nokias Führungsrolle. Denn das waren Geräte, die mehr konnten, als nur Laut zu geben, sie hielten ganze Musikbibliotheken vorrätig. Gleichzeitig passte der Klingel-Klimbim nicht zum puristischen Auftritt des iPhones und Steve Jobs Philosophie vom einfachen Leben mit schöner Technik. 25 neue Klingeltöne waren auf dem Pionier-iPhone vorinstalliert, darunter Instant-Klassiker wie das besagte Marimba-Thema oder auch das knackige Piano Riff, eine Zeitlang Pflichtsound auf jedem Konferenztisch der westlichen Welt. Der Schöpfer dieser Akustik ist übrigens der deutsche Chirurg Gerhard Lengeling, der zum Musikprogrammierer umsattelte und schließlich Apples Kapellmeister wurde. Seine Botschaft war unmissverständlich: Klingelton ja, aber nicht mehr. Dezente Sounds in guter Qualität, das passte zum Gesamtbild von Apple. Vermutlich deswegen ist der Sechs-Sekunden-Clip auf Youtube über die Jahre zu einer Art Pilgerort geworden, der an die glorreichen Anfänge dieser neuen Mobil-Generation erinnerte und als Quelle für alle diente, die zwar kein iPhone haben, aber im Marimba-Fieber sind.

  Wer im betont unschrillen Apple-Soundmenü nicht fündig wurde oder in seinem Individualismus unbefriedigt blieb, der zog sich eben den Ringtone-Maker von Apple. Die App, mit der man den eigenen Alarm basteln konnte, wurde bald millionenfach geladen, während Jamba und Co. mit dem Stellenabbau kaum nachkamen. Zeitgeist in der Tasche, das bedeutete in Folge entweder ein Chartlied oder einen Kino-Soundtrack als Klingelmelodie oder eben den Standardton von Apple, als Erkennungsfanfare der Steve-Jobs-Gemeinde. Der Marimba-Jingle hat sich mit seiner klöppelnden Harmlosigkeit und dem angenehm unspitzen Klang dafür über die Jahre so unentbehrlich gemacht wie eine zurückhaltende Haushaltshilfe.

  Heute ist der Klang-Zinnober ziemlich egal geworden. Der Klingelton, der einst Wirtschaftszweige unterhielt und die Musikindustrie an eine Zukunft glauben ließ, ist nicht mehr als eine Fußnote der Geräte. Wenn die Telefone in der Öffentlichkeit überhaupt noch klingeln, dann oft im voreingestellten Ton der Hersteller. Bei Apple eben die stumpfe Marimba oder ihr Nachfolger „Auftakt“, bei dem das Marimbaphon ganz ähnlich verstopft vor sich hindengelt. Das ist ein Instrument, dem keiner so richtig böse sein kann, vielleicht ist es deswegen so populär. Vor einigen Jahren wurde allerdings ein Konzert des New York Philharmonic Orchestra unterbrochen, weil aus einer der ersten Zuschauerreihen eine Marimba ertönte, die nicht im Notenblatt stand.

  Bei Samsung ist das neue Understatement ein keckes Pfeifen – „Whistle“ ist die maximale analoge Simulation eines Klingeltons, so wenig störend wie möglich, leider trotzdem nervig. Statt akustisch auf sich aufmerksam zu machen, soll das Kistchen heute still sein. Statt anzurufen, schreiben die Menschen Nachrichten, das ist viel sozialverträglicher. Wer im Bus noch einen auffälligen Klingelton hat, wirkt peinlich aus der Zeit gefallen, noch nicht mal die Schüler scheinen noch großen Wert auf die tascheneigene Hitparade zu legen. Eigentlich klar: Wenn das Gerät ohnehin die ganze Zeit in der Hand ist, braucht man keine akustische Ortung. Wenn der Blick aufs Display so regelmäßig erfolgt wie ein Wimpernschlag, genügen kleinste Hinweistöne. Weil es die ganze Zeit offen getragen wird, findet die Individualisierung des Handys optisch statt: Schmuck-Cases, Anhänger, besondere Farben und neue Modelle haben als Distinktionsmerkmale den Klingelton abgelöst. Wer sich nach den polyfonen Nuller-Jahren zurücksehnt – auf Youtube hat auch der Crazy Frog überlebt.

Mai 17th, 2016

Neu im Buchhandel. #etikette

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Mai 17th, 2016

Über das Grantlitz

Die Diagnose kann man selbst stellen: Werden Sie oft grundlos gefragt, ob was Schlimmes passiert ist? Werden Sie regelmäßig aufgefordert, mal zu lachen oder spontan getröstet? Fühlt es sich komisch an, wenn Sie lächeln wollen? Ja? Dann herzlich willkommen im Klub der sauertöpfischen Gesichter. Keine Sorge, Sie werden vermutlich trotzdem ein wunderbares Leben führen. Es sieht nur eben nicht danach aus.

  Was in Amerika den etwas saloppen Namen „Resting Bitch Face“ (etwa bleibendes Zickengesicht) bekommen hat, ist eine ziemlich ungerechte Laune der menschlichen Natur. Mundwinkel, die im neutralen Zustand immer leicht nach unten zeigen oder sich gar merkelhaft zu sogenannten Marionettenfalten fortsetzen, eine bedrohlich hängende Oberlid-Konstellation oder eine ausgeprägte Tränenrinne und dazu steile Furchen in der Glabellaregion, im Volksmund Zornfalten – schon ist ein grimmiges Ruhegesicht besiegelt. Nicht schlimm, wäre man allein auf der Welt. So aber lässt es Mitmenschen ständig annehmen, dass sie etwas Falsches gesagt haben oder sich auf schlechte Nachricht gefasst machen müssen.

  Eine eigentlich heiter-neutrale Grundstimmung wird mit solchen Mimik-Zutaten jedenfalls zu einem Gesicht, das auf andere stets arrogant, ärgerlich oder abweisend wirkt. In Abwandlung des Resting Bitch Face wurden in der Folge auch Variationen wie das „Sad Resting Face“ und sogar das „Asshole Face“ (bei Männern), oder auch eine unabsichtlich ironische Stimmlage konstatiert. Es kann für Inhaber solcher hauseigener Falschaussagen zum ermüdenden Alltag werden, ihre nonverbale Botschaft immer wieder berichtigen zu müssen: Nein, es ist nichts! Alles gut! Doch, ich amüsiere mich! Es ist anstrengend, wenn jede witzige Bemerkung ernst genommen wird, einfach weil das Gesicht nicht zu einem Witz passt. Wer mit einem Resting Bitch Face versehen ist, wünscht sich in manchen Situationen Echtwelt-Emoticons, die er bei Bedarf vor sein Gesicht halten kann, damit die anderen wissen, was wirklich hinter der Fassade vor sich geht. Vorsorglich einfach immer zu lächeln ist meistens keine Lösung – ein Gesicht, das keine Veranlagung dafür hat, sieht mit einem erzwungenen Lächeln erst recht aus wie eine ungemütliche Grimasse.

  Die digitalsoziale Foto-Kultur, namentlich eben das Facebook, haben sicher auch zur zügigen Erfassung und Lokalisierung dieses Problems beigetragen. Wenn man ständig fotografiert, bewertet und geliked wird und demonstrative Heiterkeit so etwas wie eine Grundbedingung geworden ist, fällt eine durchweg misanthropische Gesichtslandschaft eben schnell auf.

  Wer sich nicht sicher ist, ob er zu den Betroffenen gehört, kann auf der Seite des Forschungsinstitutes Noldus ein Foto von sich hochladen – ein Programm wertet innerhalb weniger Sekunden aus, welche Stimmungen das Gesicht auf dem Bild verbreitet und wie sich in der analysierten Physiognomie die sechs sichtbaren Basisemotionen verteilen: fröhlich, traurig, wütend, erschrocken, überrascht und angeekelt. Um dem auf die Schliche zu kommen, was ein Resting Bitch Face im Innersten zusammenhält, haben die Wissenschaftler noch weitere Gesichtsemotionen untersucht, zum Beispiel Verächtlichkeit. Ergebnis: Schon millimetergroße Unterschiede in der Stellung von Augenbrauen und Mundwinkel tragen dazu bei, dass dem Betrachter ein Gesicht nicht mehr neutral, sondern verächtlich vorkommt. Dieser Eindruck, den man innerhalb von Zehntelsekunden gewinnt, führt dann in Gänze zur Wahrnehmung eines negativen Ausdrucks.

  Seit das Phänomen einen Namen bekommen hat und ein lustiges Resting- Bitch-Face-Video auf Youtube Szenen zeigt, in denen ein Gesicht seinen Besitzern im Weg steht, tauschen sich in Foren im Netz die Leidenden dazu aus und konstatieren das Phänomen bei Prominenten: Victoria Beckham, Michelle Obama, Kristen Stewart oder Queen Elizabeth – auch sie wirken in unbedachten Momenten, als läge das Gewicht der ganzen Welt auf ihren Schultern, oder als hätte man sie gezwungen, etwas vom Boden zu essen. Gerade in Hollywood, dem Land des Lächelns, kontrastieren die Griesgesichter recht deutlich mit denen, die das Lächeln als Grundeinstellung verbaut bekommen haben. Eine der Prominenten, die offensiv mit ihrem Grantlitzumgeht, ist dabei die Schauspielerin Anna Kendrick. Sie forderte auf Twitter publikumswirksam einen Fotofilter für Zickengesicht-Opfer und schilderte in einem Interview mit der britischen Tageszeitung Guardian, wie sie schon als kleines Mädchen stets aufgefordert wurde, doch bitte mal zu lachen. Damit befeuerte Kendrick auch eine Debatte über weiblichen Freundlichkeitszwang, in deren Folge das Nichtlächelnmüssen in den feministischen Forderungskatalog aufgenommen wurde. Die Künstlerin Tatyana Fazlalizadeh etwa hinterließ in Brooklyn dazu überdimensionale Street- art-Porträts von ernsten Frauen mit der Überschrift „Stop Telling Women to Smile!“ und identifizierte das Lächelgebot als ebenso unzulässigen Eingriff in die Selbstbestimmung der Frau wie propagierte Schönheits- und Verhaltensideale. Botschaft: Mein Gesicht gehört mir.

