Mittwoch, November 7th, 2018...15:16

Über unseren Garten

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Wenn man sagt, dass man einen Schrebergarten hat, fragen die Menschen sofort: „Ist da nicht alles so faschistisch geregelt?“ Das Einzige, was jeder zu wissen glaubt, ist, dass es dort eine Art Inquisition gibt, die täglich mit dem Zollstock die Höhe der Hainbuchenhecke registriert. Nun ja, die Hecke ist auf 1,60 Meter Höhe zu halten, das steht tatsächlich im Kleingedruckten. Unsere Hecke am Weg hatte zwischenzeitlich erfolgreich die 2,50 Meter überschritten, und wir wurden nicht direkt gelyncht. Irgendwann fragte der nette Nachbar, ob er mal mit seiner Heckenschere drübergehen soll. Akkutechnologie ist ein Segen für Kleingärtner, das kann man sagen.

Das Erste, was wir von unserem Schrebergarten im Münchner Westen erspähten, war Flugschnee im Pampasgras, das der Vorbesitzer gepflanzt hatte. Es war Januar. In der Hütte stand eine Eckbank, die so aussah, als wäre zuletzt Walter Scheel darauf gesessen. Es gab Gardinen, die mehr Spinnwebe als Stoff waren, ein Stillleben aus geschnitzten Wachskerzen mit fossilen Wespen, und am Giebel hing ein nicht kleines Geweih. Man konnte sich keine zehn Sekunden aufhalten, ohne Brauchtumsbeklemmung zu bekommen. Auch der Garten machte hartgefroren nicht viel her. Drei krumme Bäume und Krähen, die zwischen den Beeten hüpften und uns anschauten, wie nur Krähen schauen, also schräg und altklug: Was wollen die denn?

Was wir wollten, das war ein Garten mit U-Bahnanschluss. Etwas, das die Stadtflucht hinauszögerte, die zu enge Wohnung entlastete. Einen Ort, der uns Luft zum Verschnaufen gab und den Tomaten mehr Sonne, als der Hinterhofbalkon über den Mülltonnen zu bieten hatte. Mit diesen Wünschen ist man in einer Stadt wie München nicht allein, im Gegenteil, nahezu alle Kleingartenkolonien (ein richtiges Bismarck-Wort!) melden volle Wartelisten. Bei uns hat es gegen jede Wahrscheinlichkeitsrechnung geklappt, in einer Gartenanlage, die so aussieht wie die meisten der über 100 Anlagen Münchens: Mit klimpernden Fahnenmasten und beschlagenen Aushangkästen, einem kroatisch-bayerischen Wirtshaus in der Mitte, mit Wegen, die nach Blumen benannt sind und die Spuren von Gartenzwergen enthalten können. Für nicht wenige Menschen aus dem Bekanntenkreis klingt das nach Vorhölle. Deshalb transportierte ich gleich ein paar Jahrgänge Vogue in die Hütte. Das sollte gegen die Ansteckung mit spießiger Laubenpieperitis helfen und gegen ihre Begleiterscheinung: im Unterhemd mit Weißbierdampf die Bayernfahne hissen, während im Hintergrund Tina Turner im Dudelradio röhrt. Das galt es zu vermeiden.

Natürlich habe ich nie in die Vogue geschaut. Viel zu viel zu tun. Denn der größte Irrtum ist, dass so ein Kleingarten erholsam ist, in dem Sinne, wie ein Strandurlaub erholsam ist. Grillen und Federballspielen, das war so die Vorstellung vom ersten Sommer in der Laube. Die Wirklichkeit ist mit Hackeln, Jäten, Klotzen, tonnenweise Biomasse Verklappen nur annähernd umschrieben. Erst von August an hielten wir es zum ersten Mal länger als vier Minuten im Liegestuhl aus. Gespielt wurde überhaupt nie, sofern man das Herumtragen von Fröschchen nicht dazuzählt. Bevor wir im Frühling wochenlang kopfüber in den verwilderten Beeten verschwanden, verboten meine Frau und ich uns noch das Wort Schrebergarten. Es klang zu sehr nach Krupphusten und Kehrwoche. Wir sagten also: Gehen wir morgen in den Garten? Später nur noch: Gehen wir? Heute treffen wir uns ohne Verabredung, als wäre der Garten mit dem Quittenbaum ein Zimmer unserer Wohnung geworden.

