Max Scharnigg

Grüner wird’s nicht

23. April 2015 · Keine Kommentare

Früher stand hier noch kein Totenkopfschild. Früher war das einfach der schmale Streifen zwischen Radweg und Straße, wie er nun mal zur Stadttopographie gehört. Alle zehn Meter eine schmutzige Linde und dazwischen Stadtgras. Stadtgras ist armes kleines Gras, das von Hunden benutzt und von der Kehrmaschine gesäubert wird und in dem ein bisschen saisonaler Müll liegt, Eispapier, KaufeIhrAuto-Zettel und so. Seit zwei Jahren also gibt es das an einer Stelle nicht mehr, dafür gibt es dort jetzt das Schild und einen Miniaturzaun mit einen schiefen Windrad. Der Totenkopf ist bunt, aber es ist trotzdem ein Totenkopf. Daneben steht in Fingerschrift: Hunde weg! Blumenwiese!

Was ist passiert? Ein Stück Grünstreifen wurde von einer Handvoll Anwohner als Garten annektiert. Weil es der einzige nicht asphaltierte Fleck ist. Und weil man das jetzt eben so macht. Urban Gardening.

Letztes Jahr wuchsen hinter dem Totenkopf ein paar Ringelblumen und ‘ne Gladiole und den ganzen Sommer lagen Kindergießkanne und Schaufel zwischen Radweg und Straße. Es war, offen gesagt, fürchterlich. So lange es einfach nur ein Straßenrand-Grünstreifen war, wie er sich hunderte Kilometer durch die Stadt zieht, war alles okay, im Sinne von vernachlässigbar. Erst mit den Ringelblumen war es deprimierend. Sie sollten Farbtupfer sein, aber drei Quadratmeter Blumenwiese neben dem 17-Uhr-Stau fühlten sich an, als hätte man einem von einer Million Masthähnchen einen Namen gegeben. Nicht schön, sondern zum Heulen. Die Ringelblumen haben den Feinstaub, den Bremsabrieb, das Kadmium, diesen grauenvollen Moloch Stadt erst sichtbar gemacht.

Einen Garten zu wollen, eine eigene Ringelblume, das ist sehr verständlich. Gerade im Frühling, wo die Netzhaut nach Grün schreit. Aber die Stadt hat nun mal traditionell einen entscheidenden Nachteil: Sie ist nicht auf dem Land. Man wohnt meterweit über dem Boden und der ist umfassend versiegelt, untertunnelt, vergiftet. Grün hat deswegen hier keine Prio. Bis zur letzten Generation war dieser Nachteil allen Beteiligten auch irgendwie bewusst. Die einen nahmen es billigend in Kauf, viele kannten es nicht anders und etliche zogen gerade deswegen hin. Wegen der Rolltreppen und der Lichter, dem Puls und dem Plus an Menschen, Geschäften, Museen, Nachtbussen. Hey, Stadt eben, Verdichtung, Schmelztiegel, Asphaltflimmern. Für eine gelegentliche Sehnsucht nach Natur hatten die Stadtplaner große Parks und kleine Grünanlagen vorgesehen, wem das nicht reichte, für den gab es breite Ausfallstraßen, Wochenend-Tickets und das S-Bahn-Wanderbuch. Man verließ die Stadt, um draußen das zu haben, was es drinnen nicht gab. Heute ist das so irgendwie nicht mehr vermittelbar. Denn in den Städten wohnen jetzt wir, die hochgezüchteten Individualisten und wir sind es gewohnt, lauter Dinge zu fordern, die noch unseren Eltern nicht vereinbar schienen: Kind und Karriere, Ehe und Abenteuer, Garten und Altbauwohnung im dritten Stock.

Also wurde vor ein paar Jahren angefangen, die Stadt umzugraben. Überall bildeten sich Pflanz-Initiativen mit menschelnden Namen: Wullegarten, Krautgarten, O‘pflanzt is. Es gab Bürgertreffen und Podiumsdiskussionen, in denen die Begriffe Brachflächen, Insektenhotels und Umnutzung tief flogen. Essbare Städte, Urban Farming, Selbstversorgung und Hochbeet für alle! Ratgeberverlage wie Gräfe&Unzer reagierten auf die neuen, urbanen Ruralisten mit einem Instant-Sortiment zum Thema Selbstversorgung für Einsteiger bzw. auf engstem Raum. Gerüchte und Blogs von Hühnerhütern in Brooklyn und blühenden Landschaften auf den Dächern von Stockholm machten die Runde und peitschten die Landlüsternen in allen Metropolen auf. Es wurden Garagendächer urbar gemacht, unberührte Verkehrsinseln zwangsfloriert, französische Balkone zu hängenden Gärten deklariert, wehrlose Bienenvölker eingebürgert und naja, eigentlich wurden hauptsächlich Seedbombs verschenkt, das sind diese kleinen Erdknollen mit denen man aus Stadtgras Blühwiesen zaubern soll, als wäre man ein verdammter Faun. Seedbombs in einer solchen Zahl jedenfalls, wechselten die Besitzer, dass man im Juni vor lauter Kosmeen und Sonnenblumen nicht mehr zur U-Bahn kommen dürfte, eigentlich. Allerdings hat sich bis auf das Totenkopfschild hat nicht viel verändert, die vielen Seedbombs, sie vertrocknen wahrscheinlich in den Schubladen von Vintage-Schreibtischen, als leise zerbröselnde Versprechen, die keiner halten kann. Zwei Kreuzungen weiter sind auf einem ehemaligen Bauhof der Stadt nach einem Jahr Diskussion ein paar Hochbeete aufgestellt worden, für die es eine lange Warteliste gibt und wo es trotzdem immer aussieht wie auf einem kompostierten Flohmarkt, durch den ein Wirbelsturm gezogen ist. Bis das Stadtbild von seinen Hobbygärtnern profitiert, ist es noch ein weiter Weg.

So weit, so bemüht. Aber wie geht es jetzt weiter? Wohin mit all den Samen, wo sollen die Kletterzucchini ranken, wie die Gartensehnsucht wirklich Wurzeln schlagen? Wir leben in einer Gesellschaft, in der auch Nischenanliegen vergleichsweise schnell Gehör finden, das ist toll. Die Städte sind offen für die Landlust ihrer Einwohner, Stuttgart hat einen Referent für Gartenbau installiert, in München gewann einen Stadtplanwettbewerb jener Entwurf, der vorsieht, dass ein neues Wohngebiet mit passenden Gemüseäckern ausgestattet wird, deren überschüssiger Ertrag per Anhänger an der Tram zum Viktualienmarkt fahren soll! So rührend. Aber bei aller Luftgärtnerei, es ist immer noch die alte, verbaute Stadt, um die es dabei geht. Und vielleicht ist nach fünf Jahren verhinderter Selbstversorgung und wilder Pflanzinitativen auch der Moment gekommen, in dem man sich eingestehen muss: Wirklich grüner wird’s so einfach nicht. Wir sind nicht Detroit, wo ganze Stadtviertel von der Natur zurückerobert werden, genug Brachen für Experimente zur Verfügung stehen und übrigens die Menschen mit Selbstversorgung nicht den Samstagnachmittag meinen, sondern den Hunger. Dort wird gerade an neuen Arten urbaner Landwirtschaft getüftelt, wie übrigens immer in der Geschichte, wenn Städte durch Krisen gingen. Aber es sind deutsche Großstädte, um die es hier geht und zur Erinnerung: Deutschland, das ist das Land, das seit einigen Jahren die Riesendampfmaschine Europas ist. In seinen Städten herrscht, ob das nun behagt oder nicht, verdichtete Höchstleistung, enormer Zuzug, sozial-logistische Optimierung. Genauso gut könnte man ein Veilchen in einen Sechszylindermotor pflanzen!

