Mittwoch, November 12th, 2014...16:28

Über große Ferien

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Drüben im Solarium ist ein neues Schild im Schaufenster. „Faken Sie das Urlaubsgefühl!“ steht darauf. Daneben ist ein Paar in Badehosen freigestellt, das sich gegenseitig auf die knusprige Kruste schaut. Den Urlaub vortäuschen, darauf muss man erst mal kommen. Noch komischer ist, was das schmuddelige Schaufenster eigentlich sagt: Urlaub muss bitteschön was abwerfen. Wozu wegfahren, wenn man nicht mindestens als ein anderer wiederkommt? Dieser unterschwellige Anspruch ist schon ein Teil unserer Urlaubskrise. Ein anderer ist jene vermaledeite Woche vor dem Urlaub. Für gewöhnlich wird das ja die schlimmste Arbeitswoche des ganzen Halbjahres. Der Klumpen Unbeantwortetes und Aufgeschobenes, den man nun schon über Monate jongliert hat, jetzt soll er doch noch schwinden. Alle Kanäle, auf denen im Büroalltag gesendet wird, müssen vorbereitet sein auf die Unterbrechung, sie sollen möglichst wenig weiterleiten, der Urlaub muss ja, frei sein von den Anfragen, Vorwegfragen, Nachfragen, Direktbotschaften, all dem cc-Gesetztem und dem nur zur Kenntnis Durchgesandtem. Aber an welcher digitalen Tür nur, hängt das „Gone Fishing!“-Schild am wirksamsten? Die Angst vor der unwägbaren Störung, dem versehentlich durchgesimsten Outlook-Termin, kennt nur eine Abhilfe: Alles fertigmachen. Deswegen ist die letzte Arbeitswoche vor dem Urlaub so produktiv wie drei normale, man schreit, finished, delegiert wie nie und kollabiert final, weil natürlich zu allem anderen auch noch was Neues reinkommt. Gerade Berufszweige, die sich ihren Arbeitsalltag besonders frei eingerichtet haben oder Selbstständige, erleben die letzten Tage vor den Ferien regelmäßig als quälendes Endzeit-Szenario. Vielleicht, weil das eine der wenigen Deadlines im Jahr ist, die nicht noch ein bisschen aufgeschoben werden kann. Spät am Freitagabend, wenn alle anderen schon gegangen sind, formuliert man dann jedenfalls im ungewohnten Beisein des Reinigungspersonals die Abwesenheitsnotiz. Meist wird es ein seltsam harsches Konstrukt aus Selbstbezichtigung und Erschöpfung: „E-Mails werden nicht gelesen, nur in sehr dringenden Fällen ist da der Kollege, meine geplante Rückkehr am…“ Erst wenn es klingt, als begäbe man sich mindestens nackt ins Herz der Finsternis, ist es drastisch genug, erst dann wird jeder verstehen, was los ist: Man ist mal kurz nicht da. Man macht Urlaub. Herrgott, ist das anstrengend.

Vor allem im Sommer, denn das ist ja der Vorzeigeurlaub, der Grand Slam der Freizeit, der Sommerurlaub muss alles liefern. Möglichweise haben wir diese fixe Idee von unseren Eltern übernommen, vielleicht aber auch einfach vom Dudelradio. Dort wird das Mantra von der bösen Arbeit und dem tollen Urlaub jeden Tag zementiert, die Anrufer, die Moderatoren, die Hörer im Stau singen es nonstop im Chor: Montag bäh, Wochenende hurra, Arbeit bäh, Urlaub hurra und erst recht der Sommerurlaub, heeey, ab in den Süden! Der Kontrast zwischen Arbeitswelt und Urlaub wird bei dieser Berieselung jeden Tag maximal herausgearbeitet. Wozu eigentlich, wem nützt diese Propaganda? Wer es auf dem Weg zu seiner Arbeit nur lang genug hört, hasst selbige bald pflichtgemäß und setzt sich für die nächsten Urlaube eine unerreichbare Erlebnis-Benchmark. Und irgendwann hat einen das System soweit, dass man wirklich denkt, das Mallorca-Herumliegen, das Gran-Canaria-Wandern, das Thailand-Tingeln wäre das wirkliche Leben, wäre das, wofür man gearbeitet hat. Was dort eigentlich passiert, ist aber natürlich banal: Man schaltet sich für zehn Tage in den gleichen Urlaubsmodus wie die Geräte um einen herum. Der Urlaubsmodus, das ist aber auch nur das Arbeitsprogramm in einer soften, bunten und wenig belastbaren Beta-Version, massenhaft kopiert. In diesem Programm sammeln wir Auslandserfahrung, verbessern Sprachkenntnisse, trainieren unsere Hobbyskills und zurück im Büro fahren wir aus dem Standby dann wieder auf die Arbeitsoberfläche hoch. Wir sind nicht wirklich aus. Das bisschen Urlaub ist nur die Fortsetzung der Arbeit-Leben-Gleichung mit etwas veränderten Vorzeichen. Alles was sonst Minus bedeutet, ist zwei Wochen lang Plus und der größte wirkliche Ausbruch besteht doch, seien wir ehrlich, meistens darin, dass man sich schon um fünf Uhr nachmittags einen Longdrink servieren lässt oder selbst einschenkt. Da sitzt man dann und denkt von sich als entschleunigter Person.

