Donnerstag, Oktober 17th, 2013...09:01

Über das Münchner Umland

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Das längst Befürchtete ist eingetroffen, der Schlag ist gefallen – das bayrische Hochland ist fashionabel geworden! (Ludwig Steub – „Sommer in Oberbayern“, 1860)

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Spricht der Münchner von seinem Umland, meint er eigentlich nur die Hälfte. Er meint das Land zwischen Rosenheim und Garmisch, wo die Eiszeiten jene Berge geformt und Seen hinterlassen haben, die maßgeblich Schuld an der Lebensqualität seiner Stadt sind, an den hohen Mieten und den sonntäglichen Staus auf den Ausfallstraßen. Auf der anderen Seite der Stadt, in Norden und Osten, gibt es zwar auch noch ein Umland, aber das ist eher was für Profis. Da wächst der Hopfen, da sind die großen Einkaufsparks und es werden die Autos gebaut, mit denen der Münchner dann wieder lieber zu den Wanderparkplätzen und Yachthäfen auf der anderen Seite fährt. Im Hinterland wird produziert, vorne, im sogenannten Oberland, wird promeniert, das gilt so mindestens seit Hofrat Himbsel in den 1850er-Jahren die ersten Gleise Richtung Starnberger See verlegen ließ und etwas später die Künstler auch am Tegernsee einfielen, mit den gleichen niederen Beweggründen wie heute: Berge, Bier, Barock!

Noch drei weitere essentielle Zutaten liefert das Oberland für das Münchner Lebensgefühl. Zum einen den Föhn, der die Stadt so oft in ein besonderes Licht taucht und die Berge ganz nah scheinen lässt und dann das ausgezeichnete Trinkwasser. Wenn Münchner in die Welt hinaus ziehen, vermissen sie meistens nicht das Brot, sondern das Leitungswasser, das bei ihnen auch im vierten Stock noch als herrlich frischer Bergquell aus dem Hahn kommt. Mit diesen beiden hat auch das dritte Verdienst des Umlandes ein bisschen zu tun, das ist der Freizeitstress. Kein Berliner oder Kölner würde sich ja von seinem Umland in Unruhe versetzen lassen, aber in München geschieht das jeden Samstag, eigentlich sogar noch am Freitagabend. Dann wird in den Kneipen und an den Biergartentischen der Stadt wie nebenbei nach den Wochenendplänen gefragt und als Antwort richtig auf der großen Bühne gestrippt. Denn dicke Autos oder Markenklamotten taugen hier längst nicht mehr als Statussymbol, die hat eh jeder. Die harte Währung sind geheime Gipfel, gute Badestellen am Wörthsee oder die perfekte Alm, von der aus man den Großglockner sieht. Damit wird gedealt und wer nicht wenigstens ein bisschen mitreden kann, über die Skilifte in Ellmau oder diese eine noch nicht gentrifizierte Wirtschaft am Westufer des Würmsees (so sagt man richtig zum Starnberger See), der ist eben noch nicht ganz drin. München ist auch die einzige Stadt, wo man in den Clubs nicht ausgelacht wird, wenn man früher heimgeht, weil am nächsten Tag gewandert wird. Der Berg ruft jedes Wochenende bis weit nach Schwabing hinein und er bringt auch abgebrühte Urbanisten dazu, irgendwann ein schlechtes Gewissen zu entwickeln, wenn sie es trotz stabilen Hochdruckwetters wieder nur bis zum Supermarkt geschafft haben. Es ist eine schlechte Stadt für Tagträumer und Flaneure, stattdessen hat München sich ein wenig an das Markenimage seiner Lieblingsfirma BMW angepasst: Sportliche Dynamik, Freude am Rumfahren. Und wehe man beschwert sich darüber – es warten ja genug Anwärter, die den Platz bzw. die Zweizimmerwohnung sofort einnehmen, wenn man nicht mehr mag.

