Donnerstag, September 7th, 2017...09:13

Über Hygge

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Die letzten zwei Wochen waren ein Albtraum. Ach, eigentlich das ganze Jahr. Die Welt wackelt. Und dann sinkt die Schneefallgrenze auch noch überpünktlich auf unter 300 Meter. Was jetzt noch helfen kann? Hygge. Zumindest, wenn man den Dänen glaubt und der internationalen Studie, aus der sie regelmäßig als Glücksweltmeister hervorgehen. Von diesen glücklichen Dänen lernen heißt also unweigerlich, Hygge lernen. Das propagieren zahllose Bücher, Blogeinträge und Artikel, die vor allem im angelsächsischen Raum in den letzten Monaten erschienen sind und die Kunde des urdänischen Hyggeligseins in die Welt tragen wollen.

Diese Lehrbücher haben sperrige Untertitel: „Wie du dänische Gemütlichkeit in dein Leben bringst“ oder „Wie du die Freude an den einfachen Dingen durch das dänische Hygge-Prinzip wieder erlernst.“ Klingt, als ginge es bei Hygge um eine Therapie oder irgendetwas aus der Grauzone zwischen Yoga und Heilerde. Aber das stimmt nicht, Hygge ist eigentlich nur eine dänische Überlebensstrategie, nicht nur, aber gerade auch für die dunkle Jahreszeit. Das erklärt vielleicht schon, wieso es ausgerechnet in diesem Herbst zu einem Hygge-Hype kommen konnte. Wenn die ganze westliche Welt so kalt und düster geworden ist wie Skandinavien im Winter, dann braucht die ganze westliche Welt eben Hygge.

Mit der deutschen Gemütlichkeit oder der niederländischen „Gezelligheid“ ist der Begriff nur unzureichend übersetzt. Wohlsein trifft es vielleicht besser. Hygge ist eine Empfindung, aber auch Zeitvertreib, ist gefühlte Temperatur und räumlicher Zustand, der ein schönes Haus ebenso beschreiben kann wie eine angenehme Personenkonstellation bei Tisch. Es ist den Dänen Daseinsgrund, Qualitätsurteil, Philosophie, ewiger Ansporn, das Gegenteil von Stress und einfach das liebste Wort, wenn es um Einteilung in Gut und Böse geht. In dänische Restaurantkritiken jedenfalls ersetzt „hyggeligt“ problemlos das weite Feld, das sich bei uns zwischen „lecker“, „tolle Einrichtung“ und „freundlicher Service“ auftut. Hygge ist das kleine Glück eines kleinen Volkes. Es strahlt aus bis auf seine visionäre Fahrrad- und Familienpolitik, auf einen landesweiten Feierabend um fünf Uhr, allerdings auch auf eine gewisse Fremdenskepsis, aber dazu später.

Weil Hygge einfach nachzumachen ist, gehört es derzeit jedenfalls zum wichtigsten Meta-Exportartikel der Dänen. Die Suchstatistik von Google meldet seit September 2016 eine sagenhaft gestiegene europäische Hygge-Neugier. Gerade die Briten sind wie hyggnotisiert von dem Wort und dem großen Wohlbefinden, das es verspricht. Hygge steht dort dieses Jahr sogar auf der Liste der Wörter des Jahres, zusammen mit solchen Kalibern wie „Brexit“ und „Trumpism“. Auf dem britischen Buchmarkt sind in den letzten sechs Monaten zehn Hygge-Bücher erschienen, Dänen aller Art werden laufend im Frühstücksradio interviewt, mit einer Dringlichkeit, als hätten sie das ewige Leben entdeckt.

Die neuen Hygge-Ratgeber lesen sich allesamt wie eine Mischung aus Koch-, Selbermach- und Designbuch, auf entsättigten Fotos sind dabei viele lodernde Holzöfen, schön gedeckte Tische, geölte alte Dielen und Wolldecken zu sehen, zwischen denen vollentspannte Dänen-Darsteller mit gesunder Gesichtsfarbe lagern und offensiv Hygge praktizieren. Was dazu kapitellang erklärt wird, ist aber ziemlich banal. Zusammengefasst: Hygge für Einsteiger, das bedeutet einfach mal öfter ’ne Kerze anzünden, grauweiche Wollsocken anziehen und mit einer Tasse Tee am Fenster sitzen. Schon hat man das kleine Glück im Schwitzkasten! Zieht man die Skandi-Folklore ab, ist es aber eigentlich nur eine Basic-Anleitung zum Häuslichsein, angereichert mit formschönen Holzmöbeln und Designerlampen. Wohn-Wellness! Passend dazu hat übrigens eine Studie des University College in London herausgefunden, dass beim Betrachten von schönen Dingen tatsächlich Dopamin ausgeschüttet wird. Gefälliger Designkram macht also wirklich froh – eine erschütternde Nachricht für Kreditkarten auf der ganzen Welt.

Fortgeschrittene im Hygge-Kursus lernen, für echte Freunde ein unstressiges Biomenü zu kochen, einen Kuchen im Glas zu verschenken oder auch ein Picknick auf einem, möglichst authentisch verwitterten, Steg zu organisieren. Spazierengehen, basteln, sich selbst nette Dinge kaufen, Handy ausschalten, ein gutes Buch lesen – in der praktischen Übersetzung für Resteuropa wirkt Hygge eigentlich eher wie das, was sich die urbane Mittelschicht sowieso jedes Wochenende vornimmt. Gepflegte Langeweile, sagte man wohl auch mal dazu. In Zeiten, in denen viele Menschen bei sich Glücksmangel diagnostizieren, wirkt das aber offenbar neu verheißungsvoll.

