Mittwoch, September 14th, 2016...12:47

Über Monaco und Gstaad

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Die Vorführdamen glänzen schon auf der Stirn. Seit zwei Stunden geben sie ihre Körper im Minutentakt den Exponaten hin, tragen Diamantensonnen im Ohr, mehrlagige Ketten aus Südseeperlen oder Opalen um den Hals oder strecken ihre Hände maximal grazil in das Publikum, das ungeniert daran herumzerrt, um den dargebotenen Cartier-Rubin von der Größe einer Haselnuss betrachten zu können. Währenddessen klettern an der Wand des Belle-Époque-Saals im Hotel Hermitage Zahlen nach oben, bis jeweils ein doppelter Hammerschlag die kleine Darbietung beendet. „Good one“ sagt der Mann in Reihe acht, wenn der Betrag über 45 000 Euro gelandet ist, und er sagt es ziemlich oft im Laufe der Juwelen-Auktion. Mit seinem Übergewicht, den abgelatschten Tod’s, rosa Bermudas und einer Plastiktüte mit Wasserflaschen würde er auch in einem städtischen Freibad nicht auffallen, wäre da nicht der gut frisierte, hechelnde Zwergpudel in seiner Armbeuge und die Bell-&-Ross-Aviation am Handgelenk.  

  Genau das mache den Charme der großen Sommerauktion aus, wird einer der Verantwortlichen des französischen Auktionshauses Artcurial später erklären: Eine Woche lang zwangloses Luxusshoppen, wie es keine Boutiquen-Meile auf der Welt bieten kann. Schließlich handelt es sich um ausgesuchte Vintage-Objekte, einmalige Sachen wie etwa die James-Bond-Uhr, im Film getragen von George Lazenby, die am Vortag aufgerufen wurde. Es war der Höhepunkt einer endlos proklamierten Abfolge von Rolex-Variationen, gefolgt von fünf- bis sechsstelligen Zuschlägen. Telefonbieter, Sammler, Schaulustige, die von ihren Yachten gekommen waren und bei 36 000 Euro spontan ins Bieten gerieten – es fühlte sich einen Abend lang an, als könnte der Rolex-Hunger der Welt nie gestillt werden.

  „Porsche, Rolex und Hermès sind die Marken, die in den letzten Jahren sagenhaft im Wert steigen, da kann man gar nichts falsch machen“, sagt später Martin Guesnet, der Europa-Chef des Auktionshauses. Ein ganzes Jahr lang bereitet er mit seinem Team diesen Sommerausflug an die Küste der Superreichen vor. Dafür klappern sie das alte Geld und die großen Familien ab, immer auf der Suche nach den magischen drei Ds eines Auktionators: „Death, Debt, Divorce, das sind die Anlässe, bei denen sie ihre Schätze verkaufen und wir zuschlagen.“ Goldener Kerzenständer von Salvador Dalí gefällig? Nein? Macht nichts, der geht später für mehr als 200 000 Euro an ein deutsches Museum. Die James-Bond-Uhr ist übrigens nicht versteigert worden, obwohl mehr als 300 000 Euro geboten wurden. „Etwas überzogene Preisvorstellung des Verkäufers“, murmelt man backstage beim Auktionsteam. Vielleicht lag es auch an George Lazenby, dem Aushilfs-Bond.

  Draußen, vor der Drehtür des Hermitage brütet Monte Carlo in der Sommerhitze. Die Stadt ist immer Baustelle, die zwei Quadratkilometer steuerfreundliches Staatsgebiet werden nonstop nach oben oder unten erweitert, wegen des großen Erfolges. Ein ewiger Stau ist die Folge, in dem sich die Motoren der Lamborghinis und Rolls-Royce-Cabrios im Schritttempo vom Hafen hinaufgrollen Richtung Casino, wo wieder Kräne stehen. An den Türen des alten Casinos wird seit Kurzem streng auf die Kleiderordnung geachtet, keine Shorts, Turnschuhe oder Flip-Flops, ab 20 Uhr Jackettpflicht. „Wir wollen den traditionellen Zauber Monte Carlos erhalten, denn das unterscheidet uns von anderen Spielerstädten“, sagt die zuständige Pressesprecherin über die Maßnahme, die an diesem Nachmittag etlichen russischen und britischen Sportwagenbesitzern den Casinobesuch verdirbt.

  Am nächsten Tag im Hotel Hermitage, nach Tagen voller Uhren und Juwelen – endlich Hermès! Die Vorführdamen sind frisch gepudert, tragen Birkin Bags aus Krokoleder und Straußen-Kellys vorbei an Frauen, die auf ihre Männer eintuscheln, vorbei an Händlerinnen, die mit ihren Kunden am Handy debattieren und Sammlerinnen wie Carine Menache, die zuvor von Star-Auktionator François Tajan persönlich begrüßt wurde. Ihr Geld hat sie in der Finanzbranche verdient, jetzt ist die resolute kleine Dame Hermès-Spezialistin, mehr als 70 Taschen hat sie, und für jede das passende Outfit. Später wird sie in eine Fernsehkamera den Satz sagen: „Ja, ich definiere mich über Taschen.“ Aber sie kauft nicht alles. Bei der kleinen gelben Kelly mit der ungewöhnlichen Kalbsleder-Canvas-Ausstattung, bietet sie lange mit, nach 30 000 Euro bleibt ihr Schild unten. „Absolut verrückt“, sagt sie. Aber ihre Augen sagen etwas anderes.

