Montag, September 12th, 2016...14:58

Überall Flamingo

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Mit Trendtieren ist es so eine Sache. Sobald sie als solche klassifiziert sind, ist ihre Karriere meistens schon wieder beendet, denn einen Großteil ihres Erfolges ziehen sie nun mal aus dem putzigen Überraschungseffekt. Bestes Beispiel ist die Eule, die man so etwa bis zum Jahr 2011 außerhalb von Märchenbüchern gar nicht mehr auf der Rechnung hatte, schon gar nicht im sogenannten Lifestyle-Bereich. Dann aber brach, mutmaßlich ausgelöst durch Kindermode, befeuert durch lustige Youtube-Clips und die allgemeine Infantilisierung, eine regelrechte „Eulphorie“ aus, die in kurzer Zeit dazu führte, dass jede verfügbare Baumwolle entweder in Eulenform gepolstert oder mit Eulenvarianten bedruckt wurde. Eine großäugige Kerzen-, Seifen-, Schmuckanhängerwelle folgte, flankiert von Eulen-Uhren und ebensolchen Schneidebrettern. Woraufhin nimmermüde Blogger Essays zu diesem Phänomen schrieben, kauzige Essays, in denen der weltweite Eulen-Konsens festgestellt wurde, was es reststolzen Menschen wiederum sofort unmöglich machte, fürderhin noch mehr Eulen-Merchandise nach Hause zu schleppen – (B)uhu!

  Eine kurze Zeit lang sah es danach so aus, als könnten Einhörner das Rennen machen. Ihre Population wurde aber von der gleich darauf einsetzenden Flamingo-Invasion wieder relativ umstandslos ausgerottet. Der Flamingo ist nun etwa seit einem Jahr das Maß aller tierischen Zierdinge und erreicht in diesem Sommer den Höhepunkt seiner Ansiedlung zwischen Wohnzimmer, Szene-Boutique und Kleiderschrank. Keine Frage, er steht dabei auch auf einem Bein wesentlich stabiler als die Eule. Denn er hat nun mal diese prägnante Färbung, die seine tatsächliche Anwesenheit gar nicht unbedingt notwendig macht, es reicht schon das Flamingo-Pink, das es derzeit als spezifische Haartönung ebenso gibt wie als Farbe von Sitzkissen, Jeans und Lippenstiften.

  Ob zuerst also die Farbe Trend wurde oder das ganze Tier, ist nicht mit Sicherheit zu sagen. Klar ist aber, dass der Vogel selbst eben auch besondere ästhetische Qualitäten hat, er ist eine zeitlose Schönheit, mit diesen perfekten Jugendstil-Körperteilen: Strichdürre, superlange nackte Beine, der herrlich rosawolkige Rumpf, die kunstvoll geschwungene Halsranke und dann der kühn schwarz-getunkte, aber kräftige Schnabel, der das ganze Vogel-Standbild vor allzu großer Kitschigkeit rettet, eben trotz dieser sagenhaften Farbe. Schon vor über 250 Jahren notierte der Botaniker und Jesuit Francesco Cetti: „Mit schöneren Farben schmückte sich nie die Göttin des Morgens, glänzender waren nicht die Rosengärten des Pästus als der Schmuck, den der Flamingo auf seinen Flügeln trägt. Es ist ein lebhaft brennendes Rosenrot, ein Rot erst aufgeblühter Rosen.“

  In der derart geschilderten Pracht wirkt der Flamingo bis heute als wirkliches Tier nicht ganz lebensfähig, eher wie eine etwas irre Kunstaktion. Deshalb scheinen die derzeit stattfindende Domestizierung und die hemmungslose Zuneigung der Kreativen und etsy-Bastler zum Flamingo auch ganz logisch: So was Schönes soll doch bitte nicht draußen irgendwo im Wasser stehen. Nein, der Flamingo macht sich auf Tapeten und Seidenslippern, auf Jersey-Tops bei H&M und Porzellan einfach sehr viel besser – oder gleich in der aktuellen Pre-Fall-Kampagne von Gucci, wo die Models mit Flamingos um die Wette schön herumstehen. Schon der Name ist ja auch eine lautmalerische Delikatesse und nahezu weltweit verständlich, was dem globalen Hype sicher nicht abträglich war. Nur die Franzosen setzen noch einem drauf und rufen ihn: Flamant! Nie war ein Eigenname wohl gleichzeitig so ein passender Ausruf.

  So sehr der Flamingo also als kunstvolles Accessoire und temporäre Stilphilosophie taugt, man sollte ihn doch durchaus auch mal wieder leibhaftig im Zoo besuchen. Es ist dann nämlich der seltene Fall zu beobachten, dass sich ein vornehmes Tier auch tatsächlich ebenso beträgt, der Stelzvogel scheint auch charakterlich flamboyant zu sein. Da sind die wunderlichen S-fömigen Verrenkungen des Halses, als würde er sich fortwährend zieren. Da ist die elegante Schlafposition auf einem Bein und schließlich der grazile Flug, den der alte Brehm im gleichnamigen „Tierleben“ so beschreibt: „Gegen anderer Langhälse Art streckt dieser Vogel nämlich im Fliegen außer den langen Beinen auch den langen Hals gerade von sich und erscheint deshalb auffallend lang und schmächtig. An diese Gestalt sind nun die schmalen Flügel genau in der Mitte eingesetzt, und so nimmt der fliegende Flamingo die Gestalt eines Kreuzes an.“

  Das sind also optische Bestnoten zu Lande, zu Wasser und in der Luft! Auch die Nahrungsaufnahme, die doch für gewöhnlich ebenjene tierischen Komponenten eines Tieres recht deutlich aufdeckt, löst der Flamingo galant: Kopf unter Wasser, Schnabel in den Schlamm gedrückt und dann wird mit der Zunge schnabuliert und zwar ohne Publikum.

  Warum sich nun gerade die Generation Instagram ein Wappentier sucht, das die meiste Zeit nur dekorativ herumsteht oder den Kopf in den Sand steckt, darüber darf von hämebegabten Menschen spekuliert werden. Der große Vorteil des Trend-Flamingos gegenüber der ollen Trend-Eule ist jedenfalls, dass er nicht und niemals niedlich ist. Es gibt keine putzigen Videoclips mit ihm, niemand will mit einem Flamingo kuscheln. Er ist blanke, surreale Schönheit. Und er hat dazu diese leicht schwüle Aura, die auf ein modernes Genderverständnis schließen lässt. Er ist exotisch, aber nicht zu sehr, kein Haustier und nichts zum Essen – wenn auch alle anderen Epochen vor uns Flamingozungen als die ultimative Delikatesse gefeiert haben. Aber nein, der Flamingo ist heute der Federn gewordene Eskapismus und damit das perfekte Trendtier. So lange zumindest, bis irgendjemand anfängt, Texte darüber zu schreiben.



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