Klar, wir können weiterhin die Innenstädte ästhetisch ruralisieren, wie das Niklas Maak in seinem lesenswerten „Wohnkomplex“ so schön konstatiert hat. Also mit Bart und Holzfällerhemd Eintöpfe aus vergessenen Rübensorten auf recycelten Altholztischen essen und eine Manschette für den nächsten Stadtbaum stricken, damit er nicht friert. Wir können auf dem Balkon ein paar Tomaten aufpäppeln und ein kleines Kräuterbeet führen, weil jeder auf seinem Balkon machen kann, was er will. Aber können wir wirklich die paar Baulücken zu Kartoffeläckern erklären? Sollten wir wirklich Teile der Stadtparks und Verkehrsinseln nutzpflanzlich umwidmen? Lässt man die Nachhaltigkeits-Bordüre mal weg, klingt es doch ziemlich zauselig-egoistisch: Partout die Gartenlust ausleben zu wollen, wo ohnehin chronisch zu wenig Platz ist. Totenkopfschilder und Minizäune aufzustellen, wo gestern noch das letzte Niemandsland war, das Reich der Hunde, Zigarettenstummel und Kehrmaschinen. Wie demokratisch sind Krautgärten und Hochbeetanlagen, in denen ein paar Dutzend Eingeweihte, sofern frühzeitig angemeldet, eine Handvoll Zucchini und Radieschen mitnehmen können? Die übrigens zuvor nicht selten von den Stadtgärtnern gepflanzt wurden, quasi als betreutes Gärtnern für die zwar nachhaltig interessierte, aber praktisch herumstümpernde Ökoschicht. Solche Anlagen haben im Stadtgefüge strenggenommen keinen anderen Status verdient, als ein Tennisplatz. Es sind Spielplätze für wenige. Was wäre los, wenn die SUV-Besitzer demnächst größere Parkplätze forderten, weil die Markierungen noch aus einer Zeit stammen, in der alle mit kleineren Autos zufrieden waren? Die Hundehalter ausgewiesene Kackareale wollen, weil das Herumlaufen mit beschissenen Plastikbeuteln ihre Lebensqualität schmälert? Ist die eigene Karotte wirklich so viel heiliger als diese Anliegen? Sät man neben ein bisschen Petersilie nicht erst Recht Neid und Missgunst, wenn man Parzellen absteckt, wo andere gestern noch Grünanlage, Bolzwiese und wohltuendes Nix fanden, wo die Säufer lagen und die Liebespaare? Tanzen und Kartenspielen, das sind urbane Lustbarkeiten, nicht Pflanzen und Gartenspielen. Mal ganz abgesehen von den Schwermetallen. Aus New York, dem Vorreiter in Sachen Urban Farming und Verrückte Ideen Habing, berichtete die New York Post neulich genüsslich über die sagenhaften Rückstände, die in den Karotten der Stadtgärten gemessen wurden. Auch Kräuter die nicht tief wurzeln, wiesen noch beachtlichen Mengen an Blei und Kadmium auf. Es wäre doch zeitgeschichtlich kurios, wenn sich genau jene Generation die ihr Essen so akribisch unter Generalverdacht stellt, mit selbstgezogenem Gemüse kontaminiert, weil es unbedingt vor der Haustür wachsen soll.

Egoismus, Schadstoffe, Platznot und Hausverstand sprechen also eher dagegen – trotzdem wird die Zukunft der Stadt auch mit Gärten zu tun haben. Allerdings nicht unbedingt mit Guerilla Gardening und Seedbombs. Das Fraunhofer-Instuitut beschäftigt sich in Oberhausen eingehend mit dem Thema und denkt dabei in wohltuend anderen Dimensionen als die Individualisten ohne Balkon. Es geht um Vertical Gardening mit Gewächshochhäusern und Rooftop-Gardening auf bestehenden Strukturen. 360 Millionen Quadratmeter Flachdachfläche, so die Schätzungen der Forscher, könnten in Deutschland für den Anbau von Pflanzen in Gewächshäusern und mit leichtem Hyrdokulturboden genutzt werden. Das entspräche etwa einem Viertel der Ackerfläche, die heute für den Gemüseanbau genutzt wird. Zusätzlich zur Bindung des Co2, zu der diese grünen Dächer vor Ort beitragen würden, wären sie eine Antwort auf die Frage, wie die Landwirtschaft dem Problem zunehmender Bodenversiegelung begegnen könnte. Denn das ist auch ein Problem der neuen Städte: Die Grenzen der Lebensräume vermischen sich. Die Innenstadt wird suburbanisiert, weil diejenigen, die es sich leisten können, dort zu wohnen, keine Graffitis an den Wänden und keine Kneipen in ihrem Haus aber dafür einen Kräutergarten und einen großen Parkplatz wollen. Die Vororte und Wohngürtel urbanisieren dafür schneller, weil sie die vielen Menschen aufnehmen müssen, die die Stadtwohnpreise nicht mehr zahlen können. Die Bodenversiegelung schreitet voran und zwar nicht da, wo sie heimisch ist, sondern wo vorher wirklich noch Lebensmittel gewachsen sind. Kreisverkehr, Discounter, Neubaugebiet, zack, etwa 110 Hektar gehen so täglich drauf, sagt man. 110 Hektar auf denen sich nichts mehr anpflanzen lässt, obwohl es diesmal wirklich Land ist. Vielleicht sollten die aufgeklärten Urbanisten, statt sich in Schrebergartendebatten und Viertelinitiativen aufzureiben, gemeinsam einen grünen Pflanzgürtel rund um jede Stadt fordern. Eine nahrhafte Wagenburg, eine Hochbeetmauer, noch im S-Bahn-Bereich, noch mit gutem Boden, noch mit genügend Platz für alle, die ein bisschen Erde spüren wollen. Und die Stadt dafür Stadt bleiben lassen. Denn das wird sie auf absehbare Zeit bleiben, Ringelblume hin oder her.

(erschienen in der Süddeutschen Zeitung)

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29. März 2015 · Keine Kommentare

copyright-chudowski-11-30-02(Foto: Andreas Chuowski)

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9. März 2015 · Keine Kommentare

indexSeit heute erhältlich: Ein kleines Buch über das Warten auf den Biss, die Unergründlichkeit der Schleie und das viele Wasser unterm Bootsrand, an das man so viel denken muss.

 

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Über Gespenster

16. Februar 2015 · Keine Kommentare

Und dann schenkte mir der Nachbars-Michi eine Kassette. Eine TDK 60 war es, der Beschriftungsaufkleber ein bisschen schief, weil man ihn ja nie genau in die vorgesehene Form bekam. Nirvana-Nevermind stand drauf, in Krakelschrift, denn wir waren 14-jährige Jungs, wir konnten nur Krakelschrift. Ich hörte die Kassette in meinem Zimmer unterm Dach, einmal, zweimal und nach dem dritten Mal war meine Kindheit zu Ende. Sie ist irgendwo in der Gitarre von Kurt Cobain verschwunden und nie wieder aufgetaucht. Aber da war etwas Neues, und es war besser. Diese Musik, das war klar, war ein Krisenkompass für die nächsten Jahre, mein ganz persönlicher Agonie-Steinbruch, Sprengung jeden Tag. Das hatte Kurt Cobain gebracht, ein Zorngott, ein Kumpel. Er war mir noch viel näher als der Nachbars-Michi, obwohl er ja gar nicht da war. Denn es war 1995. Kurt Cobain war schon ein Jahr tot. Ich hörte erst später davon, jedenfalls nicht im ersten Taumel der Kassettenbegeisterung, aber ich weiß, es war nicht schlimm, als ich es herausfand. Schien mir eher folgerichtig. Wichtig war, dass er mal gelebt hat, lange genug, um diese Lieder in die Welt zu setzen. Jedes einzelne war ausreichend Vermächtnis, er hatte alles erzählt, was sollte er noch weiter machen? Der Nachbars-Michi und ich, wir sprachen in den nächsten Jahren viel über diesen Kurt Cobain, und was wir ihm dabei zuschrieben war nicht sehr nah am Original, vermute ich heute. Es gab damals aber ja auch noch nicht auf Knopfdruck was zu sehen, nein, es er gedieh ungestört als Geist ins unserer Mitte, begleitete uns mit seinen Songzeilen durch die Niederlagen der nächsten Jahre, er war da, die Kassette, die Gitarren – lebendiger und näher konnte kein anderer Mensch in dieser Zeit für mich sein. Hätte mich jemand gefragt, ob Cobain nicht doch noch lebte, ich hätte nachdenklich genickt. Unsterblich, sagt man über Genies und es stimmt.

