Montag, Juli 9th, 2018...10:52

Über das Ende der Leiter

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Es gibt dieses Foto, das so ähnlich in vielen Familien zu finden ist: Darauf zu sehen ist die BRD in Polaroid-Farben und meistens Papa mit Bart und Schubkarre beim Pflastern der Hofeinfahrt. Mama dahinter: schwanger, winkend, irgendwas im Haar. Beide sind da immer jünger als man selbst, trotzdem schon weiter in der Lebensplanung, selbstbewusster im Umgang mit großen Maschinen und großen Entscheidungen. Das vielleicht Surrealste: Die Menschen auf dem Foto sind auf eine Art unbekümmert, die einem heute fast fahrlässig erscheint. Einfach so mit 27 die Zukunft pflastern? Sieht man als erwachsenes Kind dieses alte Bild, lacht man über den Bart und denkt still für sich: Wie zum Teufel habt ihr das eigentlich geschafft?

Passend dazu lassen sich viele Fälle aus dem Bekanntenkreis zusammentragen. Da ist die Familie, in der der Vater Ingenieur und die Mutter Dolmetscherin war und die Kinder jetzt Journalistin und ausgebildeter Fotograf sind. Beide mit je 50 Arbeitsstunden pro Woche, die leider niemand zählt. Beide sehr froh, wenn die Eltern zum Geburtstag und Weihnachten grüne Scheine reichen. Oder: Eltern beide Mediziner, Haus in zweiter Seereihe, darin aufgewachsen drei Kinder – studierter Eventmanager, Architektin und ein Nachzügler, heute Dozent an der Musikhochschule. Alle sehr glücklich in ihren Berufen, alle lange an der Uni, alle drei weit entfernt von einem Haus, noch weiter vom See. Oder die Freunde, die gerade gegen jede Einkommenslogik in Eigentum gezogen sind, das weniger von der Bank als viel deutlicher von den Eltern finanziert wurde – vorgestrecktes Erbe. Da sitzen sie, mit kleinen Zweifeln an der eigenen Ergiebigkeit. Und Papa kommt zum Rasenmähen. Wer heute zwischen 25 und 50 ist und dem entstammt, was einst Mittelschicht genannt wurde, dem ist die Botschaft aus diesen Beispielen vermutlich vertraut. Sie lautet: Die Eltern hatten es mal besser als ich. Oder zumindest einfacher.

Das ist ziemlich neu, in der Geschichte der arbeitenden Bevölkerung. Denn die baumelnde Riesenkarotte vor dem Esel der Zivilgesellschaft war eigentlich das Gegenteil. Auf der stand immer: Meine Kinder werden es mal besser haben. Mit diesem Generationsversprechen wurden ganze Länder aufgebaut. Industrialisierung, Kapitalismus, Wirtschaftswunder – hat alles nicht zuletzt darüber funktioniert. Es war ausgemacht, dass die junge Generation auf den Schultern der alten sitzen darf und deshalb mehr sieht, höher steigt, weiter kommt. So wurden aus Kleinbauernkindern einst Fabrikarbeiter, aus Arbeitersöhnen wurden Unternehmer oder Lehrer, aus Lehrertöchtern wurden Ärztinnen, und aus Ärztinnensöhnen wurden, na ja, Dramaturgen, abgebrochene Juristen, Junior-PR-Consultants mit Jahresvertrag, Unternehmensberater mit Burn-out, Architekten und Start-up-Gründer, die seit Jahren kurz vor dem Durchbruch stehen.