  Mehrere Studien belegen, dass Frauen deutlich häufiger ein freundliches Gesicht machen als Männer und insgesamt viel mehr lächeln, auch die diesbezüglichen Muskeln sind ausgeprägter – ob von Geburt an oder durch soziales Training ist noch nicht ganz sicher. Deswegen wohl sind es auch überwiegend Frauen, die sich über das eigene Ärgergesicht so ärgern, dass sie medizinische Hilfe aufsuchen. „Zu mir kommen Frauen, die nicht mehr grundlos traurig aussehen wollen oder darunter leiden, dass ihre Ausstrahlung ganz anders ist, als sie sich fühlen. Beim ersten Eindruck, den wir von einem Menschen gewinnen, zählt nun mal das Äußere“, sagt die Münchner Schönheitschirurgin Luise Berger. Gerade die Zornesfalten, die sich meist als Folge eines angewöhnten Reflexes mit den Jahren immer tiefer in die Stirn eingraben, sieht die Ärztin als Auslöser der ungewollten Fassaden, gefolgt von gemeinen Untiefen und Schwellungen rund um die Augenpartien.

  Während also auf feministischen Plattformen wie jezebel.com längst eine Akzeptanz des Nichtfreundlichen beschworen wird und Autorinnen ihr Resting Bitch Face feiern, ohne dabei den Ausdruck gutzuheißen, sorgen auf den OP-Tischen Botox und Co. für ein gefälligeres Äußeres. „Ich habe durchaus auch Männer in der Sprechstunde, die darüber unglücklich sind, dass ihr Gesicht vielleicht zu aggressiv wirkt. Aber Arroganz und Strenge im Gesicht akzeptieren wir bei Männern immer noch leichter als bei Frauen“, sagt Luise Berger dazu. Man erinnert sich: Mister Darcy, der historische Top-Herzensbrecher von Jane Austen ist ja nicht nur wegen eines jährlichen Einkommens von 10 000 Pfund so interessant, sondern vor allem, weil er nie auch nur eine freundliche Regung durchlässt.

  Einen Eingriff sollte man sich aber auch mit der größten Hiobsbirne gut überlegen. Schließlich hat eine abweisende und kühle Aura durchaus Vorteile. Man wirkt damit in Konferenzen, Vorstellungsgesprächen oder Talkshows immer topseriös und konzentriert. Und aufdringliche Unterschriftenjäger in der Fußgängerzone und anhängliche Verkäufer prallen an der eisigen Miene genauso ab wie der allzu plauderfreudige Nachbar im ICE.

Mai 17th, 2016

Über die Biertischgarnitur

Der Blogeintrag ist mal wieder ein Grundkurs für hippes Wohnen. Das auf apartmenttherpay.com gezeigte kleine Haus von Chris Scheurich und Ali McNally in New Orleans vereint jedenfalls alles, was es derzeit dafür braucht: Neonteppich unter Marmor-Beistelltisch, darauf ein trüb gewordener Jugendstil-Spiegel, eine abgerockte Heiligenfigur plus ausgestopftem Vogel und darüber an der Wand moderne Schwarz-Weiß-Fotografie. Vorne im Laden verkauft das junge Paar Produkte, die nur eines gemeinsam haben: Sie sind nicht lebensnotwendig, sehen aber schön aus. Chris und Ali sind also die typischen Urbanisten mit Selbständigkeitshintergrund, er mit Bart, sie mit Hut. Und sie zeigen ihre Wohnung in einem dieser Blogs, die man konsumiert, um einen soliden Hass auf das eigene Gerümpelleben zu entwickeln. Aus dieser höchst geschmackvollen Bilderstrecke schaut aber plötzlich ein vertrautes Gesicht, beziehungsweise ein vertrautes Gemöbel: ein Biertisch. Ali McNally hat ihre zarten Schmuckkreationen darauf ausgestellt, der Text zum Bild lobt die Schlichtheit des „Original Vintage German Beer Garden Table“. Er wäre ein „great find“ gewesen, sagen die Besitzer stolz. Hä, New Orleans?

  Der Biertisch im Design-Blog ist kein Einzelfall. Das bayerischste aller Möbel hat in der letzten Zeit seinen Weg in das internationale Stil-Alphabet gemacht. Ein hippes Restaurant wie das neue „Annex“ in Brooklyn kombiniert sein Industrial-Interior aus Werkstatthockern und nackten Messingleuchten mit einem ganzen Sortiment an Bierbänken und -tischen. Die Edel-Antiquitätenplattform Omero hat gerade eine Vintage-Biergarnitur für knapp 800 Dollar verkauft und etliche große Stilplattformen wie etwa Remodelista.com, zeigen in eigenen Beiträgen, wie vielfältig sich der seltsam schmale Holztisch aus Germany einsetzen lässt, wenn man einen ergattert hat. Als Familienesstisch, als Arbeitstisch, frisch lackiert in einem trendigen Grauton namens „Elephants Breath“ oder natürlich einfach auf dem Balkon. So simple and puristic!

  Angesichts dieser internationalen Begeisterung sollte man den eigenen Blick auf das Isarmöbel vielleicht auch noch mal nachjustieren. Als Münchner nimmt man den Biertisch ja eigentlich nur noch wahr, wenn er auf der Wiesn unter dem Gewicht von zehn tanzenden Mannsbildern spektakulär nachgibt. Oder wenn man im Frühjahr mit der verhakelten Klappvorrichtung an der Unterseite kämpft, die sich gegen den ersten Einsatz nach dem Winter wehrt. Neu und objektiv betrachtet, muss man zugeben: So eine Bierzeltgarnitur ist tatsächlich schon spektakulär einfach designt und angenehm auf ihre Funktion reduziert. Brett und Gestell. Ein Lob des rechten Winkels. Stabil, leicht verstaubar und aus ehrlichen Materialien gebaut. Und sie ist auch erstaunlich frei von modischen Deklinationen geblieben, was kaum einem Outdoormöbel in den letzten fünfzig Jahren gelungen ist.

  In einer Zeit, in der jede alte Fabrikhalle mehrfach geplündert wurde und auch die letzte verbeulte Blechlampenschirm oder Transportpalette zum gefeierten Wohngegenstand geadelt wird, passt diese schnörkellose Verbindung von Holz und Metall natürlich gut. Bauhaus vom Brauhaus, sozusagen. Wenn er nicht gerade im knalligen Orange der Brauereien ankommt, sondern vielleicht charmant verwittert von seinem langen Leben als Masskrugmatratze zeugt, kann man durchaus ästhetische Gefühle für den langen Tisch kriegen. Und nachvollziehen, warum sich die Menschen in Designforen in Neuseeland und Schweden über die Bezugsquellen für das puristische deutsche Biermobiliar austauschen. Der Versand von traditionell 2,20 Meter langem Massivholz ist ja nicht ganz so einfach, klappbare Beine hin oder her.

  So historisch, wie die Preise bei manchem Vintage- und Industrial-Händler es in Übersee erscheinen lassen, sind die Tische übrigens nicht. Erst Anfang der 1950er-Jahre erfand der schwäbische Unternehmer Rudolf Kurz Senior sein patentes Klappmöbelschloss, das bis heute Gestell und Platte so stabil miteinander verbindet. Anstoß für diesen Geniestreich gaben nicht leere Bierzelte, sondern Weinfeste, für die jedes Jahr wieder umständlich die Tische und Stühle gerückt werden mussten. Einen stabilen Klapptisch für solche Geselligkeiten hatte Kurz Senior im Sinn und damit war das Pflichtmobiliar für Biergärten und Volksfeste geboren. Einige der ersten Modelle seiner Firma Ruku stehen heute im Münchner Stadtmuseum, noch mit Holzbeinen statt mit Stahlgestell. Sie strahlen, vielfach alkoholisch getauft, eine archaische Würde aus.

  Bis heute werden bei der Firma Ruku Klappmöbel in Illertissen klassische Bierzeltgarnituren und Abwandlungen davon gefertigt und bestehen seit Jahrzehnten den Stresstest in mehreren Wiesnzelten. Dort hat sich die Bierzeltgarnitur übrigens erst in den Siebzigerjahren so richtig durchgesetzt. Auf Fotos aus dem Oktoberfestarchiv sitzen die Besucher zuvor noch an Gartentischen und Stühlen – sehr schwierig zu betanzen. Eine Qualitätsbiergarnitur vom Erfinder kostet etwa 160 Euro, im Baumarkt bekommt man die Nachbauten für ein Drittel dieses Preises. Die mattschwarze Garnitur, die das trendorientierte Designer-Label Nordal aus Dänemark neuerdings im Programm hat und in Möbelboutiquen von Stockholm bis Rom liefert, kostet hingegen gleich fast 800 Euro.

