Mittwoch, Mai 23rd, 2018...15:15

Über meine Kaffeemaschinen

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Der Anfang: Die Moka Express

Was in dieser Kanne entsteht, wird bisweilen als der einzig wahre Espresso verklärt. Aber selbst falls alle italienischen Großmütter die achteckige „Caffettiera“ tatsächlich noch benutzen – es ist doch eher lavaheißer Brutalkaffee. Natürlich war die Bialetti Moka Express meine erste Kaffeemaschine, denn sie verströmte den Charme eines soliden Arbeitsgeräts bei gleichzeitig herrlich niedrigem Preis. Frisch von zu Hause ausgezogen, glaubt man ja eine Weile daran, dass man mit derart ehrlichen und simplen Produkten durchaus das Leben bestreiten könnte (vgl. auch: Lada Niva, Opinel-Messer, Doc-Martens-Schuhe, Funny van Dannen-Platte etc). Außerdem sieht auf einem alten Gasherd in einer winzigen Wohnung mit Tauben vor dem einzigen Fenster nichts so melodramatisch aus wie eine in Flamme und Kaffeefluten gealterte Bialetti. Patina sagt man, wenn man zu faul ist zum Putzen.

Leider machte die Handhabung der seit 1933 weitgehend unveränderten Kanne selbst ziemlich viel Schmutz. Das Befüllen mit Espressopulver und spätere Beseitigen des Kaffeesatzes gingen selten ohne Kollateralbrösel über die Bühne. Aber das leise Geräusch, mit dem der Kaffee warm schäumend übergeht, gehört schon zu den besseren Soundeffekten des Lebens. Bei den damals unvermeidlichen Musikfestivals wähnte ich mich damit und mit einem leibhaftigen Esbit-Kocher (auch so ein ehrliches Ding) auf der Lebenskünstler-Skala recht weit vorne. Dass irgendwann der Griff anschmorte, der Gummiring zerbröselte und der Schraubverschluss knirschte, gehörte dazu. Zwei Jahre lang waren die Moka Express und ich Partner in einer schmutzigen Stadt am schmutzigen Rhein. Als ich dort die Umzugskartons packte, konnte ich die dicke Berta natürlich nicht wegwerfen. Ausgepackt habe ich sie aber eigentlich auch nie mehr.

 

Die Nullerjahre: French Press

Der erste Praktikumstag bei einer richtigen Zeitung (also nicht: Schülerzeitung, Studentenzeitung, Stadteilzeitung, etc.) begann mit einem unfairen Kampf. Ganz ironiefrei wurde ich zum Kaffeemachen in die Küche geschickt. Dort stand ein Bataillon dieser Drück-Kaffeekannen, deren Handhabung mir nicht geläufig war. Im Überschwang des ersten Tages nahm ich die Sache beherzt in die Hand. Kurz darauf kam ein imposanter Kaffee-Geysir aus der Teeküche, gefolgt von mir. So verbrachte ich den ersten Tag bei der Zeitung mit Putzen und dem Notieren von hämischen O-Tönen („Pressearbeit“ etc.). Im Laufe des Praktikums lernte ich die Drücktechnik so gut, dass ich mir schließlich eine Kanne für zu Hause kaufte, das gesparte Praktikumsgehalt reichte knapp dafür.

Es war Anfang des Jahrtausends und die Produkte der dänischen Firma Bodum galten damals als weniger biedermeierlich als andere Haushaltsgegenstände, sie waren „flott“. Der Kaffee krankte aber meist daran, dass wahlweise zu viel oder zu wenig Pulver im Spiel war, zu heißes Wasser oder die falsche Zeitspanne bis zum albern achtsamen Drücken des Kolbens verstrich. Außerdem kühlte er in dem dünnen Glas schnell aus. Aber es war schon schick, wenn Damenbesuch da war: Die French Press nebst kernlosen Trauben, Croissants, Spex-Heften und blauen Gauloises auf dem winzigen Balkon meiner Münchner Wohnung, etwa gegen halb drei Uhr nachmittags und dann genüsslich frühstücken, über das Ende von Viva Zwei jammern und ausrechnen, ob man es noch irgendwie zum Flohmarkt schaffen könnte (nö). So war das damals.

