Mittwoch, August 22nd, 2018...13:20

Über die Stadtflucht

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„Und, wie lange bleibt ihr noch in der Stadt?“ Das ist eine Frage, die einem vor dem 30. Geburtstag nie gestellt wird. Danach aber in immer engerer Taktung und so oft, dass man kurz vor dem 40. das Gefühl hat, man wäre wirklich schon langsam der Letzte. Der Letzte aus der Alterskohorte, der im Innenstadtbereich ausharrt. Der letzte Mieter sowieso.

Die Frage klingt zu diesem Zeitpunkt nicht mehr harmlos, sondern eher wie eine Aufforderung, sich altersgerecht zu verhalten und endlich sich hinaus zu bequemen ins sogenannte Grüne. Womit weniger die Landschaft gemeint ist als vielmehr: dahin, wo noch genügend Stauraum ist. Weil man ja immer mehr Platz braucht, für sein Bindegewebe, die Kinder, Hunde, Campingbusse und was sich sonst so angesammelt hat. Es ist der klassische Verlauf des Verschwindens: vom zentralen WG-Zimmer in der Innenstadt zur Pärchenwohnung in einem der guten Stadtviertel zum Familienheim am Rand oder Land. Sic transit Freundeskreis. Es sind die vorgesehenen Wohnstationen des Lebens, und viele haken sie ab, ohne lange darüber nachzudenken, dass sie mit der Stadt eigentlich auch ihre Heimat verlassen. Die geben sie hin für das reichlich unklare Grüne oder einen gesichtslosen Ort im Speckgürtel, komplimentieren sich selbst hinaus. Und stehen dreißig Jahre später als alte Leut’ vor einem Haus voll leerer Kinderzimmer am Waldrand. Wie Schrotkugeln, die plötzlich Heimweh nach der Flinte haben.

Dieser programmierte Exodus führt zu einförmigen Besiedlungen, das kann man in Städten wie London und New York schon gut beobachten. Er sortiert die Jungen, Singles und Reichen mit ihren Singles- und Reichenplätzen in die Innenstädte, die Studenten in die Studentenviertel, die Kleinfamilien an die Ränder und die Großfamilien nahezu unsichtbar nach ganz draußen, wo es noch Eilzüge hat. Die Vielfalt, die Interaktion aller Alters- und sonstiger Schichten, die geteilte Öffentlichkeit, kurz das, was immer das beste Argument für die Stadt war, geht mit dieser Selektion irgendwann verloren. Aber was hilft’s? Wer im Zentrum mehr Platz als drei Zimmer beansprucht, ist, zumindest in einer Stadt wie München, entweder verrückt oder sehr wohlhabend.

Also zurück zur Ausgangsfrage, auf der man ja doch beständig herumkaut: Stadt oder Land? Wann ziehe ich die Rausleine? Und wie weit raus? Man muss kein besonders naturbewegter Mensch sein, um nach ein paar Jahren in der Stadt Zweifel zu bekommen: die Preise, die Enge, der Feinstaub, der allgemeine Kesseldruck. Dieser tägliche Krieg zwischen Hundehalter, Warnwestenradler, SUV-Fahrer und vollem Leergut-Automaten. Diese ungute Gemengelage aus Baustellen, Bürgerbüros und Bierdampfbusnachbar. Das kann einen krank machen oder zumindest mürbe, und diese Empfindung dupliziert sich mit jedem Kind, keine Frage.

„Verlasst die Städte!“ schrieb vor einigen Wochen Charlotte Roche, als Überschrift über eine viel beachtete Kolumne. Darin schilderte die ehemals urbanste Frau Deutschlands, wie sie dank eines kürzlichen Umzugs aufs Land ihren inneren Indianer entdeckt hat, jetzt mit dem Hund im Wald herumtollt, Tierlosung bestimmt und Pilze sucht. Sogar die Schönheit des Sternenhimmels nahm einigen Raum ein. Städte sind nach ihrer Deutung heute die Epizentren der Depression. Die Reaktionen auf diesen Text waren vielfältig. Ihre geneigte Leserschaft auf Twitter war irritiert von der weichgespülten Bauernhofromantik. Andere hämten über die Pilcherisierung der Buchmillionärin, die wenig mit der Realität des echten Provinzlebens zu tun habe. Viel Applaus gab es auch, von anderen Stadtflüchtlingen.

