September 12th, 2016

Über das Sparen

Meine Mutter ist eine schwäbische Protestantin. Das ist ein äußerst lebenstüchtiger und unerschrockener Menschenschlag. Ich wurde von ihr in der Überzeugung erzogen, dass man alles schaffen kann, wenn man nur frisch und fröhlich ans Werk geht und Bundesschatzbriefe hat. Es machte mir Spaß, an ihrer Hand am Weltspartag zur Bank zu laufen und für mein kleines Sparbuch einen neuen Eintrag und irgendwas aus buntem Plastik zu bekommen. Sparen ist gleich Belohnung, das war die prägende Botschaft dieser Ausflüge. Erst Belohnung in Form eines Spielzeugs und später in Form von dem, was meine Mutter ein „hübsches Sümmchen“ nannte.

  Reichtum interessierte sie übrigens genauso wenig wie die Sonderangebote bei Aldi. Sie war nicht übertrieben sparsam, sie war sparfröhlich. Zinsrechnung machte meiner Mutter gute Laune.

  Aber das waren auch die Achtzigerjahre, ein Jahrzehnt, in dem die einfachen Sparzinsen bisweilen bei fünf Prozent standen. Fünf Prozent! Ich kenne heutige Börsenmenschen, die froh sind, wenn sie am Ende eines Jahres so eine Rendite für ihr Portfolio ausrechnen können. Damals aber vermehrte sich das Geld tatsächlich einfach von selbst auf der Bank, unsere Eltern trugen es dorthin und schauten sich danach im Kino „Wall Street“ mit Michael Douglas an. In der ruhigen Gewissheit, dass die Handlung nichts mit ihrer Welt und ihrem Geld zu tun hatte. Bald würden aus ihren Bausparverträgen Bauaufträge werden und später Reihenhäuser mit Tischtennisplatte in der Garage, in denen wir friedlich aufwachsen konnten. Hinein in eine Welt allerdings, in der das Sparen nicht mehr so einfach war, dass es von leicht irren Bankmaskottchen wie der Sparbiene Sumsi oder dem redlichen Volk der Knaxianer vermittelt werden konnte.

  Im Alter von elf Jahren hielt ich also folgerichtig nicht nur Bundesschätze, sondern auch einen kleinen Sparbrief, einen kleinen Bausparvertrag und zwei Sparschweine. Dass ich mir unter Bundesschätzen einen piratenmäßigen Goldhaufen vorstellte – egal. Im Grunde tue ich das heute noch. Nur dass ich schon lange keine Bundesschätze mehr habe, keinen Bausparvertrag und kein Sparbuch, alles irgendwann aufgerieben. Die drei Säulen, auf die meine Mutter einst meine Zukunft stellte, sind in den letzten zwei Jahrzehnten unbedeutend geworden. Es wird bisweilen sogar davor gewarnt, sein Geld noch an einem dieser Orte anzulegen. Und nicht nur das, Sparen an sich, diese Grundtugend der alten BRD, ist irgendwie in Verruf geraten.

  „Die Deutschen geben ihr Geld mit vollen Händen aus“, titeln die Wirtschaftsteile der Zeitungen seit einigen Jahren und jedes Quartal wieder. Die Zahlen der dabei zitierten Statistiken sind kaum zu glauben: Hui, sind das wirklich wir? Hemmungslosen Konsumenten, die seit ein paar Jahren immer noch mehr für Möbel und Haushaltsgeräte ausgeben? Dinge also, die man schon hat und bald wieder neu haben möchte. Wie so ein durchgeknalltes Kreditkarten-Volk! Wir, die schon vor zweihundert Jahren das Sparbuch für uns entdeckt haben und etwas später das gesellige Sparen in Vereinen. Wenn uns die hohe Kante nicht mehr heilig ist, wem dann?

  Gleichzeitig wird so viel übers deutsche Sparen geredet wie nie zuvor. Gerade wurde Wolfgang Schäuble öffentlich als Spar-Fetischist gebrandmarkt, der Südeuropa am liebsten einen lebenslangen Weltspartag verordnen würde, aber ohne buntes Plastikgeschenk. Schäuble ist badischer Protestant. Das Sparen im Sinne von Sparmaßnahmen liegt jedenfalls seit den großen Krisen absolut im Trend. Aber das gute, fröhliche Sparen meiner Mutter, das ist verschwunden. Warum?