Wobei schon die Hygge-Grundlagen nicht ganz klar sind. Die historische Herleitung bezichtigt die Wikinger, weil sie angeblich als Erste erkannt haben, dass lange Winter nur mit Gemeinsinn und fixen Familiennachmittagen erträglich sind. Die aktuelle Hygge-Lehre geht bei vielen Autoren aber über die soziale Komponente hinaus und wird als Rückkehr zu den einfachen Freuden des Lebens (Kerze, Lächeln, langes Schlafen, Familie, Einatmen) verklärt. Die Bildsprache in den Büchern und Blogs hingegen, sortiert auch ganz handfeste (und teure) Sachen wie Designklassiker, ökologische Lebensmittel, handgemachte Keramik und loftähnliche Wohnungen zu den notwendigen Zutaten. Original Hygge bei einer alleinerziehenden Mutter im Plattenbau? Eher nicht vorgesehen.

Sicher, Hygge ist in erster Linie ein gutes Privatgefühl und somit für jeden leicht zugänglich. In zweiter Linie ist es aber eben auch nur ein Lifestyle und zwar zufälligst einer, der ziemlich deckungsgleich mit dem ist, was Wohnmagazine und Designblogs ohnehin schon seit Jahren propagieren, nämlich nordische Lässigkeit plus selbstgebackenem Kuchen. Das erklärt vielleicht die große Strahlkraft, Hygge war wohl einfach genau der gesuchte Oberbegriff, der viele gegenwärtige Wohlstands-Trends vereint: Achtsamkeit, De-Cluttering, Do it yourself, Cocooning, Detox – alles mündet letztlich in Hygge. Kein Wunder, dass sich die kuratiert Wohnenden weltweit damit identifizieren können und den Hygge-Begriff vereinnahmen. Er ist ja auch so angenehm hedonistisch: bräsiges Netflix-Schauen mit etwas zu viel Rotwein? Hygge! Shoppingrausch in der nächsten Hay-Filiale oder im Ikea-Kleinteilparadies – voll hyggelig! Das Geschirr einfach mal drei Tage nicht abspülen? Ist doch auch irgendwie hygge. Endlich gibt es eine modern klingende Rumhäng-Philosophie, die alles entschuldigt und den Kopf stilvoll in den Sand steckt. Hat vielleicht nichts damit zu tun, aber es sei erwähnt: Der jährliche Verbrauch von Bacon liegt in Dänemark bei drei Kilo pro Kopf (in Deutschland: ca. 0,7). Wenn die Duftkerze in Sachen Hygge also noch nicht ganz reicht, ein Pfund Speck in der Pfanne tut’s bestimmt.

Keine Frage, die Dänen sind ein beneidenswert fortschrittliches und stilvolles Volk. Sie haben beeindruckende Werte in Sachen Gleichberechtigung, Nachhaltigkeit und Bildung, die besten Restaurants, eine ansteckende Lust auf Lebensqualität und verfügen, nebenbei gesagt, über den meisten Wohnraum pro Kopf. Dass das kollektive Glücklichsein aber auch seine Schattenseite haben kann, hat Regisseur Thomas Vinterberg schon vor fast zwanzig Jahren mit seinem Film „Das Fest“ schmerzhaft deutlich gemacht. Aus dem zutiefst hyggeligen Ansatz eines Familienfestes mit großer Tafel wird dabei eine brutale Sozialkarambolage, noch angeheizt vom Zwang zur guten Miene und Fröhlichkeit. Das dazugehörige dänische Dogma-Filmmanifest liest sich auch fast wie ein Anti-Hygge-Programm: keine Filter, keine Beleuchtung, keine Requisiten forderte Lars von Trier damals, um den Film wieder aus der Wohlfühlfalle zu holen.

Alles andere als warm und einladend wirkte auch jüngst die rigide dänische Flüchtlingspolitik. Oder die konstante Weigerung, Immobilien an Ausländer zu verkaufen. Der Fremde ist dem Dänen eben immer erst mal und sehr lange ziemlich unhyggelig. Und die wohlige Geselligkeit in den eigenen vier Wänden hat von außen betrachtet auch etwas Hermetisches. Botschaft: Tür zu! Gemütlich wird’s erst, wenn wir unter uns sind. So schön es ist, das dämmrige Sofa der kalten Welt vorzuziehen, es ist auf Dauer eher nicht das Rezept, das diese Welt irgendwann wieder ein bisschen wärmer machen kann.

(Erschienen im November 2016 in der Süddeutschen Zeitung)

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2 Kommentare

  • Toll geschrieben – danke. Auch in deutschen Familienblogs greift der Hygge-Hype um sich. You made my day – was sag ich – my weekend ,- )

  • Ich muss bei Hygge abwechselnd an Schluckauf und an das gleichnamige Wohlfühlmagazin denken. Bei dem bekomme ich auch Schluckauf. Also, geistigen.
    Das Problem ist ja nicht das Gefühl. Das ist eigentlich etwas ganz profanes, wie du ja geschrieben hast: Wohlsein. Vielleicht auch Müßiggang, aber das ist ein Begriff der aus einer Zeit stammt, als man auf Postkutschen wartete, insofern lassen wir das. Das Problem ist die Kommerzialisierung dieses Gefühls. Alles wird pinterest auf den kleinsten gemeinsamen Nenner gebracht, man brauche nur dieses oder jenes Produkt, um sich so richtig hyggelig zu fühlen. Alles in allem ist das einerseits: schön, weil immer mehr Menschen von diesem Gefühl erfahren und bei vielen die restliche Portion gesunder Menschenverstand ausreicht um zu erkennen, dass eben kein Produkt benötigt wird. Andererseits: schlecht, weil geistigen Schluckauf verursachend. Wie man es auch dreht und wendet: Danke für den Artikel.

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