  Vielleicht ist es also der Verkaufsort Baumarkt, der den Biertisch hierzulande nicht als besonders edles und eher grobes Möbel erscheinen lässt. Während die zuagroasten Stil-Profis den Tisch selbstverständlich in ihre Apartments installieren oder ihn als flotte Bedarfstheke mit Scharnier an der Küchenwand befestigen, lässt man ihn in seiner Heimat doch eher in der Garage. Er ist hier weniger Familienmittelpunkt als vielmehr Metapher für Sommer und Brotzeit. Wer auf der Bierbank sitzt, der hat Freizeit und Wonne. Es ist aber auch ein kommunikatives Möbel, das mit seiner eingebauten Dazuhock-Botschaft viel zur Weltoffenheit und Völkerverständigung der Münchner beigetragen hat. Kein Wunder also, dass der Schweizer Künstler Rolf Sachs einst für seine Ausstellung „Typisch deutsch“ auch eine Biertischgarnitur aufstellen ließ. Die war ganz aus Bronze gefertigt, was gar nicht übel aussah. Ein Denkmal der Gemütlichkeit!

Januar 13th, 2016

Aus dem Archiv: Über den Gutmensch

Er war schon immer eine Karikatur. Als der Begriff „Gutmensch“ vom Publizisten Kurt Scheel Anfang der 90er Jahre wieder in unseren Sprachgebrauch eingespeist wurde (das erste Mal besorgte es die NS-Propaganda), geschah das zum Spott. Zielgruppe war jener possierliche Utopist von nebenan, der die Mülltrennung akribisch einhielt und dabei Reinhard-Mey-Lieder trällerte. Ein Grünwähler und Spendensammler inklusive Sendungsbewusstsein. Er verkörperte die Fehlentscheidung zwischen gut und gut gemeint. Im schlimmsten Fall war er auch mal ein barfüßiger Querulant. Der geläuterte Konstantin Wecker war einer und Bono, mit seinen Anti-Aids-, Anti-Äthiopienhunger-, Anti-Jugoslawienkrieg- und Pro-Schuldenerlass-Konzerten, und der oberste Gutmensch war natürlich Peter Lustig, der in seinen Latzhosen das Kaffeewasser aus der Regentonne schöpfte.

Zwei Veränderungen sind dem Gutmenschen seither widerfahren. Zum einen ist er mit seinen Idealen ein Stück aus der Karikatur heraus und in die Gesellschaft hineingewachsen. Viele seiner Themen, von Mülltrennung bis zur Atomskepsis, vom nachhaltigen Konsum bis zum Vegetarismus sind heute Standards.

Zum anderen erlebt der Gutmensch in jüngster Zeit eine Anfeindung, die wesentlich tiefer geht als die einstigen Weltverbesserer-Frotzeleien von Harald Schmidt oder der Titanic . Am schnellsten merkt man das in den Leserdiskussionen im Netz, etwa bei Spiegel Online oder bild.de , wo „Du Gutmensch!“ heute als üble Schmähung gilt und in allen Ressorts zu finden ist, von der Außenpolitik bis zum Autotest. Nährboden für diese massenhafte Neudeutung lieferten wohl jene islamkritischen Bloggertrupps und Rechtspopulisten, die den Gutmenschen offiziell zum Feindbild erkoren haben. Folgt man ihrer Argumentation, die von Sekundanten wie Thilo Sarrazin oder Henryk M. Broder bis in Talkshows und auf Bestsellerlisten getragen wird, so ist der Gutmensch heute nicht mehr der Schaumschläger aus dem Reformhaus, stattdessen hat er universale Schuld auf sich geladen. Stuttgart 21, Multikulti, übereilter Atomausstieg, die Legende vom Klimawandel, kein Bundeswehreinsatz in Libyen, Bankenrettung, Hybridautos, der Erfolg des Käßmann-Buchs – an allem ist der Gutmensch schuld. Selbst daran, dass er in Norwegen abgeknallt wurde und zwar weil er auf unbewaffnete Sicherheitsleute gesetzt hat. Liest man sich durch die Sammelbecken der Gutmensch-Gegner, durch die Homepages „Achse des Guten“, „Politically Incorrect“, „SoE“, lernt man in jedem zweiten Beitrag: Das „linksreaktionäre Gutmenschenpack“ (Broder) hat alles verbockt. Es verdient nicht mehr nur ein bisschen Häme, sondern eher eine handfeste Abreibung.

Diese Radikalisierung muss man sich mal genüsslich ausbreiten. Ausgerechnet ein friedlich-freiheitsliebendes, humanistisch gebildetes und aufgeklärtes Wesen soll an der Krise des Abendlandes schuld sein. Dass er annähernd edel, hilfreich und gut sein wollte, muss sich der Gutmensch nun als Vorwurf gefallen lassen. Komische Zeiten. Wer möchte, kann ja mal versuchen, seinem Kind zu erklären, warum der Gutmensch als verdächtiges Subjekt gilt. So ein Kind ist ja nicht nur eine Art Ur-Gutmensch, sondern oft auch naseweis und wird deshalb fragen, ob auch „Du Richtigmacher!“ oder „Du Schöngesicht!“ Schimpfwörter wären. Und ob man selbst nicht auch zu den Gutmenschen gehört, Papa mit seinem Fahrradkorb, Mama, die die muslimische Nachbarin im Treppenhaus grüßt? Schwierige Sachlage. Die Zeit, als man über den Gutmenschen milde gelästert hat, ist jedenfalls vorbei. Aus der Karikatur ist ein Steckbrief geworden. Wen die Plattform politically-incorrect.de als „Gutmensch“ entlarvt, prangert sie mit Foto und E-Mail-Adresse an und empfiehlt ihren angeblich 50 000 täglichen Besuchern, ihm die Meinung zu geigen. Sieht man sich ihre Vorwürfe an die Gutmenschen an, trifft diese Kritik die ganze Mitte der Gesellschaft und auch alle großen Parteien. Überspitzt gesagt: Fast jeder, der nicht vom BND beobachtet wird, hat Chancen, in irgendeinem Bereich als Gutmensch denunziert zu werden.

Wer sind die, die sich da so bereitwillig auf den friedlichen Gutmenschen als Bedrohung einigen? Im besten Fall nüchterne Realos, die ihm sein klischeehaftes Weltverbessernwollen übelnehmen. Im schlechtesten Fall sind es Menschen, die das Leben hier trotz friedlicher Zeiten bitter gemacht hat und denen alles Weiche verdächtig vorkommt. Der neue und wachsende Mittelbau der Gutmenschgegner aber besteht aus denen, die sich gerne und seit Sarrazin verstärkt damit schmücken, politisch unkorrekt zu sein. Sie halten sich zugute, das auszusprechen, was viele insgeheim sagen wollen. Sie hinterfragen krampfhaft die herrschende Gesinnungsethik und simulieren damit progressives Denken. Kommt einem bekannt vor? Klar, im Grunde benehmen sie sich wie der alte Gutmensch mit seiner Mülltrenn-Propaganda. Die Gutmenschgegner sind genauso nervige Verkünder eines vorgeblich gesünderen Menschenverstands, nur dass sie in ihren Online-Teestuben sehr heftig mit den Säbeln rasseln.

Das Rasseln, der Grabenkampf in den Webforen, sogar die hasserfüllte Platte „Gutmensch“ der Rechtsrockband Weisse Wölfe könnten einem egal sein, wäre da nicht die vage Ahnung, dass es einen selbst angeht, dieses neue „Du Gutmensch!“. Wer noch keine Angst vor Überfremdung hat, zwischen Muslim und Islamist noch Unterschiede macht oder an das Gute im Menschen glaubt, ist gemeint. Dabei sind ökologische, nachhaltige, solidarische und nicht-xenophobe Ansätze doch längst Allgemeingut geworden – ohne dass man sich besonders dafür hätte engagieren müssen. Teilen, Partizipieren, Versöhnen, Krötenzäune aufstellen, das lernt man in der Grundschule. Der Gutmensch ist, zumindest in der Lightversion, das, was man erwartet, wenn man beim Nachbarn klingelt, um ein Päckchen abzuholen. Wenn dieser Normalzustand jetzt von Bloggern, von Suv-Fahrern und Islamkritikern, von Neonazis und allen anderen Unzufriedenen unter Generalverdacht für alles gestellt wird, was im Land schiefläuft, fehlt dem Gutmenschen erstmal schlicht die Erkenntnis, dass er gemeint sein könnte. Wenn ihm das dämmert, fehlt ihm mangels Übung die Kampfkraft, sich zu verteidigen. Er ist einfach da, lebt, liebt, lacht und will niemandem etwas Böses. So einer ist eigentlich nicht satisfaktionsfähig. Wer sich trotzdem dauerhaft an so einem harmlosen Gegner abarbeitet, kann seinen eigenen Waffen nicht allzu sehr vertrauen.
(Erschienen im September 2011 in der Süddeutschen Zeitung)

Januar 12th, 2016

Über das Ende der Plattensammlung

Die Band Phoenix hat eine Weihnachtssingle veröffentlicht. Zusammen mit Bill Murray und für einen guten Zweck. Eigentlich ein ziemlich perfektes Geschenk. Diese Single ist entweder als 7-Inch oder als Download zu erwerben. Irgendwie also doch kein so perfektes Geschenk mehr. Das eine Format ist zu speziell, das andere zu banal. Aber so wird Ende 2015 offenbar Musik vertrieben als Uralt-Vinyl oder Datenhaufen. Und irgendwo zwischen diesen beiden Extremen ist in den letzten fünf Jahren meine Plattensammlung verschwunden.

  Den Anfang machte eine wuchtige Kompaktanlage mit CD-Player am zehnten Geburtstag. Es war das Jahr 1990, CDs waren eine Botschaft direkt aus der Zukunft. Laser. Das irisierende Funkeln der Scheiben. Die Digitalzahlen. Keine Frage: Ich war im Besitz von Premiumtechnologie. Es gab auch zwei CDs dazu, Scorpions und eine obskure Tote-Hosen-B-Single. Ich schob die Erich-Kästner-Kassetten zur Seite. Platz für Scorpions und die Zukunft.