 

Hallo, Alltag: Die Tropfmaschine

Es folgten lange Brüh- und Filterjahre. Zur Arbeit als freier Journalist passte das röchelnde Atmen und Blubbern dieser Maschinen ja recht gut, es schuf daheim eine Kulisse von Betriebsamkeit. Prokrastinierend nach zwei geschriebenen Sätzen in die Küche schlurfen und die Tasse nachfüllen, das war so ungefähr, was ich mir unter Schreiberleben vorgestellt habe. Also fast. Außerdem war die Warmhalteplatte ein deutlicher Fortschritt zu den Vorgängern. Faustregel: War der Kaffee nach ein paar Stunden von einer grünlichen, deutlich öligen Konsistenz, hatte man abends interessantes Herzrasen. Jedenfalls wurde Kaffee damit ein Volumengetränk, etwas, das ich trank wie Wasser, einfach, weil es warm war und die Welt draußen durch die Wirtschaftskrisen taumelte.

Anfangs musste es natürlich ein Modell von Braun sein, das ja vielleicht noch Spuren von Dieter Rams enthalten könnte. Rams war die Einstiegsklasse ins Designwohnen, weil seine Sachen gleichzeitig retro und minimalistisch waren, und darauf ließ es sich leicht einigen. Seine historische Kaffeemaschine KF 20 war allerdings optisch und technisch weit von dem entfernt, was es von Braun mittlerweile zu kaufen gab. Bald stellte ich fest, dass es auch völlig egal war, ob es nun eine von Braun, Krups oder Severin war, sie hielten mit Münchner Wasser alle ungefähr zwei Jahre durch. Danach dauerte ein Brühvorgang eine halbe Stunde, und die Maschine ächzte wie eine angekettete Dampflokomotive. Kein Entkalkungs-Hausmittelchen half mehr, auch keine Chemiekeule.

Trotz dieser Kurzlebigkeit kaufte ich immer wieder eine Filtermaschine. Espresso gab es schließlich tagsüber in der Stadt. Das, was morgens in die Kanne strullerte, hatte damit nichts zu tun, aber das Ritual war beruhigend: Wasser, Filter, Kaffee, Duschen, schlürf. Zwei Unannehmlichkeiten bereiten einem diese Brühorgeln dennoch: Kaffee und Filter gehen immer zur unpassendsten Zeit aus. Ich habe deshalb schon durch Küchenkrepp, Hunkemöller-Feinstrumpfhosen und Zeitungspapier gefiltert (Sportteil). Zum anderen stellt sich beim Entsorgen einer verkalkten Maschine die lästige Frage, was mit der intakten Kanne zu tun ist? Einfach wegwerfen schmerzt, für später aufheben ist zwar sinnlos, habe ich aber dennoch fleißig praktiziert.

 

Erwachsen sein: Der Siebträger

Menschen, die glücklich mit einer Filterkaffeemaschine verheiratet sind, wird ständig ein schlechtes Gewissen eingeredet. Und zwar von neuen Genussprofis, die mit fortschreitendem Alter den Bekanntenkreis unterwandern und die von Handhebel-Maschinen schwärmen und ihre Ansprüche an eine Crema definieren können. Das Schlimmste sind Barista-Foren im Netz. Gegen die dort grassierende Oberlehrerhaftigkeit haben nicht mal Kamera-Foren eine Chance. Irgendwann war ich mürbe und erwarb eine dieser Einstiegs-Siebträgermaschinen, eine Baby Gaggia Dingsbums Junior Edelstahl.

Das Elend dabei ist, dass damit aus der gemütlichen Tasse Morgenkaffee eine Prüfung wird. Man denkt sofort nach dem Aufwachen über Kupferkessel und Aufheizzeiten nach, Pumpdruck und Zweikreisermaschinen und darüber, ob es nicht doch notwendig gewesen wäre, in eine Bezzera zu investieren. Wenn man trotzdem aufsteht, kann man mit so einer Siebträger-Kiste anständigen Espresso machen. Aber das Ding ist laut, man schlägt beim Ausklopfen des Siebträgers die halbe Küche zu Brei, es fallen Unmengen an Aushub an, eine Kaffeemühle ist unumgänglich, und zu Weihnachten wünscht man sich allen Ernstes einen Kaffeestampfer und eine bestimmte Bohnensorte. Das ist der Moment, in dem man von einem echten Freund zur Ordnung gerufen werden sollte. Mit etwas Glück geht die Siebträgerin im zweiten Jahr kaputt, irgendein Kontakt, ein Schlauch und der Espresso-Mann sagt, man könnte das einschicken, aber. Und er hätte da eine Bezzera …

 