  Weil die Zinsen verschwunden sind. Der Leitzins in den USA, Großbritannien und Europa ist eine große Null. Daran wird sich so schnell nichts ändern, sagen Volkswirte. Möglich, dass unseren Kindern das Prinzip Plus-Zins und der Zusammenhang von Banken und Ansparen so fremd sein werden wie Autofenster zum Kurbeln.  

  Also, Geld, das man ablegt, bleibt heute erst mal nur das Geld, das man abgelegt hat. Eigentlich ganz natürlich: Wenn man einen Apfel irgendwohin legt, sind nach ein paar Jahren ja auch nicht zwei daraus geworden. Er ist nur geschrumpelt. Und genau das droht dem Geld ohne Zinsen angeblich auch bald – ein bisschen zu schrumpeln. Wobei sich Negativzins-, Inflations- und Deflationsexperten mit ihren Prognosen in etwa so einig sind wie Schäuble und der kleine Mann von der griechischen Straße. Aber weil das so eine Horrorvorstellung ist, schrumpelndes Geld, geben wir es jetzt lieber gleich aus.

  Das Statische Bundesamt vermeldet seit Jahren mehr Haushaltsausgaben bei sinkenden Preisen, die private Spendierhose der Deutschen hatte 2015 die Bundweite von 1,63 Billionen Euro. Damit sorgen wir für saftige Binnenkonjunktur, die wieder dazu beiträgt, dass Deutschland anderen Ländern das Sparen vorschreiben kann.

  Raushauen, weil es gerade nicht rentiert? Eine Logik, bei der die brave Sparbiene Sumsi wohl randalieren würde. Vielleicht ist im Zinsfieber unserer Eltern, dem Börsenhype der Neunziger mit T-Online-Robert, gefolgt von flächendeckenden Steuerfluchten, etwas Elementares untergegangen. Sparen bedeutet nicht nur vermehren und abgreifen, sondern erst mal einfach nur Vor-Sicht. Wer etwas spart, geht grundsätzlich davon aus, dass er eine Zukunft hat. Es ist eine positive Lebenseinstellung. Angesichts der prekären Arbeitsverträge, in denen meine Generation unterwegs ist, angesichts der Schnelligkeit, mit denen aus Top-Arbeitgebern sinkende Schiffe, aus mittelgroßen Städten teure Edelpflaster, aus der Mittelschicht ein Mittelschacht nach unten und aus der gesetzlichen Rente Gänseblümchen werden, scheint Sparen heute mehr denn je angebracht. Nur wie und wo?

  Mit 19, gleich nach dem Zivildienst, wollte ich Infineon-Aktien kaufen, machten ja damals alle. Es war das letzte Mal, dass ich einem Bankberater leibhaftig gegenübersaß. Er klärte mich über die Mindestzeichnungsmenge auf, damit hatte sich die Sache mit der Aktie erledigt. Aber er verkaufte mir einen Aktienfonds mit Sparplan, der viel später mal als Volksfonds tituliert werden würde. 100 Mark im Monat, breit gestreutes Aktienpaket, weltweit und mit, äh, branchenüblichen Nebenkosten. Wenig, aber regelmäßig, das war nach Ansicht meiner Mutter sowieso der goldene Weg, also kaufte auch sie an diesem Tag die ersten Fondsanteile ihres Lebens.

  Eine grundlegende Börsenregel verstand ich damals – schlechte Kurswerte sind gar nicht unbedingt schlecht für den Sparplan-Fonds, für die 100 Mark gibt’s dann eben mehr Anteile, über die ich mich in guten Zeiten freue. Leider waren die Zeiten an der Börse in den nächsten zehn Jahre recht wechselhaft. Meine Mutter stieg deshalb irgendwann wieder aus, das Misstrauen in diese Kurven, die immer wieder nach unten zeigten, war zu groß.

