Donnerstag, Dezember 14th, 2017...15:08

Über Kitsch an Weihnachten

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Eine Familie hat hierzulande für ihre Bescherung zwei stilistische Vorbilder zur Auswahl: Buddenbrooks und Hoppenstedts. Gediegener Lichterglanz und gestriegelte Kinder mit Engelszungen in der prächtigen Eingangshalle bei der Senatorenfamilie. Oder eben Sofagemütlichkeit, kleinbürgerlicher Konsum und Katastrophen in der guten Stube bei Loriot. Gänsebraten oder Bockwurst. Andächtiges Weihnachten, „geschmückt mit Silberflittern und großen weißen Lilien“, wie es Thomas Mann vorschwebte und wie er es selbst noch unter den Palmen von Pacific Palisades beging. Oder eben mit der schnöden „Weihnachtssendung im Dritten“ und neuer Föhnhaube auf Mutti. Bei den meisten Familien liegt das erzielte Ergebnis jedes Jahr wahrscheinlich irgendwo dazwischen. Der festliche Anspruch ist da, aber eben auch das Sofa und eine gewisse Neigung, spätestens bei „Stirb langsam“ darauf unfein zu versacken.

Als geflügelter Volksglaube ist von Loriots berühmtem Sketch bis heute ja vor allem Opas Vorwurf übrig geblieben: „Früher war mehr Lametta!“ Denn schon damals, im Jahr 1978, tönte es unheilvoll: „Diesmal ist der Baum grün und umweltfreundlich, Opa!“ Ein Vorsatz, der durch die Geschenk- und Verpackungsflut und das Spielzeug-Atomkraftwerk bei den Hoppenstedts freilich gleich wieder hinfällig wurde.

Nein, für einen gänzlich grünen und umweltfreundlichen Christbaum scheint erst jetzt die Zeit reif zu sein. Am besten aus regionaler Bio-Zucht oder, wenn man die neue Wald-Sehnsucht der Deutschen ernst nehmen kann, selbst geschlagen aus eigenem Gehölz. Und schließlich, vieles in den neuen Wohnungen heute ist ja schon bemüht authentisch und massivhölzern designt, sogar bei Tchibo gibt es derzeit minimalistische Möbel, zum Beispiel den Beistelltisch „Baumscheibe“, bei dem der Name das Produkt schon treffend beschreibt.

Also, wenn das ganze Wohnzimmer schon aussieht wie ein skandinavischer Stall, weiß gekalkt und naturnüchtern abgeschmeckt, wieso nicht auch endlich der heilige Baum? Wie passen Omas schrill violette Metallic-Tannenzapfen und zwei Dutzend rote Kugeln mit Schnee-Applikationen immer noch dazu? Wieso werden wir wieder tropfenförmige Lichterketten kaufen und heimlich ein paar tropfenförmige Tränen darüber vergießen, dass die fiese Apricot-Abschlussspitze unklarer Provenienz letztes Jahr endgültig zerbrochen ist? Warum werden seit August Flohmärkte und Ebay nach Lametta mit echtem Bleikern abgesucht, das man, herrliche Vorstellung, noch wirklich bügeln könnte. Oder nach diesen winzigen, gilb-silbrigen Kugeln, an denen die Wunderkerzen vergangener Jahrzehnte und fremder Familien ihre Brandmale hinterlassen haben? Kurz: Warum wird jedes Jahr wieder diese zerfledderte Weihnachtskiste aus dem Keller gezerrt und die arme Nordmanntanne mit mehreren Breitseiten und etlichen Generationen geschmackslosen Glitzerkrams beballert?

Einfache Antwort: Weil es immer so war. Und Weihnachten nun mal vorrangig das Fest ist, an dem alles so sein soll, wie es immer war. Es herrscht an diesem Datum eben eine Jahresend-Unschärfe, eine kollektive Stilerweichung, eine flächendeckende Nostalgie-Bereitschaft. Ein paar Stunden lang stehen Agnostiker, Millennials, besorgte Bürger, Herzchensammler, Dschungelkönige, Wechselwähler und Stilapostel im süßen Kitsch vereint um die Tanne. Ist ja auch toll: Einmal im Jahr ist kein Retrofilter in der Kamera nötig, weil der Baum tatsächlich wieder aussieht wie auf den Bildern in Omas Fotoalbum. Keine Mode, kein Deko-Trend und kein unterm Jahr erwachsenes Stilbewusstsein sollen daran etwas ändern.

Wenn man sich die alten Fotos aber genauer ansieht, wird man feststellen, dass der Weihnachtsbaum in einer Wohnung der Fünfziger- bis Siebzigerjahre auch ziemlich viel optische Konkurrenz hatte: geblümte Tapeten, lebhaft furnierte Schrankwände, starkfarbige Sitzgruppen und all die gemusterten Krawatten und Kostüme – kein Wunder, dass der Baum derart überladen wurde. In einer Gegenwart aber, in der die Farbe nahezu jeder Wohnwand, jeden Sofas und jeden Teppichs zwischen Grau und Weiß wabert und Paare sich bei Ikea nur noch über die Intensität unterschiedlicher Erdfarben streiten können, wäre dezimierter Pomp als Blickfang immer noch völlig ausreichend.

