Sonntag, März 10th, 2013...21:34

Über unser Fernsehen

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Fernsehmoment Nummer Eins: Mitte Februar 2002.

RTL-Hauptquartier, Köln, noch das alte an der Aachener Straße. Praktikum in der Abteilung „Fiction“. Obwohl sie so Sachen wie „Alarm für Cobra 11“ verantwortet, ist „Fiction“ ein bisschen die Bohemeabteilung bei RTL. In den anderen Stockwerken sitzen die Redaktionen von Exklusiv, RTL West und die RTL2-Nachrichten. Da werden täglich Witwen geschüttelt, bei Fiction werden immerhin nur die Köpfe geschüttelt. Denn auf einem der Fernseher läuft an diesem Nachmittag heißes Material, man hat es sich aus den USA kommen lassen. Das Logo des Senders HBO streuselt über den Schirm, dann latscht Larry David durch L.A., es ist eine Folge „Curb Your Enthusiasm“. Ziemlich lustig. Die ganze Fiction-Abteilung ist begeistert, der Praktikant auch. Dann gehen alle wieder an ihre Schreibtische. Warum nicht die Serie einkaufen? Antwort in etwa: Versteht keiner, zu drastisch, zu echt, hier bei uns völlig ausgeschlossen. So ging das noch ein paar Mal, das gute Material war bekannt, es wurde aber nicht mal ansatzweise erwogen, es an das deutsche Publikum weiterzureichen. Später lief „Curb Your Enthusiasm“ dann doch in Deutschland. Auf dem Versuchssender FoxChannel und als mobiles Payangebot für Vodafone-Kunden. Übler kann man nicht verramscht werden.

Fernsehmoment Nummer Zwei: 7. August 2008.

jetzt.de-Redaktion am Rindermarkt, München. Franziska Schwarzmann vom Bundesverband junger Medienmacher (ja, die gründen auch schon Verbände) darf einen Gastbeitrag schreiben, weil sie mit ihren Kollegen 88.000 Postkarten verteilt hat. Auf den Karten ist zu lesen: Fressen.Ficken.Fernsehen? und Werben.Wichsen.Web 2.0? Sie will zum Nachdenken darüber anregen, ob den Zumutungen des aktuellen Fernsehprogramms (da lief zum Beispiel auf RTL gerade Aus alt mach neu – Brigitte Nielsen in der Promi-Beauty-Klinik) irgendwie entgegen getreten werden kann. Der Einfachheit halber auch gleich der Verflachung des Webs. Auf jetzt.de gibt es 352 Kommentare dazu, Tenor unter den überwiegend akademisch-urban sozialisierten Usern: Beides doof. Das deutsche Fernsehen, genauso wie diese Provo-Aktion. Außerdem haben viele aus dem matten TV-Angebot längst ihre Konsequenz gezogen. Sie hatten gar keinen Fernseher mehr.

 

Dieses stille Ausscheiden aus der Gruppe der Fernsehzuschauer ist zweifellos die eleganteste Art, mit dem schwelenden Dilemma umzugehen. Denn die Debatte um die Qualität im deutschen Fernsehen ist uralt und es gibt in ihrer Geschichte keinen einzigen befriedigenden Diskussionsverlauf. Ein bisschen ist es so, wie sich immer noch über Fast-Food aufzuregen: Der Status Quo ist kaum zu beeinflussen, aber Empörung ist trotzdem stets abrufbar, weil jeder den Unterschied zwischen richtigem Essen und einem BigMac erkennen kann. Genauso kann jeder den Unterschied zwischen einem guten Film oder, um in der Gegenwart zu sprechen, einer guten Serie erkennen und dem, was kommt, wenn man durch den deutschen Fernsehabend reitet. Vom Vorabend und allen anderen Tageszeiten ganz zu schweigen. Die TV-Pauschalkritik, in der unbedingt das Wort „Fremdschämen“ vorkommen muss, sowie pflichtgemäß die Begriffe „Trash-Talk“ und „Mutantenstadl“ ist aber ähnlich hohl. Denn es stimmt ja nicht, dass im Fernsehen nichts Gutes kommt. Zumindest, so lange man dem Fernsehen nicht grundsätzlich jegliche Relevanz abspricht, wie etwa H.-M. Enzensberger es einst tat. Nein, es kommt nur eben nicht jederzeit etwas Gutes für jeden. Damit hat das Fernsehen heute einen gravierenden Wettbewerbsnachteil gegenüber dem Netz. Erst durch das Alternativmedium werden die Abgründe der Fernsehunterhaltung so schmerzhaft deutlich, es ist also vor allem eine gefühlte Verschlechterung eingetreten. Aber dieses Gefühl ist ein bisschen so, als würde man der Eisenbahn vorwerfen, dass sie nicht genau da hält, wo man aussteigen möchte, wie es doch das Auto auch schafft. Es ist ein bisschen gemein.