  Damit ist sie in bester Gesellschaft. Eine Umfrage der Postbank ergab kürzlich, dass mehr als 70 Prozent der Deutschen zwar etwas zurücklegen, das meiste davon aber noch auf Sparbuch und Girokonto entfällt. Bedeutet nichts anderes, als dass wir die Entscheidung, etwas damit zu machen, dauerhaft vertagt haben und dabei sind, Geld zu verlieren. Wir sind zu träge für die neue Sparwelt, niemand hat sie uns beigebracht. Vielleicht ist die Bereitschaft zum Ausgeben in den letzten Jahren auch nur gewachsen, weil wir insgeheim von der eigenen Unbeweglichkeit in Anlagedingen so genervt sind. Lieber gleich nix haben, als das Wenige so vernachlässigen! Aktien und Fonds kamen bei der Postbank-Umfrage übrigens auf dem letzten Platz; sogar die Zahl derjenigen, die ihr Geld tatsächlich zu Hause aufbewahrten, war noch etwas höher. Ha! Das geht an alle, die Lehrpläne für Wirtschaftsunterricht an den deutschen Schulen schreiben.

  Ich halte diesen winzigen, ersten Fonds seit fast zwanzig Jahren und hatte bei der letzten Abrechnung eine Summe im Depot, die etwa doppelt so hoch war, als wenn ich das Geld jeden Monat ins Sparschwein gelegt hätte. Aber ein kleiner Fonds reicht natürlich nicht. Jeder aus meiner Generation weiß, Erben ausgenommen, dass es niemals reichen wird. Nicht mit der normalen Rente, nicht mit 200 Euro im Monat Privatvorsorge und einer mittelernsten Lebensversicherung. Wir werden alt werden und viel länger Möbel, Haushaltsgeräte und Tofu-Wurst kaufen müssen, als wir uns das heute ausrechnen. Ein maßgeblicher Teil der Finanzstrategie meiner Generation ist deswegen: Verdrängung.

  Aber man googelt natürlich doch an einem engagierten Abend im Jahr herum, schnorchelt in der Welt der Finanz-, Börsen- und BWL-Foren, abonniert Börsenbriefe und schwer deutbare Expertisen und taucht mit hundert vagen Fahrplänen wieder auf. Das ist vielleicht das größte Problem des neuen Sparens, jeder verheddert sich beim einsamen Knüpfen des eigenen Sicherheitsnetzes, jeder nutzt andere Knoten dafür. Investieren in Gold und Immobilien, in Daimler oder asiatische Tech-Aktien? Kunst kaufen oder den letzten kalifornischen 911 importieren? Weiter mit Riester- oder Rüruprente? Schottische Festgeldkonten? Altersvorsorge mit Lebensversicherung oder Fonds? Dynamik, Risiko, gehebelte Optionsscheine? Von allem ein bisschen? Oder auf nur zwei Pferde setzen und hoffen, dass sie in 30 Jahren noch ins Ziel finden?

  Mit dem eigenen Geld ist es ein bisschen wie mit dem eigenen Kleinkind: Es gibt tausend Ratschläge, aber man misstraut allen. Und weil man hierzulande immer noch sehr viel schwerer übers Geld statt übers Kind redet, wurschteln viele mit ihrem Ersparten schamhaft leise und halbherzig herum. Ewige Statusmeldung: Es ist diffus. Es herrscht Angst vor Ausgabeaufschlägen, Börsengurus, Onlinebanking und den Honoraren von Finanzberatern, es herrscht vor allem der Irrglaube, für das bisschen, was sich auf dem eigenen Festgeldkonto gesammelt hat, würde sich das alles eh nicht lohnen. Also, wir müssten mehr darüber reden! Das Thema Anlegen und Vorsorgen muss den Typen in Anzügen weggenommen werden, es soll auch nicht mit erhobenem Zeigefinger im Hinterzimmer der Verbraucherzentrale stattfinden. Eigentlich sollten die aus der Mode gekommenen Sparvereine gerade heute florieren und im Anschluss an die Yoga-Kurse auf der Rooftop-Terrasse tagen.

  Seit ich mein eigener Finanzminister bin, gefällt mir übrigens das englische Wort für Erspartes besser: Savings. Das klingt viel mehr nach dem, was Sparen im Alltag ist – das, was man retten konnte aus der Flut der monatlichen Ausgaben, was man irgendwie ins Trockene gebracht hat.