  In den nächsten 15 Jahren kamen zu den zwei CDs etliche Tausend Stück dazu. Jede einzelne Platte war ein Stück von einem wunderbaren Puzzle, das niemals fertig war. Ich kaufte eine, und wenn ich sie gehört hatte, wusste ich, dass mir fünf fehlten. Zum Glück gab es so viel davon und zum Glück gab es keine Frage, wie Musik dargereicht werden sollte: Innerhalb von wenigen Jahren hatte sich die ganze Welt auf ein Format geeinigt, niemand diskutierte über den Träger, sondern über das, was er trug – die Musik. Und wenn die CD das Pferd war, war die Kassette der alte Esel. Das gutmütige Lasttier, mit dem man nach einem beherzten Tastendruck aufnehmen konnte, was im Radio lief. Und weltbeste Mixtapes anfertigen, die jeden Besitzer einer hoffnungsvollen Plattensammlung in die Lage versetzten, Mädchenherzen anzuweichen. CD und Kassette waren ein gutes Team. Ich und die Musik waren ein gutes Team. Es hätte immer so weitergehen können.

  Platten sammeln macht glücklich. So wie jede Sammelleidenschaft, die nie an ein logisches Ende stößt. Ziemlich bald spürt der Sammler die Gegenwart seiner Sammlung als etwas viel Größeres als er selbst. Er begreift sich ab dann nur noch als Pförtner einer Welt. Sieht man sich die Porträts der großen Plattensammler im Mammutwerk „Dust  & Grooves“ (erschienen bei Eden) an, steht ihnen allen das gleiche, leicht desperate Glück ins Gesicht geschrieben. Niemals genug und immer in Sorge. Alle in der Gewissheit, dass ihr eigenes Schicksal untrennbar mit den Regalen in ihrem Rücken verknüpft ist.

  Das ist vielleicht der Unterschied zu anderen Sammlungen. Neben dem haptischen Anhäufen von Zeug gibt es hier eben die Musik selbst, deren Töne mit jeder Lebensminute verknüpft sind. Es müsste immer Musik sein, lautet eine alte Popforderung. Sammler arbeiten seriös daran.

  Anfangs kaufte ich eine CD pro Monat, später zehn, später noch mehr. Mit meinen Kumpels machte ich Listen: Platten, von denen wir uns wünschten, dass sie ins Nice-Price-Programm aufgenommen würden. Platten, von denen wir jede einzelne Single noch mal zu Hause hatten. Jahrescharts, Monatscharts, Forever-Best-Charts. Weil die Musik so wichtig war, war es natürlich wichtig, sie auch zu besitzen. Erst so konnte sie nah ans Herz wachsen. Man musste sie Tag und Nacht streicheln können. Die Zimmer, die ich seit meinem zehnten Geburtstag bewohnte, sahen immer gleich aus: CDs in kniehohen Stapeln auf dem Boden, CDs in Bücherregalen, zweireihig, weil keines der CD-Regale je groß genug war. Die wichtigsten hundert als silberner Scherbenhaufen vor der Stereoanlage. Wenn ich eine neue Liebe hatte, lernten sich auch die Musiksammlungen kennen und verschmolzen miteinander.

  Die Veränderung begann irgendwann um das Jahr 2005. Ich zog um, watete durch eine Dünenlandschaft aus CDs, Kassetten und etwas Vinyl. Ausgebreitet war meine Sammlung ein schönes Ungeheuer, zweieinhalbzimmergroß. Bei 2nd-Music um die Ecke verkaufte ich 400 Platten, Sachen, die ich doppelt hatte oder Seltsamkeiten wie das Spätwerk von Ocean Colour Scene. Vom Plattenhändler bekam ich damals ungefähr 800 Euro, und beim Rausgehen sprangen mir ein paar unerhört schöne Smiths-Singles in die Arme. Vom restlichen Geld kaufte ich mir den ersten iPod. Das kleine wunderweiße Gerät aus Kalifornien war das trojanische Pferd, das nach und nach meine Plattensammlung niedermetzeln würde. Aber das wusste ich noch nicht. Im Gegenteil: Premiumtechnologie, dachte ich mir.

  Ich begann, das analoge Ungeheuer zu digitalisieren. Eine mühsame Angelegenheit, weil anfangs die Titel noch per Hand eingetragen werden mussten. Die Sonntage verbrachte ich nicht mehr mit Mixtapes und Booklets, sondern ärgerte mich mit

iTunes herum. Nach einem Jahr waren immer noch erst ein paar Hundert CDs auf der Festplatte, ein willkürlicher Teil der Sammlung. Ein Ausschnitt von diesem Ausschnitt passte auf den iPod. Wollte ich eine gesunde Rotation haben, musste ich regelmäßig Platten aus dem Schrank in den Rechner und aus dem Rechner auf den iPod ziehen. Musikhören war komplizierter geworden und die Rechnung: Platte + Anlage = Musik auf einmal zu wenig. Dank Touchscreen begann ich, den Kontakt zur Musik zu verlieren. Ganz wörtlich, aber eben auch inhaltlich. Ich wusste nicht mehr, welches Cover zu welcher Platte gehörte, welche Songs zu welchem Album, von der Stöpsel-Qualität ganz zu schweigen. Egal, es sollte ja immer Musik da sein. Und das war sie.

  Dann war auf dem Computer die Festplatte voll. Ein Kumpel schenkte mir eine neue, er hatte auch schon ein bisschen Musik draufgepackt. Sehr nett, aber fatal. Ich würde fortan nie wieder Übersicht haben. Das war vielleicht der Moment, wo kurz die Sammleralarmglocke losging, aber ich hörte nicht darauf. Aus dem aktiven Musikhören wurde in kurzer Zeit ein passives, unmündiges Datenhaben. Es war auch die erste Musik, die ich nicht mehr physisch besaß. Wollte ich einen Song davon auf einer Party spielen, musste ich ihn mühsam verdinglichen. Es begannen sich Rohlinge zu stapeln und hässliche ausgedruckte Cover. Musikliebe, das war auf einmal etwas Selbstgemachtes mit Computern.

  Meine Regale standen immer noch in der alten Fülle um die Anlage herum, aber ich hielt mich nicht mehr dazwischen auf. Stattdessen schob ich Dateien, machte Player-Updates und Speicherplatz frei und fing an, Musik übers Netz zu kaufen. Es war verlockend, auf diese Weise ganz Neues oder Rares zu ergänzen. Dann entdeckte ich Bands auf Myspace. Frische Musik, die nur noch als Link existierte, flüchtig, nicht besitzbar und nicht zu streicheln.

  So etwa im Jahr 2010 hatte ich immer noch unfassbar viel Musik um mich, aber als heilloses Durcheinander. Auf Vinyl, auf CD original und gebrannt, auf Kassette und damit ohne Abspielmöglichkeit, auf meiner Festplatte mit und ohne Kopierschutz, privat und im Büro, als Bookmarks, auf dem Laptop und auf diversen MP3-Players, die inzwischen so günstig waren, dass ich sie benutzte wie Starbucks-Kaffeebecher: Einmal füllen und go! Aus einer Sammlung war ein Sammelsurium geworden. Aber schließlich, sagte ich mir, ist Musik was Lebendiges. Ich wollte mich nicht mit den CDs auf dem Dachboden verkriechen und aus der Zeit fallen.

  Als eine gute Freundin 30. Geburtstag hatte, wollte ich ihr, wie wir es seit Jahren hielten, ein Jahr beste Musik schenken. Anfangs hatte ich das auf Kassette gemacht, später brannte ich ihr CDs, was uns beiden schon nicht besonders gut gefiel. Jetzt schenkte ich ihr einen kleinen MP3-Player voll mit Musik. Der klägliche Endpunkt einer großen Mixtape-Liebe. So ein Ding hat im Alltag keine zwei Jahre Lebenszeit. Wie soll man da ewige Songs konservieren?

  Einer der Plattenfreunde von damals erzählte mir, wie er seine ganze Sammlung gerippt und alle CDs verkauft hatte und wie befreiend das gewesen sei. An dem Abend ging ich zum ersten mal seit Jahren bewusst durch die staubigen CD-Schluchten. Die Scheiben sahen klein und alt aus, überhaupt nicht mehr nach Zukunft, sondern nach Vogelabwehr in Kirschbäumen. Als ich eine einlegte, stellte ich fest, dass die Lautsprecher der Anlage gar nicht angeschlossen waren, seit ich sie mal in der Küche aufgebaut hatte. Das war ein halbes Jahr her. Wie konnte aus einer Lebensbeschäftigung in wenigen Jahren Wurschtigkeit werden, und das obwohl ich mich immer noch heiß für Musik interessierte?

  Statt alles zu vereinfachen hat die Technik alles verwirrt. Ich konnte mir nicht merken, welche iTunes-Käufe ich auf welchem Rechner spielen durfte, welche Teile welcher Festplatte ich noch kopieren musste, dann gab es Ärger mit der Kreditkarte oder dem Passwort, ich lud woanders, anderer Player, neue Songlist, anderes Format. Myspace war schon wieder verschwunden, ich war bei Soundcloud angemeldet, streamte britische Radiosender, aber was auch tönte, es schien immer nur Zwischentechnologie zu sein. Jedes halbe Jahr gab es im Netz was Neues, wo Musik rauskam. Irgendwann hatte ich viele Musikdateien doppelt, anderes war unbeschriftet und damit unbrauchbar, und manches, was ich hören wollte, fand ich nirgends mehr auf meinem Rechner und hatte vergessen, wo diese Platte in meiner Sammlung stand – oder ob ich sie überhaupt besaß. Wollte ich ein Lieblingslied hören, googelte ich es lieber, bevor ich lang in meinen Verzeichnissen schürfte. Ich digitalisierte nichts mehr, kaufte kaum mehr CDs und auch keine Downloads. Der andere Plattenfreund fing an, alle CDs noch mal in Vinyl kaufen. Heute ist seine Sammlung nur noch eine Art Denkmal seiner früheren Sammlung. Bei mir waren in fünf Jahren kaum fünfzig neue CDs dazugekommen, alles was wichtig und neu war, lag in unterschiedlichen Aggregatszuständen irgendwo. Die Regale standen unverändert, aber es war, als würde ich die Sprache meines besten Freundes nicht mehr sprechen. Dann rauschte mein Hauptrechner ab und riss alles mit sich. Der neue Computer hatte nicht mal mehr ein CD-Laufwerk, und von meinem ersten iPod war das Ladekabel seit Langem kaputt. Er liegt seitdem da, als kleiner weißer Sarg voller Musik, die niemand mehr jemals hören wird.

