Dienstag, Juni 20th, 2017...11:43

Über all die Connaisseure

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Wir standen bei einem Japaner irgendwo links von der Friedrichstraße, als Schiffbrüchige einer großen Regenflut. Das Restaurant war sehr dunkel. Die Kellnerin verbeugte sich tief, wies uns ein Separée am Ende eines verschachtelten Ganges an, verbeugte sich noch mal und fragte, ob wir jetzt ein Sake-Tasting wünschten? Was wir wünschten, waren trockene Klamotten und dampfende Teller voll Miso und Reisnudeln. Möglicherweise auch ein Bier. Stattdessen machten wir das Sake-Tasting. Denn ein angebotenes Tasting abzulehnen ist heute etwa so, als würde man einen Achtsamkeits-Workshop oder ein Energiespar-Tutorial ablehnen – es lässt einen alt und gestrig wirken.

Egal ob Sake, Wein, Whisky – der Programmpunkt „Tasting“ bedeutet, dass aus dem bis dahin angenehm banalen Sachverhalt „Getränk“ der Mittelpunkt einer Tischrunde wird. Jeder am Tisch fängt an, sich seltsam zu benehmen, die Gläser zu greifen, als hätten sie auf einmal das vierfache Gewicht, dann mit Nase und Glasrand eine Art Schattenboxen zu veranstalten, schließlich auf dem genommenen Schluck fremd herumzukauen. Es herrscht Prüfungsstille statt munterem Palaver, der Mensch ist unwichtig, das Produkt wichtig geworden, darauf soll man sich konzentrieren oder ehrlich gesagt: auf ein postschluck anzubringendes Adjektiv. Eines, das die Tasting-Runde zufriedenstellt, eines das über „Ah, interessant!“ hinausgeht. Man sagt also mit vagem Erleuchtungsgesicht: „Das erinnert mich jetzt ganz stark an was, äh, ich komm nicht drauf.“ Denn das wirkt immerhin, als führe man eine kulinarische Datenbank und würde nicht einfach nur alles so beiläufig in sich hineinfüllen, wie es von der Biologie vorgesehen ist.

Nein, ein urbaner Gaumen muss heute beredt Rechenschaft ablegen, diese Belege zehn Jahre aufheben und auf Nachfrage vorweisen können. Und beim Trinken in der Öffentlichkeit muss man sich verhalten, wie sich früher nur Sommeliers und Fachjournalisten verhalten haben. Also wie Nerds, die das zum Beruf hatten, was allen anderen Menschen einfach Lebenslust war. In seiner lesenswerten Abhandlung „Die Perfektionierer“ benennt der Journalist Klaus Werle schon 2010, worum es den sogenannnten Lohas, also den urbanen Superkonsumenten mit Nachhaltigkeitsanspruch, eigentlich geht. „Sie haben mit ihrem Wunsch nach Individualität neue Spielfelder eröffnet: das Connaisseurtum und das gute Gewissen.“ Deshalb ist der mündige Delikatessen-Konsument heute gerne bereit, einen semiprofessionellen Habitus an den Tag zu legen. Mehr noch: Das Tragen einer Kennermiene wird an vielen Orten mittlerweile vorausgesetzt, ebenso Praxiserfahrung im Umgang mit Manufaktur-Gins und die Bereitschaft, halbtags an unterschiedlichen Kaffeeröstungen zu schnüffeln. Man soll Geschmacksnoten parat haben wie Fußballergebnisse und eben aus dem Stegreif seriös ein Tasting bestreiten können. Kulinarisches Nischenwissen taugt heute als Distinktion und Statussymbol. Den Whiskyhändler mit Fachfragen in die Enge zu treiben ist zum Wochenendvergnügen des mittleren Angestellten geworden.