  Wenn ich das erzähle, halten mir Altersgenossen Vorträge übers Eigenheim, schneller als ich „Sparerpauschbetrag“ sagen kann. Ja, Betongold ist ein wichtiges Thema, zu dem ich jedes Argument schon gehört habe. Aber ich will nicht. Will auch bei Niedrigzinsen keinen sagenhaften Schuldenberg, keine fiese Kompromisswohnung in S-Bahn-Nähe, kein betoniertes Spielbein. Bitte, das ist meine persönliche, diffuse Anleger-Angst. Ich habe Freunde in den Niederlanden und Dänemark, die seit zehn Jahren Hausbesitzer sind. Da wird schnell gekauft, Banken finanzieren fast 100 Prozent, und Schulden sind allen eher egal. Aber die hatten eben keine schwäbische Protestantin als Mutter.

  Die ersten zehn Jahre meines Erwerbslebens war ich selbständig. Ja, ich habe den Traum gelebt. Und schrecke bisweilen immer noch aus dem Schlaf auf, weil ich denke, das Finanzamt läge unterm Bett.Selbständigkeit ist eine gute Sparschule, weil der große Steuerhammer erst spät zuschlägt. Außerdem schaut man ständig auf sein Konto, weil man neugierig ist, ob der Auftraggeber noch zwei Monate mehr zum Überweisen braucht. So konnte ich live mit ansehen, wie mein Tagesgeldkonto langsam verhungerte. Als es drohte, sich selbst zu verdauen, kaufte ich ETFs. Das sind Fonds mit Stützrädern, sie kopieren feste Indizes. In einen ETF zu investieren ist etwa so, als würde man nicht ins Museum gehen, sondern nur in dem Bildband dazu blättern, man spart sich Kosten für Eintritt und Anfahrt.

  Ich legte mein Erspartes (Nicht alles, Mama!), in einen Dax-ETF, supersimpel. Wenn ich im Radio höre, der Dax fällt oder steigt, weiß ich, was mein Depot macht. Es ist bestimmt das unglamouröseste Anlagekonzept, und ich würde es niemals öffentlich empfehlen. Aber es funktioniert für mich, und in den letzten drei Jahren hat der Dax im Schnitt doch über 20 Prozent zugelegt, dieses brave Töfftöff. Ich kaufe nach einer Talfahrt und verkaufe, wenn er wieder gestiegen ist, so ergänze ich zumindest das, was mir an Zinsen entgeht, manchmal mehr. Es macht Spaß, nur ist der Dax keine feste Vorsorge, es kann gut gehen oder auch nicht. So ist das wohl, beim neuen Sparen. Eine positive, schwäbische Lebenseinstellung ist dabei aber immerhin noch genauso hilfreich wie früher.

September 12th, 2016

Überall Flamingo

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Mit Trendtieren ist es so eine Sache. Sobald sie als solche klassifiziert sind, ist ihre Karriere meistens schon wieder beendet, denn einen Großteil ihres Erfolges ziehen sie nun mal aus dem putzigen Überraschungseffekt. Bestes Beispiel ist die Eule, die man so etwa bis zum Jahr 2011 außerhalb von Märchenbüchern gar nicht mehr auf der Rechnung hatte, schon gar nicht im sogenannten Lifestyle-Bereich. Dann aber brach, mutmaßlich ausgelöst durch Kindermode, befeuert durch lustige Youtube-Clips und die allgemeine Infantilisierung, eine regelrechte „Eulphorie“ aus, die in kurzer Zeit dazu führte, dass jede verfügbare Baumwolle entweder in Eulenform gepolstert oder mit Eulenvarianten bedruckt wurde. Eine großäugige Kerzen-, Seifen-, Schmuckanhängerwelle folgte, flankiert von Eulen-Uhren und ebensolchen Schneidebrettern. Woraufhin nimmermüde Blogger Essays zu diesem Phänomen schrieben, kauzige Essays, in denen der weltweite Eulen-Konsens festgestellt wurde, was es reststolzen Menschen wiederum sofort unmöglich machte, fürderhin noch mehr Eulen-Merchandise nach Hause zu schleppen – (B)uhu!