  Es ist ein Unterschied, ob man eine Platte nur jahrelang nicht aus dem Regal zieht oder ob man seine Musik nach und nach digital verschludert. Bei 2ndMusic verkaufte ich aus Platzgründen noch mal 300 CDs und bekam 100 Euro dafür. Der Händler sagte, er werde wohl bald keine CDs mehr ankaufen. Niemand stand in dem Geschäft und ließ Finger über die Kanten rattern. Das Prinzip Musik-CD war nach 25 Jahren am Auslaufen. Okay, aber was jetzt? Wie würde man sie, theoretisch, heute sammeln? „Ich würde es mal so sagen, dem Plattensammler eröffnen sich heute neue Möglichkeiten, er kann sich in einer Nische spezialisieren und muss vielleicht nicht hundert Regalmeter vollmachen, weil er den Rest zum Beispiel in der Cloud hat. Er muss sich entscheiden, welche Formate ihm liegen“, sagt Florian Drücke, Geschäftsführer des Bundesverbandes Musikindustrie. Vielleicht ist Musiksammeln aber auch unnötig geworden. Weil Musik immer da ist.

  Wie bei Spotify. Das war schön einfach. Ich musste nur ins Suchfenster eingeben, was ich hören wollte. Es gab Musik, die ich seit Jahrzehnten im Ohr hatte, verloren geglaubte, innig geliebte Songs, es war alles da. Nur wo eigentlich? Egal! Ich saß Nächte vor dem Rechner oder streamte mir was auf eine dieser Lautsprecherboxen, die wie ein Zahnputzbecher im Regal stehen. Es war kein Schatz, es war nicht meine Musik. Es war eher individuelles Dudelradio, nur davon abhängig, ob man Wlan hatte. Von Besitzen war gar nicht mehr die Rede.

  Heute weiß ich eigentlich überhaupt nicht mehr, wie ich zur Musik „Ich liebe dich“ sagen soll. Ich habe so ungefähr zehn digitale Sammlungsfragmente. Die Reste meiner echten Sammlung stehen tatsächlich auf dem Dachboden, Platten in Kisten. Ich würde meiner Schwester an Weihnachten gerne ein paar Lieder schenken, aber ich weiß wirklich nicht genau wie und schäme mich dafür. Ich bin immer der Musikbruder gewesen. Aber Download oder 7-Inch? Wahrscheinlich werde ich einfach mit ihr auf mein Smartphone starren und die Lautstärke voll aufdrehen, bis zur Werbeunterbrechung. Nur, Musikzeigen hat wirklich gar nichts mehr mit dem Plattenhören von früher zu tun.

 

(erschienen in der Süddeutschen Zeitung)

Oktober 19th, 2015

Über die Nullerjahre, American Apparel und Zach Braff

Letzte Woche hat sich übrigens die Großband Mando Diao getrennt. Einer der beiden Sänger, er heißt Gustaf Norén, komme mit der Vermarktung nicht mehr klar, hieß es, das große Plattenlabel, die Hits von früher – alles zu viel. Noren war als Selbstversorger nach Lappland gezogen, um sich wieder zu finden. Vor fünf Jahren, als die schwedische Rockband auf der Gletscherzunge ihres Erfolgs stand, machte das Magazin Playboy eine Modestrecke mit den Jungs. Gustaf Norén trug auf einem Bild ein weißes Shirt von American Apparel. Jener Marke, die diese Woche ebenfalls eine Trennung bekannt gegeben hat, und zwar die von ihren letzten Barreserven.

Zwei Endpunkte, die ziemlich leise über die Ticker gingen. Weil beide Marken nicht mehr die Herzschrittmacher sind, die sie mal waren. Man könnte nicht mal mehr die Versprechen wiedergeben, die zu Beginn des Jahrtausends genügten, um aus dem kleinen Nerd-Label American Apparel einen globalen Vorzeigekonzern zu machen. Irgendwie fair produzierte Unisex-Teile ohne Logo, war es das? Hat das damals wirklich zum Ausflippen gereicht?

Ja, hat es, denn es war eine andere Zeit. Es waren die kaltstaubigen Jahre nach dem 11. September 2001. Nach dem Weltknall, der die dösenden 90er-Jahre beendete und der heute wie ein Startschuss wirkt, für einen Hindernislauf von Krise zu Krise.

Davon ahnte man nichts, als in New York die Trümmer geräumt wurden. Sicher war nur, dass wieder mehr über gut und böse geredet wurde. Wenn man damals gerade mit dem eigenen Leben anfing, wollte man lieber auf der guten Seite sein. Und in einer komplizierten Welt Dinge besitzen, die einfach waren. Einfach wie der erste iPod. Einfach wie ein T-Shirt ohne Aufdruck.

In den 90er-Jahren diente das T-Shirt ja noch als alternativer Personalausweis, mit Bandnamen vorne drauf, mit Calvin Klein oder einem Retro-Firmenlogo. Das neue Jahrtausend aber begann ohne Worte. Die Computer wurden perlweiß. Das puristische Google-Suchfenster ersetzte das ungefällige AOL-Altavista-Yahoo-Wirrwarr. Und die Klamotten von American Apparel passten genau in dieses Muster: blank, saubere Baumwolle, nicht zu teuer, online zu erwerben und verrückterweise trotzdem cool. Auch als deutscher Kunde war man empfänglich für den Stolz, der in dem Aufnäher „Made in LA“ mitschwang. Es war stimulierend, man tat etwas gegen Sweatshops, Ausbeutung und Umweltverschmutzung und musste das eigene Soziotop dafür nicht mal verlassen. Im Gegenteil, man ergatterte sogar ein Stück Zeitgeist in Größe M.

Marken wie American Apparel oder Apple waren damals wie angesagte Klubs, nur eben ohne Türsteher. Jeder konnte via Konsum dabei sein, Teil einer globalen Neigungsgruppe werden, die von erkennbaren Außenseitern angeführt wurde und die schon deshalb nicht böse sein konnte. Man gab Geld für eine unterstützenswerte Vision, erhielt sagenhaft sinnstiftende Produkte, so fühlte es sich an. Der weiße Apple-Aufkleber, der jedem Computer beilag, wurde gerne ans erste eigene Auto geklebt. Als Code für einen Lieblingsverein, dessen Anhängerschar sich zwar rasant vergrößerte, der aber immer noch sehr okay war. Das Apparel-T-Shirt, der iPod, Schuhe der Marke Camper und Freitag-Taschen aus LKW-Planen hatten solche Codes. Es waren Underdog-Unternehmen, die ein Marketing erfanden, das jedes neue Produkt im Sortiment feierte, als handelte es sich um ein Stück von zeitgeschichtlichem Wert. Und das stimmte ja sogar. Genau, wie man weiß, was man machte, als das World Trade Center fiel, weiß man, wie das erste Produkt dieser Firmen ins Leben trat. Weil man wirklich kurz glaubte, alles würde gut werden. Oder wenigstens besser.

Produzent und Konsument bildeten in dieser kruden Gefühlslage beinahe eine Solidargemeinschaft. Heute wird das auf Plattformen wie Etsy oder Kickstarter richtig gespielt, dort werden nämlich ein Mensch, seine Idee und seine Unterstützer direkt verkuppelt. Aber das war 2003 noch nicht so bequem umsetzbar. Es genügte deswegen, dass die neuen Duz-Konzerne so taten, als wären sie dauerjung und immer noch in jener Garage angesiedelt, die so wichtig für ihren Gründungsmythos war. Als wären sie trotz 200 neuer Filialen ewig so unerwachsen, wie die Porno-Anzeigen, die der exzentrische American-Apparel-Chef Dov Charney und der Fotograf Terry Richardson entwarfen. Unerwachsen auch, wie der erste Slogan der Zeitschrift Neon, die 2003 aus dem Stand eine tolle Auflage und eingeschworenes Jungsein verkaufen konnte. Oder unerwachsen wie das Wort „gruscheln“, das von der Plattform StudiVZ propagiert wurde, jenem deutschen Facebook-Vorläufer, der es zwischen 2005 und 2009 fertigbrachte, von 0 auf 6,2 Millionen User zu wachsen und dann noch schneller wieder zurück in die Bedeutungslosigkeit zu fallen.

Es war eine naive Zeit, wie immer im Rückblick. Faktencheck war noch nicht zum Volkssport geworden, der Shitstorm war noch keine Großwetterlage, das Wort Datenkrake noch nicht erfunden und Edward Snowden arbeitet noch für die CIA.

