Dienstag, Januar 12th, 2016...13:27

Über das Ende der Plattensammlung

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Die Band Phoenix hat eine Weihnachtssingle veröffentlicht. Zusammen mit Bill Murray und für einen guten Zweck. Eigentlich ein ziemlich perfektes Geschenk. Diese Single ist entweder als 7-Inch oder als Download zu erwerben. Irgendwie also doch kein so perfektes Geschenk mehr. Das eine Format ist zu speziell, das andere zu banal. Aber so wird Ende 2015 offenbar Musik vertrieben als Uralt-Vinyl oder Datenhaufen. Und irgendwo zwischen diesen beiden Extremen ist in den letzten fünf Jahren meine Plattensammlung verschwunden.

  Den Anfang machte eine wuchtige Kompaktanlage mit CD-Player am zehnten Geburtstag. Es war das Jahr 1990, CDs waren eine Botschaft direkt aus der Zukunft. Laser. Das irisierende Funkeln der Scheiben. Die Digitalzahlen. Keine Frage: Ich war im Besitz von Premiumtechnologie. Es gab auch zwei CDs dazu, Scorpions und eine obskure Tote-Hosen-B-Single. Ich schob die Erich-Kästner-Kassetten zur Seite. Platz für Scorpions und die Zukunft.

  In den nächsten 15 Jahren kamen zu den zwei CDs etliche Tausend Stück dazu. Jede einzelne Platte war ein Stück von einem wunderbaren Puzzle, das niemals fertig war. Ich kaufte eine, und wenn ich sie gehört hatte, wusste ich, dass mir fünf fehlten. Zum Glück gab es so viel davon und zum Glück gab es keine Frage, wie Musik dargereicht werden sollte: Innerhalb von wenigen Jahren hatte sich die ganze Welt auf ein Format geeinigt, niemand diskutierte über den Träger, sondern über das, was er trug – die Musik. Und wenn die CD das Pferd war, war die Kassette der alte Esel. Das gutmütige Lasttier, mit dem man nach einem beherzten Tastendruck aufnehmen konnte, was im Radio lief. Und weltbeste Mixtapes anfertigen, die jeden Besitzer einer hoffnungsvollen Plattensammlung in die Lage versetzten, Mädchenherzen anzuweichen. CD und Kassette waren ein gutes Team. Ich und die Musik waren ein gutes Team. Es hätte immer so weitergehen können.

  Platten sammeln macht glücklich. So wie jede Sammelleidenschaft, die nie an ein logisches Ende stößt. Ziemlich bald spürt der Sammler die Gegenwart seiner Sammlung als etwas viel Größeres als er selbst. Er begreift sich ab dann nur noch als Pförtner einer Welt. Sieht man sich die Porträts der großen Plattensammler im Mammutwerk „Dust  & Grooves“ (erschienen bei Eden) an, steht ihnen allen das gleiche, leicht desperate Glück ins Gesicht geschrieben. Niemals genug und immer in Sorge. Alle in der Gewissheit, dass ihr eigenes Schicksal untrennbar mit den Regalen in ihrem Rücken verknüpft ist.

  Das ist vielleicht der Unterschied zu anderen Sammlungen. Neben dem haptischen Anhäufen von Zeug gibt es hier eben die Musik selbst, deren Töne mit jeder Lebensminute verknüpft sind. Es müsste immer Musik sein, lautet eine alte Popforderung. Sammler arbeiten seriös daran.

  Anfangs kaufte ich eine CD pro Monat, später zehn, später noch mehr. Mit meinen Kumpels machte ich Listen: Platten, von denen wir uns wünschten, dass sie ins Nice-Price-Programm aufgenommen würden. Platten, von denen wir jede einzelne Single noch mal zu Hause hatten. Jahrescharts, Monatscharts, Forever-Best-Charts. Weil die Musik so wichtig war, war es natürlich wichtig, sie auch zu besitzen. Erst so konnte sie nah ans Herz wachsen. Man musste sie Tag und Nacht streicheln können. Die Zimmer, die ich seit meinem zehnten Geburtstag bewohnte, sahen immer gleich aus: CDs in kniehohen Stapeln auf dem Boden, CDs in Bücherregalen, zweireihig, weil keines der CD-Regale je groß genug war. Die wichtigsten hundert als silberner Scherbenhaufen vor der Stereoanlage. Wenn ich eine neue Liebe hatte, lernten sich auch die Musiksammlungen kennen und verschmolzen miteinander.