Ich nehme an, mit Elvis verhält es sich ähnlich oder mit Michael Jackson. Wir können sie nicht in Ruhe lassen, weil sie uns nicht in Ruhe lassen. Sie sprechen weiterhin mit uns, also müssen sie doch irgendwie da sein. Es gibt in München einen Michael-Jackson-Erinnerungsschrein und immer wenn ich daran vorbeiradle, sind frische Blumen da oder irgendein neues Armband, das jemand unbedingt an ihn verschenken wollte, eine Geste wie für einen Freund. Und es finden sich genug Menschen im Netz, die behaupten, sie hätten Elvis beim Surfen gesehen, erst letzte Woche, ziemlich fit für sein Alter. Der Tod, er scheint bei diesen Künstlern anders zu funktionieren als für die, der Begriff sagt es ja schon, Normalsterblichen. Sie haben ihre Zeit dazu verwendet, etwas zu schaffen, das größer ist als ihr Leben und das weiterhin zugänglich bleibt, auch wenn sie nicht mehr leibhaftig dafür trommeln können. Was diese Unsterblichen produziert haben ist so eine Art kulturelles Grundnahrungsmittel, es hat jenseits der Moden immer Konjunktur, weil es immer Menschen gibt, die an einem bestimmt Punkt ihrer emotionalen Geworfenheit auf dieses Werk treffen und dann damit reagieren, wie andere Generationen vor ihnen. Popchemie! Sie haben eine Formel in die Welt gesetzt, die den Tod besiegt oder zumindest nebensächlich macht. Gleichzeitig ist diese Ikonisierung auch krisensicher. Wer am Höhepunkt seines Schaffens abgetreten ist, kann sich den Erfolg nicht mehr durchs Spätwerk verwässern, sich nicht selbst zerkauen sondern im Gegenteil: Mythos und die Verklärung bügeln da einiges noch aus und lassen den guten Geist so werden, wie wir ihn gerne bei uns haben.

Kinder haben unsichtbare Freunde, das gehört ganz natürlich zur Entwicklung. Es sind Gefährten, die immer zur Hand sind, wenn sie gebraucht werden und die sich in ihrem Charakter der jeweiligen Situation anpassen, Rat geben, Trauer schlucken, Mut machen. Diese Freunde verschwinden meistens so im Alter von acht bis zehn Jahren, aber der Bedarf verschwindet nicht, er drückt sich nur anders aus, wird zum vagen Tagebuch-Adressaten oder eben zu einem Poster an der Wand, das sich alles anhören muss. Einen Über-Gefährten braucht man immer, die Weltreligionen haben das in den letzten Jahrtausenden ziemlich erfolgreich demonstriert. Die Grundidee ist die Gleiche, ob Jesus, Elvis oder unsichtbarer Freund. Es gibt da jemanden, der steht nicht im Telefonbuch, ist aber trotzdem jederzeit anzurufen und er hat eine Botschaft, nur für mich.

Die Botschaft von Kurt Cobain war klar: Es wird Schmerzen geben, aber es gibt auch Gitarren dagegen. Er ist für uns gestorben, den Nachbars-Michi und mich. Nicht richtig, natürlich.

(erschienen in Das Buch als Magazin)

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Über den Huchen

16. Februar 2015 · 1 Kommentar

Unten steht einer, gleich im Kehrwasser hinter dem Turbinenschuss. Das erzählt man sich so, oben, im Innviertel-Dorf Mining und man erzählt es sich schon ziemlich lange. Beweisen kann es keiner, aber irgendeiner hat ihn mal gesehen, ein Mordstrumm soll es nämlich sein, jawohl. Deswegen können die Spaziergänger auf dem Staudamm an den besonders kalten Januartagen einen Angler beobachten, unten am Inn, einen riesenhaften Kescher auf den Rücken gegürtet, wie man ihn sonst nur am Meer hat. Steht da und wirft unentwegt die Angel aus, auch wenn der Fluss schon Randeis hat und ganz kaltgrün aus den Turbinen des großen Staukraftwerks schießt, wandert als Einziger weit und breit da herum, bis es Nacht und eigentlich zu gefährlich ist. Schließlich, ein falscher Schritt auf den vereisten Steinen und der Angler liegt für immer drin. Es ist auch viel zu kalt zum Fischen, die Ringe seiner Rute frieren alle drei Würfe ein und er muss dann die Handschuhe ausziehen und sie geduldig zwischen den Fingern auftauen. Das alles kann man vom Staudamm aus sehen. Steigt man hinunter zu ihm und fragt, ob sich etwas rühre, bekommt man immer bloß ein abweisendes „Na. No net.“ Es kann auch mal ein „A woher.“ sein, das klingt in dem oberösterreichischen Brummton fast gleich. Es rührt sich also nichts, im Kehrwasser. Dort, wo der alte Huchen stehen soll. Tausendmal fliegt der Messingblinker trotzdem jeden Winter hinein, groß wie eine Hand oder auch mal ein silbriger Gummifisch, dem aus den Rücken ein Einzelhaken wächst. Sein Besitzer will nicht in die Zeitung, nicht mal hersehen, er will nix sagen über den Huchen, auch nicht allgemein, wird eh schon zu viel Gewese gemacht, um den. Letzte Worte: „A Ruah jetzt“. Das gilt hier. Und platsch, fliegt der Blinker wieder ins Kehrwasser.
Das muss man verstehen. Geheimniskrämerei und Misstrauen sind wichtige Tugenden unter Huchenfischern. Es gibt nicht viele von ihnen. Nein, in jedem Ort, der an einem Fluss Richtung Donau liegt, sitzt höchstens einer am Anglerstammtisch, dem der Huchen keine Ruhe lässt. Einer, der es kaum erwarten kann, dass endlich der erste Frost kommt, die anderen Angler die Saison beenden und ihre Ruten und Rollen bis April im Schrank lassen. Das ist dann die Zeit nur für den Huchen, ein paar kalte Wochen im Jahr, bis im Februar schon wieder die Schonzeit einsetzt und er nicht mehr gefangen werden darf. Im Sommer geht er nicht an die Angel, dieser exzentrische Fisch, nur im Winter, wenn die Nahrung knapp ist, haben die Angler eine Chance. Es gibt viele Merkwürdigkeiten wie diese, rund um den Huchen. So viele, dass man eigentlich glauben könnte, er wäre insgesamt nur ein Fabelwesen. Wenn nicht jedes Jahr doch wieder einige Huchen gefangen würden und die Angelzeitschriften dann große Bilder davon druckten. Daneben die Fänger, denen man die vielen Eisnächte ansieht, das jahrelange Warten auf diesen einen Anbiss. Stolz in ganz kleinen Augen, stolz auf den Königsfisch, wie Rainer Bouterwek ihn nennt. Der Mann war vierzig Jahre lang hinter den Huchen her, hat sogar ein Buch darüber geschrieben, er ist ein Infizierter, sagt er selbst. Heute ist er 87, jetzt geht es nicht mehr, aber das Wort Huchen allein bringt ihn schon wieder zum Erzählen, sämtliche Begegnungen mit dem Fisch sind noch klar in Erinnerung. Vielleicht, weil es so wenige waren. Da merkt man sich eben alles und auch, wie das Wetter war an dem Tag vor über dreißig Jahren.

Es hatte damals, Anfang Februar, über Nacht getaut, als er wieder einmal die fünfzig Kilometer bis zum Lech gefahren war und an einer „heißen Stelle“ nach wenigen Würfen schon einen besonders berüchtigten Huchen an die Angel bekam. Fünf Minuten später war dieser Fisch noch etwas berüchtigter, weil er nur einmal den Kopf schütteln musste, „wie ein Schäferhund, der ein Spielzeug schüttelt“ und dann wieder weg war und nie mehr gefangen wurde. Immerhin, mal kurz Kontakt gehabt, mit dem Mythos, so sieht es Bouterwek bis heute.