Nun sei Frau Roche eine Lebensmitte in idyllischer Alleinlage herzlich gegönnt. Sie hat vermutlich genug städtische Crazyness erlebt, um damit zwei Fachwerkhäuser zu füllen. Ihre Idealisierung des Landlebens ist aber trotzdem zu simpel, auch wenn sie in guter deutscher Romantiktradition steht. Denn alles, was sie als Vorteile für den Auszug anführt, kann man mit ein bisschen bösem Willen auch als Nachteile auslegen. Das Annähern an die Natur, das Selbstfinden in der Stille, die Rückbesinnung auf Hund und Familie lassen sich problemlos als jene Isolation interpretieren, mit der Stadtflüchtlinge oft leider noch schneller in Kontakt kommen als mit Rotkehlchen und Kartoffelernte. Denn bei der Stadt-Land-Abwägung wird meist zu wenig bedacht, dass da draußen seit jeher ein eigener Film läuft, in den man mit seinem Landlust-Abo und den neuen Gummistiefeln unsanft hineinplatzt. Im schlimmsten Fall steht man der autochthonen Bevölkerung dort zeitlebens immer nur im Bild. Das wird selten thematisiert, weil heute ja wunschgemäß alles gleichzeitig erlebbar sein soll. Landleben und Stadtdenken, Verwurzelung und völlige Freiheit, Anonymität und sozialer Anschluss. Die Realität der Rauszieher ist aber oft genug, dass sie in den Dörfern und Gemeinden lange fremdeln oder an den alten Strukturen verzweifeln. Wer von den Neuen geht denn gleich in den Schützenverein und zum Frauenbund, wer bewacht Maibäume und begreift die Fehden und ganz eigenen Gewaltenteilungen, die in jeder Gemeinde und jedem Dorf wirken? Niemand.

Lieber zieht man sich alsbald ins erworbene EFH zurück und kaschiert das als Errungenschaft, genau wie die Samstagausflüge in den Baumarkt. Das erträumte aktive Landleben bedeutet dann in Wahrheit: Man stellt Hecken und Zäune auf, baut dem Kind einen Spielplatz in den Garten und sich einen Pool, es kommt ein Riesenfernseher mit Netflix ins Wohnzimmer, eine Espressomaschine in die Küche, ein Supergrill in die Garage. Man verhängt sich mit diesem Klimbim sozusagen selbst eine Ausgangssperre. Schon hat man vergessen, dass es Kinos, Freibäder und Cafés, Bars oder Spielplätze gibt und dass man mal Teil der Öffentlichkeit war. Als Ersatz beginnt man irgendeine erbitterte Nachbarschaftsfehde. Alles was einen die Stadt gelehrt hat, die zwischenmenschliche Geschmeidigkeit und Kompromissbereitschaft, geht hinter der eigenen Hecke wieder flöten. Und nein, das lässt sich mit Sternbildern und Steinpilzen nicht kompensieren. Es ist die größte, schleichende Gefahr des Hinausziehens – man kreist im geistigen Sinkflug nur immer enger um sich selbst. Depression soll in den Städten entstehen? Das widerlegt schon jeder Spaziergang durch ein beliebiges Neubaugebiet. Oder die Zahl der populistischen Frustwähler auf dem Land.

Toll, dass die Kinder einfach in den Garten können, sagt man, wenn man auf Besuch ist. Nicht so toll, dass die Eltern in ihrem Garten niemanden mehr kennenlernen und ein bisschen vergessen, wie die Welt funktioniert. Die Enge der Stadt bedeutet immer Reibung, Austausch, Zwang zu Interaktion, Planung und Auskommen. Wenn man mit den Kindern täglich aus der Wohnung im dritten Stock rausmuss, weil alle sonst verrückt werden, kapieren sie früh, woraus die Welt besteht: aus allerlei Menschen mit unterschiedlichen Vorstellungen, aus Alt und Neu, leise und schrill, aus Gefahr, Gemenge, Rücksicht, Toleranz, Kommunikation und steter Veränderung. Die Software der Zivilisation, sie wird in den Städten weiterentwickelt.
„Und, wie lange bleibt ihr noch in der Stadt?“ Der Fehler dieser Frage liegt auch darin, dass so getan wird, als ob Stadt und Land beliebig zu tauschen wären wie die Nummernschilder am Auto. Als wäre das Land nur das Maxi-Menü, ein opulentes Update des Stadtlebens. Warum lautet die Frage nicht: „Und, wann zieht ihr in eine lebenswertere Stadt?“ Darauf wäre man schließlich konditioniert, wenn man den Großteil seines Lebens in Kreuzberg oder Haidhausen zugebracht hat. Man könnte vermutlich leichter in Lissabon oder Lima weiterleben als im katholischen Jodmangelgebiet vor München oder in der Uckermark. Stattdessen hält man es aber für richtiger, sich zum 42. Geburtstag 50 Kilometer vor der Stadtmauer niederzulassen. Denn eine andere Stadt würde ja bedeuten, dass man sein Leben richtig ändern muss, mit neuem Job, neuen Freunden, neuen Ärzten.

