Mittwoch, August 21st, 2013...19:09

Über Tennis

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Es gab in Deutschland eine Zeit, die nannte man die frühen Neunziger. Damals war das Erscheinen des armdicken Sport-Scheck-Kataloges durchaus noch eine popkulturelle Notiz wert, zumindest wenn man zwölf Jahre alt war. Dieser Katalog war noch nicht mit Gore-Tex-Stadtflüchtlingen gepflastert und auch die Snowboarder waren noch weit davon entfernt, Mode zu machen. Maßgeblich und stolz ausgebreitet auf Dutzenden Seiten war stattdessen Tennis. Jede Marke zeigte dort ihren eigenen Weltranglisten-Spieler, der die neue Kollektion vorführte. So ein Dress bestand aus einem Shirt mit Polo-Kragen und einer Short und war, wie es sich damals gehörte, mit knalligen, geometrischen Mustern geschmückt. Wir hatten Schläger von Wilson und wollten den Agassi-Dress von Nike. Er war sehr teuer, aber auch sehr bunt, das schien uns also nur fair zu sein. Leider bekamen wir aber immer nur Sachen von Sergio Tacchini, einer Marke, die Kaufhaus-Mittelmaß atmete und leider oft in Tateinheit mit den Tennisbällen von Crane einherging, mit denen man sich tunlichst nicht erwischen lassen wollte. Verschlug man einen Crane-Ball auf den anderen Platz, war es wichtig, so zu tun, als würde er einem nicht gehören, als hätte der räudige Ball auch das eigene Spiel schon gestört.

tennis

Unser Tennislehrer war, wie alle Tennislehrer, ein drahtiger Tscheche mit der Hautfarbe von Esskastanienschalen. Im Sommer lebte er in unserer Speckgürtelgemeinde am See und trank mit den Müttern Eiskaffee, während wir im kleinen Feld gegeneinander spielten, die Stunde kostete 50 Mark. Er hatte eine kräftige Stimme und die Mütter parkten ihren Golf ein bisschen keck vor dem Vereinshaus. Es war alles sehr hell, das ist ja so wichtig beim Tennis: Alles in Weiß, jeder sieht jeden durch den Maschendrahtzaun und die Nachnamen der Spieler mussten auf einer Kreidetafel stehen. Wenn irgendwo Schmutz war, dann war es nur der sterile rote Rand des Tennissandes, wie Jod nach einer Operation, mit dem aber jedes Markenwaschmittel fertig wurde.

 

Tennis war damals der Sport der Ärztesöhne und Ingenieurstöchter, aber nicht wegen des Geldes. So elitär, wie man es ihm gerne andichtet, war Tennis ja nie, die Ausrüstung kostete kaum mehr als ordentliches Fußballzeug und die Platzmieten auch nicht. Aber es war unbedingt ein Eltern-Tranquilizer: Im Fußballverein lernten wir das Trinken, im Basketball schlugen wir uns in schwarzen XL-T-Shirts die Nase ein, aber beim Tennis trugen die Mädchen freiwillig weiße Faltenröcke und wir Jungs wünschten uns nichts anderes, als die fröhlichen Shirts von Andre Agassi. Nur in dieser klinischen Atmosphäre konnte es auch passieren, dass wir den Franzosen Yannick Noah tatsächlich für sehr witzig hielten, weil er manchmal einen Ball zwischen seinen Beinen durchschlug. Der Irrtum war: Tennis trainierte nicht sehr nett fürs Leben. Man kämpfte allein und wenn man verlor, musste man sich seine Tränen verbeißen, wenigstens solange bis man den fadenscheinigen Handschlag hinter sich gebracht hatte. Wenn man gewann jubelte man auch alleine. Tennis schürte Neid und Missgunst, weil die Bestenliste des Vereins jeden Monat ausgehängt wurde und es schürte Rechthaberei, wenn man auf die andere Seite lief, um wortlos den Abdruck des Balls einzukreisen, der doch noch auf der Linie war.