Es muss sich also etwas ändern. Nicht wegen der krampfhaft proaktiven Reiserei, nicht weil die Studien sagen, dass sich ab dem fünften Tag überhaupt der erste Erholungseffekt einstellt, der dann aber im schlechtesten Fall nach drei Wochen Büro schon wieder weg ist. Nein, wir müssen unser Urlaubsidee überarbeiten, weil sie die letzten fünfzig Jahren nicht hinterfragt wurde. Wir absolvieren ihn letztlich immer noch so wie Heinz Erhard, mit überfülltem Kofferraum und kleinem Pepita-Ehekrach, mit einem wohldosierten Hauch Exotik und buntem letzten Abend. Dabei wissen wir eigentlich, was der bessere Urlaub wäre. Jeder von uns trägt ihn als vage Erinnerung in sich, als verblichenes Polaroid eines Sommers aus längst vergangener Zeit. Große Ferien! Dieses Polaroid, es ist eine unscharfe Melange aus allen Sommerferien in denen wir vielleicht zwischen sechs und zwölf Jahre alt waren und die Zeitläufte nur von vagem Interesse. Sechs Wochen Schulferien sind ja eine kolossale Sache, die meisten haben später nie wieder im Leben eine solche Masse Zeit am Stück, eine Spanne, in die man nichts hineinträgt und aus der man nichts wieder mitbringen muss als sich selbst. Zwischen Zeugnisvergabe und erstem Schultag im Herbst schwebte man einfach so vor sich hin. Verpflichtungen? Zero! Man diffundierte in den Sommer hinein, der August war wie dunkler Honig in einem sehr großen Stundenglas, die Tage, die Wochen, man konnte sie einfach vergessen. Sicher, die Eltern entführten einen vielleicht in ihren Eltern-Urlaub, zwei Wochen in denen sie um fünf Uhr einen Longdrink für sich und ein Eis fürs Kind bestellten. Aber dann ging es zurück, in die hitzestillen Städte und Dörfer mit ihrem angezählten Gartengrün und dort war man dann endgültig: lose, frei. Man brauchte nicht viel. Das immergleiche Handtuch, mit dem man zum Freibad radelte, die paar Freunde, die ähnlich sommersediert neben einem trotteten und ohne Verabredung am Steg saßen, einen Ball vielleicht, ein bisschen Taschengeld. Man brauchte nicht viel, weil sich das Wichtigste unbemerkt von selbst einstellte: Goldene Langweile und ein Anflug von Ewigkeit. Nicht so sehr wenn man sich animieren lässt, die Alpen überquert, Wellen surft, auf Lanzarote Pilates lernt und Jetski ausleiht, erfährt man etwas über sich selbst, sondern wenn man sich gepflegt langweilt. Wir erreichen den Zustand echter Langweile später im Leben aber gar nicht mehr, sie hat einfach keine Lobby und all die Systeme, die uns umgeben sind darauf angelegt, sie zu bekämpfen. Das Web ist das absolute Gegenteil, mit seinem ewigen Output, dem steten Rattern und Twittern. Aber die gute Langweile der Sommerferien, die, sagen wir so Anfang vierte Woche in der endlose Vormittagsstille des Elternhauses einsetzte, begleitet nur vom Brummseln der Stubenfliege am Fenster, war sie es nicht, die uns wieder auf Null stellte? Wäre sie nicht auch heute den komischen Verben näher, die wir jedem Urlaub voreilig anheften: Runterkommen, abschalten, ausklinken? Sind damit nicht eigentlich Tage gemeint, in denen die schnellste Bewegung das Trocknen der eigenen Fußspuren am sonnenwarmen Beckenrand im Freibad ist? Und zwar: richtig viele Tage, richtig viele trocknende Fußspuren?