Das alles bleibt halbwegs, wenn man sich nur ein wenig hinauswagt. Man motorisiert sich stärker, der Integrationsdruck ist nur so mittel. Kein Wunder, dass einen die Einheimischen die ersten 40 Jahre lang nicht grüßen. Dabei könnte man von ihnen ja lernen, wie man hier gut und richtig lebt, die kennen ja die Codes. Zum Dazulernen und für ein bisschen Demut sind sich die Neuen aber meist zu fein. Wenn Städter vom Land reden, klingt es oft, als ginge es um eine Kolonie, die mit ihren Ressourcen Lebensqualität und guter Luft nur darauf wartet, ausgebeutet zu werden.

Vielleicht ist es das, was Lola Randl in einem Interview mit „diesen Projektmenschen“ meinte, die aufs Land ziehen. Sie ist Filmemacherin, ursprünglich aus München, dann Berlin, jetzt lebt sie seit einigen Jahren in Gerswalde, 100 Kilometer vor der Stadt. Es war der klassische Drang – endlich raus, endlich mal was sägen. Aus dem Wochenendsitz wurde bei Randl schnell ein Vollzeitlebensprojekt. Dass es einigermaßen geglückt ist, davon erzählt ihr Bio-Dokufilm „Von Bienen und Blumen“, der gerade in die Kinos kommt. Er erzählt auch: Wenn es auf dem echten Land für einen Städter erträglich sein soll, muss er was dafür tun. In Randls Fall war es so, dass sie ihre ganze Kreativclique hinauslotste. Der immer noch trostlose Uckermarkort erfreut sich heute einer Galerie, eines Verlages, einer Risografie-Druckerei und eines japanischen Cafés. Statt sich zu verändern, haben die Städter den Ort verändert, pardon, wiederbelebt. Gentrifizierung ist nicht nur ein urbanes Phänomen.

Was ist jetzt also mit der Einstiegsfrage? Wohin soll man, wenn man ein gutes Leben möchte? Die Stadt ist auf Dauer toxisch und kräftezehrend. Das richtige Landleben hat wenig mit Weißbier-Werberomantik und Forsthaus Falkenau zu tun. Es verlangt tonnenweise Idealismus und trägt – für Zugezogene – die Schrecken der Frühverödung und des Eigenbrötlertums in sich. Außerdem ist es auch gerne mal laut und feinverstaubt. Sicher, wer in der Stadt unglücklich ist, kann auf dem Land glücklich werden. Wer aber in der Stadt halbwegs glücklich war, bleibt es auf dem Land vermutlich nicht. Außerdem ist es für Arbeitnehmer immer noch ziemlich unpraktisch, wenn man nicht gerade Bücher schreibt oder vor Ort Filme drehen kann.

Deshalb gibt es ja die dritte Variante, das Umland, den Speckgürtel. Eine Kompromisslandschaft, in der es zwar schon teure Gartenanteile und Haushälften gibt, aber noch keine richtigen Kühe, Seen oder sonstige Naturphänomene. Wo man bereits zwei Autos braucht, aber noch keine Vereinsmitgliedschaft. Das Beste aus beiden Welten findet sich im großstadtnahen Umland. Oder das Schlechteste, je nach Sichtweise.
Womöglich wären kleine Städte, so zwischen dreißig- und hunderttausend Einwohnern, eine genauere Überlegung wert. Verschlafen genug, um zur Ruhe zu kommen, belebt genug, um sich nicht allein zu fühlen? Vielleicht. Oder aber, wir hören einfach mal auf, unser Lebensglück mit der Topografie zu verknüpfen.

(erschienen in der Süddeutschen Zeitung)

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