So ein Tasting selbst ist die Bürokratisierung des Genusses. Es eröffnet einen Wettbewerb, wo es vorher nur Gewinner gab, aus Zufriedenheit macht es Optimierungsbedarf. Denn es bestehen ja, wie man unweigerlich sofort erfährt, bei Sake, Gin, Tonic oder Apfelsaft immer sogenannte himmelweite Unterschiede! Bedeutet meistens nur: Das, was man bisher als Bier oder Gin zu sich genommen hat, ist aus diesem und jenem Produktionsprozesshintergrundwissen nicht empfehlenswert oder zumindest nicht das echte, eigentliche, authentische, maximale Dings. Es war nämlich die Röstung zu heiß, die Maische zu kurz, das Fass nur aus Stahl und nicht aus geräuchertem Sherryholz, etc. Schon im Referat dieser Expertisen liegt der Vorwurf, man kümmere sich nicht ausreichend um das, was man so in sich hineinfüllt, man wäre ignorant und überhaupt eben noch lange nicht: genussoptimiert.

Sogenannte Genussmessen, wie sie neuerdings in jeder Stadthalle erblühen, sind schon als Wort eine bizarre Antithese. Es ist eben nicht die Steigerung des Savoir-vivre, was dort passiert, sondern der Versuch, große Lebensart als niedrigschwelliges Event zu verkaufen. Botschaft: Der Besuch der Genussmesse Bockenheim berechtigt Sie fortan zum Führen einer hochgezogenen Augenbraue hinsichtlich der Trinkgewohnheiten Ihrer Mitmenschen. Besucher treten sonntagnachmittags aus diesen Hallen, leicht beduselt vom Verkosten, mit einer raren Sonderabfüllung und dem beruhigenden Gefühl in der Tasche, mit wenig Aufwand ein neues Hobby entdeckt, ja mehr noch, eine Leidenschaft geweckt zu haben. Eine Leidenschaft, die wohl mehr Anerkennung finden wird als der Jobtitel Senior Advertising Sales Manager.

So ist das Connaisseurtum, das scheinbar jeden Zweiten im Ü-35-Bekanntenkreis befallen hat, vielleicht einfach nur die ersehnte Antwort auf die blöde Frage: „Und was machst du, also außer Arbeit?“ Whisky-Sammler, Portwein-Freak, Zigarren-Zampano, Craft-Beer-Connaisseur, das klingt lebenstüchtig und nach großer Welt. Schließlich, wie in der Anzeige für ein neuerdings abgehaltenes Rum-Tasting in München steht: „Unsere Tastings nehmen die Teilnehmer mit auf eine aromatische Insel-Hopping-Tour durch die Karibik.“ Gehoppt wird danach aber eher nur direkt ins Netz, zu den anderen Auskennern.

Das Web gab mutmaßlich überhaupt erst den Anstoß zu der Entwicklung, denn die Produktauswahl dort verlangte nach neuen Navigatoren. Ein Kreislauf: Viel Auswahl im Netz erzeugt noch mehr neue Auskenner, für die wieder neue Kenner-Plattformen und Shops geschaffen werden. Nur nebenbei: Wäre jemand vor zwanzig Jahren in, sagen wir Passau-Ost oder Hildesheim, zum Sake-Aficionado geworden? Die Karriere zum Spirituosen-Connaisseur verlangt heute eben nicht nach Flugtickets, Händler-Netzwerk und jahrelang ersessener Bar-Biografie, sondern nur nach Tastatur und Kreditkarte, das Tasting-Set kommt frei Haus oder als Gutschein von Jochen Schweizer zu Weihnachten.

