Mittwoch, Januar 13th, 2016...10:34

Aus dem Archiv: Über den Gutmensch

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Er war schon immer eine Karikatur. Als der Begriff „Gutmensch“ vom Publizisten Kurt Scheel Anfang der 90er Jahre wieder in unseren Sprachgebrauch eingespeist wurde (das erste Mal besorgte es die NS-Propaganda), geschah das zum Spott. Zielgruppe war jener possierliche Utopist von nebenan, der die Mülltrennung akribisch einhielt und dabei Reinhard-Mey-Lieder trällerte. Ein Grünwähler und Spendensammler inklusive Sendungsbewusstsein. Er verkörperte die Fehlentscheidung zwischen gut und gut gemeint. Im schlimmsten Fall war er auch mal ein barfüßiger Querulant. Der geläuterte Konstantin Wecker war einer und Bono, mit seinen Anti-Aids-, Anti-Äthiopienhunger-, Anti-Jugoslawienkrieg- und Pro-Schuldenerlass-Konzerten, und der oberste Gutmensch war natürlich Peter Lustig, der in seinen Latzhosen das Kaffeewasser aus der Regentonne schöpfte.

Zwei Veränderungen sind dem Gutmenschen seither widerfahren. Zum einen ist er mit seinen Idealen ein Stück aus der Karikatur heraus und in die Gesellschaft hineingewachsen. Viele seiner Themen, von Mülltrennung bis zur Atomskepsis, vom nachhaltigen Konsum bis zum Vegetarismus sind heute Standards.

Zum anderen erlebt der Gutmensch in jüngster Zeit eine Anfeindung, die wesentlich tiefer geht als die einstigen Weltverbesserer-Frotzeleien von Harald Schmidt oder der Titanic . Am schnellsten merkt man das in den Leserdiskussionen im Netz, etwa bei Spiegel Online oder bild.de , wo „Du Gutmensch!“ heute als üble Schmähung gilt und in allen Ressorts zu finden ist, von der Außenpolitik bis zum Autotest. Nährboden für diese massenhafte Neudeutung lieferten wohl jene islamkritischen Bloggertrupps und Rechtspopulisten, die den Gutmenschen offiziell zum Feindbild erkoren haben. Folgt man ihrer Argumentation, die von Sekundanten wie Thilo Sarrazin oder Henryk M. Broder bis in Talkshows und auf Bestsellerlisten getragen wird, so ist der Gutmensch heute nicht mehr der Schaumschläger aus dem Reformhaus, stattdessen hat er universale Schuld auf sich geladen. Stuttgart 21, Multikulti, übereilter Atomausstieg, die Legende vom Klimawandel, kein Bundeswehreinsatz in Libyen, Bankenrettung, Hybridautos, der Erfolg des Käßmann-Buchs – an allem ist der Gutmensch schuld. Selbst daran, dass er in Norwegen abgeknallt wurde und zwar weil er auf unbewaffnete Sicherheitsleute gesetzt hat. Liest man sich durch die Sammelbecken der Gutmensch-Gegner, durch die Homepages „Achse des Guten“, „Politically Incorrect“, „SoE“, lernt man in jedem zweiten Beitrag: Das „linksreaktionäre Gutmenschenpack“ (Broder) hat alles verbockt. Es verdient nicht mehr nur ein bisschen Häme, sondern eher eine handfeste Abreibung.