  Eine kurze Zeit lang sah es danach so aus, als könnten Einhörner das Rennen machen. Ihre Population wurde aber von der gleich darauf einsetzenden Flamingo-Invasion wieder relativ umstandslos ausgerottet. Der Flamingo ist nun etwa seit einem Jahr das Maß aller tierischen Zierdinge und erreicht in diesem Sommer den Höhepunkt seiner Ansiedlung zwischen Wohnzimmer, Szene-Boutique und Kleiderschrank. Keine Frage, er steht dabei auch auf einem Bein wesentlich stabiler als die Eule. Denn er hat nun mal diese prägnante Färbung, die seine tatsächliche Anwesenheit gar nicht unbedingt notwendig macht, es reicht schon das Flamingo-Pink, das es derzeit als spezifische Haartönung ebenso gibt wie als Farbe von Sitzkissen, Jeans und Lippenstiften.

  Ob zuerst also die Farbe Trend wurde oder das ganze Tier, ist nicht mit Sicherheit zu sagen. Klar ist aber, dass der Vogel selbst eben auch besondere ästhetische Qualitäten hat, er ist eine zeitlose Schönheit, mit diesen perfekten Jugendstil-Körperteilen: Strichdürre, superlange nackte Beine, der herrlich rosawolkige Rumpf, die kunstvoll geschwungene Halsranke und dann der kühn schwarz-getunkte, aber kräftige Schnabel, der das ganze Vogel-Standbild vor allzu großer Kitschigkeit rettet, eben trotz dieser sagenhaften Farbe. Schon vor über 250 Jahren notierte der Botaniker und Jesuit Francesco Cetti: „Mit schöneren Farben schmückte sich nie die Göttin des Morgens, glänzender waren nicht die Rosengärten des Pästus als der Schmuck, den der Flamingo auf seinen Flügeln trägt. Es ist ein lebhaft brennendes Rosenrot, ein Rot erst aufgeblühter Rosen.“

  In der derart geschilderten Pracht wirkt der Flamingo bis heute als wirkliches Tier nicht ganz lebensfähig, eher wie eine etwas irre Kunstaktion. Deshalb scheinen die derzeit stattfindende Domestizierung und die hemmungslose Zuneigung der Kreativen und etsy-Bastler zum Flamingo auch ganz logisch: So was Schönes soll doch bitte nicht draußen irgendwo im Wasser stehen. Nein, der Flamingo macht sich auf Tapeten und Seidenslippern, auf Jersey-Tops bei H&M und Porzellan einfach sehr viel besser – oder gleich in der aktuellen Pre-Fall-Kampagne von Gucci, wo die Models mit Flamingos um die Wette schön herumstehen. Schon der Name ist ja auch eine lautmalerische Delikatesse und nahezu weltweit verständlich, was dem globalen Hype sicher nicht abträglich war. Nur die Franzosen setzen noch einem drauf und rufen ihn: Flamant! Nie war ein Eigenname wohl gleichzeitig so ein passender Ausruf.

  So sehr der Flamingo also als kunstvolles Accessoire und temporäre Stilphilosophie taugt, man sollte ihn doch durchaus auch mal wieder leibhaftig im Zoo besuchen. Es ist dann nämlich der seltene Fall zu beobachten, dass sich ein vornehmes Tier auch tatsächlich ebenso beträgt, der Stelzvogel scheint auch charakterlich flamboyant zu sein. Da sind die wunderlichen S-fömigen Verrenkungen des Halses, als würde er sich fortwährend zieren. Da ist die elegante Schlafposition auf einem Bein und schließlich der grazile Flug, den der alte Brehm im gleichnamigen „Tierleben“ so beschreibt: „Gegen anderer Langhälse Art streckt dieser Vogel nämlich im Fliegen außer den langen Beinen auch den langen Hals gerade von sich und erscheint deshalb auffallend lang und schmächtig. An diese Gestalt sind nun die schmalen Flügel genau in der Mitte eingesetzt, und so nimmt der fliegende Flamingo die Gestalt eines Kreuzes an.“

  Das sind also optische Bestnoten zu Lande, zu Wasser und in der Luft! Auch die Nahrungsaufnahme, die doch für gewöhnlich ebenjene tierischen Komponenten eines Tieres recht deutlich aufdeckt, löst der Flamingo galant: Kopf unter Wasser, Schnabel in den Schlamm gedrückt und dann wird mit der Zunge schnabuliert und zwar ohne Publikum.