Schöner wohnen: Die Chemex

Irgendwann war das Alter erreicht, in dem man zum Zwecke der Inspiration ständig verreiste. Bei sogenannten Weekend-Trips machten wir genau das, was wir am Wochenende auch bei uns gemacht hätten, nur eben 800 Kilometer weiter südlich oder nördlich und mit mehr Enthusiasmus. In einem schwedischen Café sahen wir diese formschönen Kannen im Einsatz. Sie passten sehr gut in das grundsätzliche Gefühl, dass in Skandinavien alles besser war, natürlicher, klüger. Außerdem hatte sie eine gute Geschichte, und Produkte mussten mittlerweile eine Geschichte haben, damit sie mit nach Hause durften. Die Chemex also wurde 1941 von einem deutschen Chemiker mit dem schönen Namen Peter Schlumbohm erfunden und steht sogar im MoMa. Dass etwas im MoMa steht, ist so ein Prädikat, das etwa vom 32. Geburtstag an auf unklare Art relevant wird. Man sollte es aber niemals laut aussprechen. Die Chemex jedenfalls gehört zu den Produkten, die eine verbissene Fangemeinde hinter sich haben, was im Kaffeesegment auffallend oft der Fall ist. Sie verlangt einen speziellen Filter und korrekte Durchlaufzeiten und natürlich frischgemahlenen Kaffee und all das hat dazu geführt, dass die Karaffe mit der Holzmanschette umstandslos ins Regal für schöne Dinge wanderte. Dort erfüllte sie repräsentative Aufgaben, während die alte Filtermaschine weiterhin die Arbeit machte. Wetten, dass es im MoMa nicht anders ist?

 

Der Sündenfall: Die Nespresso

Klar, wer so eine hat, kann direkt das Uber ins Fegefeuer bestellen. Ökologisch (Alu!) und ökonomisch (Grammpreise!) ein Desaster. Aber ich kann das erklären. Wenn beim Journalisten der mittlere Größenwahn anklopft, denkt er darüber nach, ein eigenes Büro einzurichten. Wäre doch nett, so ein Altbau-Ladenbüro mit Isarzugang auf der einen und authentischer Hinterhofatmosphäre auf der anderen Seite. Da ließe sich, denkt man, in Würde und glossierend alt werden und ab und zu kämen stadtbekannte Freunde vorbei, denen man erst einen Kaffee und später Rotwein anbieten würde. Die Stadt ist voll von solchen gutgedachten Journalistenbüros, die Büros selbst aber sind meistens leer. Denn das Beste daran ist die Visions- und Planungsphase, in der Eiermann-Schreibtische via Ebay-Kleinanzeigen von Büroauflösungen anderer Journalisten gekauft werden. Die kleine Nespresso schien mir dabei eine gute Übergangslösung zu sein. Erstens war kein Geld für eine Retro-Quickmill übrig, zweitens war kaum Platz auf der Küchenzeile und drittens war das vermaledeite Kapselsystem praktisch, wenn man vier Wochen nicht im Büro war – was zum Normalzustand wurde.

Wenn ich mal da war, um die Post für meinen Vormieter (Grafiker) aus dem Briefkasten zu holen, machte ich mir einen Kapselkaffee, der ja leider genauso schmeckt, wie das Wort klingt. Schlechter als Espresso in der Bar, besser als Filterbrack. Ungefähr gleich gut wie das, was der Vollautomat im Kreativbüro der Nachbarn (Fotografen) unter viel Kraftanstrengung, Serviceaufwand und Flächenfraß produzierte. Vollautomaten gehen gar nicht. Das eigene Büro ging aber auch nicht, vielleicht weil weder Isar noch Hinterhof in der Nähe waren. Also wurde der Laden wieder aufgelöst, der Eiermann-Schreibtisch an den nächsten Freiberufler (Illustrator) verkauft. Die Nespresso erfüllt seitdem Lückenbüßer-Aufgaben, würde bei Ebay aber als neuwertig durchgehen.

 

Gegenwart: Die Hipster-Masche

Das Slow-Coffee-Set habe ich nach 2015 geschenkt bekommen, versehen mit dem Hinweis, das sei die einzige Art, zeitgemäß Kaffee zu trinken. Nur echt mit japanischem Wasserkessel und Präzisions-Handmühle, Fair-Trade-Bohnen und viel Geduld. Die Anleitung zum richtigen Hand-Aufguss kann man sich bei dänischen Bartträgern auf Youtube abschauen, der Vorgang dort gleicht einer Zen-Übung. Ich sehe mir das heute manchmal einfach so an, als Stressabbau und zur Erheiterung. Dabei trinke ich eine Tasse guten Kaffee, den mir ein Profi aus dem Café im Erdgeschoss schweigend und schnell zubereitet, im Tausch gegen zwei Euro. Fair Trade, oder?

 

(erschienen in der Süddeutschen Zeitung)

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