  Die Veränderung begann irgendwann um das Jahr 2005. Ich zog um, watete durch eine Dünenlandschaft aus CDs, Kassetten und etwas Vinyl. Ausgebreitet war meine Sammlung ein schönes Ungeheuer, zweieinhalbzimmergroß. Bei 2nd-Music um die Ecke verkaufte ich 400 Platten, Sachen, die ich doppelt hatte oder Seltsamkeiten wie das Spätwerk von Ocean Colour Scene. Vom Plattenhändler bekam ich damals ungefähr 800 Euro, und beim Rausgehen sprangen mir ein paar unerhört schöne Smiths-Singles in die Arme. Vom restlichen Geld kaufte ich mir den ersten iPod. Das kleine wunderweiße Gerät aus Kalifornien war das trojanische Pferd, das nach und nach meine Plattensammlung niedermetzeln würde. Aber das wusste ich noch nicht. Im Gegenteil: Premiumtechnologie, dachte ich mir.

  Ich begann, das analoge Ungeheuer zu digitalisieren. Eine mühsame Angelegenheit, weil anfangs die Titel noch per Hand eingetragen werden mussten. Die Sonntage verbrachte ich nicht mehr mit Mixtapes und Booklets, sondern ärgerte mich mit

iTunes herum. Nach einem Jahr waren immer noch erst ein paar Hundert CDs auf der Festplatte, ein willkürlicher Teil der Sammlung. Ein Ausschnitt von diesem Ausschnitt passte auf den iPod. Wollte ich eine gesunde Rotation haben, musste ich regelmäßig Platten aus dem Schrank in den Rechner und aus dem Rechner auf den iPod ziehen. Musikhören war komplizierter geworden und die Rechnung: Platte + Anlage = Musik auf einmal zu wenig. Dank Touchscreen begann ich, den Kontakt zur Musik zu verlieren. Ganz wörtlich, aber eben auch inhaltlich. Ich wusste nicht mehr, welches Cover zu welcher Platte gehörte, welche Songs zu welchem Album, von der Stöpsel-Qualität ganz zu schweigen. Egal, es sollte ja immer Musik da sein. Und das war sie.

  Dann war auf dem Computer die Festplatte voll. Ein Kumpel schenkte mir eine neue, er hatte auch schon ein bisschen Musik draufgepackt. Sehr nett, aber fatal. Ich würde fortan nie wieder Übersicht haben. Das war vielleicht der Moment, wo kurz die Sammleralarmglocke losging, aber ich hörte nicht darauf. Aus dem aktiven Musikhören wurde in kurzer Zeit ein passives, unmündiges Datenhaben. Es war auch die erste Musik, die ich nicht mehr physisch besaß. Wollte ich einen Song davon auf einer Party spielen, musste ich ihn mühsam verdinglichen. Es begannen sich Rohlinge zu stapeln und hässliche ausgedruckte Cover. Musikliebe, das war auf einmal etwas Selbstgemachtes mit Computern.

  Meine Regale standen immer noch in der alten Fülle um die Anlage herum, aber ich hielt mich nicht mehr dazwischen auf. Stattdessen schob ich Dateien, machte Player-Updates und Speicherplatz frei und fing an, Musik übers Netz zu kaufen. Es war verlockend, auf diese Weise ganz Neues oder Rares zu ergänzen. Dann entdeckte ich Bands auf Myspace. Frische Musik, die nur noch als Link existierte, flüchtig, nicht besitzbar und nicht zu streicheln.

  So etwa im Jahr 2010 hatte ich immer noch unfassbar viel Musik um mich, aber als heilloses Durcheinander. Auf Vinyl, auf CD original und gebrannt, auf Kassette und damit ohne Abspielmöglichkeit, auf meiner Festplatte mit und ohne Kopierschutz, privat und im Büro, als Bookmarks, auf dem Laptop und auf diversen MP3-Players, die inzwischen so günstig waren, dass ich sie benutzte wie Starbucks-Kaffeebecher: Einmal füllen und go! Aus einer Sammlung war ein Sammelsurium geworden. Aber schließlich, sagte ich mir, ist Musik was Lebendiges. Ich wollte mich nicht mit den CDs auf dem Dachboden verkriechen und aus der Zeit fallen.

  Als eine gute Freundin 30. Geburtstag hatte, wollte ich ihr, wie wir es seit Jahren hielten, ein Jahr beste Musik schenken. Anfangs hatte ich das auf Kassette gemacht, später brannte ich ihr CDs, was uns beiden schon nicht besonders gut gefiel. Jetzt schenkte ich ihr einen kleinen MP3-Player voll mit Musik. Der klägliche Endpunkt einer großen Mixtape-Liebe. So ein Ding hat im Alltag keine zwei Jahre Lebenszeit. Wie soll man da ewige Songs konservieren?

  Einer der Plattenfreunde von damals erzählte mir, wie er seine ganze Sammlung gerippt und alle CDs verkauft hatte und wie befreiend das gewesen sei. An dem Abend ging ich zum ersten mal seit Jahren bewusst durch die staubigen CD-Schluchten. Die Scheiben sahen klein und alt aus, überhaupt nicht mehr nach Zukunft, sondern nach Vogelabwehr in Kirschbäumen. Als ich eine einlegte, stellte ich fest, dass die Lautsprecher der Anlage gar nicht angeschlossen waren, seit ich sie mal in der Küche aufgebaut hatte. Das war ein halbes Jahr her. Wie konnte aus einer Lebensbeschäftigung in wenigen Jahren Wurschtigkeit werden, und das obwohl ich mich immer noch heiß für Musik interessierte?