  Warum sich nun gerade die Generation Instagram ein Wappentier sucht, das die meiste Zeit nur dekorativ herumsteht oder den Kopf in den Sand steckt, darüber darf von hämebegabten Menschen spekuliert werden. Der große Vorteil des Trend-Flamingos gegenüber der ollen Trend-Eule ist jedenfalls, dass er nicht und niemals niedlich ist. Es gibt keine putzigen Videoclips mit ihm, niemand will mit einem Flamingo kuscheln. Er ist blanke, surreale Schönheit. Und er hat dazu diese leicht schwüle Aura, die auf ein modernes Genderverständnis schließen lässt. Er ist exotisch, aber nicht zu sehr, kein Haustier und nichts zum Essen – wenn auch alle anderen Epochen vor uns Flamingozungen als die ultimative Delikatesse gefeiert haben. Aber nein, der Flamingo ist heute der Federn gewordene Eskapismus und damit das perfekte Trendtier. So lange zumindest, bis irgendjemand anfängt, Texte darüber zu schreiben.

Mai 17th, 2016

Über Marimba und Klingeltöne

Es gibt spannende Videos auf Youtube. Und es gibt es ein sechs Sekunden langes Video mit dem Titel „Marimba!!“. Darauf sieht man ein altes iPhone, das den gleichnamigen Klingelton abspielt. Sonst passiert in dem Film nichts. Er wurde 1,8 Millionen Mal angeklickt. Das zu erklären wird ziemlich schwierig.

  Dabei war anfangs alles so einfach. Der Klingelton war in der Frühzeit des Mobilfunks so ungefähr das spannendste Accessoire, das ein Handy hatte – schon alleine, weil sich sonst nicht allzu viel damit herumspielen ließ und die Modelle alle ziemlich ähnlich aussahen. Das getragene Telefon war noch Statussymbol, man wollte durchaus damit auffallen und ließ es deswegen laut klingeln, erst monoton und ab 2002 dann polyfon. Gleichzeitig mit der Vielstimmigkeit entwickelte sich ein ganz neues Geschäftsmodell: die Klingeltonanbieter. Sie brachten so dezente Werbeträger wie den Crazy Frog in Umlauf und sorgten mit ihren massiven Werbeschaltungen im Alleingang für das Fortleben von Nischensendern – mehr als 90 Millionen Euro steckten Firmen wie Jamba in den besten Jahren in diese lauten Nonstop-Clips. Die Landesmedienanstalten sahen sich 2005 sogar zu der offiziellen Feststellung genötigt, dass offenbar in bis zu 90 Prozent der Werbezeit bei Musiksendern Klingeltöne verkauft werden sollten.

  Das war der nervige Höhepunkt der Klingelblase. Die Geräte sollten Lärm machen, man konnte kaum erwarten, sein neuestes Jingle vorzuführen. Eben ganz, wie es einem ein Typ in Unterhosen im zweitnervigsten Klingelton-Werbespot entgegenbrüllte: „Alter, ruf mich auf meinem Handy an!“ Ja, anrufen, das machte man damals eben noch.

  Als Gegenpol zu der anstrengenden Klingel-Hitparade der Schüler im Bus etablierten sich um diese Zeit auch zwei Standard-Töne für die gemäßigten Hörer. Das altmodische Ring-Ring (Old Phone), das schon die Sehnsucht nach einem Leben ohne den aufdringlichen Crazy Frog ausdrückte. Und natürlich das vom damaligen Marktführer etablierte Nokia Tune, das einem hundert Jahre altem Werk des spanischen Komponisten Francisco Tárrega entnommen war und heute so altbekannt nostalgisch tönt wie ein mütterlicher Lockruf.

  Zwei Jahre später kamen das iPhone und seine Epigonen und ließen das Trash-Geschäft mit den Klingeltönen ebenso umstandslos erodieren wie Nokias Führungsrolle. Denn das waren Geräte, die mehr konnten, als nur Laut zu geben, sie hielten ganze Musikbibliotheken vorrätig. Gleichzeitig passte der Klingel-Klimbim nicht zum puristischen Auftritt des iPhones und Steve Jobs Philosophie vom einfachen Leben mit schöner Technik. 25 neue Klingeltöne waren auf dem Pionier-iPhone vorinstalliert, darunter Instant-Klassiker wie das besagte Marimba-Thema oder auch das knackige Piano Riff, eine Zeitlang Pflichtsound auf jedem Konferenztisch der westlichen Welt. Der Schöpfer dieser Akustik ist übrigens der deutsche Chirurg Gerhard Lengeling, der zum Musikprogrammierer umsattelte und schließlich Apples Kapellmeister wurde. Seine Botschaft war unmissverständlich: Klingelton ja, aber nicht mehr. Dezente Sounds in guter Qualität, das passte zum Gesamtbild von Apple. Vermutlich deswegen ist der Sechs-Sekunden-Clip auf Youtube über die Jahre zu einer Art Pilgerort geworden, der an die glorreichen Anfänge dieser neuen Mobil-Generation erinnerte und als Quelle für alle diente, die zwar kein iPhone haben, aber im Marimba-Fieber sind.