Die Debatte über die Qualität muss deswegen vor allem auch eine Debatte über die Strukturen des Fernsehens sein und darüber, was es für die Netzgesellschaft überhaupt noch sein kann. Klar ist: Ein Gemischtwarenprogramm, wie es die großen Sender traditionell anbieten wollen (und vertragsgemäß auch sollen), kommt all denen zunehmend breiig vor, die es gewohnt sind, sich Information und Unterhaltung im Netz selbst zusammenzustellen, sei es über Download-Angebote, soziale Netzwerke oder schlicht die Suchmaske von Google. Das Netz bietet customized Zeitvertreib, das Fernsehen nur das Zeug von der Stange und wirkt deswegen bald ähnlich altmodisch wie eine Kaufhauskette mit ihren piefigen Eigenmarken. Es wird unseren Kindern höchst kurios vorkommen, dass es mal üblich war, in einer Papierzeitschrift nachzulesen, wann ein Film gezeigt wurde und die Tagesabläufe fortan diesem fixen Termin unterzuordnen. Noch ist es nicht ganz soweit, noch haben Fernsehzeitschriften hohe Auflagen und fungieren als Einweglöffel, mit dem man sich die Rosinen aus dem Brei picken könnte. Noch sterben nur die Kinos. Aber die Bereitschaft diese Anstrengungen des „mündigen Fernsehens“ auf sich zu nehmen, dürfte nachlassen, und zwar im gleichen Maß, wie die Unterhaltung im Netz immer mehr Passivität am Endgerät zulässt. Besonders mündig muss der Netzbenutzer schon heute gar nicht mehr sein, um Zerstreuung zu finden.

Denn das war ja noch der große Vorteil des Fernsehers – Instant-Berieselung, sofortige Vortäuschung von Nicht-Einsamkeit und mithin perfekte Eignung für den Feierabend oder die allgemeine Lebenserschöpfung. Nun aber sind Facebook, Twitter und hundert andere auf dem besten Weg, genau diese Aufgaben dauerhaft zu übernehmen und zwar besser, weil persönlicher und mit der Möglichkeit zur eigenen Interaktion – falls gewünscht. Warum noch mal, sollte jemand, der auf seinem iPad im Bett gleichzeitig Twitterfeeds verfolgen, die angefangene Serie weiterschauen, mit der Freundin Botschaften schreiben und nebenbei Designermöbel direkt vom Designer ersteigern kann, noch den Fernseher laufen haben? Zumal, wenn dieser ihm vermutlich nichts bieten wird, was nicht irgendwie nach Wiederholung, Abklatsch oder Abschaum aussieht.

Damit sind wir wieder bei der gefühlten Doofness des Programms, quer durch alle Sender.