Der Lech war immer sein Fluss, einer der wenigen, die noch bis heute so etwas wie einen richtigen Huchenbestand haben. Jeden Winter werden in seinem alten Revier noch zwei bis vier Huchen gefangen, bei einem geschätzten Dutzend ernsthafter Huchenfischer, die heute im Verein sind, sagt Bouterwek. Könnte man sich ja ausrechnen, dass die meisten leer ausgehen, viele jahrelang.

Groß aber unsichtbar, begehrt aber fast unbekannt – was ist das für ein Fisch? Das Lehrbuch zeigt den Huchen auf einer Doppelseite, während die meisten anderen Fische nur eine Seite bekommen. Kein Wunder, er sieht tatsächlich aus wie der Chef vom Fluss. Bronzefarben, mit einem bulligen Körper der im Querschnitt fast rund ist und nicht, wie bei den meisten forellenartigen Fischen, stromlinienförmig schmal. Ritterlich, irgendwie. Sein Maul weit eingeschnitten bis zum Kiemenbogen, als würde er immer ein wenig hinterhältig lachen. Und groß kann er werden, riesig! Allein das staatliche Schonmaß ist ja schon bei 70cm, erst dann ist er ausgewachsen. Manche Vereine legen das Entnahmemaß aber gleich auf einen Meter. Nur wenige heimische Süßwasserfische werden überhaupt so lang und beim Huchen geht’s da erst richtig los. Es ist ein Lachs, nur eben noch schöner und viel seltener. Ein Superlachs, eine Megaforelle! Auch, weil seine Verbreitung sehr exklusiv ist. Früher hat es den Huchen immerhin in allen Zuflüssen der Donau gegeben, er ist über den Hauptstrom ins Land gewandert, ist über Inn, Isar, Mangfall, Lech bis in die Bäche und hat dort gelaicht. Heute ist er in Deutschland und Österreich so selten, dass die Rechtschreibprüfung das Wort partout in „Buchen“ ändern möchte. Er kann nicht mehr wandern, weil seine Flüsse Strom erzeugen müssen oder ihr Lauf begradigt wurde. Der moderne Mensch ist ein Kiesbankräuber. Und der Huchen braucht für seine Laichgruben eine ganz spezielle Kiesmischung und Ruhe. Als in der Mur in Oberösterreich mal ein Huchenpaar in flagranti beim Abblaichen erwischt wurde, kam sogar ein Fernsehteam von Servus TV und filmte es schamlos.

Wahrscheinlich wäre der Königsfisch ausgestorben, hätten nicht die Angelvereine und Fischereibeauftragte seit Jahrzehnten welche eingesetzt, in die Flußstrecken zwischen den Staustufen wenigstens. Ein schwieriges Unterfangen, denn schon die Huchenzucht ist aufwändig und eher Hobby für Fischzüchter, die noch Herausforderungen suchen. Ferdinand Trauttmannsdorf ist so einer, er ist Fischwirt auf Gut Dornau, nicht weit von Wien und manche Becken auf seinem Gelände gibt es schon seit vierhundert Jahren. „Einen Huchen zu züchten ist so, wie sich einen Wolf auf dem Hof zu halten.“ sagt er und zählt die wichtigsten Eigenarten des Fisches auf: Er will bewegtes Wasser, er braucht lebende Futterfische und lässt sich nicht mit Fischmehlpellets abspeisen. Außerdem ist er ist extrem kannibalisch veranlagt. So sind es nur ziemlich wenige Huchen, die Trauttmannsdorf nach drei Jahren Aufzucht in seinem Becken hat, gerade mal um die zwei Kilo schwer, während ein wilder Flußhuchen bis zu 50 Kilo schwer werden kann. Die Abnehmer dafür werden aber immer mehr und sie haben nicht nur eine Umsiedelung des Fisches im Sinn. Spitzenköche, die nach Seeteufel und Jakobsmuscheln wieder Süßwasserfische entdecken, haben den Huchen in alten Rezepten gefunden. Im Hotel Sacher gibt es ihn gelegentlich als Vorspeise, im feinen Restaurant Steirereck in Wien serviert man ihn lauwarm. Sein Fleisch? Milder als Thunfisch soll es sein, aber ähnlich fest und rosig. „Man merkt eben, dass man es hier mit einem Fisch zu tun hat, der noch nie verzüchtet wurde, eine urwüchsige Art, ein Wildfisch.“ sagt Trauttmannsdorf. Und das mit dem Wolf sagt er auch noch ein paar Mal.

Von der Münchner Luitpoldbrücke sieht man manchmal einen Huchen, der unbeirrt vom Straßenlärm in der Strömung steht und sehr lässig nur etwa alle halbe Minuten die Kiemendeckel hebt und senkt. Eine echte Sehenswürdigkeit für Eingeweihte, dieser urbanen Huchen. Leicht zu fangen ist er trotzdem nicht. Der Verein der Isarfischer, der diesen Abschnitt der Isar bewirtschaftet, hat sogar extra eine Huchenregel in der Vereinssatzung: Wer einen fängt muss sofort den Vorstand anrufen. Und mehr als ein Huchen pro Jahr und Angler darf sowieso nicht entnommen werden. Einer pro Jahr, die Quote erreicht kein Huchenfischer im Leben. Die meisten frieren viele Winter vergeblich. Rainer Bouterwek sagt, er selbst habe oft jahrelang die Spur des Fisches verloren. Aber es zeichnet einen echten Huchenfischer aus, dass er sich trotzdem an jedem erfolgsversprechenden Tag auf den Weg macht, zu den vermuteten Standplätzen, die nur er kennt. Ein großer Fels im Fluss, eine ausgespülte Rinne in der Flußmitte, so was mag er, der urwüchsige Donaulachs. „Und da steht er dann und frisst dreißig Tage nichts!“ sagt der alte Fischer und hustet ein Lachen. Deshalb ist er so schwer zu fangen. Und natürlich, weil er schlau ist. Die Kunstköder der Angler, die vielleicht von Hecht und Zander für echte Beute genommen werden, kommen dem Huchen oft verdächtig vor. Deswegen haben Angler schon vor hundert Jahren einen schaurigen Spezialköder erfunden, den sogenannten Huchenzopf. Der sieht aus wie Wischmob mit Bleikopf, mit Armen aus Lederstriemen oder Streifen von Kaninchenfell, dazwischen paar Haken. Im Wasser tänzeln die vielen Arme dann appetitlich in der Strömung. Imitieren soll das ein Neunauge, einen kleinen aalförmigen Fisch, selbst längst vom Aussterben bedroht, aber: Lieblingsspeise des Huchens. Eine Nahrungskette, komplett auf der roten Liste.

Beißt wirklich mal einer an, einer jenseits der Ein-Meter-Marke, einer von den Tausenden, die in den letzten Jahren von den Anglern eingesetzt wurden, dann heißt das noch lange nicht, dass man den Fisch auch in den Kescher bekommt. Die Stammtischgeschichten vom Huchen sind meistens solche, bei denen er gewonnen hat. Weil er sich mit seinem ganzen Gewicht stur in die Strömung stellte bis der Haken aufbog oder der Sprengring des Blinkers, weil er die Angelschnur um eine Hindernis unter Wasser wickelte, bis der Angler sie abreißen musste, weil er in der ersten Flucht nach dem Biss kraft seiner kräftigen Schwanzwurzel einen einzigen langen Spurt hinlegte und dabei alle Schnur von der Rolle riss. Der Huchen, ein Herkulesfisch. Es gibt in Landsberg ein kleines Geschäft, in dem Robert Kerler spezielle Geräte für den Kampf mit ihm anbietet. Selbstgebaute Ruten, unzerstörbar und trotzdem sensibel. Oder auch nur Wärmekissen für Füße, die stundenlang auf kalten Steinen stehen müssen. Wenn man Kerler, selbst einer der erfolgreichsten Lechfischer, deshalb anruft, um mit ihnen über das Huchenfieber zu sprechen, sagt er so ungefähr das Gleiche, wie der Mann am Innufer, nur in hochdeutsch. „Bitte nicht noch mehr Aufmerksamkeit für den Huchen. Der braucht Ruhe.“

So ist das eben. Der Fisch und seine Verfolger sind scheu, egal, ob am Lech oder am Inn in Mining. Sie haben auch sonst viel gemeinsam. Stehen gern in schnellfließendem Wasser. Sind meistens Einzelgänger. Und wenn die ersten Schneeflocken fallen, werden beide unruhig.