Es gibt viele Momente, in denen man den Unterschied zwischen Urban Gardening und Kleingärtnern merkt. Der komische Anhörungstermin bei der Zweigstelle vom Verband zum Beispiel, wo man persönlich eine Unterschrift leisten muss. Der Moment, in dem man am Brunnen mit dem Nachbarn die Vorzüge des Gardena Unkrautstechers erörtert. Oder wenn man morgens vor Aldi wartet, weil sie Hornspäne und drehstapelbare Mehrzweckkörbe im Angebot haben. Ja, es gibt im Garten einen Grad der Verzweiflung, so etwa Anfang Juni, von dem an man glaubt, dass nur sehr viele drehstapelbare Mehrzweckkörbe noch helfen können.

Im Mai sagte meine Frau, sie wäre sich der Schrecklichkeit ihres Ansinnens bewusst, aber sie hätte gerne einen Fugenkratzer. Das sind Sachen, die einem keiner vorher erzählt. Und für die die Fantasie schlicht nicht gereicht hat, als man in den Kneipen noch von „Organic Gardening“ und „Grow your own“ fabulierte. Uns wurde im Tulpenweg schnell klar, dass es trotz aller Blogs und Zeitgeisthefte nie hip sein kann, einen Garten zu haben. Denn das Modische, Ironische, Coole, Plakative prallt schnell an den Naturgesetzen ab, nach denen der Mensch seit jeher seine Scholle bestellt. Seedbomb werfen im Park oder Klettergurke am Palettenmöbel ist das eine. Garten aber, das ist: Brennnesselsud und schmutzige Nägel, ist Schneckenbatz, Bohnenurwald und „Hoppla, jetzt hab ich aus Versehen die Karotten ausgerissen!“

Anders gesagt: Anfang März standen wir noch mit Hunter-Gummistiefeln herum und kicherten dämlich über die aufziehende Löwenzahnkatastrophe, in der Hand ein Kristallglas mit Gin Tonic. Im Mai hatten wir Stiefel, Gläser und Tonic längst hinter uns und losten abends aus, wer erdverkrustet mit dem Klapprad zum Kroaten fahren muss, um Bier zu holen.

Stadtpublikum neigt dazu, das Gärtnern zu verklären. Es sieht Damen in Leinenkleidern vor sich, die achtsam Lavendelblüten in den Holzkorb legen. Wir haben auch Lavendel. Was er und alle anderen Pflanzen schätzen, sind weniger Leinenkleider als vielmehr monotone Arbeit, bei der einem die Knie- und sonstige Scheiben verlustig gehen. Jäten, mähen, gießen – der Trick des Gärtners ist es, bei diesen stoischen Wiederholungen das Ziel nicht aus den Augen zu verlieren. Übrigens eine gute Übung fürs ganze Leben. Außerdem: Yoga ist ja auch immer Wiederholung und wird als wohltuend empfunden. Obwohl am Schluss nicht mal Gurken, Rettiche und Koriander warten. Aber wer sagt, dass er gerne Unkraut jätet, der lügt. Wer sagt, dass Unkraut nicht so schlimm sei, lügt leider auch. Das Komische ist – wo ich das alles schreibe, würde ich lieber unsere zwei akuten Meter Mangold jäten, als am Schreibtisch zu sitzen. Denn es liegt eben doch, gut versteckt, eine Erholung darin. Man bekommt wieder eine Idee vom eigenen Wirkungsgrad. Weil man jeden Handgriff, jede Stunde Arbeit sieht. Und spürt.