Weil Unterhaltungsniveau so eine schwammige Größe ist, ist es nicht statistisch zu belegen, aber es dürfte tatsächlich kein nennenswertes Gefälle erfahren haben, im Gegenteil. RTL war in den späten 80er-Jahren mit Tutti Frutti und Hans Meiser auch nicht gerade Hochkultur, dito die Konsorten. Es wird Glanzpunkte gegeben haben, aber das Grundrauschen war immer Grundrauschen. Fernsehen war früher nicht besser, nur anders, das gilt übrigens auch für Musik, Literatur und Journalismus und eigentlich alles. Ehrlich gesagt hat man sich als junger Mensch doch mehr oder weniger mit dem „So Bad It’s Good“-Prinzip arrangiert, nach dem die Geißens, Frauentausch und auch jede Casting-Show funktionieren. Das SOBIG, wie es das Privatfernsehen so episch ausbreitet, gehört zu unserer Generation aus Individualisten. Wir dürsten gelegentlich nach dem Abgleich mit anderen Lebensentwürfen, um uns in unserem zu bestärken. Erst recht, wenn da so ein schwitzender Tropf aus Remscheid vor laufender Kamera in Paraguay Bratwürste verkaufen möchte. Da weiß man auf den ersten Blick, der hat sich aus der verwirrenden Vielfalt der Lebensmöglichkeiten eine Niete gesucht. Je übler der Typ, je schlechter sein Geschmack, Dialekt, Kontostand umso besser für die Show und umso befriedigender für den Zuschauer. Die SOBIG-Kultur ist nicht edel, aber sie gehört zu unserer Zeit. Würde man alles stoppen, was gemeinhin mit dem Begriff Unterschichten-Fernsehen bezeichnet wird und Alexander Kluge zum universalen Programmchef machen, wäre noch nichts gewonnen. Denn unser Desinteresse am Fernsehen ist längst nachhaltiger gestört und Schuld daran sind nicht nur Inhalte, sondern zuvor die eklatante Unbeweglichkeit der Programmmacher. Es ist vermutlich schon eine beginnende Leichenstarre, die sie immer weniger wagen und immer schneller zur abermaligen Auflage eines Erfolgsprodukts greifen lässt, zur endlosen Fortsetzung oder eben schnöden Kopie. Gemacht wird, was einmal auf irgendeinem Kanal funktioniert hat. Buch- und Zeitschriftenverlage ticken ganz ähnlich, sie teilen ja auch ein ähnliches Schicksal. Ihnen allen kauft die schnelle Geschmeidigkeit des Netzes mit ihren tausend Gesichtern den Schneid ab. Und zunehmend Werbekunden.

Wahre Leidtragende sind die paar Mutigen auf den sinkenden Schiffen: Neue Shows werden heute so schnell abgesetzt, dass selbst geneigte Zuschauer kaum in der Lage wären, dafür Gefühle zu entwickeln. Einstige Qualitätsmarken wie Harald Schmidt, Thomas Gottschalk oder Frank Plasberg wurden in der letzten Dekade innerhalb kurzer Zeit überdreht und verheizt. Übrig bleiben Teflon-Charaktere wie Markus Lanz, die aus purer Ideen-Not eben für alles vorgeschlagen werden und meistens für Konzepte, die aus der gleichen Not entstanden sind. So entsteht heute beim gelegentlichen Betrachter leicht der Eindruck, das Fernsehen hätte abgesehen von Live-Schalten, auch seine visuelle Führungsrolle längst eingebüsst. Die Bilder ähneln sich, Personal und Erzählschemata wirken überall altbekannt und aufgewärmt. Es stirbt also von zwei Seiten, einmal den Tod des abgelösten Mediums und einmal den Tod des Sturkopfs, der bis zum Schluss darauf beharrt, er könne sich mit Altbewährtem wieder durchsetzen. Statt mit eigenen Qualitätsprodukten Abgrenzung zu schaffen, einen creative selling point zu besetzen, wie es besagtes HBO in einem mutigen Schritt schon in den 90er-Jahren vormachte, bestätigt der deutsche Fernsehabend sein eigenes Klischee. Das ist tragisch, denn wenn man in die Ritzen der muffigen Fernsehcouch guckt, sieht man durchaus: Mehr Politik, mehr Dokumentation, mehr Themenabend und was immer man für intelligente Fernsehunterhaltung hält, war eigentlich nie. Das ZDF dreht jetzt sogar mit „Lerchenberg“ eine Persiflage über sich selbst! Irgendwo in den verworrenen Kulissen der neo- und plus-Kanäle probieren sich erschreckend viele junge Konzepte aus und moderne Nischen-Sender wie DMAX und sixx beginnend zunehmend, eine brauchbare Identität zu entwickeln. Allerdings darf beargwöhnt werden, ob diese zarten Triebe nicht zu spät kommen und die anvisierte Zielgruppe nicht längst von den Vorzügen des Netzes überzeugt und vom Medium Fernsehen abgerückt ist. Sollte sich dieser Graben in den nächsten 15 Jahren vertiefen, wäre das noch nicht das Aus der TV-Ära, aber viel Fortschritt darf man sich auch nicht mehr erwarten. Es wird dann eben für die gesendet, die noch fernsehen. Also: Mehr Musikantenstadl.

(erschienen in The Germans)

 



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