Dienstag, Mai 17th, 2016...17:58

Über Marimba und Klingeltöne

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Es gibt spannende Videos auf Youtube. Und es gibt es ein sechs Sekunden langes Video mit dem Titel „Marimba!!“. Darauf sieht man ein altes iPhone, das den gleichnamigen Klingelton abspielt. Sonst passiert in dem Film nichts. Er wurde 1,8 Millionen Mal angeklickt. Das zu erklären wird ziemlich schwierig.

  Dabei war anfangs alles so einfach. Der Klingelton war in der Frühzeit des Mobilfunks so ungefähr das spannendste Accessoire, das ein Handy hatte – schon alleine, weil sich sonst nicht allzu viel damit herumspielen ließ und die Modelle alle ziemlich ähnlich aussahen. Das getragene Telefon war noch Statussymbol, man wollte durchaus damit auffallen und ließ es deswegen laut klingeln, erst monoton und ab 2002 dann polyfon. Gleichzeitig mit der Vielstimmigkeit entwickelte sich ein ganz neues Geschäftsmodell: die Klingeltonanbieter. Sie brachten so dezente Werbeträger wie den Crazy Frog in Umlauf und sorgten mit ihren massiven Werbeschaltungen im Alleingang für das Fortleben von Nischensendern – mehr als 90 Millionen Euro steckten Firmen wie Jamba in den besten Jahren in diese lauten Nonstop-Clips. Die Landesmedienanstalten sahen sich 2005 sogar zu der offiziellen Feststellung genötigt, dass offenbar in bis zu 90 Prozent der Werbezeit bei Musiksendern Klingeltöne verkauft werden sollten.

  Das war der nervige Höhepunkt der Klingelblase. Die Geräte sollten Lärm machen, man konnte kaum erwarten, sein neuestes Jingle vorzuführen. Eben ganz, wie es einem ein Typ in Unterhosen im zweitnervigsten Klingelton-Werbespot entgegenbrüllte: „Alter, ruf mich auf meinem Handy an!“ Ja, anrufen, das machte man damals eben noch.

  Als Gegenpol zu der anstrengenden Klingel-Hitparade der Schüler im Bus etablierten sich um diese Zeit auch zwei Standard-Töne für die gemäßigten Hörer. Das altmodische Ring-Ring (Old Phone), das schon die Sehnsucht nach einem Leben ohne den aufdringlichen Crazy Frog ausdrückte. Und natürlich das vom damaligen Marktführer etablierte Nokia Tune, das einem hundert Jahre altem Werk des spanischen Komponisten Francisco Tárrega entnommen war und heute so altbekannt nostalgisch tönt wie ein mütterlicher Lockruf.

  Zwei Jahre später kamen das iPhone und seine Epigonen und ließen das Trash-Geschäft mit den Klingeltönen ebenso umstandslos erodieren wie Nokias Führungsrolle. Denn das waren Geräte, die mehr konnten, als nur Laut zu geben, sie hielten ganze Musikbibliotheken vorrätig. Gleichzeitig passte der Klingel-Klimbim nicht zum puristischen Auftritt des iPhones und Steve Jobs Philosophie vom einfachen Leben mit schöner Technik. 25 neue Klingeltöne waren auf dem Pionier-iPhone vorinstalliert, darunter Instant-Klassiker wie das besagte Marimba-Thema oder auch das knackige Piano Riff, eine Zeitlang Pflichtsound auf jedem Konferenztisch der westlichen Welt. Der Schöpfer dieser Akustik ist übrigens der deutsche Chirurg Gerhard Lengeling, der zum Musikprogrammierer umsattelte und schließlich Apples Kapellmeister wurde. Seine Botschaft war unmissverständlich: Klingelton ja, aber nicht mehr. Dezente Sounds in guter Qualität, das passte zum Gesamtbild von Apple. Vermutlich deswegen ist der Sechs-Sekunden-Clip auf Youtube über die Jahre zu einer Art Pilgerort geworden, der an die glorreichen Anfänge dieser neuen Mobil-Generation erinnerte und als Quelle für alle diente, die zwar kein iPhone haben, aber im Marimba-Fieber sind.

  Wer im betont unschrillen Apple-Soundmenü nicht fündig wurde oder in seinem Individualismus unbefriedigt blieb, der zog sich eben den Ringtone-Maker von Apple. Die App, mit der man den eigenen Alarm basteln konnte, wurde bald millionenfach geladen, während Jamba und Co. mit dem Stellenabbau kaum nachkamen. Zeitgeist in der Tasche, das bedeutete in Folge entweder ein Chartlied oder einen Kino-Soundtrack als Klingelmelodie oder eben den Standardton von Apple, als Erkennungsfanfare der Steve-Jobs-Gemeinde. Der Marimba-Jingle hat sich mit seiner klöppelnden Harmlosigkeit und dem angenehm unspitzen Klang dafür über die Jahre so unentbehrlich gemacht wie eine zurückhaltende Haushaltshilfe.

  Heute ist der Klang-Zinnober ziemlich egal geworden. Der Klingelton, der einst Wirtschaftszweige unterhielt und die Musikindustrie an eine Zukunft glauben ließ, ist nicht mehr als eine Fußnote der Geräte. Wenn die Telefone in der Öffentlichkeit überhaupt noch klingeln, dann oft im voreingestellten Ton der Hersteller. Bei Apple eben die stumpfe Marimba oder ihr Nachfolger „Auftakt“, bei dem das Marimbaphon ganz ähnlich verstopft vor sich hindengelt. Das ist ein Instrument, dem keiner so richtig böse sein kann, vielleicht ist es deswegen so populär. Vor einigen Jahren wurde allerdings ein Konzert des New York Philharmonic Orchestra unterbrochen, weil aus einer der ersten Zuschauerreihen eine Marimba ertönte, die nicht im Notenblatt stand.

  Bei Samsung ist das neue Understatement ein keckes Pfeifen – „Whistle“ ist die maximale analoge Simulation eines Klingeltons, so wenig störend wie möglich, leider trotzdem nervig. Statt akustisch auf sich aufmerksam zu machen, soll das Kistchen heute still sein. Statt anzurufen, schreiben die Menschen Nachrichten, das ist viel sozialverträglicher. Wer im Bus noch einen auffälligen Klingelton hat, wirkt peinlich aus der Zeit gefallen, noch nicht mal die Schüler scheinen noch großen Wert auf die tascheneigene Hitparade zu legen. Eigentlich klar: Wenn das Gerät ohnehin die ganze Zeit in der Hand ist, braucht man keine akustische Ortung. Wenn der Blick aufs Display so regelmäßig erfolgt wie ein Wimpernschlag, genügen kleinste Hinweistöne. Weil es die ganze Zeit offen getragen wird, findet die Individualisierung des Handys optisch statt: Schmuck-Cases, Anhänger, besondere Farben und neue Modelle haben als Distinktionsmerkmale den Klingelton abgelöst. Wer sich nach den polyfonen Nuller-Jahren zurücksehnt – auf Youtube hat auch der Crazy Frog überlebt.



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