Nur so ist es vielleicht auch zu erklären, dass ein kleiner Kinofilm namens „Garden State“, entstanden im Jahr 2003, zum emotionalen Leitindex der Nullerjahre-Jungmenschen werden konnte. Ein Film, dessen Höhepunkt darin besteht, dass die verunsicherten Hauptfiguren auf einem Bagger stehen und therapeutisch gegen den Regen anschreien. Geschrieben hatte ihn der unterbeschäftige Schauspieler Zach Braff, den man eigentlich mit v schreiben sollte. Braff verkörperte jenes neue Jungsein perfekt, für das American Apparel die Ausgehuniform machte: schmal, zögerlich und eben universal nett. Ein Nerd zum Verlieben. Dass er als Hauptdarsteller der Serie „Scrubs“ bald für solide TV-Comedy stand, tat der Sympathie wenig Abbruch.

Denn der moderne Mainstream war okay, er gerierte sich ja kumpelhaft und humanhedonistisch. So konnten überall kaufmännische Erfolgsgeschichten geschrieben werden wie aus dem Märchenbuch, in denen nämlich das Gute gewinnt, zunächst jedenfalls. Stichwort Bionade. Eine Limonade aus Deutschland, gemacht als letzte Hoffnung einer Familienbrauerei, szenekompatibel nicht nur mit Biozutaten, sondern auch mit Geschichte angereichert und folglich grundgut. Sagenhafte Umsatzzuwächse folgten, aber auch schnell wieder der Sinkflug aus dem Bio-Litschi-Himmel zurück in die Gesetzmäßigkeiten eines Marktes, der sich allmählich wieder entzauberte. Ein Sturz von 200 Millionen verkauften Flaschen im Jahr 2006 auf heute noch 60 Millionen. In der Größenordnung sind das ganz ähnliche Rückgänge und Zeitachsen wie bei American Apparel. Die Gründe dafür sind im Detail wohl verschieden, aber letztlich sind diese und andere Firmenflauten nur Beweis für einen Zeitgeist, der eben nicht stehen geblieben ist. Zum Glück.

Anders als Apple konnte American Apparel auf das erste Versprechen nichts mehr drauflegen. Das schnelle Großwerden sabotierte irgendwann die eigene Botschaft und gleichzeitig ging der Vorsprung des Pionierprodukts flöten. Heute biegen sich die Regale vor Bio-Limonaden in dezenter Aufmachung, genau wie Basic-Klamotten in guten Schnitten und mit nachhaltigen Stempeln überall verkauft werden, in den Mode-Discountern der Fußgängerzonen genauso wie bei der Konkurrenz im Netz. Zudem wurden aus den leicht entzückbaren Lohas wieder nüchterne Kunden, die genauer hinsahen. So trübte sich der gute Ruf der Pioniere ein, Bionade wurde verkauft und hatte Bio-Probleme, in American-Apparel-Läden zogen Fremdmarken unklarer Provenienz ein und Dov Charney traf mit seinen sexistischen Kampagnen auf immer weniger Szene-Zustimmung. Am Ende der Nuller-Ära war ein T-Shirt eben wieder nur ein T-Shirt.

Die Kritik an der Loha-Bewegung, die Gentrifizierung der Bio-Kultur, die niederen Beweggründe, die den kalifornischen Neo-Unternehmen nachgewiesen wurden, das alles bedeutet vor allem auch: Die Jahrtausendjugend ist gegen alle Wahrscheinlichkeit doch erwachsen geworden. Nachgerückt sind Pragmatiker, die sich mit Gut-Marketing und Befindlichkeits-Poesie nicht mehr so leicht rumkriegen lassen. Die Welt ist noch komplizierter: Bio-Limo, faires T-Shirt, nettes Produkt reichen nicht mehr, um sich in Sicherheit zu wiegen.

Letztlich ist es wie bei dem armen Gustaf Norén von Mando Diao. Der Druck des eigenen Versprechens ist zu groß geworden, der Erfolg zur Mitte der Nullerjahre eine Belastung und Konzerne sind plötzlich wieder das, was sie immer waren: Konzerne. Man hat vielleicht ein bisschen zu lang an etwas anderes geglaubt. Mit dieser Erkenntnis kann man nach Lappland auswandern. Oder die Nullerjahre als das abhaken, was sie waren: ein zögerliches Jahrzehnt, in dem es manchmal noch half, gegen den Regen anzuschreien.

August 11th, 2015

Über das halbe Leben im Netz

Wo soll man anfangen, über das Netz zu schreiben? Wie würde man über Wasser, Luft, Asphalt schreiben? Vielleicht so: Ich bin 35 Jahre alt, und mein Leben ist jetzt halb analog und halb digital verlaufen. Hallo, Hybrid. Das erste Modem mit 17, das erste Handy mit 18, bei Ebay angemeldet auch mit 18, weil ich Geld brauchte und vom Vater alte Pirelli-Kalender rumlagen. Düdeldü hat das Modem damals gemacht, aber es hat funktioniert, meine erste Bewertung lautete: So macht Ebay Spaß! Yeah, dachte ich.

Seitdem bin ich drin, drauf, eingeloggt, sende und empfange, klicke, fave, like, scrolle, scanne, searche, werfe mich jeden Tag ins Netz, quatsch, bin längst dauerdort. Denn auch im Schlaf, dem letzten großen Reservat des anlogen Lebens, stellvertreten und schaufenstern die Avatare weiter, werden Alerts, Mails und News für mich gesammelt, Sterne, Herzen und Daumen gedrückt. Also: dauer-on. Alle anderen auch: dauer-on. Nicht alle begeistert, nicht überall, aber jeder irgendwie dabei. Die Welt ist drei Wifi-Balken, ist Bluetooth an, ist Ortungsdienst an, ist Vibration an.

Es ist ein Steg, der zufällig auf den Schultern unserer Generation gebaut wurde. Er führt vom alten Analogland, in dem wir geboren wurden, in die virtuelle Welt, in der wir sterben werden. Ich und alle, die plus minus zehn Jahre um 1980 geboren sind, wir diffundieren darauf als Teilchen, denen beide Seiten annähernd gleich geläufig sind. Wir kennen noch: am Fernseher umschalten, Autofenster kurbeln, Telefonkabel vertüddeln lassen, Überweisungsvordrucke holen, Auskunft anrufen, Kettenbriefe, Billignummer vorwählen, Kassette überspielen, etc. Nichts davon eignet sich zur Verklärung. Das ist alles heute besser, schöner, schneller. Danke, Digital.

 Trotzdem ist es vielleicht für die Brückengeneration wie für Menschen, die gerade noch in der DDR groß geworden sind: Man trägt eine kleine Welt in sich, die es nicht mehr gibt. Aber verklären und wegbleiben, das dürfen gerade mal die Elterngeneration und der letzte „Sieben Euro sind ja 14 Mark!“-Sager. All jene eben, die den Steg nicht täglich überqueren müssen, die noch genug nicht-digitalisierte Erinnerungsmasse haben. Brauch’ ich nicht, sagen sie, und es stimmt. Mach’ das Ding halt aus, sagen sie, und es stimmt nicht.

Denn ausschalten, das können und wollen wir Halblinge natürlich nicht. Im Gegenteil: Als Gründungsmitglieder der Netzgesellschaft sind wir eher ihre übereifrigen Apostel. Es sind ja auch unsere Altersgenossen, die in dieser Welt gerade das Zepter führen. Nur, dass eben die wenigsten wie Zuckerberg und Co. digitale Innovatoren, sondern nur das geworden sind, was das Apple-Marketing Early Majority nennt: Jubelperser für technische Hypes, dankbare Abnehmer von Push-Mitteilungen aller Art. Das Marketing weiß, gerade unsere Generation muss zwanghaft alles ausprobieren, sieht sich selbst in dauernder Informationspflicht. Stets in Sorge, das Neue zu verpassen und vom Zeitgeist entfolgt zu sein: wir.

Diese ewige Unruhe ist es wohl, was uns von den wahren Digital Natives unterscheidet. Das und eine Frage, die mich seit einiger Zeit verfolgt: Bin ich eigentlich der Gleiche, der ich analog gewesen wäre?   

 Anlass ist ein kleines Unwohlsein. Über das, was das halbe Leben mit Netz aus mir gemacht hat und aus all den herrlich normalen Menschen, die da am U-Bahngleis stehen, jeder für sich kalt besonnt vom Displaylicht. Die Topografie des Unwohlseins verzeichnet folgende Punkte:  

1. Einsamkeit

Ich inszeniere mich im Netz, wundere mich über andere, werbe für mich, unterstütze, merke an, witzele – alles in Maßen und obwohl mir die meisten dieser Tätigkeiten wesensfremd sind. Aber ich habe mich daran gewöhnt, so wie sich Tante Lissi und die halbe Welt daran gewöhnt haben, dass es im Internet keine Schüchternheit geben darf und senden muss, wer empfangen will. Und ja, ich will empfangen, will da gemocht werden. Alles ist schließlich darauf angelegt, der ganze kalifornische Positivismus, der nur Sterne, Herzen, Freunde und Daumenhoch kennt. Die Netz-Aufmerksamkeit ist ein Gefühl, an das man sich schnell verliert und das die Haut dünner werden lässt. Wenn man die Maschinen in den Ruhezustand versetzt und nach dem Zähneputzen sich selbst, bleibt Neo-Einsamkeit. Sie hat nichts mit wahrer Einsamkeit zu tun, ist nichts als ein paar Stunden keine Nachricht, kein Instagram-Herz. Lächerliche und doch irritierende Existenzunsicherheit. Und die Stille eines echten Schreibtischs, das Alleinsein auf der Berghütte im Funkloch wirken auf einmal wie feindselige Überbleibsel der alten Welt.