Die modernen Dekore auf dieser Seite machen es ja durchaus vor – wenige, aber edle Materialien, pointierter Einsatz von Formen und Farben, ein bisschen Luxus, ein bisschen Selbstgemachtes und vor allem wird das Naturgrün in Szene gesetzt und nicht nur als Aufhänger für bollerige Kugeln missbraucht.

Gerade die nordischen Designmarken bemühen sich dieses Jahr, passend zu ihren Wohnkollektionen auch dem Weihnachtsdekor eine architektonische Strenge zu verleihen. Sie lassen geometrische Muster auf Weihnachtskarten drucken, schlagen statt Sternen schlichte Hexagone aus Messing (bei Ferm Living) vor oder wollen nur goldene Kegel (bei Stelton) baumeln lassen, sodass der Baum am Ende wie ein kubistisches Mahnmal wirkt. Das sieht elegant aus, keine Frage. Schon eher fragt sich, was Thomas Mann dazu gesagt hätte, das Christfest stilistisch einfach zu neu zu formatieren, damit es besser zur Anrichte passt. Und ob das wirklich der Zeitgeist der Weihnacht ist, was man da in aufwendigen Shootings und entsättigten Farben präsentiert bekommt.

Denn eigentlich trägt gerade auch die Kitscherlaubnis dazu bei, das Fest zu einem menschelnden Ereignis zu machen. Kalorien sind jetzt erlaubt, bei Tisch genauso wie bei der Dekoration! Das ist doch eine befreiende Botschaft, darauf freut man sich. Einmal im Jahr darf was unhinterfragt und zeitenthoben bleiben – auch wenn das nur bedeutet, sich jedes Jahr wieder mit dem eingerosteten Christbaumständer abzumühen, der eben schon immer herhalten musste.

Auf angenehme Weise ist Weihnachtsdekoration damit von den Zwängen des Optimierungs-Kapitalismus befreit, der uns regelmäßig Smartphones, Kaffeemaschinen und Fernseher erneuern lässt. Nein, an Weihnachten wird lieber auf Familienschätze zurückgegriffen. Oder in Ermangelung solcher, auf Vintage-Glitzer, in der Hoffnung, dass man Familienglück vielleicht auch transplantieren kann. Denn man muss es sagen: Fabrikneuer Christbaumschmuck ist seelenlos. Der muss sich erst in vielen Bescherungen mit Essensdampf, Kerzenruß und Kinderzank aufladen, bis er sein eigentliches Gewicht erreicht. Jedes Jahr den Baum komplett neu einzukleiden ist deswegen ein Frevel. Vielleicht wirkt darum auch der Weihnachtsbaum, den jährlich ein Modeschöpfer im Londoner Hotel Claridge’s entwerfen darf, meist irgendwie tragisch. John Galliano installierte dort 2010 eine theatralische geschminkte Koralle. Dolce & Gabbana lieferten 2013 etwas ab, das entfernt an eine Leuchtreklame in Las Vegas erinnerte.

Der aktuelle Entwurf stammt nicht von einem Modisten, sondern von den Produktdesignern Marc Newson und Jonathan Ive. Letzterer hat mit den Apple-Produkten eine ganze Generation stilistisch ausgenüchtert und die aluminiumgrau-perlweiße Wohnwelt etabliert. Wie stellt sich so jemand einen richtigen Weihnachtsbaum vor? Klar, als naturbelassene Tanne. Einen ganzen kleinen Wald haben die beiden ins Hotel verpflanzt. Das ist in der Londoner Metropol-Enge reizvoll, aber so richtig an Weihnachten denkt man dabei nicht. Immerhin auch nicht an einen iPod. Aber es ist trotzdem zu cool. Und Weihnachten ist eben unter keinen Umständen cool.

Das Fest ist ein bisschen peinlich, ein bisschen ironisch, ein bisschen romantisch, ein bisschen traumschön und ein bisschen altbacken. Zusammengefasst: Es ist retro. Und das ist es übrigens schon seit dem ersten Jahr nach Christi Geburt. Der Baum soll deshalb möglichst immer aussehen wie beim ersten Mal. Kinder kennen das Urteil „Kitsch!“ ja nicht, und das ist ein Glück. Nur so lässt sich ein groteskes Durcheinander aus Tannenzweig, unechten Kerzen, Stroh- und Strobo-Sternen, Schleifen und Schokokringeln, Kugeln, Glocken, Figuren und die Farbkombination Grün-Rot derart lebenslang verklären.

Die zerfledderte Weihnachtskiste enthält in Wahrheit einen Kubikmeter Sehnsucht. In Berlin hat gerade ein Club seine Hip-Hop-Party mit dem Motto angekündigt: „Weihnachten, als wären deine Eltern noch zusammen!“ Das trifft es genau. Man überschmückt, kitscht und trällert in diesen Tagen und sagt: „Früher war mehr Lametta!“ Und was man eigentlich sagt, ist: „Früher war alles besser.“ An Weihnachten sei dieser Irrglaube erlaubt.

(erschienen in der Süddeutschen Zeitung, 2016)

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