  Wer im betont unschrillen Apple-Soundmenü nicht fündig wurde oder in seinem Individualismus unbefriedigt blieb, der zog sich eben den Ringtone-Maker von Apple. Die App, mit der man den eigenen Alarm basteln konnte, wurde bald millionenfach geladen, während Jamba und Co. mit dem Stellenabbau kaum nachkamen. Zeitgeist in der Tasche, das bedeutete in Folge entweder ein Chartlied oder einen Kino-Soundtrack als Klingelmelodie oder eben den Standardton von Apple, als Erkennungsfanfare der Steve-Jobs-Gemeinde. Der Marimba-Jingle hat sich mit seiner klöppelnden Harmlosigkeit und dem angenehm unspitzen Klang dafür über die Jahre so unentbehrlich gemacht wie eine zurückhaltende Haushaltshilfe.

  Heute ist der Klang-Zinnober ziemlich egal geworden. Der Klingelton, der einst Wirtschaftszweige unterhielt und die Musikindustrie an eine Zukunft glauben ließ, ist nicht mehr als eine Fußnote der Geräte. Wenn die Telefone in der Öffentlichkeit überhaupt noch klingeln, dann oft im voreingestellten Ton der Hersteller. Bei Apple eben die stumpfe Marimba oder ihr Nachfolger „Auftakt“, bei dem das Marimbaphon ganz ähnlich verstopft vor sich hindengelt. Das ist ein Instrument, dem keiner so richtig böse sein kann, vielleicht ist es deswegen so populär. Vor einigen Jahren wurde allerdings ein Konzert des New York Philharmonic Orchestra unterbrochen, weil aus einer der ersten Zuschauerreihen eine Marimba ertönte, die nicht im Notenblatt stand.

  Bei Samsung ist das neue Understatement ein keckes Pfeifen – „Whistle“ ist die maximale analoge Simulation eines Klingeltons, so wenig störend wie möglich, leider trotzdem nervig. Statt akustisch auf sich aufmerksam zu machen, soll das Kistchen heute still sein. Statt anzurufen, schreiben die Menschen Nachrichten, das ist viel sozialverträglicher. Wer im Bus noch einen auffälligen Klingelton hat, wirkt peinlich aus der Zeit gefallen, noch nicht mal die Schüler scheinen noch großen Wert auf die tascheneigene Hitparade zu legen. Eigentlich klar: Wenn das Gerät ohnehin die ganze Zeit in der Hand ist, braucht man keine akustische Ortung. Wenn der Blick aufs Display so regelmäßig erfolgt wie ein Wimpernschlag, genügen kleinste Hinweistöne. Weil es die ganze Zeit offen getragen wird, findet die Individualisierung des Handys optisch statt: Schmuck-Cases, Anhänger, besondere Farben und neue Modelle haben als Distinktionsmerkmale den Klingelton abgelöst. Wer sich nach den polyfonen Nuller-Jahren zurücksehnt – auf Youtube hat auch der Crazy Frog überlebt.

Mai 17th, 2016

Neu im Buchhandel. #etikette

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Mai 17th, 2016

Über das Grantlitz

Die Diagnose kann man selbst stellen: Werden Sie oft grundlos gefragt, ob was Schlimmes passiert ist? Werden Sie regelmäßig aufgefordert, mal zu lachen oder spontan getröstet? Fühlt es sich komisch an, wenn Sie lächeln wollen? Ja? Dann herzlich willkommen im Klub der sauertöpfischen Gesichter. Keine Sorge, Sie werden vermutlich trotzdem ein wunderbares Leben führen. Es sieht nur eben nicht danach aus.