(erschienen im SZ-Magazin)

 

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Über zersplitterte Displays

16. Februar 2015 · Keine Kommentare

Das Gesetz der Schwerkraft lautet: Was man oft in der Hand hat, fällt irgendwann mal runter. Es gilt besonders für Smartphones, die ja ständig herumgetragen werden wollen, die von Hosentaschen in Autotürfächer, über Schreibtische, Konferenztische und Kantinentabletts wandern und zwischendurch eben mal entgleiten – pardauz, kaputt. Dass etwas so Digitales wie ein Smartphone so analog zersplittern kann wie eine Kristallvase gehört unbedingt zu den Seltsamkeiten der jüngeren Moderne. Irgendwann jedenfalls hat das Fenster zur Netzwelt einen Sprung und man schneidet sich beim touchen.

Leider ist die gesplitterte Scheibe, anders als beim Auto, meistens kein Versicherungsfall. Nein, man muss kostenpflichtig zum Phone-Doctor, Smartphone-Chirurgie ist ja mittlerweile ein eigener Geschäftszweig, überall an den nicht ganz so feinen Ecken der Stadt gibt es Notambulanzen, die das wichtige Altglas ins Hinterzimmer mitnehmen, um es zehn Minuten später geheilt und mit einer Rechnung über 80 Euro zurückbringen. Trotz dieser halbwegs funktionierenden Infrastruktur scheint die Heilung des Gerätes in letzter Zeit gar nicht mehr so dringend zu sein. Wenn heute an einem Kneipentisch zehn davon herumliegen hat mittlerweile ein Drittel dauerhafte Schäden und Löcher, die ihre Besitzer nicht weiter genieren – solange freilich die Funktionalität noch irgendwie gewährleistet ist. Exakt acht Jahre nach der Vorstellung des iPhones kann man in diesen nonchalanten Umgang mit kaputten Smartphones einiges interpretieren. Erstens ist aus dem Vorzeige-Maschinchen wirklich ein Alltagsding geworden, das nicht unbedingt in Schuss gehalten werden muss, einfach weil sich damit keinerlei Distinktionsgewinn mehr erzielen lässt. Im Gegenteil: Ein kaputtes Smartphone ist viel individueller kaputt als ein heiles Smartphone individuell heil ist. Sauber ist langweilig, halbzerstört verleiht es seinem Besitzer immerhin einen belebten Anstrich und sagt: Der war hart feiern, wild klettern, verrückt verreist. Und ist außerdem, zweiter Pluspunkt, lässig genug, sich an dem zerkratzen Display oder dem demolierten Kotflügel nicht weiter zu stören.

Man weiß seit Hank Moody, Protagonist der Serie „Californication“ und Lässigkeits-Extremist, dass auch ein wunderbarer 911er-Porsche noch mal neuen Charme bekommt, wenn man ihn ungewaschen und vollgemüllt mit sich führt. Sobald man dem Handy-Besitzer also zutraut, dass er sein kaputtes Smartphone reparieren lassen könnte, aber schlicht keinen Wert darauf legt, weil es nur ein verdammtes Netz-Nutzteil ist, hat es eben doch wieder einen Distinktionspotential. In der Keramik gelten Risse in der Glasur, sogenannte Krakelee, durchaus als ästhetischer Zugewinn, sie verleihen jedem Stück authentischen und einzigartigen Charakter. Das darf beim Handy genauso gelten, zumal es nun mal Lieblingswerkzeug der Superindividualisten ist. Findige Kreative haben die Schäden ihres iPhones dann auch gleich geheiligt, indem sie Lebensmitel-Farbe oder Nagellack in die Krakelee tröpfeln. Diese „Sharpie“ genannte Technik adelt die Rissen zu spannenden Farbtopographien und das Phone ist damit, was sonst nur seine Inhalte sind: personalisiert. Denn kein Schaden, kein Farbverlauf ist gleich. In Galerien auf Pinterest werden die künstlerisch aufgewertetem Glasschäden stolz präsentiert. Auch wer nicht so weit gehen möchte, aus dem Riss eine Tugend zu machen wird feststellen, dass das zersplitterte Handy der beste Gesprächseinstieg und Flirtstart ist, seit die Zigarette verbannt wurde. Schließlich verbirgt sich immer eine gute Geschichte dahinter. Welche spiegelglatte Oberfläche kann das schon von sich behaupten?

 

(erschienen in der Süddeutschen Zeitung)

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Aus dem Archiv: Über Kinder aus Ing

2. Dezember 2014 · Keine Kommentare

Sie raten. Sie raten, wenn sie glauben, dass wir in München den Triumph, eine überteuerte Mini-Mietwohnung zu bekommen, mit Prosecco begießen. Sie raten, wenn sie darüber lachen, dass bei uns um ein Uhr Nachts Sperrstunde sei und sie raten, wenn sie uns voreilig „Ich würde nie zum FC Bayern gehen!” ins Ohr grölen. All die jungen Berliner, Kölner und Hamburger stochern auf der Suche nach den Unterschieden zwischen ihren und unseren Stadtleben in einer blickdichten Hecke aus Klischees, Kurzeindrücken und den Gerüchten, die ihnen von Bekannten erzählt wurden. Gleichzeitig ist es ihnen aber auch nicht egal, wie wir hier in unserem München leben, so wie es ihnen doch fürchterlich egal ist, wie die Menschen in Münster, Düsseldorf oder Brügge aufwachsen. Nein, sobald man ihnen von der 089 erzählt, erfasst sie etwas wie eine Unruhe der Ausgeschlossenen, ein Annähernmüssen und ein unbedingter Drang, ihre Leben zu unseren zu positionieren. Im gleichen Maße, in dem wir uns dann für unsere München-Existenz rechtfertigen müssen, rechtfertigen sie sich damit ungefragt auch für ihre Nicht-Münchner-Existenz. Dabei sind unsere Leben natürlich nicht in dem Grade unterschiedlich, wie es diese Sonderbehandlung vermuten lässt. Im Grunde dürften alle jungen Menschen in urbanen Gesellschaften Westeuropas ein ziemlich ähnliches Leben führen und das Einzige, was uns junge Münchner davon wirklich unterscheidet, sind die Sonntagnachmittage.

All die Ings

Am Sonntag fahren wir nach Ing. Ing ist nicht der Ingenieur, Ing sind all die vielen Orte im Münchner Speckgürtel, der ja eher ein SUV-Gürtel ist, in denen unsere (Ingenieur)-Eltern wohnen. Es sind all die Feldafings, Freisings, Olchings, Tutzings, Gautings, Herrschings, die beiden Föhringe, diverse Echings und all die vielen kleineren Ings, in die unsere Eltern vor 30 Jahren mal gezogen sind, als Mama ein bisschen Grün für uns haben wollte und Papa eine Garage für seinen BMW-Kombi. In den Ings sind wir aufgewachsen und zwar in einer idealen Mischung aus Stadt und Land. Da war Fußball neben Kuhweiden und da war der zwanzig Minuten Takt der S-Bahn zum Marienplatz und es war beides gleich wichtig. Sicher, wir mussten vielleicht mit einem Schulbus ins nächste Gymnasium fahren, weil nur jedes zweite Ing eines gebaut bekam, aber trotzdem liefen wir nicht Gefahr, dem Provinzhass zu erliegen, der ganze Landstriche Heranwachsender aus Niedersachen und Baden-Württemberg zuverlässig in die Berliner Altbauten treibt. München hatte immer unseren Rücken und vor uns lagen Berge und Seen. Die Grüne Karte, die der MVV damals ausgab, war unsere GreenCard, die ewige Einreiseerlaubnis in die Stadt. Ihre speckige Hülle begleitete uns zum ersten eigenen Stadtbummel und zum ersten richtigen Konzert und was dabei zu beachten war, war einzig, sie für Mama wieder rauszulegen, wenn man berauscht von Stadtluft und Stadtbier aus der ersten S-Bahn kam und vorbei an der Tischtennisplatte über die nicht abgeschlossene Terrassentür ins Bett wankte. Es war nicht die wildeste Jugend, aber eine sehr angenehme.