Diese Radikalisierung muss man sich mal genüsslich ausbreiten. Ausgerechnet ein friedlich-freiheitsliebendes, humanistisch gebildetes und aufgeklärtes Wesen soll an der Krise des Abendlandes schuld sein. Dass er annähernd edel, hilfreich und gut sein wollte, muss sich der Gutmensch nun als Vorwurf gefallen lassen. Komische Zeiten. Wer möchte, kann ja mal versuchen, seinem Kind zu erklären, warum der Gutmensch als verdächtiges Subjekt gilt. So ein Kind ist ja nicht nur eine Art Ur-Gutmensch, sondern oft auch naseweis und wird deshalb fragen, ob auch „Du Richtigmacher!“ oder „Du Schöngesicht!“ Schimpfwörter wären. Und ob man selbst nicht auch zu den Gutmenschen gehört, Papa mit seinem Fahrradkorb, Mama, die die muslimische Nachbarin im Treppenhaus grüßt? Schwierige Sachlage. Die Zeit, als man über den Gutmenschen milde gelästert hat, ist jedenfalls vorbei. Aus der Karikatur ist ein Steckbrief geworden. Wen die Plattform politically-incorrect.de als „Gutmensch“ entlarvt, prangert sie mit Foto und E-Mail-Adresse an und empfiehlt ihren angeblich 50 000 täglichen Besuchern, ihm die Meinung zu geigen. Sieht man sich ihre Vorwürfe an die Gutmenschen an, trifft diese Kritik die ganze Mitte der Gesellschaft und auch alle großen Parteien. Überspitzt gesagt: Fast jeder, der nicht vom BND beobachtet wird, hat Chancen, in irgendeinem Bereich als Gutmensch denunziert zu werden.

Wer sind die, die sich da so bereitwillig auf den friedlichen Gutmenschen als Bedrohung einigen? Im besten Fall nüchterne Realos, die ihm sein klischeehaftes Weltverbessernwollen übelnehmen. Im schlechtesten Fall sind es Menschen, die das Leben hier trotz friedlicher Zeiten bitter gemacht hat und denen alles Weiche verdächtig vorkommt. Der neue und wachsende Mittelbau der Gutmenschgegner aber besteht aus denen, die sich gerne und seit Sarrazin verstärkt damit schmücken, politisch unkorrekt zu sein. Sie halten sich zugute, das auszusprechen, was viele insgeheim sagen wollen. Sie hinterfragen krampfhaft die herrschende Gesinnungsethik und simulieren damit progressives Denken. Kommt einem bekannt vor? Klar, im Grunde benehmen sie sich wie der alte Gutmensch mit seiner Mülltrenn-Propaganda. Die Gutmenschgegner sind genauso nervige Verkünder eines vorgeblich gesünderen Menschenverstands, nur dass sie in ihren Online-Teestuben sehr heftig mit den Säbeln rasseln.

Das Rasseln, der Grabenkampf in den Webforen, sogar die hasserfüllte Platte „Gutmensch“ der Rechtsrockband Weisse Wölfe könnten einem egal sein, wäre da nicht die vage Ahnung, dass es einen selbst angeht, dieses neue „Du Gutmensch!“. Wer noch keine Angst vor Überfremdung hat, zwischen Muslim und Islamist noch Unterschiede macht oder an das Gute im Menschen glaubt, ist gemeint. Dabei sind ökologische, nachhaltige, solidarische und nicht-xenophobe Ansätze doch längst Allgemeingut geworden – ohne dass man sich besonders dafür hätte engagieren müssen. Teilen, Partizipieren, Versöhnen, Krötenzäune aufstellen, das lernt man in der Grundschule. Der Gutmensch ist, zumindest in der Lightversion, das, was man erwartet, wenn man beim Nachbarn klingelt, um ein Päckchen abzuholen. Wenn dieser Normalzustand jetzt von Bloggern, von Suv-Fahrern und Islamkritikern, von Neonazis und allen anderen Unzufriedenen unter Generalverdacht für alles gestellt wird, was im Land schiefläuft, fehlt dem Gutmenschen erstmal schlicht die Erkenntnis, dass er gemeint sein könnte. Wenn ihm das dämmert, fehlt ihm mangels Übung die Kampfkraft, sich zu verteidigen. Er ist einfach da, lebt, liebt, lacht und will niemandem etwas Böses. So einer ist eigentlich nicht satisfaktionsfähig. Wer sich trotzdem dauerhaft an so einem harmlosen Gegner abarbeitet, kann seinen eigenen Waffen nicht allzu sehr vertrauen.
(Erschienen im September 2011 in der Süddeutschen Zeitung)

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