Montag, März 31st, 2014...19:05

Über das Fahrrad in der Stadt

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Ich glaube, die Seele meines Kronans sitzt in seiner Glocke. Während mich das Fahrrad seit acht Jahren tadellos durch die Stadt trägt, blieb das Glockengehäuse jedenfalls von Anfang an stumm. Es gab nur ein zart schepperndes „Sssjä-äl!“ von sich, wenn ich einen Mitmenschen über unsere bevorstehende Kollision informieren wollte. Wenn aber in dem silberne Gehäuse keine Fahrradglocke ist, muss was anderes drin sein, und Själ ist schwedisch für Seele. Ich werde mich hüten, die Glocke zu ersetzen. Als ich das Kronan entdeckte, musste ich es noch aus Stockholm importieren. Zum Glück hatten die Schweden dafür Verständnis. Es war verrückt, aber bei uns gab es damals einfach kein neues Fahrrad zu kaufen, das nach Fahrrad aussah. Was es gab, waren Bikes. Sie standen in den Hallen des Fahrraddiscounters, es waren Mountain-, Cruiser-, Trekking-, Citybikes, sie hatten wulstige Schweißnähte, knallige Aufschriften und ein Arsenal an Aufbauten und Plastikteilen. Man sah ihnen ihren Verfall schon im Geschäft an. Überzüchtete Pferde, die nach zwei Regenwintern an S-Bahnhöfen vor sich hin rosten würden.

„Stellen Sie sich hier ein großes Schild vor, auf dem No Sports! steht.“ Michael Vogt deutet an die Stelle an der weißen Wand in seinem weißen Geschäft. Es ist nicht so leicht, sich hier ein Schild vorzustellen, denn der ganze Laden ist so klar wie die Google-Startseite. Nur ein paar Fahrräder stehen in den Schaufenstern, die allerdings auf die Passanten draußen wie Stopper wirken: Anhalten und gucken. Dabei haben die Räder gar nichts Besonders. Zwei Reifen, Sattel, Lenker, mehr nicht. Und genau dieses „Mehr nicht“ zieht die Blicke ins Fenster und lässt Michael Vogt seit sechs Jahren expandieren. Fünf minimalistische Showrooms seiner Firma stilrad gibt es schon zwischen Berlin und Zürich und es wird nicht dabei bleiben. Vogt deswegen einen Fahrradhändler zu nennen, trifft es aber nicht. Fahrradhändler, flüstert die Erinnerung, sitzen in schlecht gefliesten Läden unter einem Banner der Firma Giant, zugestellt mit halbverpackten Crossbikes, kraftstrotzenden FullSuspenions und den klapprigen Einstiegs-Damenfahrädern, deren Lichtanlage sich nach einem Jahr verabschieden wird. Außerdem sind normale Fahrradhändler ruppig. Sie haben keine Lust auf einen kleinen Service, sie sind immer noch frustriert, weil es Baumarkträder gibt. Eigentlich seltsam: Während sich die Infrastruktur für Fahrradfahrer in unseren Städten schnell verändert, bleiben die Händler und ihre Palette an technisch überrüsteten und anfälligen Rädern die alten. Sie scheinen nicht verstanden zu haben, dass ihr Produkt in der Zukunft noch eine große Rolle spielen wird und es sich lohnen würde, moderner und freundlicher zu sein. Ist ein Auto kaputt, bekommt man am Telefon Reparaturtermine angeboten, später einen Ersatzwagen und hat es am nächsten Tag zurück. Oder jemand sammelt einen an der Straße auf. Für Radfahrer gibt es das nicht. Ein modernder Fahrradservice mit Online-Check-In wäre in den Städten ein Renner, dafür braucht man keine Marktanalysen. Die Radwege sind voll, die Bahn baut zweistöckige Fahrradparkhäuser, 65 Prozent der Deutschen wollen laut Studie in 2014 noch mehr mit dem Fahrrad erledigen.

Mein Kronan hat drei Gänge, Rücktrittbremse und sein schwarzer Stahlrahmen wiegt 20 Kilo. Keine Aufdrucke, keine Schnörkel, kein Sport. Ein Muster von einem Fahrrad aber das Gegenteil von einem Bike. Es transportiert mich zehn Kilometer morgens und zehn abends, quer durch die Stadt, hundertmal hin und her, vorbei an einem Best-of-München: Nymphenburger, Stiglmaier, Königsplatz, Hofgarten, HdK, Friedensengel, Käfer, Endspurt. Auf dem Rückweg rollt der schwere Stahl fast von selbst hinunter zur Isar. Sein massiver Gepäckträger mit zwei Klammern eignet sich, um einen gefangenen Karpfen zu transportieren oder eine Snare-Drum vom Schlagzeug, das kann ich bezeugen. Das Kronan ist mit der Zeit ein bisschen knarzig geworden, aber es steht immer noch gut da, lässt sich vom Regen waschen und wartet auf mich an der Oper, vor der Kneipe, am Baum im Park. Ich kenne jedes seiner Teile, es hat drei Schlösser und ein paar Schläuche verschlissen, mich einmal abgeworfen und hundertmal gerettet. Es ist bestimmt nicht das beste Fahrrad, aber es ist ehrliche Fortbewegung. Es ist mein Vorwärts. Und wenn ich jemanden dabei erwischen würde, wie er es in einen Lieferwagen hebt, wäre ich so nah an einem Kapitalverbrechen wie noch nie in meinem Leben.