 

Gstaad

Vorgesehen ist vom Architekten, dass die Gäste den Außenpool über einen Aufzug aus dem unterirdischen Spa-Bereich betreten, als Showbühnen-Effekt sozusagen. Der saudische Clan hält aber nichts davon. Man nimmt die Direktroute von der Frühstücksterrasse des Hotels Alpina, wo dieses Jahr statt Kaffee lieber ayurvedischer „Golden Latte“ getrunken wird – vegan, gluten-, lactose- und koffeinfrei. Vorweg laufen also fünf verschleierte Frauen, gefolgt vom Kindermädchen, das einen obsidianschwarzen Cybex-Kinderwagen mit goldenen Flügeln schiebt, eine Sonderedition des Designers Jeremy Scott. Dann ein paar lustige Kinder und schließlich, nicht lustig und trottend: der Mann.

  Die anderen Gäste machen es richtig, kommen aus dem Aufzug auf die Swimming-Bühne, begrüßt vom vierköpfigen Pool-Team des Alpina, das die nächsten zehn Stunden Handtücher rollen, Drinks balancieren und mit Schirmen den Sonnenstand korrigieren wird. Es treten auf: der Schweizer Skistar mit der unbekannten Schönheit. Das junge Männerpaar, das keinen Schatten möchte, aber alle Magazine. Etwas später das ältere, süddeutsche Fabrikanten-Ehepaar in tadelloser Freizeitkleidung, sauber bestrumpft. Dazu noch zwei zeitlose Damen, die sich mit der Langsamkeit von teuren Zootieren bewegen und über eine leere Liege hinweg unterhalten. Aus dem Tal wehen dazu an diesem Samstag ziemlich unpassende Fetzen von Stimmungsmusik herauf, das internationale Beach-Volleyballturnier legt dort den Ort lahm. Morgen Nacht werden ein paar Dutzend Helfer den Sand wegschaufeln, dann geht es mit dem großen Tennisturnier weiter, danach stehen die Menuhin-Festspiele an, dann das Country-Festival.

  Gstaad im Sommer, das ist ein Event-Kraftakt. Hochkarätige Veranstaltungen sollen die Winterstammgäste und ihre Kreditkarten locken, auch St. Moritz und Lech proben dieses Comeback der alpinen Sommerfrische. Im Gegenzug zu diesen Luxusdörfern hat Gstaad aber noch eine separate Goldader – das Edelinternat Le Rosey, dessen Zöglinge seit jeher aus Königs-, Diktators- oder zur Not auch Millionärsfamilien stammen und das aus Gründen der Luftveränderung drei Monate im Winter hier gastiert. In Gefolge der Schule haben sich Eltern und Alumni in den letzten Jahrzehnten Grundstück für Grundstück einverleibt. Heute hat deshalb nahezu jedes Chalet an den Hängen und im angrenzenden Lauenental schon zweistellige Millionbeträge gebracht, und niemand wundert sich, wenn die neuen Nachbarn nur Vornamen tragen. Vornamen wie Madonna oder Valentino.

  Eric Favre, Direktor des Alpina, ist ein freundlicher Mann, in seiner Freizeit läuft er Ultramarathons. Er schlendert nach dem Lunch durch die unterirdische Auffahrt seines Hauses, zehn Autos der Gäste dürfen vor dem Eingang parkieren. An diesem Tag sind im Menü ein Ferrari 612, ein Flügeltüren-Mercedes, ein Vintage-911er und mehrere Range Rovers. Vor dem letzten bleibt er stehen, es ist nämlich keiner, sondern ein Bentley. „Ach, der erste Bentayga der Schweiz“, sagt Favre. Ein Gast hat ihn sich zur Probefahrt kommen lassen, den ersten gekauft hat angeblich schon die Queen. Favre lächelt nachsichtig, kein Geldhaufen der Welt kann ihn noch beeindrucken. „Diesen Menschen muss man etwas Neues bieten“, sagt er vergnügt. „Aber gleichzeitig mögen sie auch keine Veränderung. Sie wollen im Sommer von dem gleichen Gesicht bedient werden wie im Winter, am besten jahrzehntelang.“ Später öffnet der PR-Manager heimlich eine Seitentür neben dem Empfang. Ein Druck auf den Master-Lichtschalter, und man steht in einer vertäfelten Suite, die eher ein vertäfelter Gebäudetrakt ist. 850 Quadratmeter Geheimversteck. Wenn man hier eincheckt, bekommt niemand etwas mit, nur Eric Favre und irgendwo ein Konto, das pro Nacht eine 25 000 Euro tiefe Kerbe verbucht. Albert von Monaco habe diesen Service zum Beispiel kürzlich genutzt.

  Es ist Abend. Die Liegen am Pool haben sich geleert, die Fußabdrücke der saudischen Kinder sind getrocknet. Noch hat sich niemand für das Dinner umgezogen. Schon bald werden im japanischen Restaurant Tranchen vom Thunfisch geschnitten und US-Wagyubeef gegrillt. Ein Pianist nimmt in den letzten Strahlen der Sonne an seinem Instrument Platz, und bevor er sehr mezzopiano anfängt „Englishman in New York“ zu spielen, hört man es zum ersten Mal und wie von sehr weit her: echte Kuhglocken.



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