Natürlich konnten wir nicht in den Ings bleiben, so wenig hassenswert sie auch waren. Und natürlich gingen viele von uns nach der Schule doch nach Berlin, eher aber noch nach London oder Paris. In Städte eben, mit denen es München wirklich nicht aufnehmen konnte. Ein paar Jahre ließ es sich dort in windigen WGs und mit der monatlichen Überweisung aus Ing gut studieren. Aber nur wenige von uns konnten sich Neukölln oder Hampstead wirklich als Dauerort vorstellen. Das ist das Doofe, wenn man „im Himmel” aufwächst, wie Georg M. Oswald seinen Roman über den fiktiven Speckgürtelort „Welting” nennt. Nach dem Himmel, selbst wenn er ein wenig unecht ist, kann man sich so schlecht etwas anderes wünschen.

Wenn man also in dieser Zeit in Kreuzberger Kneipen mit anderen Exilmünchnern ins Gespräch kam, vielleicht sogar anderen ehemaligen Ing-Bewohnern, dann gab es immer diesen Moment, in dem auch die radikalsten Neudenker und Freischärler für Sekunden ein Haus mit Bergblick auf der Unterseite ihrer müden Lider sahen, einen Trampelpfad zum See vielleicht und den beruhigenden 20-Minuten-Takt im Kopf hatten. Zwar summte man tagsüber noch „Samstag ist Selbstmord” von Tocotronic, aber sonntags, das ahnte man, würde man irgendwann wieder in Ing sein. Es war so sicher dort und die Luft so gut, dass man es spätestens den eigenen Kindern gerne wieder ermöglichen würde. Auch wenn die Grundstückspreise eine Rückkehr in diese Heimat immer unwahrscheinlicher machten und uns vermutlich in den Ruin treiben würden.

Die vage Sehnsucht nach den Ings ist es also, die uns nach und nach wieder zurück nach München treibt. Manche kommen früher, andere erst spät und einige waren eigentlich immer hier. Wir stellen jedenfalls eines Tages fest, dass wir wieder in der Stadt sind, deren Speck uns genährt hat und die mit dem immer strahlenden Wittelsbacher-Gelb der Theatinerkirche auf uns gewartet hat. Wir wohnen jetzt nicht in den Ings – viel zu früh – aber die Eltern wohnen noch dort (oft sind die auch der Vorwand, zurückzukehren). Sie bilden mit ihren dezent veralteten Einfamilienhäusern und Doppelhaushälften gewissermaßen wieder den ersten Schutzwall um uns, so wie früher. Und in der Mitte dieses Walls formiert sich die Generation Speckgurt, die es so in keiner anderen deutschen Stadt gibt. Eine Schicht von jungen Urbanisten, um die 30 Jahre alt, nett und weltläufig, die am Sonntagnachmittag zum Kaffeetrinken in ihr Elternhaus aufs Land fährt und zwar: gerne. Die dankbar den Platz in Papas Garage für ihre Skiausrüstung nutzt und die auf ihren Vernissagen und Konzerten in der Stadt ganz ungeniert nach hinten winkt – wenn nämlich die alten Erzeuger für diesen Anlass aus den Landkreisen angereist sind.

Für sie und uns sind Umland und Stadt jetzt die gleichen Spielplätze geworden und wir verabreden uns mit Eltern- und Freundescliquen zum gemeinsamen Eisstockschießen auf dem Nymphenburger Kanal oder segeln mit dem Vater eines Freundes, weil der sein Boot noch im Wasser hat. Wir sind keine Snobs oder qua Geburt Freizeitspießer, im Gegenteil: Dieses Leben bewerkstelligen wir nicht mit jener unbedingten Eile der Neumünchner und zugezogenen BWL-Snobs, die all das, die perfekte Liegewiese, die Gartenfeste und Vernissagen eilig übernehmen wollen. Nein, wir haben hier nur einfach den gewachsenen Zugriff auf die Netzwerke unseres ganzen Lebens – und auf die unserer Eltern. Genau wie jeder, der in sein Heimatdorf zurückkehrt, auf diese Grundvernetzung zurückgreifen kann. Nur, dass unsere Ings keine Dörfer im Irgendwo sind, sondern eben Oasen, eingebettet in den größten Wohlstandskuchen dieses Landes.

Dem Kinderzimmer so nah

Im Grunde ermöglicht uns diese besondere Eltern-Kind-Konstellation Münchens, eine recht ehrliche Konzentration auf das Wesentliche. Weil wir die Vergangenheit ganz gut im Griff haben, so übersichtlich vor uns, kann die Zukunft gerne kommen. Das Gestern und Morgen geht besonders fließend und Münchens S-Bahn-Netz verbindet ein großes Mehrgenerationenhaus. Das Kinderzimmer ist hier für viele immer nahe. Zumindest das mentale Kinderzimmer, das im Kopf funktioniert wie eine universale Rückversicherung. Wer in Berlin mit seinem Start-Up pleite geht oder als selbstständiger Grafiker nicht durchkommt, dem bleibt vielleicht irgendwann nur noch die reumütige Rückkehr nach Bad Saulgau oder in die hessische Provinz. Wir sehen uns in diesem Fall sechs Streifen auf der blauen Karte stempeln und in unser Ing fahren. Dort geht es dann vorbei an der Tischtennisplatte über die Terrasse in die Küche. Ein bisschen Kuchen wird immer noch da sein.

(erschienen 2009 in der Süddeutschen Zeitung)

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Über Weichmacher

25. November 2014 · 1 Kommentar

Es ist selten, dass man schon vor dem ersten geschriebenen Wort Versprechen abgeben muss. Also, liebe hochgezogene Augenbrauen des Moderedakteurs, dies wird keine Verklärung des Schlabberlooks. Und nein, liebes Hochfeuilleton, es wird kein Freischein für hemmungslose Zustände. Alles gut. Aber schon erstaunlich: Die Angst vor der Jogginghose sitzt mindestens genauso tief wie die Hose selbst.

Wo liegt eigentlich das Problem? Fest steht doch, kaum einem seiner Kleidungsstücke ist der Träger so emotional verbunden wie der weichen Haushose. Sie ist viel mehr als nur eine der 99 Klamotten aus dem Schrank, sie hat eher den Status einer heimlichen Affäre oder zumindest eines guten Haustieres: wartet abends hinter der Wohnungstür treu auf ihren Besitzer. Ist zutraulich und schenkt Trost in dunklen Stunden. Nimmt mit der Zeit sogar die Form ihres Herrchens an!

Ihr ideeller Wert ist aber vor allem deshalb so hoch, weil sie für einen Großteil der Bevölkerung das Symbol des Privatseins schlechthin ist. Feierabend ist ja nicht mehrheitlich das Lackieren von Tischkickerfiguren oder die fröhliche Kneipenrunde, wie es sich die Werbung denkt. Feierabend ist doch: Tasche in den Flur knallen, raus aus Schuh und Hemd, Kühlschrank auf-zu, Heizung an und dann in weicher Kleidung wiedergeboren werden. Mit Toga, Kaftan, Bündchenhose in den Stand-by-Modus gehen, das Licht dimmen und sich selbst gleich mit, so sieht es an einem durchschnittlichen Dienstagabend nun mal aus. Dagegen ist nichts zu sagen. Wofür sollen Zivilisation und Aufklärung, Revolution und Rock ’n’ Roll denn gut gewesen sein, wenn wir es uns heute in unseren eigenen Räumen nicht so angenehm wie möglich machen dürften?