Im Juni und Juli waren wir kaum in der Wohnung, so fühlte es sich an. Freunde und Familie hatten gelernt, dass wir im Tulpenweg empfingen und kamen einfach vorbei, wie sie es sich in der Wohnung nie erlaubt hätten. Einen Garten muss man nicht aufräumen und saugen, jeder Gast fand einen Lieblingsplatz, mitgeführte Kinder sahen zum ersten Mal, wie aus Blüten Gurken und Zucchini werden und wo Kartoffeln herkommen. Und die Erwachsenen, die erst immer ein bisschen storchig zwischen den Beeten herumstaksten, noch bürosteif und stadtglatt, saßen am Ende im Gras unter dem Zwetschgenbaum, jagten Maikäfer und Glühwurm und boten an, die nächste Runde Bier zu holen, weil sie gern mit dem winzigen Rad rumeiern wollten. Eine Kleingartenanlage ist so uncool, dass keiner irgendwas darstellen muss.

Und es ist der Ort in der Stadt, an dem man die wenigsten Smartphones sieht. Der digitale Fortschritt kann einem beim Gärtnern schnurz sein. Es ist eine Analogkur, die sich so gesund anfühlt wie die Kohlrabi und Rote Beten, die sich auf jeder Ablagefläche unserer Wohnung stapeln. Kurz hatte ich eine Pflanzenscanner-App installiert, die eine Tulpe nicht von einem Ahorn unterscheiden konnte. Seither wird mit bordeigenen Mitteln bestimmt, was da wuchert, also mit Augen, Nase, Mund. Alle sprechen immer von Erdung, hier passt es mal. 300 Quadratmeter Garten sind eine Menge Erdung. 200 hätten auch gereicht.

Es ist jedenfalls genug Platz, um sich vage daran zu erinnern, dass Glücklichsein mal wenig mit Kaufen oder Klicken zu tun hatte. Sondern eher mit dem Gefühl, zwei Hände in gesiebte Komposterde zu graben oder sich Radieschen direkt aus dem Beet in den Mund zu schieben. Sachen, die einem zuletzt als Kind Freude gemacht haben. Nicht nur deswegen ist unser Garten eine Zeitmaschine. Auch weil von jedem seiner Pächter etwas darin weiterlebt. Wer mag den Baum gepflanzt haben, dessen Äpfel heute zwar klein bleiben, in dessen Schatten man aber so hübsch die Hände ringen kann? Wem gehörten die antiken Schaufeln und Hacken, die in einem Hohlraum unter der Hütte lagen? Wer hat sich schon alles an den alten Westerland-Rosen erfreut, wer hat das Geweih aufgehängt? Gärten sind Biografien, auch das lernt man, wenn man hier dreimal die Woche entlanggeht. Vorbei an der Parzelle, wo die Frau gestorben ist, nach 35 Jahren im Garten. Und wo der Mann nur noch auf der Bank sitzt und zusieht, wie ihre Pflanzen nach und nach alles überranken.

Die Hütte haben wir zu Beginn leer gemacht, einmal umgedreht und kräftig ausgeschüttelt. Einen Eimer Farbe später war sie vielleicht noch nicht instagramtauglich, aber sie war unser kleines Haus, in dem wir in Regenpausen Kaffee kochten, Samentütchen beschrifteten und zuhörten, wie das Eichhörnchen übers Dach rumpelte. Es führt eine fetischhafte Beziehung mit dem Geweih und geht ihr gut sichtbar am Giebel nach. Gut sichtbar sind auch die Nachbarn und ihre Ideen von Freizeit, denn links und rechts gibt es keine Hecken. Der Besitz eines Kleingartens ist deshalb ein kräftiger Schubser raus aus der sozialen Blase. Das war die Absicht vom alten Moritz Schreber – der Garten als verbindendes Element. Bedeutet in der Realität: Einer macht ein Familienfest, einer dengelt an der Dachrinne, der dritte mäht im Akkord, der vierte will dösen. Und Tina Turner läuft auch immer irgendwo. Das Komische ist, es funktioniert trotzdem. Man sieht sich, grüßt sich und tauscht über dem Kompost Katastrophenszenarien aus. Vor dem Giersch und der spanischen Wegschnecke sind eben alle gleich.

 

(erschienen in der Süddeutschen Zeitung)

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