Es ist eigentlich herrlich verrückt, wie gern wir ein Vehikel benutzen, das noch weitgehend so aussieht wie vor hundert Jahren. Dem Fahrrad fehlt einfach nichts. Aber es hat sich erst heute endlich von allen Dogmen befreit, die ihm angehängt wurden. Es ist nicht mehr Arbeiterklasse, Rebellion, Ökoding, Billigtransport, Anti-Auto, Abnehmhilfe. Während das Auto sich wandeln muss, steht das Rad fest mit beiden Reifen in der Gesellschaft. Wir leben damit und bezahlen auch gerne dafür. Der Betrag der durchschnittlich in Deutschland für ein Fahrrad ausgegeben wird, steigt seit Jahren, er hat sich seit 2005 schon fast verdreifacht auf aktuell 513 Euro.  Die Preise bei Michael Vogt fangen in diesem Bereich langsam an, das Pelago zum Beispiel. Das ist so ein Fahrrad, das man problemlos in einer Tucholsky-Verfilmung einsetzen könnte, dünner Stahlrahmen, sauber gemufft. Kommt aus Finnland. Vogt sucht kleine Hersteller und importiert, was ihn überzeugt, in Qualität und Aussehen. Eigentlich ist er Wirtschaftsberater, das mit den Fahrrädern war eher ein Experiment. Weil er sich ärgerte, dass es nirgends ein einfaches, hellblaues Fahrrad zu kaufen gab, er stellte er eines Tages im Jahr 2008 drei schöne Räder in sein Büro und druckte auf die Schnelle ein paar Visitenkarten. Am Ende des ersten Tages waren zwei der Räder verkauft. Da wusste er, dass er nicht der einzige war, der Stadträder ohne Ballast gesucht hat. Die minimalistischen Räder der Fixie-Szene vermittelten zur gleichen Zeit vielen Menschen eine Ahnung davon, wie wenig ein Rad braucht, um zu funktionieren. Und auch wenn er erzählt, dass die stabilsten und schönsten Rahmen eigentlich schon in der Frühzeit des Fahrrades gebaut wurden, geht es Michael Vogt nicht um Sentimentalität. Er hat auch raffinierte Räder der deutschen Manufaktur Schindelhauer im Programm, mit Carbon-Kettenriemen. Die sind nicht billig, aber immer noch günstiger als die Klimaanlage in einem Oberklassewagen, das ist Vogts überzeugender Vergleich, den er aber meistens gar nicht braucht. „Ein Fahrrad ist so ein positives Produkt und heute einfach das interessantere Statussymbol. Schauen Sie sich um, überall in den Schaufenstern der Stadt und vor dem Schumann’s stehen schöne Räder, sie gehören einfach zur urbanen Ausstattung.“ sagt er und redet dann viel über die neue Fahrradkultur und wie elegant Mensch und Maschine zusammen aussehen können. Warnwesten-Radler mit Hosen in den Socken und dem Finger am Klingelabzug sind Vogt ein Gräuel, lieber schwärmt er von den Hosen von Outlier, einem New Yorker Label das mit viel Schneiderwissen schlichte Stoffhosen und elegante Anzüge herstellt, allesamt satteltauglich. „Mode und Fahrrad!“ ruft der Mann begeistert und scheint recht zu haben. Der britische Szeneschneider Oliver Spencer hat gerade ein Bike-Jacket vorgestellt, die Traditionsfirma Brooks einen Sattel aus Kautschuk für Veganer. Entwicklungen, die das urbane Fahrrad feiern. Es geht seinen Fans nicht darum, mit dem Rad auf die Berge zu klettern oder 120 Kilometer über die Landstraße zu rasen. Das sind andere. Es geht um das genussvolle Flanieren auf zwei Reifen, das Klassik und Moderne vereint. Alt und Jung können sich damit identifizieren, dafür genügt ein Blick ins Auftragsbuch von Michael Vogt. Demnächst wird Sony mit einem Stilrad-Bike ein Smartphone bewerben und gleichzeitig startet er im Frühsommer eine Kooperation mit dem alten Traditionsmodehaus Loden-Frey.