Jeder Mensch hat zwei modische Polkappen. Die eine ist Nacktheit. Die andere das, was er zum nächsten Vorstellungsgespräch anziehen würde. Und die Jogginghose ist der Äquator zwischen diesen beiden Extremen, okay, sie liegt vielleicht ein paar Breitengrade näher an der Nacktheit. Sie bietet maximale Bedeckung der Blöße bei minimaler Einschränkung der Bewegungsfreiheit. Alles an ihr ist Zuneigung. Ihr Bund übt keinen Zwang aus, sie raschelt und knittert nicht, muss nicht umgeschlagen oder gegürtet werden, sie kaschiert, was Slim-Fit-Hose und Rock tagsüber freilegen, nämlich Selbstzweifel, und lässt alle Aggregatszustände ihres Trägers zu. Sie entspricht unseren Instinkten, wenn auch eher den niederen. Das ist ein Problem, das man mit ihr haben kann. Die Hose ist eine allabendliche Kapitulation.

Wer daheim in die Jogginghose steigt, wir sprechen von dem klassischen Baumwollmodell mit Gummibund, steigt gleichzeitig auch aus seiner bürgerlichen Existenz. Der Vorgang harmoniert mit dem abendlichen Einhängen der Türkette: Bis auf Weiteres keine Interaktion mehr mit der Welt! Ehrlicherweise kann man diesen großen Schritt nur alleine gehen. Wer mit einem Menschen oder sogar mehreren Menschen zusammenlebt, braucht eine Lex Schlabberklamotte, genau wie er eine Lex Klotür und Lex Körpergeräusche braucht. Denn bei allen praktischen Vorzügen der Jogginghose muss man eines klar feststellen – es sind innere Werte, solche, die nur dem Träger zugutekommen.

Der Betrachter eines partnerlichen Hinterns, der von der Jogginghose zur Konturlosigkeit verformt wird, muss sich entscheiden: Entweder für Protest. Oder für die tröstliche Erkenntnis, dass er jetzt gleichziehen kann und man einen Nichtangriffspakt in Jersey schließt. Eine gute Partnerschaft besteht aus so vielen Nichtangriffspakten, da kommt es auf den auch nicht mehr an.

Die Problematik des Jogginganzuges liegt woanders. Zum Beispiel darin, dass unsere Privaträume gar nicht so privat sind. Dauernd kommen die Nachbarn rein, auf der Suche nach ihrer Post. Es klingeln Handwerker, Paketboten und Pizza- Menschen. Und via Skype-Fenster können sich Gesprächspartner sehr konkrete Vorstellung vom Grad der Verwahrlosung des anderen machen. Vor diesen und zehn anderen Momenten schreckt der weichbehoste Empfindsame zurück, auch wenn es nicht immer Karl Lagerfeld ist, der anklopft und allen Jogginghosenträgern pauschal bescheinigt, sie hätten die Kontrolle über ihr Leben verloren. Aua, stimmt das?

Nein, sie ist eben nur zu weich, um den Blicken unbeteiligter Dritter standzuhalten. Der Irrtum ist seit jeher, dass man ihren Bewegungsradius so ausleiern möchte wie ihren Bund. Einmal darin Müll runterbringen wird zu einmal darin zum Supermarkt gegangen wird zu einmal darin Urlaub gemacht. Sie ist aber immer zu haltlos, um vollwertig und ohne Entschuldigung über Asphalt getragen zu werden.

Daran ändern auch Cindy aus Marzahn, die Hip-Hop-Kultur und die Laufstege nichts, die seit einigen Jahren ihre Remixe der Jogginghose präsentieren. Mit ihr als erwachsener Mensch ein Draußen-Outfit zu planen, ist, als würde ein Architekt eine Hausfassade aus Leberwurst entwerfen. Lagerfeld hat insofern recht, als dass ihrer verflixten Bequemlichkeit das Risiko einer Lebensbequemlichkeit innewohnt. Die Jogginghose als Einstiegsdroge der Nachlässigkeit. Der aufgeklärte Träger weiß aber, dass sie ihre Reize eben nur als Kontrast zu echter Kleidung entfaltet.

Früher gab es diese Problematik gar nicht. Zum einen, weil entweder ständig Personal im Haus war und die Privatsphäre, wenn überhaupt, erst unter der Bettdecke begann. Zum anderen, weil im wilhelminischen Zeitalter das Prinzip „Wellbeing“ noch nicht erfunden war und Kleidung nicht passend zur Stimmung gewechselt wurde. Man war vernünftig angezogen oder im Bett, nix dazwischen. Erst das Konglomerat aus Heimunterhaltung, Sport und Rumhängen, das seit einigen Jahrzehnten als Freizeit bezeichnet wird, brauchte eine modische Entsprechung.

Bezeichnend ist, dass man mit der Schlabberhose, die etwa Filmikone Rocky noch tadellos beim Training kleidete, heute nicht zum Joggen geht. Sport in der Stadt verlangt ein eigenes Outfit, eines das beweist, dass man es ernst nimmt. Die alte Jogginghose ist keine Sweatpants mehr, sondern wird aktuell als Home- oder Loungewear geführt. Sie hat nicht nur einen neuen Namen, sondern auch neue Bedeutungen bekommen. Homewear ist zum Beispiel das, was die Schar der selbständigen Kreativarbeiter von denen unterscheidet, die noch richtige Büros haben. Dem Computer ist es egal, wie man vor ihm sitzt. Gleichzeitig weicht die Yoga- und Wellness-Kultur das Genre im wahrsten Sinne auf. Überall gründen sich Labels, die sich edlen Loungeklamotten verschrieben haben, damit sogar das Kunststück einer ansprechenden Silhouette vollbringen und Wohlfühlen zum Mantra erheben.

Also, Chipstüten und Fernbedienung waren gestern, heute kann eine schöne Jogginghose auch Achtsamkeit bedeuten. Trotzdem: Tür zu!

(erschienen in der Süddeutschen Zeitung am Wochenende)

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Über Wanda aus Wien

18. November 2014 · 1 Kommentar

 

 

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Austropop schreibt irgendwer über die Band Wanda aus Wien. Das ist eigentlich kein Label, dass man einer jungen Band wünscht, aber wenn man diese speziellen Herrschaften zum ersten Mal in Aktion erlebt, hat man den Eindruck, sie würde es sogar irgendwie leiwand finden. So etwas wie Wanda hat man tatsächlich lange nicht mehr gesehen und gehört, so eine köstliche, Fendrich-artige Burenwurschtigkeit mit der sich Sänger Marco Michael Wanda mit offenem Hemd und Kippe durchs Video fläzt und dabei singt „Ich kann sicher nicht mit meiner Cousine schlafen, obwohl ich gerne würde, aber ich traue mich nicht“. So ein wunderbares Zigarettenbürscherl! Das ist die Wiener Chuzpe, die man von den ganz frühen Ja,Panik kennt, gepaart mit einem Urvertrauen ins eigene Jungsein und ein bisschen Falco-Haargel. Es ist aber auch ein Zeitgeist, der hier und auf dem exzellenten Debütalbum „Amore“ (Problembär Records) tönt und von dem man annehmen möchte, dass er durch jahrzehntelanges Hören des Radiosenders FM4 entstanden ist, eine popkulturelle Abgefeimtheit die hierzulande selten ist. Witz und Wahnsinn, Melodie und Peinlichkeit sauber auf die Bühne gebracht. Radiotauglich aber auch clubkredibel – ur-gut, irgendwie.

