Mittwoch, September 14th, 2016...12:49

Über den 37. Geburtstag

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Er taucht in der Literatur so selten auf wie auf vorgedruckten Grußkarten, ist kein denkwürdiger Markstein, keine runde Sache und scheinbar nur eine weitere Stufe in der Treppe. Wenige Menschen können deshalb tolle Geschichten von ihrem 37. Geburtstag erzählen.

  Dabei sollte man ihn groß feiern, denn vieles deutet darauf hin, dass die 37 gerade die Lieblingszahl von Lebensforschern und Statistikern wird. Das Meinungsforschungsinstitut YouGov etwa hat sie kürzlich als Ergebnis auf der Suche nach dem idealen Alter ermittelt. Die Teilnehmer der Studie wurden gefragt, welches Alter ihnen lebenswert vorkommt oder in der Rückschau das beste war. Amerikanische Statistiker wiederum kamen auf die gleiche Zahl, als sie das Alter ausrechneten, in dem man genauso viel ältere Mitmenschen wie jüngere um sich hat. Man steht also tatsächlich, wo man sich in dieser Zeit gefühlsmäßig ohnehin verortet: zwischen Alt und Jung. Und eine Studie errechnete die 37 als das Jahr, in dem die Briten durchschnittlich ihre Lebensziele erfüllt haben wollen. Handelsübliche Ziele sind das: Ehepartner gefunden, Eigenheim bezogen, gutes Einkommen und Familiengründung bewerkstelligt. Da ist die 37 also der Punkt, an dem alle Zwischenlösungen überwunden sein sollen, das Ende des Konjunktiv-Lebens. Glück, Erfüllung, Wendepunkt – ziemlich viel los an einem Termin. Und weil der Autor nur noch ein paar Monate bis zu dem elementaren Geburtstag hat, ist es offenbar höchste Zeit für eine kleine, persönliche Inventur.

  Ein Freund sagt: Mit 37 ist endgültig kein guter Fußballer noch älter als man selbst. Die männerwichtige, theoretische Möglichkeit einer Profikarriere ist dann also auch auf dem Papier besiegelt. Es lässt sich auch jenseits des Platzes nicht mehr übersehen – Türen haben sich leise geschlossen, manches wird man wohl nicht mehr. Der Kindheitstraum, der einen bislang aus dem Spiegel angesehen hat, beginnt zu verblassen oder sich mit der Realität abzugleichen. Das ist neu.

  Selbst in den frühen Dreißigern erschien das Leben ja noch als endloses Sushi-Laufband. Flatrate und Multioption sind nicht von ungefähr Schlagworte unserer Generation geworden – Gelegenheiten kommen bunt vorbei, nimm dir, was du willst! Wir konnten an Omas Geburtstag fast 15 Jahre lang problemlos irgendwas von Hospitanz, neuer WG und monatelangen Südamerika-Trips erzählen, Städte, Partner, Lebensformen – alles war bis Mitte 30 noch verhandelbar, ohne dass es weiter aufgefallen wäre. Weil unsere Generation die Wechselzone zwischen Schulende und Ankerplatz, die tatsächliche Jugend und das anschließende Jugendgefühl, sagenhaft ausgedehnt hat. Wenn das so weitergeht, wird bald niemand mehr alt sein.

  Diese endlose Gnadenfrist ist aber, gegen jede Wahrscheinlichkeit, doch abgelaufen. Das Sushiband ab 37 hat eben doch schon Lücken. Manches gibt es nicht mehr für uns, auf manches verzichten wir aus Erfahrung, Vernunft oder weil am nächsten Tag die erste Krebsvorsorge ansteht, die die Kasse bezahlt. Und dann fehlt jetzt vielleicht auch ein bisschen die Neugier. Diese Eigenschaft gilt vielen Psychologen als wichtiger Indikator, wenn es darum geht, ob man sich alt oder jung fühlt. Sicher würde kein 37-Jähriger von sich sagen, genug gesehen zu haben. Trotzdem verkleinern viele ihren Horizont schon wieder. Diagnose: altersbedingter geistiger Aufnahmestopp. Klar, man ist jetzt ein fertiger Mensch, und das ist erst mal ein ganz wertfreier Zustand. Bei den einen bedeutet das gutes, mutiges Selbst-Bewusstsein. Bei anderen wird daraus ein Selbst-Genugsein. Im Bekanntenkreis versammeln sich jetzt jedenfalls viel mehr Prinzipienbesitzer als noch vor zehn Jahren. Die einen finden, Altbau gehe gar nicht mehr. Andere halten Busfahren jetzt für ein totales No-Go. Oder Impfen. Die eigene Ansicht scheint plötzlich jedenfalls zur Leitkultur zu taugen. Und viele 37-Jährige würde ihrem 27-jährigen Ich überraschend früh vergreist und rechthaberisch vorkommen.