Nein, die Generation der von 1975 an Geborenen wird deswegen nicht gleich aus der Mittelschicht absteigen. Sie kann sich ernähren und in Urlaub fahren. Aber was den Aufstieg in die nächste Klasse angeht, ist sie kollektiv versetzungsgefährdet. Der Anspruch, es „noch besser“ zu haben als die Eltern, ist oft nicht zu halten, zumindest nicht nach alten Maßstäben. Das kann irritieren. Etwa, wenn man mit Ende dreißig noch keine nennenswerten Ersparnisse und nur ein klappriges Auto hat und das Wertvollste im Haus die Espressomaschine ist. Wenn man lange nach dem Studium noch in studentischer Kulisse lebt, die Grundstückspreise der Stadt immer gleich weit vom Eigenanteil entfernt bleiben und man die Details der Altersvorsorge so gerne thematisiert wie den überfälligen Weisheitszahn. Es ist ein kollektives Erlebnis der Generation X und Y: Man arbeitet und hat auf dem Papier die bessere Ausbildung als die Eltern. Aber es bleibt gefühlt weniger hängen, es ist weniger vorzeigbar, und es waren viel mehr Brüche. Kurz: Man ist in Sachen Zuversicht und Schubkarre nicht auf Augenhöhe mit den Vorfahren.
Auf der Suche nach möglichen Gründen wird man durchaus fündig. Kinderlose Alleinstehende – was man im ersten Berufsjahrzent oft ist – haben hier 2017 durchschnittlich 49,7 Prozent ihres Einkommens als Steuern und Sozialabgaben weitergereicht. Gerade Sozialbeiträge und Lohnsteuer sind dabei im Vergleich zur Eltern- und Großelterngeneration gestiegen. Fürs Wohnen gehen heute statistisch noch mal gut 30 Prozent drauf. Es gibt Reallohnverluste, steigende Kosten für die Deckung der Grundbedürfnisse, die Notwendigkeit privater Altersvorsorge. Und welche Zinsen Mutti auf ihr Sparbuch und Vati für Bundschatzbriefe bekamen, ist Jungsparern nur schonend beizubringen. Aber darum soll es gar nicht gehen. Sondern um ein Ende des Mantras von einer Zukunft, die besser, lukrativer, glänzender sein muss. Diese historische Erwartungshaltung macht allen Beteiligten schlechte Laune und erzeugt Minderwertigkeitskomplexe in der Größe des Saarlandes. Weite Teile der heute werberelevanten Zielgruppe werden den Lebensstandard ihrer Eltern nicht übertreffen. Viele werden ihn gar nicht mehr erreichen. Basta.

Das heißt nicht, dass sie verarmen. Sie werden nur nicht unbedingt noch ein Haus bauen oder den Übertritt ins gehobene Bürgertum schaffen. Sie haben schlechtere Verträge, später mit der Altersvorsorge angefangen, ihre Investitionen riskanter finanziert und eine enorme Abgabenquote zu schultern. Auch die Jobs sind nicht mehr so, wie sie die Eltern in Erinnerung haben. Neue Ärzte, Anwälte, Piloten, leitende Angestellte verdienen nicht schlecht, aber oft nicht genug, um an die satten Verträge der Eltern ranzukommen. Und was die Akademiker angeht, die Dozenten, Wissenschaftler und angrenzende Bildungsbürgerbiografien, so sind sie heute meistens weit davon entfernt, Speck anzusetzen. Der Lehrer, der seiner Familie ein Haus baut und es bis zur Rente abbezahlt hat? Auch mit beinahe Nullzinsen in Ballungsräumen nicht mehr denkbar. Wer sich im wissenschaftlichen Mittelbau von Jahresvertrag zu Jahresvertrag hangelt, als Pädagogin über die Sommerferien arbeitslos meldet, im öffentlichen Dienst befristet am Mindestlohn entlangschrammt oder immer mal wieder berufliche Durststrecken überbrücken muss, der kann sich weder große Rücklagen noch Pläne leisten.
Man kann das als überzogene Abstiegspanik und hochtouriges Jammern abtun, wie einige Politiker. Oder den Millennials Faulheit vorwerfen, wie es zuletzt die BWL-Professorin Evi Hartmann auf Buchlänge getan hat. Man kann aber auch zur Kenntnis nehmen, dass sich die Arbeitswelt zwischen der Babyboomer-Generation und jenen Millennials eben komplett gewandelt hat. Es gibt sogar Termine dafür, den 26. April 1985 zum Beispiel. Damals unterschrieben Helmut Kohl und Norbert Blüm das Beschäftigungsförderungsgesetz. Es öffnete die Tür für unwirtliche Arbeitsmodelle, denen sich gerade Berufsanfänger seither ausgesetzt sehen: Leiharbeit, befristete Verträge, Teilzeit. Für die Arbeitssoziologin Nicole Mayer-Ahuja war dieses BeschFG der staatliche Beitrag zu einer Unternehmenskultur, die Arbeitnehmern drei entscheidende Nachteile eingetragen hat: schlechtere Vergütung, rechtlich oft prekärere Stellung und weniger betriebliche Absicherung. Außerdem beobachtet sie schon lange, dass Ausbildung nicht mehr viel mit dem Einkommen zu tun hat. „Mein Vater hat sein ganzes Leben bei der Sparkasse gearbeitet. Seine Chefs hatten Hauptschulabschluss, heute wird dort kein Azubi ohne Abitur eingestellt“, sagt Mayer-Ahuja. Und sie erzählt von den Statusunterschieden in Betrieben, die sie gerade erforscht. Von Abteilungen, in denen alle die gleiche Arbeit machen, aber zwischen Alt und Jung ein enormes Lohn- und Absicherungsgefälle herrscht. Die Gemütlichkeitsgrenze verläuft da einfach quer über den Kantinentisch.
Das individuelle Aufstiegserlebnis, das in den Nachkriegsjahrzehnten schnell und flächendeckend Zufriedenheit und materielle Belohnung brachte, lässt heute oft lange auf sich warten. Und wird für viele ihr ganzes Berufsleben so vage bleiben, wie ihre Renten schon sind. Eltern müssen begreifen, dass viele Sprösslinge sich nicht vorrangig um den Aufstieg bemühen können, sondern strampeln müssen, um einen Abstieg zu vermeiden. Das Erbe, das auf sie wartet, wird für viele Menschen der größte wirtschaftliche Erfolg in ihrem Leben werden. Dieses Vermächtnis noch zu mehren aber, wie es bis weit nach den Buddenbrooks für vornehm galt, dürfte meist nicht mehr praktizierbar sein.