  Statt alles zu vereinfachen hat die Technik alles verwirrt. Ich konnte mir nicht merken, welche iTunes-Käufe ich auf welchem Rechner spielen durfte, welche Teile welcher Festplatte ich noch kopieren musste, dann gab es Ärger mit der Kreditkarte oder dem Passwort, ich lud woanders, anderer Player, neue Songlist, anderes Format. Myspace war schon wieder verschwunden, ich war bei Soundcloud angemeldet, streamte britische Radiosender, aber was auch tönte, es schien immer nur Zwischentechnologie zu sein. Jedes halbe Jahr gab es im Netz was Neues, wo Musik rauskam. Irgendwann hatte ich viele Musikdateien doppelt, anderes war unbeschriftet und damit unbrauchbar, und manches, was ich hören wollte, fand ich nirgends mehr auf meinem Rechner und hatte vergessen, wo diese Platte in meiner Sammlung stand – oder ob ich sie überhaupt besaß. Wollte ich ein Lieblingslied hören, googelte ich es lieber, bevor ich lang in meinen Verzeichnissen schürfte. Ich digitalisierte nichts mehr, kaufte kaum mehr CDs und auch keine Downloads. Der andere Plattenfreund fing an, alle CDs noch mal in Vinyl kaufen. Heute ist seine Sammlung nur noch eine Art Denkmal seiner früheren Sammlung. Bei mir waren in fünf Jahren kaum fünfzig neue CDs dazugekommen, alles was wichtig und neu war, lag in unterschiedlichen Aggregatszuständen irgendwo. Die Regale standen unverändert, aber es war, als würde ich die Sprache meines besten Freundes nicht mehr sprechen. Dann rauschte mein Hauptrechner ab und riss alles mit sich. Der neue Computer hatte nicht mal mehr ein CD-Laufwerk, und von meinem ersten iPod war das Ladekabel seit Langem kaputt. Er liegt seitdem da, als kleiner weißer Sarg voller Musik, die niemand mehr jemals hören wird.

  Es ist ein Unterschied, ob man eine Platte nur jahrelang nicht aus dem Regal zieht oder ob man seine Musik nach und nach digital verschludert. Bei 2ndMusic verkaufte ich aus Platzgründen noch mal 300 CDs und bekam 100 Euro dafür. Der Händler sagte, er werde wohl bald keine CDs mehr ankaufen. Niemand stand in dem Geschäft und ließ Finger über die Kanten rattern. Das Prinzip Musik-CD war nach 25 Jahren am Auslaufen. Okay, aber was jetzt? Wie würde man sie, theoretisch, heute sammeln? „Ich würde es mal so sagen, dem Plattensammler eröffnen sich heute neue Möglichkeiten, er kann sich in einer Nische spezialisieren und muss vielleicht nicht hundert Regalmeter vollmachen, weil er den Rest zum Beispiel in der Cloud hat. Er muss sich entscheiden, welche Formate ihm liegen“, sagt Florian Drücke, Geschäftsführer des Bundesverbandes Musikindustrie. Vielleicht ist Musiksammeln aber auch unnötig geworden. Weil Musik immer da ist.

  Wie bei Spotify. Das war schön einfach. Ich musste nur ins Suchfenster eingeben, was ich hören wollte. Es gab Musik, die ich seit Jahrzehnten im Ohr hatte, verloren geglaubte, innig geliebte Songs, es war alles da. Nur wo eigentlich? Egal! Ich saß Nächte vor dem Rechner oder streamte mir was auf eine dieser Lautsprecherboxen, die wie ein Zahnputzbecher im Regal stehen. Es war kein Schatz, es war nicht meine Musik. Es war eher individuelles Dudelradio, nur davon abhängig, ob man Wlan hatte. Von Besitzen war gar nicht mehr die Rede.

  Heute weiß ich eigentlich überhaupt nicht mehr, wie ich zur Musik „Ich liebe dich“ sagen soll. Ich habe so ungefähr zehn digitale Sammlungsfragmente. Die Reste meiner echten Sammlung stehen tatsächlich auf dem Dachboden, Platten in Kisten. Ich würde meiner Schwester an Weihnachten gerne ein paar Lieder schenken, aber ich weiß wirklich nicht genau wie und schäme mich dafür. Ich bin immer der Musikbruder gewesen. Aber Download oder 7-Inch? Wahrscheinlich werde ich einfach mit ihr auf mein Smartphone starren und die Lautstärke voll aufdrehen, bis zur Werbeunterbrechung. Nur, Musikzeigen hat wirklich gar nichts mehr mit dem Plattenhören von früher zu tun.

 

(erschienen in der Süddeutschen Zeitung)

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