  Aber das allgemeine Sedimentieren der Altersgenossen, dieser Ansturm auf Eigentum, Eigenglück, Eigenheit und Eigenstand, der ab 35 einsetzt, ist eben ziemlich ansteckend. Lebensversicherungen wurden bis 2014 am häufigsten von 37-Jährigen abgeschlossen, meldete der Branchenverband GDV. Wenn sich das Erwachsensein schon nicht mehr leugnen lässt, dann wird es eben gleich mustergültig exerziert. Das ist wahrscheinlich der größte Stressfaktor für Enddreißiger – auch jetzt locker zu bleiben, wenn die Würfel noch nicht ansatzweise so liegen, wie man es sich vorgestellt hat. Tröstlich nur, dass die, die ihr Leben termingerecht geordnet haben, genauso gestresst sind.

  Bei denen werden Entscheidungen jetzt nicht mehr erlebnisgetrieben, sondern pragmatisch (Zeit, Geld, Kitaplatz, Urlaubssperre) getroffen. Der Freundeskreis, vor wenigen Jahren noch heiligstes Gremium, sortiert sich neu. Eine britische Studie meldet: Menschen ab 35 pflegen noch etwa 14 Freundschaften und alle fünf Jahre verschwindet eine davon. Wen man bis hier von Spielplatz, Schulbank und WG halbherzig mitgeschleppt hat, der prallt jetzt eben oft an einer Firewall namens Familie ab. Dafür werden Netz- und Nutzbekanntschaften geschlossen, die zusammen mit der Handvoll alter Freunde genug soziale Sättigungsbeilage ergeben. Und da sind ja vor allem die kleinen Menschen, die man sich selbst gemacht hat! Der Sozialradius wird kleiner und auf dem Klingelschild in der Neubausiedlung steht zwischen den Zeilen stolz: „Mia san mia“.

  Was eher nicht mehr stattfindet: sich von einem Wind irgendwohin wehen zu lassen, noch mitzukommen oder einfach nur zu bleiben, um zu schauen, was passiert. SpontaneEinladungen, kurzfristige Überschwänglichkeiten und Quatsch haben keine große Lobby mehr. Aber das ist o.k. Denn schließlich ist ja, während man 37 wurde, das Unfassliche eingetreten: Es gibt eine neue Jugend. Eine, an der man jetzt auch beim besten Willen keinen Anteil mehr hat. Die einen auch bei Androhung der Prügelstrafe noch siezt und deren Popgrillen man nur noch zufällig zirpen hört. Es ist nicht ganz einzusehen, aber: Die sind das jetzt, die auf Teppichen schlafen, an die falschen Typen geraten und den Sommer ihres Lebens haben. Eigentlich, nach einer schmerzhaften Weile, ist das sogar ganz gut. Schließlich ist man selbst mit dem Auftritt auf der Hauptbühne genug beschäftigt. Und auf dem Teppich zu schlafen war doch schon immer blöd. Oder? Gut, dass das Gedächtnis ab 35 auch ganz gemächlich nachlässt.