(erschienen in der Süddeutschen Zeitung)

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Über Jens Friebe und Peter Licht

18. November 2014 · Keine Kommentare

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Wer je ein Friebe-Album an dem Moment hörte, an dem der gute Rausch in die alte Müdigkeit umkippte. Wem je im Zustand akuter Großstadtverzweiflung eine seiner wahnhaften Zeilen ins Hirn schlich, wer je Kopfweh beim Blümchensex bekam, der weiß: Jens Friebe ist wahrscheinlich der deutsche Liedermacher, der von allen am nächsten dran ist. Am neuen Genie. Am echten Schmerz, der ja nicht schwarz ist sondern mit Neonröhren ausgeleuchtet. Und an der Generation Akkuleer. Die Kunde des fünften Friebe –Albums verbreitete sich dann auch schnell und froh unter denen, die zwar schon eine Balkonbepflanzung haben aber trotzdem noch in Clubs gehen. Der Titel dazu klang bereits als Flüsterpost gut: „Nackte Angst, zieh dich an, wir gehen aus.“ (Staatsakt)

Knall! Da kann man schon mal zehn Minuten drüber kichern. Die Platte dann ist tatsächlich wieder so ein kunstvoll angewelkter Blumenstrauß geworden, mit dem ein angetrunkenes Transgender-Pärchen in Friedrichshain aufeinander eindrischt. Besonders bewundernswert ist Friebes Textverständnis, er geht irre Silbenwege um Bilder zu malen, er fasst Krieg und Frieden in Supermarktpoesie zusammen, schreibt Tagebuchszenen so auf, dass alles gesagt ist. Kleine Zeilen wie: „Und ich bin er / und du bist sie / in der romantic comedy“ singt er so unendlich langsam und traurig, dass man danach mehr über die Liebe weiß als nach vier Hochzeitsmessen. Oder der immer etwas grippal wirkende Friebe über den Tod – ein gewaltiges Epos. Bei den Botschaften überwiegt diesmal das lebenswunde Betrachten der verpassten Chancen und Nachdenken über die Enden des Lebens, über Tod, Schlaf, Silvester. Ganz besonders schön ausgebreitet ist diese Wehmut im „Schlaflied“ – ein einziges Streicheln, ein grandioses Wiegenlied über die Tröstlichkeit des allabendlichen Augenschließendürfens:

Und alles, was verloren war, ist hier / Und alles, was kaputt war, funktioniert / Und alles, was uns irgendwann zerbrach / Wird heil im Schlaf / Und alles, was vergangen war, fängt an / Mit allen, die man nicht vergessen kann / Und allen, mit denen man nicht schlafen darf / Schläft man im Schlaf.

Große Wahrheiten. Friebes Stimme ist ein ewig desperates Unentschieden zwischen Flüstern und Pöbeln und er bringt sie wie stets gut mit Flohmarktmusik zusammen. Er hat diese billigen, aber nie herzlose Plastikgeräusche perfektioniert, lässt mal den Keyboard-Beat dengeln wie der Alleinunterhalter in der Tanzschule, dann wieder kommt er mit romantisch überdrehten Groß-Kompositionen an, wie ein Pornoregisseur mit einer Versailles-Kulisse. Kirmes-Kitsch und Fieberrasseln, Stadtrand-Disco und angesoffener Gitarrenschüler – die Musik bei Friebe spielt immer die Rolle eines verkleideten Sidekicks in einer sehr laten Late Night Show. Sie tanzt, kitzelt, nervt und schimmert in den meisten Momenten wie ein Paillettenkleid in der Pfütze. Mal heiß, mal überdreht, aber immer zärtlich, vergeht Friebes Zaubershow ohne Botschaft, ohne Elementarkritik, er ist ja nicht lustig, sondern höchstens seiner eleganten Verzweiflung komisch, also in dem Sinne wie Karl Kraus komisch war. Bei den Konzerten steht er immer noch schüchtern und leicht geschminkt auf der Bühne steht, als unsichere Diva, als kindischer Großgeist. Friebe reimt sich auf Liebe und das ist es eigentlich. Obwohl er durchweg großartige Platte vorgelegt hat, vergisst man ihn immer, wenn es um die ewigen Lieblingslieder geht. Vielleicht, weil sich Friebe immer noch anfühlt, wie dieser abgerissene Kiez am Stadtrand, in dem man viele gute Nächte hatte, wo man aber tagsüber nie hinkommt. Jens Friebe ist immer noch nicht gentrifiziert.

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Peter Licht schon. Und das Kichern ist die Hölle. Es kommt nicht von Peter Licht, Gott bewahre, es kommt aus dem Publikum, das bei dieser Doppel-CD allgegenwärtig ist, denn es ist eine Doppel-Live-CD und heißt „Das Lob der Realität“ (staatsakt). Dass das Publikum so spürbar dabei ist, ist eigentlich nur gerecht, denn es hat via Crowdfunding diese Veröffentlichung auch erst möglich gemacht. Es soll nur bitte aufhören zu kichern, wenn Peter Licht in seinem großen Verzögerungs-Charme vorne steht und ein paar groteske Sätze spricht, bevor er die Gitarre hebt.

Was stört an dem Kichern? Es ist das verdammte Kultur-Kichern der Netzavantgardisten, der geduschten Samstagabendpärchen und Spinatquiche-Famos-Finder. Einer nicht unsympathischen, in der Masse aber anstrengenden Schicht, die nur in Städten mit Hochschulen vorkommt. Da aber häufig. Licht hat diese kulturbeflissenen Motten über die Jahre ange- und erzogen, mit seinen Songs, die Tiefgang und Schönklang vereinen, irgendwie gewitzte Systemkritik und harmonischen Pop und eben Texte, in denen sich komische Begriffe wie Wurmloch, kalbende Gletscher und ja, Liebe so herrlich vielsagend anhören. Dass Licht trotz dieser entgegengebrachten Liebe und Kicherei über die Jahre und viele Umständlichkeiten hinweg an seiner Anonymität festgehalten hat, wurde kurioserweise weder als krampfig oder seltsam empfunden, sondern galt für spannend. Konzertbesucher dürfen ihn mittlerweile allerdings in voller Pracht sehen und das deutet schon auf die besondere Qualität der Auftritte hin.

Ein Peter-Licht-Konzert ist viel mehr als nur ein lineares Vorspielen, es vereint Rezitation und Performance, Improvisation und Intellekt, das alles versprüht der Künstler freigiebig wie eine Wunderkerze. Er ist eben multi, seine Ausritte in so ziemlich alle Kultursparten beweisen das: Peter Licht war erfolgreich im Theater und auf der Bühne beim Lesen um den Bachmannpreises. Er begreift auch das Netz, seine aktuelle Idee, für das Cover des Albums die Webgemeinde Fotos schicken zu lassen, führte zu einem unfassbar beliebigen Bilderwelt auf seiner Homepage und gerade das, haha, bedeutet ja doch wieder was. Außerdem erscheint zeitgleich ein Buch im Blumenbar-Verlag, es heißt ebenfalls „Lob der Realität“ und ist so eine Art Papier gewordenes Zusatzkonzert, eine Sammlung von großen und kleinen Geistesübungen, die allerdings ohne seine Rezitation etwas blutleer wirken. Immer geschliffen im Ton, immer leicht verrückt bei Wahrung authentischer Begriffe, immer etwas vage in der Aussage. Sicher sein wendiges Slam-Texten, seine Freude am Wiederholen, am Jandlesken Aufschaukeln vom Sinnvollen ins Dadaistische, sein unverblümter Umgang mit großen Begriffen wie Kapitalismus und Freiheit und das Leben in der Zukunft, das alles ist erfrischend, wenn auch nicht zwingend fundiert. Er spricht alle Gegenwarts-Sprachen, er ist auf die Art Künstler, wie man sich das modern wünscht: Geheimnisvoll und auf allen Ebenen ansprechbar, süffig in seinen Mitteln aber unberechenbar in seiner Vielfalt. Deswegen ist die große Live-CD mehr noch als das Buch, ein wirklich gutes Fazit der hiesigen Popkultur der letzten zehn Jahre. Viele Neues offenbart sie freilich nicht und bei allen Flattereien ist Licht eben doch an den Stellen am Besten, an denen er klar und schlicht singt. Ohne Dada, ohne Performance. Und ohne Kichern.

(erschienen in der Süddeutschen Zeitung)

 

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