2. Abhängigkeit

Rauchen, Computerspiele, Star Wars, Stickeralbum – ich war nie suchtanfällig. Aber jetzt: Wann war der letzte Morgen, an dem ich nicht nach dem Smartphone tastete? Halb wach erst alles sehen musste, was sich vielleicht ereignet hatte (meistens: nix)? Woher kommt das Amputationsgefühl, nach einer Stunde am Strand oder im Kino? Ich kann ihm widerstehen, sicher. Aber ich muss mir dafür schon streng einreden, dass das Gerätchen jetzt nichts bereithält, nicht selbst erfüllend wichtig ist. Kurios: Abstinent sein fühlt sich genauso mies an wie das sinnlose Öffnen und Schließen der Programmfenster, der fliegende Blick auf die Zähler, das Nesteln am Fixerbesteck des sozial Vernetzten. Würdelos, wie jede Sucht. Beruhigend ist, dass es allen ähnlich geht. Dass befreundete Paare, strunzklug, abends vor dem Fernseher sitzen, aber gleichzeitig vor iPad und Laptop, ohne dass sie sich erklären könnten, wie es dazu kam. Dass alle im Flughafenbus die Anzeichen von erst unstillbarer Neugier und dann angeödeter Erkenntnis zeigen, wenn sie die Computer zücken. Beunruhigend allerdings, dass keiner brüllt: Was ist los mit uns – und geht das jetzt immer so weiter?

3. Konsens

Das Netz feiert das Individuum. Jeder darf sein Leben beschreiben, sein Essen vorzeigen – lauter kleine Ego-Altäre. Eine Stufe dahinter aber ist die neue Welt seltsam gleichförmig. Alle schauen in das gleiche Gerät, alle suchen bei Google, kommunizieren auf den gleichen Plattformen, haben die gleiche Art von Humor, liken und teilen die gleichen Hashtags. Es gibt im Digitalland einen Distinktionsabbau, eine öde Übereinstimmung bei der Wahl der Mittel, eine Massen- und Gefallsucht – schließlich zählt, wer viele auf sich vereinen kann. Und Endgeräte, Programme, Prozesse sind so komplex, dass man kaum mehr ausscheren kann. Die Punks des Netzes sind Hacker oder Trolle, für erstere fehlt den meisten die Akribie, für letztere der Welthass. Aber was kennzeichnet alternative Lebensentwürfe in der digitalen Welt? Wie entkommt man den Konzernen, ohne als paranoider Outlaw durch Randgebiete zu tingeln? Wertfrei festgestellt: Das User-Prinzip ist auch ein Untertanenprinzip.

Mich nervt die gekünstelte Sanftheit der Touch-Bewegungen, nerven die Töne, der kurze Schreck der Vibration, das Sprechen im Gehen, die ewige Sorge um den Akku, die Emojis, die Abkürzungen und Ein-Wort-Botschaften. Aber ich nehme es als neu-notwendig hin, und schon dieser Text kommt mir ungehörig vor. Die Gesellschaft ist techniksediert und die Masse der anderen Benutzer immer zu groß. Die rebellischste Geste wäre der Ausschaltknopf. Nur was, wenn es sich anfühlt, als würde man damit nicht das Gerät, sondern sich selbst ausschalten?

4. Überforderung

Abgesehen von Naturbeobachtungen, weiß ich ungefähr alles, was ich heute weiß, aus dem Netz. Die ständige Verfügbarkeit von allem Wissen ist die größte Errungenschaft überhaupt, ein Menschheitsgeschenk, Orakel von Delphi to go. Toll!

 Das Wissen blättert einem jeden Morgen auf den Gerätchen entgegen, nächste Fütterung ist: immer jetzt. Es wird so viel gedacht und geschrieben, jede Idee findet Google schon, jede Assoziation hat ein Algorithmus bereits hergestellt – schwer, überhaupt mental aus dem Bett zu kommen. Permanent wird ein Hunger gestillt, den man eigentlich nie hatte. Ich kann, ehrlich gesagt, längst nicht mehr souverän sortieren, was mich erreicht.Das neue Netz sind tausend auf mich gerichtete Informationskatapulte mit breiter Streuung. Kollateralschäden dieses Sperrfeuers sind Zeit und Urteilsvermögen. Ich stehe mit dauerhaft schlechtem Gewissen am Rand des Informationsflusses. Ach schau, da treibt die Liste der Bücher, die sich Lenin 1914 in der Berner Nationalbibliothek ausgeliehen hat. Keine Ahnung, ob man sich so neues Wissen aneignet oder nur einen irren Komposthaufen. Es fühlt sich jedenfalls oft an, wie das mühsame Moderieren endloser Ablenkung. Kopfträgheit ist die Folge der Über-Ergiebigkeit. Weil wir wissen, dass alles gleichzeitig läuft und abrufbar ist, ist alles auch irgendwie beliebig, jede Meinung zu jedem Thema probeweise einnehmbar, jede Auseinandersetzung schiebbar. Früher trug man Fragen aus der anlogen Welt in das Netz, erhielt Antwort und ging, damit in echt zu denken. Das ist vorbei. Seit das Netz die Einheit von Ort, Zeit und Handlung hergestellt hat, regieren Überforderung, Aufschieben und Halblesen.

Soweit mein Unwohlsein. Obwohl es in dieser Häufung anders wirkt, sind das alles nur Mückenstiche auf der digitalen Gegenwart. Nicht systemrelevant, kein Kulturpessimismus. Man lese es als Beichte eines Netz-Normalos oder Midlife-Müdigkeit. Nichts davon schmälert den Glanz der neuen Welt. Eine Großstadt wirkt aufs Landei vielleicht genauso ein wie die letzten 17 Jahre Netzwelt auf mich, wer weiß.

 Wahrscheinlich ist schon die nachrückende Generation, die Post-Millennials und Selfie-Erfinder von dieser Liste irritiert. Ihr Netzempfinden ist ein anderes, ihre virtuellen Sinnesorgane sind vermutlich schon viel robuster als meine. Sie kennen die Digitalität als alles, was der Fall ist. Als Überflussort, dem man nicht hinterherläuft, sondern der zu einem kommt. Sie müssen nichts überbrücken, waren schon immer da. Benutzen die Geräte anders als wir, nicht als Dingfetisch und stolze Qualifikation, sondern als schnöde Endgeräte – huch, Display kaputt, na ja.

 Unsere krampfige Unterscheidung zwischen dem Echten und dem Gespiegelten, zwischen Unterhaltung und Message, Facebookfreund und Freund ist ihnen egal und zwar zu Recht. Ihre Aufgabe wird es sein, über die Emanzipation des Netzmenschen nachzudenken. Wir Hybride sind dafür wohl immer zu voreingenommen. Dafür aber dürfen wir uns gelegentlich an die Zeit vor dem Düdeldü erinnern.

(erschienen in der Süddeutschen Zeitung)

August 11th, 2015

Über das Prolo-Shirt

Royal Polo MCMLIII California, Club Geographical Norway, High Grade Division, Saint Tropez Sailing Team, Legend of Sport 1953 Saint Barth. Nein, das ist kein Blindtext, auch kein Code, sondern nur das Wichtigste, was man so im Brust- und Schulterbereich eines Polo-Shirts für 34 Euro lesen kann. Die Fülle von Begriffen ist aufbereitet in unterschiedlichen Schriftgrößen und Farben, angereichert mit Stickereien eines Pferdes, mehreren aufgedruckten Wappen und Wimpeln, geflockten Fahnen, Banderolen und Lorbeerkränzen. Ein Shirt wie ein Unfall in der Applikations-Fabrik.

  Dies ist nicht allzu bemerkenswert, wenn das überladene Polo nicht auf einmal das favorisierte Sommerhemd des Mannes in den sogenannten besten Jahren geworden wäre. Der freilich meist in Traditionssport-Klubs und Lorbeerkränzen nur etwa so viel zu suchen hat, wie ein altes Tretboot im Hafen von Monaco. Wie konnte das komische Prolo-Shirt nur so beliebt werden?

  Sinnlos bedruckte Klamotten waren doch eigentlich der Kindermode vorbehalten, schon Jugendliche versuchen sich auf angesagte Markenlogos, Bandnamen oder witzige Sprüche zu beschränken, danach herrschte doch eigentlich eine gewisse Einigkeit unter Erwachsenen, dass Klamotten die Klappe halten sollen oder eben für sich sprechen – und nicht mit Fantasie-Mitgliedschaften und Banderolen von falschen Nordpolexpeditionen, Pokalsiegen und Quatsch-Abzeichen in Goldstick protzen. Das alles trägt der deutsche Mann derzeit stolz in die Urlaubsflieger, vorbei an Frühstücksbuffets und auch, wenn er mal eben die Kathedrale im Ferienort abcheckt – mit aufgestelltem Kragen und bonbonfarbiger Bermuda.

 Das Polo-Shirt war mal ein solides und ziemlich zeitloses Stück Mode, eingeführt vor etwa hundert Jahren auf den mondänen Tennisplätzen, wo es Kragen und Kurzärmligkeit kühn zusammen brachte, besonders seit sich ein gewisser René Lacoste der Sache angenommen hatte. Danach erst trugen es tatsächlich die Polospieler und noch später machten sich Fred Perry, Lacoste und dann auch Ralph Lauren an seine flächendeckende Verteilung. In vielen Farben war es schon immer zu haben, ja, und ein kleines Logo auf Herzhöhe gehörte zum Spiel – aber dabei blieb es. Ein simpler Klassiker in Piqué, immer etwas sauberer als ein T-Shirt und das einzige Kurzarmhemd, das in der klassischen Herrengarderobe erlaubt ist. Diese Erlaubnis muss angesichts der überplakatierten Polo-Hemden zurückgenommen werden, die maßgeblich von dem in Brandenburg ansässigen Label Camp David und ihrem Werbemaskottchen Dieter Bohlen in den Massenmarkt getragen wurden.