  Beruf und Familie, die zwei Hauptprojekte von Mitte der 30er-Lebensjahre an, sind ziemlich monotheistische Beschäftigungen und haben die gleiche Nebenwirkung: Feierabende, die nicht mehr gefeiert werden, sondern als Kurz-Reha angelegt sind. K.o. ist auf einmal o.k. Als Ersatz fürs Draußensein gibt’s Onlinesein. Eine große Social-Media-Studie über alle sozialen Plattformen hinweg ergab: Der durchschnittliche Nutzer da ist eben nicht Teenie, sondern 36,9 Jahre alt. Nebenbei konsumieren wir laut einer US-Studie zwar nur noch halb so viel Haschisch wie mit 25, aber dafür Serien, Bücher und Zeitschriften, die gerne von uns selbst handeln. Wir haben heute mit 37 sagenhaft viel theoretisches Lebenswissen angehäuft. Zu viel über Burn-out, Depressionen und Glutenunverträglichkeit gelesen, über spät gebärende Akademikerinnen, Single-Sexstatistiken, den Irrtum der Monogamie und die Vorteile des Bikram-Yoga. Wir sind Befindlichkeitsexperten. Schwer, bei so viel Sekundärliteratur nicht neurotisch zu werden. Wir haben uns einen Sommer lang vor dem Jahrtausend-Bug gefürchtet und einen anderen Sommer lang vor Ehec-Gurken. Wir sind eine lückenlos vermessene Generation, werden seit „Sex and the City“ laufend reflektiert. Wie wirkt sich das aus? Immerhin: Viele aktuelle Studien attestieren den ab 1980 Geborenen, dass ihnen eine Balance zwischen Freizeit und Arbeit genauso wichtig ist wie Geld. Eine gesunde Einstellung mit einer Kehrseite, in Form eines leisen Tinnitus, der uns ständig fragt: Really? Ist es das jetzt? Habe ich Leben und Job, Sex und Liebe, Stadt und Land, Kind und Karriere schon ausreichend vereint?

 Stand-by-Stellung ist eine zarte Sehnsucht. Wer mit der Gewissheit aufgewachsen ist, es könnte immer noch was Besseres auf dem Sushiband liegen, hat das eben auch mit 37 noch nicht abgelegt. Das ewige Warten auf Verbesserung ist übrigens eine gelernte Regel aus der digitalen Welt. Da ist jeder Zustand nur Version und das Warten aufs Update die Systemgrundlage. Hätte dieser Job, diese Liebe, dieses Life nicht eine neue Version verdient? Fühlt sich mein Leben nicht noch Beta an? Immerhin, mit 37 werden große Updates weniger, das Programm stürzt nicht mehr so oft ab.

  Auch neu: Mit 27 waren alle noch annähernd gleich, zehn Jahre später ist jeder anders. Aber wer heute in Deutschland 37 wird, der teilt mit den Altersgenossen doch ein paar historische Erfahrungen, die sich auf das eigene Leben auswirkten. Tschernobyl, Wiedervereinigung, den 11. September 2001, vielleicht die große Migration. Nicht viel. Aber auch das ist eine prägende Erkenntnis – es war eine friedliche Zeit, die uns schön ausreifen und etwas unpolitisch werden ließ. Wir mussten nicht kämpfen, konnten anderes vorantreiben. Umweltbewusstsein zum Beispiel. Einen Alltags-Feminismus und damit den ersten Zentimeter eines Schlussstrichs unter dem Patriarchat. Und den Umzug ins Netz, natürlich. Wir werden in 50 Jahren als Zeitzeugen (hoffentlich) nicht vom Krieg erzählen, sondern von einer Welt, die analog funktionierte. Sentimental genug für diese Rolle sind wir jetzt schon, ein Nebeneffekt unserer halbdigitalen Brückenbiografie. Was im Geschichtsbuch fehlt: der Selbstmord von Kurt Cobain, der damals für uns gestorben ist. Das erste Smartphone. Die hundert Akkus um uns herum, die ein neues Zeitgefühl vermitteln. Google, das Weltgedächtnis, das uns schon fast das halbe Leben versorgt. Die Simpsons und überhaupt Ironie, als Werkseinstellung einer Generation.

  Ist 37 also das beste Alter? Gut möglich. Man ist wer. Es gab Entscheidungen. Man hat Narben, darunter auch solche, die man nicht stolz vorzeigt. Vielleicht ist nicht mehr nur Sturm und Drang, aber da ist Leben, schönes, volles Leben. Es rauscht beruhigend um einen herum und führt noch nicht so viel hartes Treibholz. Man kennt einen Gleichaltrigen, der Krebs und einen, der Millionen geerbt hat. Aber noch sind die meisten Eltern so pflegeleicht, dass es reicht, wenn man sie mal in den Arm nimmt. Man hat sich jetzt, ehrlich gesagt, auch mal genug mit sich beschäftigt. Was an Selbstbefindlichkeit noch im Weg steht, schleifen die eigenen Kinder rigoros ab.     Heute 37 zu werden bedeutet aber auch: Jung war erst gestern. Vieles davon trägt man noch mit sich. Wenn man spätnachts mit dem Fahrrad durch die warme Stadt fährt, fühlt es sich kein bisschen anders an als mit 20. Und es besteht die vage Hoffnung, dass es auch mit 50 nicht viel anders sein wird.



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