Nur mal im Spiel gedacht, wie ließe sich dieses Sommerferiengefühl wieder herstellen? Wichtig scheint die Einheit von Ort, Zeit und Handlung zu sein, was zufällig der Aristotelischen Forderung für ein gutes Drama entspricht. Aber als Kind war man eben meist an seinen Ort gebunden, man plante nicht in die Zukunft, man handelte lokal und flog immer nur auf Sicht. Dann die Vertrautheit der Umgebung! Erst wenn die Füße die Trampelpfade auch in der Dämmerung von alleine finden, erst wenn man eins mit der Topographie ist und alle Codes bekannt sind, lässt sich doch wahrlich entspannen und Ich sein. Das bedeutet nicht, dass man in den erwachsenen Sommerferien nicht verreisen soll, aber dann eben bitte auch mal: Irgendwo sein und zwar richtig. Wir sprechen schließlich von Ferien, nicht von einer Reise, nicht von einem Trip, nicht von einem Hopping. Zwei Wochen sind für Vertrautheit an einem neuen Ort zu kurz, wir sollten dieses Urlaubsformat endlich aufbrechen. Vier Wochen an einen Ort! Und das die nächsten fünf Sommer! Franzosen und Italiener halten es seit jeher so und vor hundertzwanzig Jahren waren wir diesbezüglich auch schon mal an diesem Punkt, Stichwort Sommerfrische. Sommerfrischen hießen ursprünglich nur die Behausungen, die zu eben jenem Zweck aufgesucht wurden. Einfache Bauernstuben, kleine Häuser, schlichte Quartiere. Man begab sich dorthin, kurz bevor der Sommer seinen Zenit erreichte und das war das Höchstmaß an Bewegung, das man die nächsten Wochen oder Monate auf sich nahm. Der Rest ergab sich. Man fuhr nicht in die Sommerfrische, um ein anderer zu werden. Es war nicht die krasse Flucht, die heutigen Urlauben anhaftet, nicht das unbedingte Bestreben für vierzehn Tage alles an Alltag, Klamotte, Sprache, Nachbarn hinter sich zu lassen. Nein, der Sommfrischler blieb zum Glück, wer er war, erledigte weiterhin Korrespondenz, kleidete sich weiterhin adrett, lud ein und besuchte reihum, es gab ein paar Freunde, man lernte andere kennen, ein leichter Flirt, ein bisschen Tennis und weil man Jahr um Jahr wieder kam wurde aus dem zögerlichen Fremdeln der ersten Woche mit den Jahren ein geborgenes Streicheln. Ziel war nicht das Ziel, sondern die angenehm verbachte Zeit. Luftveränderung ist ein wunderbares Wort. Ehrlich, wie viel Abenteuer mehr braucht der Mensch, als dass die Luft morgens ein bisschen anders riecht? Dazu reichte schon immer eine Fahrt mit dem Eilzug hinaus aus der Stadt. Weil es kein Dudelradio gab, war die Arbeit damals vielleicht auch nicht ganz so schrecklich ernst und verpönt. Künstler praktizierten im Urlaub einfach weiter, Fabrikbesitzer fuhren donnerstags zur Familie aufs Land und kehrten am Sonntag in die Stadt zurück, wer kein Geld hatte half den Bauern bei der Ernte. Der zu Unrecht vergessene Ludwig Steub notierte damals: Jeder Torwart, jeder Milchmann geht aufs Land, und selbst die abgelegensten Berghöfe werden aufgesucht, um dort arkadisch zu leben und im Schatten der Holunderbüsche Trautmanns und anderer bayerischer Schriftsteller beliebteste Werke zu lesen. Ein kleines Arkadien in dem man zeitenthoben im Schatten der Büsche liegt – streng genommen ähnelt die klassischen Sommerfrische damit den Sommerferien in unserer Erinnerung.

Klar, jetzt muss endlich der Einwand behandelt werden. Sechs Wochen am Stück weg, un-mö-glich! Aber ist es das wirklich? Käme es nicht auf einen Versuch an, in einer Zeit, in der unsere Arbeitsstrukturen ohnehin aufweichen und die technische Infrastruktur die Gartenlaube oder die Terrasse auf Mykonos kurzzeitig zu einem Schreibtisch machen können. Wäre nicht jetzt genau die Zeit, eine Renaissance der Sommerfrische einzuläuten, wo die Chefs doch schon mit Elternzeit, diversen Teilzeitmodellen und der ominösen Work-Life-Blance-Erfahrung gesammelt haben. Wäre es nicht ein Experiment wert, sich mal den Jahresurlaub aufzusparen und gleichzeitig den Hass auf die Arbeit ein bisschen zu mildern, den Stress an den Wochenenden auszuschlafen, die Vorfreude auf den Sommer zu kosten, der dann auch wirklich ein ganzer Sommer wird. Lasst uns das Land mal einen Monat runterfahren und jeder besucht den Ort von seinem Sommerferienpolaroid. Das ist ja nicht die künstliche Insel in Dubai, das ist viel günstiger. Deswegen reicht das Urlaubsbudget auch für vier Wochen. München, Frankfurt, Berlin – Gone Fishing, wäre das nicht herrlich? Dudelradio aus! Wir kämen vielleicht nicht so knusprig braun zurück, wie die Herrschaften auf dem Solariums-Plakat, aber hallo, wir hätten endlich mal das Urlaubsgefühl nicht vorgetäuscht.

 (erschienen in der Süddeutschen Zeitung)



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