Wer sich durch die Berge von hastig hingeseiertem Fachwissen in den Food-Foren und Blogs liest, die wöchentlich zum Thema Single Malt oder Orange Wine verfasst werden, durch all die Rechthabereien, Herabwürdigungen, Plädoyers und Detaildiskussionen, erkennt vielleicht selbst als Infizierter, was das Ärgerliche am neuen Connaisseurtum ist: Es ist eine Bewegung weg von der Sache selbst. Die Produkte werden dabei durchweg sterilisiert. Was sie bisher auszeichnete – Geschmack, Sekundenglück, Überfülle – wird der Pädagogik und Lehrmeisterei geopfert. Man versucht, das Unfassbare mit Ingenieurseifer zu vermessen. Aber guter Whisky wird nicht besser, wenn man darüber spricht. Rum, Zigarren und Whisky sind nicht wie Briefmarken, oder Mineralien totes Material, das erst durch den Sammler aufgewertet wird. Nein, es sind eben Lebens-Mittel, diese Dinge tragen Freude in sich und gehören nicht nüchtern aufgereiht ins Hinterzimmer, nicht in Messehallen, nicht in ein Amazon-Paket. Das Verlangen, jedes ihrer Geheimnisse zu sezieren, entspricht etwa dem Verlangen, angesichts eines prächtigen Feuerwerks die Sprengstoffmischungen in Tabellen einzutragen. Es ist profan.

Bitte kein Missverständnis: Jeder soll immer den besten Whisky trinken, den er bekommen kann. Es gibt nichts Angenehmeres, als einen stillen Kenner, der weiß, was er wo in welcher Qualität erwarten darf. Noch viel mehr Menschen hierzulande sollten die Angst vor der Weinkarte ablegen oder vor teurem Olivenöl. Weichkäse-Profis, Terroir-Faschisten, Espresso-Erklärer – tobt euch aus. Aber bitte dabei nicht vergessen, dass diese Dinge immer nur Mittelchen zum Zweck sind. Und dieser Zweck heißt gutes Leben.

Anlässlich eines Interviews erwähnte der Stil-Intellektuelle Bernhard Roetzel, warum er sich abgewöhnt habe, Pfeife in der Öffentlichkeit zu rauchen. Nämlich nicht nur, weil es überall verboten sei, sondern weil er es leid war, das Pfeiferauchen zu thematisieren. Das aber sei unweigerlich der Fall gewesen, sobald er mit dem Stopfen angefangen habe. Die Vorstellung, einem Pfeifen- oder Zigarrenklub beizutreten, erschien Roetzel geradezu absurd. Schließlich seien Rauchen und Trinken seit jeher einfache Freuden. Man betreibt sie nebenbei, während man sich mit interessanten Dingen beschäftigt. Pfeife oder Branntwein nun plötzlich eine tiefgründige Faszination zuzuschreiben, zeugt in diesem Sinne von Geistesbequemlichkeit und unfeiner Anbetung des Banalen. Natürlich kann man Namen schottischer Brennmeister auswendig lernen. Aber ist das nicht eigentlich so, als würde ein Fußballfan sich in den Feinheiten der Rasenpflege verlieren?

Auffällig ist, dass sich der Wissenseifer besonders auf Spirituosen und Artverwandtem entlädt. Kennertum in Sachen Fischfang-Gütesiegel oder Zwiebelsorten ist nicht annähernd so verbreitet. Nein, es wirkt, als müssten gerade Laster und Luxus krampfhaft akademisiert werden. Genuss um des Genuss willen ist eben immer noch verdächtig. Wehe, ein schöner Rausch, eine teure Flasche? Derlei muss der wissenschaftlichen Sache dienen. Das zelebrierte Connaisseurtum atmet so auch oft eine kleinbürgerlich-protestantische Freude. Man gönnt sich was, aber nicht ohne lautere Absichten. Auch wenn Connaisseure glauben, die besten Versteher ihres Forschungsgegenstandes zu sein, sie sind sicherlich nicht seine besten Liebhaber.

Das Sake-Tasting in Berlin ist übrigens uneingeschränkt zu empfehlen. Es kostet 49 Euro, man hat danach trockene Klamotten und eine Vorstellung von den Unterschieden der Sake-Qualität. Himmelweit sind die.

(erschienen in der Süddeutschen Zeitung)

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