Wir sahen die Tennisplätze der anderen Gemeinden, ihre Mütter und Trainer, wenn es Samstags Turniere zu spielen gab und die waren alle exakt wie unsere: Die Altglascontainer neben dem Parkplatz, die Langnese-Fahne über der Tür, irgendwo das herrenlose Babolat-Schweißband, das niemand mehr abholen wollte, all diese Dinge waren so sicher gesetzt wie Michael Stich in jedem ATP-Turnier damals. Was daran glamourös sein sollte, verstanden wir schon damals nicht, aber es war uns auch egal.

 

Stich war es wohl auch, der das Ende dieses denkwürdigen Tennis-Jahrzehnts einläutete. Steffi und Boris hatten den gelben Ball durch den Durchlauferhitzer gejagt und ein halbes Volk an die Saiten gebracht. Da stimmte eine knappe Dekade lang einfach alles, es war ja, als hätte Sascha Hehn dieses Spiel miterfunden: sauber und gleichmäßig gebräunt hin und her laufen, auf einem Belag der so aussieht wie die Wüstenrot Bausparkasse klingt. Mit solchen Assoziationen traf Tennis das westdeutsche Lebensgefühl der Achtziger und frühen Neunziger und die Deutschen umarmten die beiden stoffeligen Teenager mit ihren Pokalen. So sollte die Zukunft aussehen. Nicht so gelackt wie Golf und nicht so kleinbürgerlich wie Fußball. Alle wussten auf einmal was „Einstand“ bedeutet und wann man als Zuschauer die Klappe halten musste. Michael Stich war, sagen manche, eigentlich sogar besser als Becker, vielseitiger, solider, aber er hatte eben das Problem, das viele Spitzensportler in Deutschland haben: Er war langweilig wie eine Bürotischkante. Austrainiert, Floridasmart, Öde. Anke Huber noch schlimmer! Und das war’s dann, mit der großen Identifikation. Es ging langsam, aber heute ist Tennis nur noch wie „Wetten Dass?“. Die Mehrheit fühlt sich zu nostalgischen Erinnerungen fähig, schaut es aber einfach nicht mehr. Es findet natürlich noch statt, aber man könnte nicht mit Sicherheit sagen, wann und wo. Die viele Tennisplätze von damals gibt es natürlich noch, die Vereine auch. Nur die Netze hängen in der Mitte ein bisschen mehr durch und das grüne Slazenger-Banner ist an den Ränder verschlissen.

 

Für uns damals, hörte Tennis in der Pubertät auf. Da machten nur diejenigen weiter, die sich tatsächlich etwas ausrechneten. Und Tocotronic hatten ja ein Lied gemacht, über Tennis und dass man es verachten sollte. Aber das war es auch noch nicht. Es waren eigentlich die alten Herren, die uns vertrieben. Davon haben die Tennisvereine stets einen Überschuss, ein Problem, das sie mit Saunaparadiesen teilen. Die alten Tennisherren sahen bei uns allesamt aus wie Traumschiffkapitäne, die aus dem Leim gegangen waren. Sie hatten Krampfadern, sie duschten lange und riefen sich dabei mit Vornamen. Auf dem Platz standen sie stets an der Grundlinie und schlugen die Vorhand so, dass weite Teile ihres Körpers nicht mitschwingen mussten. Ihrem Ball schickten sie immer noch etwas mit auf dem Weg, ein „Uff“ oder auch „Uwe, pass auf.“ Diese alten Herren durften uns vom Platz werfen, das galt schon immer. Weil sie länger reserviert hatten, oder so. Unser Spielrecht war immer das schwächste. Sie kamen, stellte ihre übervollen Tennistaschen auf die Bank, sahen zehn Sekunden zu, dann schickten sie uns mit ein paar gutturalen Lauten vom Platz und achteten noch darauf, dass wir alles richtig abzogen und die Linien säuberten. Wir waren daran gewöhnt, aber als wir endlich stark und wütend genug waren, um den alten Herren weh zu tun, hörten wir lieber auf. Wir störten ihre Königreiche nicht weiter und ließen ihnen diesen Sport. Die alten Herren spielten Stehtennis bis sie sterben mussten und wenn wir heute an den Plätzen von früher vorbeikommen, sind die Seitenlinien nicht mehr so ordentlich geputzt. Es ist sehr ruhig da und es gibt keine Uwes mehr. Tennis ist eigentlich ein schöner Sport.

(erschienen in The Germans)

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