 

Vielleicht ist es genau dieser wöchentliche Gore-Tex-Exodus, der viele Münchner irgendwann ins Umland ziehen lässt. Näher an die Berge, oder zumindest, näher an die Autobahn, um wenigstens einen kleinen Vorsprung zu haben, beim wöchentlichen Run ins Erlebnis. Die klassische Biographie des Münchners, egal ob zugezogen oder originär aus der Stadt, sieht nach einer internationalen Orientierungsphase, gefolgt von einer angenehm in Haidhausen oder im Lehel verbrachten Dekade, schließlich das Eigenheim im Speckgürtel von München vor. So aufregend ist das Stadtleben ehrlich gesagt nicht, als dass man es nicht auch von dreißig Kilometer weiter links oder rechts im Auge haben könnte. Die Eltern der meisten Münchner haben sich irgendwann auf diese Art verzogen, all die Ingenieure, Ärzte und Lehrer haben vor vierzig Jahren dort alle die selben Häuser mit Doppelgaragen gebaut und aus nichtssagenden S-Bahn-Gemeinden, teure, nichtssagende S-Bahn-Gemeinden gemacht. So eine Umland-Dorf im Speckgürtel Münchens sieht immer gleich aus. Es hat meist eine ing-Silbe am Ende seines Namens, davor wird ein bisschen variiert: Weßling, Gauting, Olching, Tutzing, Germering, Feldafing, Gräfelfing und so weiter, eigentlich ändert sich dabei nur der Winkel, in dem man die Alpenkette sieht. Es gibt eine Fahrkarte in diese Welt der sauberen Tennisplätze und wieder heraus, das ist die Grüne Karte, die Monatskarte für das Gesamtnetz des MVV. Sie wird seit jeher verliehen und verloren und funktioniert hier wie dort als geachtetes Accessoire. In der Stadt signalisiert die Grüne Karte im Geldbeutel die Option auf ein Abendessen in einem Garten, in den nachts schon die Kühle von See und Bergen kriecht. Auf dem Land ist sie Mitgliedsausweis der Landeshauptstadt, deren Verlängerung die -ings damit geworden sind.

Das wahre Oberland beginnt erst jenseits der Grünen Karte, wo nur die Eilzüge fahren, wo tatsächlich noch Bairisch gesprochen wird, nicht nur „Servus!“ gesagt und wo die Männer ein Geräusch machen, wenn sie sich hinsetzen. Da ist es dann: Das katholische Jodmangelgebiet, das immer noch so aussieht wie bei Ludwig Thoma, zumindest wenn man sich die Paraglider, Schneekanonenreservoirs und Kreisverkehre wegdenkt, die vor jedem Ortsschild entstanden sind, in Tateinheit mit einem Supermarkt. Die Landschaft wirft Blasen hier, niedliche Moränenhügel und Drumlins erst, nicht höher als ein Haus, dann kommen die kleinen Bergriegel, bis oben noch sanft bewaldet und schließlich die richtigen Zornfalten der Erdkruste, wo sich einst die Kontinentalplatten in die Quere kamen und blanker Kalkfels trotzig seiner Erosion entgegen sieht. Und gerade da, wo die Berge interessant werden, ist schon Österreich.

Das alles ist der Spielplatz der Münchner, auf jedem Gipfel steht einer, wochenends auch mal hundert, in jedem Toteissee paddelt, schwimmt und angelt einer. Work hard, play hard, der alte Manager-Kampruf, er ist ja wie für diese Stadt erfunden. Und das viel gescholtene „Mia san mia“ der Münchner, hat vielleicht auch damit zu tun. Man denkt es heimlich, wenn man mal wieder Sonntagabends am Luise-Kiesselbach-Platz im Stau steht, umgeben von vielen sehr großen Autos mit übersonnten Menschen. Vielleicht, denkt man dann weiter, bleibt man die nächsten Wochen mal in der Stadt und macht mal nicht mit, beim hohen Freizeitwert. Aber dann sind da unter der Woche die Weißbierplakate, alle hundert Meter ist eines in geklebt und immer zeigen sie eine perfekte Alm und die vermaledeit schönen Berge. Und da ist das dann wieder, das schlechte Gewissen. Nicht schlimm, nur so ein Ziehen rechts vom Herzen.

(erschienen in MERIAN)

 

 

 

 

 



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