Seufzen kann man darüber, zum Verzweifeln ist es zu früh. Denn natürlich ist das Leben besser geworden, man darf es nur nicht in Mercedes- und Schwäbisch-Hall-Maßstäben messen. Ein heute Vierzigjähriger hat wohl mehr Flugreisen und Hot-Stone-Massagen, Pekingenten und Bioprodukte intus als seine 70-jährige Mutter. Er nimmt Annehmlichkeiten in Anspruch, die für die Eltern noch als Luxus gelten: Restaurantessen, Kreuzfahrten, Putzservice und Sabbaticals. Das Geld ist heute nicht schwerer verdient, aber leichter ausgegeben und der kurzfristige Konsum wohl eines der größten Missverständnisse zwischen Alt und Jung. Und Fortschritte lassen sich vielleicht nicht bei Sparsamkeit und Landnahme vermelden, dafür aber bei Geschlechtergerechtigkeit, Umweltschutz und individueller Glücksuche. Weniger Arbeit, mehr Leben – vielleicht auch, weil es da noch Erfolgserlebnisse gibt?

Beim Erleben von Freizeit und Familie merkt manch einer dann auch wieder, dass es sich nicht auf dem Niveau abspielt, das er von früher gewohnt war. Das große Auto, den Garten, die Ferienwohnung? So was nutzt man dann eben wenn möglich weiterhin bei den Eltern. Wenn das beide Seiten akzeptiert haben, ist zumindest die familiäre Großwetterlage entspannt. Und dann lässt sich gemeinsam darüber reden, wie das mit dem Erbe so gedeichselt wird, dass vielleicht auch noch für die nächste Generation was übrig ist – aus der goldenen Polaroid-Zeit.

 

(erschienen in der Süddeutschen Zeitung)

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1 Kommentar

  • […] Max Scharnigg schreibt über unsere Eltern und uns, über die Erwartung, dass es kommende Generationen stets besser als vorhergehende haben werden. Haben sollen? Natürlich ist das auch ein soziologisches Thema, denn wenn wir uns entscheiden, mehr Freizeit haben zu wollen oder weniger zu sparen, dann sind das nicht nur wirtschaftliche Fragen. Auch deswegen sind sich Generationen bei Fragen des Erfolges oft fremd: Das Geld ist heute nicht schwerer verdient, aber leichter ausgegeben und der kurzfristige Konsum woh… […]

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