  Bohlen war eine gute Wahl, dauergebräunt gackernd ist er quasi die Reinform des Urlaubsdeutschen. Die reich verzierten Camp-David-Shirts weisen ihre Träger wahlweise als Teilnehmer einer großen Regatta oder eines royalen Polo-Turniers aus und beherrschen das Textil-Tourette wie keiner der vielen Nachahmer: Stay Incorporation, International Costa Smeralda, Camp David, Lifestyle Flight, Limited Series, Sky Lounge, Premium Location (x2), Sardinia, Nineteen Sixty Three, Aero Union, Crew Member steht da in vielen verschnörkelten Schriften. Jetset-Poesie! Es muss bei den Entwicklern dieser irren Konglomerate so eine Art Pathos-Baukasten geben, aus dem immer neue Kombinationen entstehen, unendlich viele, und die Urlaubsmänner werden deswegen wohl noch länger aussehen wie überdekorierte Leichtmatrosen, pardon, Crew Members.

August 11th, 2015

Über den Schulstuhl von Konstantin Grcic

„Der Po ist doch wahnsinnig schön geworden!“ Während er das sagt, streichelt Konstantin Grcic zärtlich die Kehrseite eines Plastikstuhls. Der Stuhl erinnert an ein Wirbelsäulenmodell beim Orthopäden, mit seiner stark gebogenen Rückenlehne.

  Es ist Möbelmesse in Mailand, Weltereignis für alles, was unter den Begriff häusliche Einrichtung fällt. Für den Münchner Designer Konstantin Grcic sind die fünf Tage hier aber auch unfreiwilliges Schaulaufen. Er gehört zu den wichtigsten Gestaltern der Welt, auf vielen Ständen hier stehen Entwürfe von ihm, und er kommt kaum durch einen Messegang, ohne um Autogramme gebeten, fotografiert oder von japanischen Designbloggern interviewt zu werden. Und so ist er eben auch mit einer halben Stunde Verspätung am Stand von Flötotto angekommen, dabei wollte er nur mal kurz aufs Klo.

  Der schlichte Stand des Möbelherstellers aus Gütersloh ist beileibe nicht der spektakulärste in einer Halle, in der andere Marken ganze Terrassenlandschaften oder sakrale Lichttempel aufbauen. Und trotzdem ist er etwas Besonderes, weil hier nur ein einziges Produkt gezeigt wird. Ein paar Dutzend Exemplare eines Stuhles namens „Pro“ stehen da, sauber angeordnet, wie in einem Klassenzimmer. Es gibt unterschiedliche Füße für den Stuhl, die Rückenlehne auf der einladend großen Sitzfläche ist aber immer gleich markant, ein großes S aus Polypropylen, das nicht nach Sitzkomfort aussieht. Nimmt man probeweise Platz, was Messebesucher im Sekundentakt tun, vergisst man aber die komische Lehne, weil sie sich im Rücken auflöst. Da ist nur ein leichtes Stützen an der richtigen Stelle, der Rest ist schwungvolles Sitzen, wenn es so was gibt.

  Frederik Flötotto strahlt, wenn man versucht, dieses Sitzgefühl in Worte zu fassen. Im Grunde tut er seit drei Jahren nichts anderes, wenn es um den „Pro“ geht, als strahlen und in Worte fassen. Seit eben die alte, kleine Firma und der berühmte Designer an diesem Projekt arbeiten, einem Projekt, das ganz bescheiden als Schulstuhl anfing.

Schulmöbel sind sozusagen die DNA von Flötotto, ganze Generationen von deutschen Hintern drückten eine Schulbank, die aus ihrer Produktion kam. Entscheidend dafür war, dass Fritz Flötotto in den Fünfzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts ein neues Holzformverfahren erfand, mit dem Sitzschalen verbogen und gepresst werden konnten, als wären sie aus Kunststoff. Mehr als 21 Millionen Stühle mit diesen sogenannten Pagholzsitzen wurden in den folgenden Jahrzehnten gepresst und verkauft. Der alte Flötotto war ein Bestseller, von Schülern tausendfach bekritzelt, von Hausmeistern ewiglich gestapelt. Abgesessen glänzte das verformte Holz immer noch in der Farbe reifer Kastanien.

  Zusammen mit einem später eingeführten Modulsystem für Schränke und Regale erlangte das Familienunternehmen bis in die Achtzigerjahre große Bekanntheit. Dieser Erfolg wurde, um es gleich zu sagen, in den letzten 30 Jahren fast komplett verspielt. Flötotto machte Besitzerwechsel, Insolvenzen und Neustarts durch, und es sah bis 2007 eigentlich nicht danach aus, als würde die Marke mit ihrem angestaubten Charme in die Gegenwart finden.

  Aber jetzt sind da eben dieser Stand in Mailand, der große Designer und sein Stuhl, der auf dem besten Weg ist, die Geschichte zu wiederholen. „Wahnsinnig intensiv, maximal pedantisch“ sind die Wörter, die Frederik Flötotto zu der Zusammenarbeit mit Grcic einfallen. Und der bestätigt das, wenn er ganz von vorne berichtet. Wie grundsätzlich neu er alles denken wollte für diesen Stuhl. Wie sie zusammen durch Schulen tingelten, ganz kleine und ganz große, mit Lehrern, Verwaltern und ja, auch Hausmeistern sprachen. Wie sie neueste Ergonomie-Studien und solche von moderner Pädagogik filterten, bevor der Gestalter überhaupt die ersten Striche machte. „Ich war so lange nicht mehr in der Schule, alles ist anders. Im Unterricht ist nicht mehr nur Stillhalten gefragt, die Kinder sollen in Bewegung sitzen, haben nicht mehr nur Frontalunterricht, sondern Gruppenarbeit, benutzen an den Seitenwänden Whiteboards oder Displays. Und während so viel Schwung im Unterricht ist, sitzen sie auf den alten, schweren Stühlen“, sagt Konstantin Grcic. Er arbeitete deswegen an einer Sitzfläche, die den Sitzenden genauso gerne aufnimmt wie freigibt, nie im Weg ist. Die Lehne schrumpfte auf ein Minimum, weil: „Kein Rücken braucht so eine breite gepolsterte Rückenlehne wie bei den alten Bürostühlen.“

  Leicht sollten die Stühle sein, für die Kinder und die Hausmeister und nicht zwicken, aber auch nicht gezwickt werden. „Ich wollte, dass der Stuhl auch ein bisschen cool wird. Was ich cool finde, demoliere ich vielleicht nicht“, sagt Grcic. Beim Material planten Hersteller und Designer zunächst mit Pagholz – aus Traditionsgründen. Aber die dreidimensional verformte Kurve der Lehne, die dünn ausgeformte Sitzfläche mit dem, was Grcic den schönen Po nennt, das schaffte das Pagholz nicht richtig. Also begann die Suche nach einem Kunststoff, der ökologischen Ansprüchen ebenso genügte wie der strengen DIN 1729 für Möbel in Bildungseinrichtungen. Nicht einfach. Viele neue Öko-Kunststoffe sind noch nicht zertifiziert, unmöglich für ein Produkt, das von Steuergeld gekauft werden soll. Schließlich kamen sie auf die Idee, es mit reinen Polypropylen zu probieren. Frei von Glasfasern, die sonst zur Stabilität beigemischt werden und die später das Downcycling schwierig machen. Um trotzdem noch genug Halt für die kühne Lehne zu bekommen, besserte Grcic bei der Statik nach. Auf diese Weise funktionierte das vergleichsweise weiche Material; es machte den Stuhl insgesamt leichter, gemütlicher, günstiger. Freilich erst, nachdem Flötotto mit einer riskanten Investition die Voraussetzungen für die Kunststoffproduktion geschaffen hatte.

  Dass sich dieses Wagnis auszahlen könnte, ahnten Konstantin Grcic und der Urenkel des Firmengründers vor drei Jahren, als sie in Köln die ersten „Pro“-Stühle auf der Wohnmöbelmesse vorstellten. Das schien ihnen ein besserer Präsentationsort zu sein als die Didacta, die eigentliche Messe für Schulzubehör. „Die Hersteller da haben den Schul-Kuchen unter sich verteilt, in jedem Land wird sowieso ein nationaler Hersteller protegiert“, sagt Frederik Flötotto über die Aussichten, die sie sich als Quereinsteiger ausrechneten.

  Offenbar war Köln genau das Richtige, denn das Publikum ließ sich auch ganz unpädagogisch begeistern, der Stuhl gefiel Architekten, Bauherren und jedem, der darauf Platz nahm. Seitdem läuft ein Märchenfilm, mit einem alten, etwas angestaubten Familienunternehmen und einem Zauberer aus München in den Hauptrollen. Finnische Schulen kauften den „Pro“ genauso wie Einrichtungen in Abu Dhabi und Japan, die Jesuiten in Barcelona importierten ihn erst für sich und dann für neue Bauprojekte in Kolumbien. In Villach, Kuala Lumpur, Unterschleißheim und Hamburg sitzen Fachhochschüler, Studierende und Kinder heute auf ihm, aber auch die Architektenstars von Herzog &de Meuron, Gäste des Münchner Residenztheaters und Privatleute am Esstisch. Noch erstaunlicher als der internationale Erfolg ist die Wandlungsfähigkeit, die den Stuhl weit über die Schulmauern hinaus trägt.

  „Wir hatten Glück. Es gibt nur wenige Produkte, die sich so interpretieren lassen, ohne schwächer zu werden.“, sagt Grcic und schwenkt seinen Arm über die kleine Herde Stühle auf dem Stand. „Pro“ in drehbar, mit Rollen, billig und zum Stapeln oder mit Armlehne, mit hochgezogener Seitenwand oder Holzfüßen, in Farbe, mit Polster – jeder ein eigener Stuhl, jeder ein stimmiger Entwurf. Nur den schönen Po, den haben alle gemeinsam.

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