Vielleicht mögen wir das Fahrrad so gerne, weil es uns braucht. Autos sehen ja immer gleich aus, egal ob einer drin sitzt oder nicht. Gerade wird sogar mit selbststeuernden Autos experimentiert, da ist der Fahrer ganz überflüssig. Ein Fahrrad ist aber erst komplett, wenn ein Mensch darauf sitzt. Dann erschließen sie sich zusammen die Stadt. Es ist ein demokratisches Beförderungsmittel, weil es die Reichweite derjenigen vergrößert, die sich kein Auto oder Busticket leisten können. Es ist gesund, leise, umweltfreundlich und schnell. Vor allem aber ist ein Rad eine gute Schule. Wer darauf fährt, beginnt, sich mit seiner Stadt zu beschäftigen, weil er sie unmittelbar wahrnimmt. Er lernt ihre Topographie nochmal neu, weil er eigenverantwortlich Wege finden muss, ohne Navi. Er sieht die Straßen und Sichtachsen der Stadt, riecht ihre Brauerei und ihren Abfall, wenn der Mülllaster vorbeifährt, schmeckt den Frühling und die ersten Schneeflocken. Der Radler sorgt aus eigener Kraft für sich und erfährt auch, wie weit diese Kraft reicht. Er trägt den Kopf hoch über den gewöhnlichen Autofahrern und kann den ängstlichen SUV-Lenkern immerhin in die Augen sehen, wenn er sich an ihnen vorbeischiebt. Nichts gegen Autofahren, das kann auch schön sein. Aber in den Städten ist es einfach zu eng geworden, es macht keinen Spaß mehr. Ein Auto-Pendler, der in Hamburg 30 Minuten zur Arbeit fährt, stand 2013 im Durchschnitt 80 Stunden im Stau. Und es ist ja nicht nur die verlorene Zeit, die auf Dauer unglücklich macht, es ist das einsame und tatenlose Sitzen in einer Maschine, die unentwegt verbrennt, es ist die Bevormundung der Assistenzsysteme, die Geisel der Parkplatzsuche, das künstliche Klima – Autofahren in der Stadt ist einfach nicht mehr smart. Das verstehen mittlerweile auch viele Automenschen. „Ich würde sagen, von jedem DAX-Konzern in München hat ein Vorstand schon mal ein Rad bei mir gekauft. Der Chefdesigner einer Automarke übrigens gleich drei oder vier. Bayern-Fußballer, Banker, alle schon da gewesen. Je höher im Management, desto lieber kommen sie mit dem Fahrrad zur Arbeit. Klar, ein großes Auto fällt hier doch gar nicht mehr auf.“ sagt Michael Vogt und dann erzählt er noch von dem Bogenhausener Paar, das sich ganz stolz zwei Räder von ihm liefern ließ und ein paar Tage später noch mal anrief. Bei ihrer ersten Tour seien sie aus Gewohnheit auf dem Mittleren Ring gefahren! Sie dachten noch wie ein Auto. Ist ja auch kein Wunder, das 20. war das Jahrhundert des Automobils, es wurde massiv subventioniert, der Staat baute ihm überall Straßen, die letztlich Stadtviertel entzweiten und öde Einfallschneisen schufen. Jetzt, wo kein Platz mehr für neue Straßen ist und die alten überfüllt sind, triumphiert wieder das Fahrrad. In Paris war der Smog unlängst so dicht, dass die Hälfte der Autos stehen bleiben musste, während die Leihräder kostenlos ausgegeben wurden. In Kopenhagen gibt es schon Schnelltrassen für Radfahrer, wunderschöne Pulks steuern darauf jeden Morgen in beträchtlicher Geschwindigkeit in die Innenstadt und verständigen sich untereinander mit eigenen Codes. In vielen Städten wurden in den letzten zehn Jahren brauchbare Leihradsysteme eingerichtet, die alle unterschiedlich funktionieren, aber alle die gleiche Botschaft haben: Wer zwei Beine hat, dem gehört die Stadt.

Das vielleicht Beste an einem gut geschmierten Stadtfahrrad ist, dass es sich die meiste Zeit anfühlt wie ein gesundes Organ: Man denkt nicht darüber nach, während man es nutzt. Es gibt Tage, an denen schwebe ich auf dem Kronan einfach durch die Straßen und alles geht wie von selbst, es fährt mich einfach den altbekannten Weg. Und es gibt Tage, da mühe ich mich durch jedes Schlagloch und kämpfe mit jeder Faser gegen den Wind, das Isarhochufer oder die Zweite-Reihe-DHL-Laster. Ja, das Leben mit Rad hat mich verändert. Ich habe die genauen Ampelphasen der halben Stadt in den Beinen, weiß vor welcher Bar immer Scherben liegen und erkenne einen Rechtsabbieger lange bevor er vergisst zu blinken. Das Sitzen im Sattel schärft meine Instinkte, trainiert die Beobachtung und den Überlebenswillen. Das Stadtrad quietscht, ächzt, leiert und hat eine Seele. Bei meinem sitzt sie vermutlich in der Glocke.

 (erschienen in der Süddeutschen Zeitung)



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