  Was in Amerika den etwas saloppen Namen „Resting Bitch Face“ (etwa bleibendes Zickengesicht) bekommen hat, ist eine ziemlich ungerechte Laune der menschlichen Natur. Mundwinkel, die im neutralen Zustand immer leicht nach unten zeigen oder sich gar merkelhaft zu sogenannten Marionettenfalten fortsetzen, eine bedrohlich hängende Oberlid-Konstellation oder eine ausgeprägte Tränenrinne und dazu steile Furchen in der Glabellaregion, im Volksmund Zornfalten – schon ist ein grimmiges Ruhegesicht besiegelt. Nicht schlimm, wäre man allein auf der Welt. So aber lässt es Mitmenschen ständig annehmen, dass sie etwas Falsches gesagt haben oder sich auf schlechte Nachricht gefasst machen müssen.

  Eine eigentlich heiter-neutrale Grundstimmung wird mit solchen Mimik-Zutaten jedenfalls zu einem Gesicht, das auf andere stets arrogant, ärgerlich oder abweisend wirkt. In Abwandlung des Resting Bitch Face wurden in der Folge auch Variationen wie das „Sad Resting Face“ und sogar das „Asshole Face“ (bei Männern), oder auch eine unabsichtlich ironische Stimmlage konstatiert. Es kann für Inhaber solcher hauseigener Falschaussagen zum ermüdenden Alltag werden, ihre nonverbale Botschaft immer wieder berichtigen zu müssen: Nein, es ist nichts! Alles gut! Doch, ich amüsiere mich! Es ist anstrengend, wenn jede witzige Bemerkung ernst genommen wird, einfach weil das Gesicht nicht zu einem Witz passt. Wer mit einem Resting Bitch Face versehen ist, wünscht sich in manchen Situationen Echtwelt-Emoticons, die er bei Bedarf vor sein Gesicht halten kann, damit die anderen wissen, was wirklich hinter der Fassade vor sich geht. Vorsorglich einfach immer zu lächeln ist meistens keine Lösung – ein Gesicht, das keine Veranlagung dafür hat, sieht mit einem erzwungenen Lächeln erst recht aus wie eine ungemütliche Grimasse.

  Die digitalsoziale Foto-Kultur, namentlich eben das Facebook, haben sicher auch zur zügigen Erfassung und Lokalisierung dieses Problems beigetragen. Wenn man ständig fotografiert, bewertet und geliked wird und demonstrative Heiterkeit so etwas wie eine Grundbedingung geworden ist, fällt eine durchweg misanthropische Gesichtslandschaft eben schnell auf.

  Wer sich nicht sicher ist, ob er zu den Betroffenen gehört, kann auf der Seite des Forschungsinstitutes Noldus ein Foto von sich hochladen – ein Programm wertet innerhalb weniger Sekunden aus, welche Stimmungen das Gesicht auf dem Bild verbreitet und wie sich in der analysierten Physiognomie die sechs sichtbaren Basisemotionen verteilen: fröhlich, traurig, wütend, erschrocken, überrascht und angeekelt. Um dem auf die Schliche zu kommen, was ein Resting Bitch Face im Innersten zusammenhält, haben die Wissenschaftler noch weitere Gesichtsemotionen untersucht, zum Beispiel Verächtlichkeit. Ergebnis: Schon millimetergroße Unterschiede in der Stellung von Augenbrauen und Mundwinkel tragen dazu bei, dass dem Betrachter ein Gesicht nicht mehr neutral, sondern verächtlich vorkommt. Dieser Eindruck, den man innerhalb von Zehntelsekunden gewinnt, führt dann in Gänze zur Wahrnehmung eines negativen Ausdrucks.

  Seit das Phänomen einen Namen bekommen hat und ein lustiges Resting- Bitch-Face-Video auf Youtube Szenen zeigt, in denen ein Gesicht seinen Besitzern im Weg steht, tauschen sich in Foren im Netz die Leidenden dazu aus und konstatieren das Phänomen bei Prominenten: Victoria Beckham, Michelle Obama, Kristen Stewart oder Queen Elizabeth – auch sie wirken in unbedachten Momenten, als läge das Gewicht der ganzen Welt auf ihren Schultern, oder als hätte man sie gezwungen, etwas vom Boden zu essen. Gerade in Hollywood, dem Land des Lächelns, kontrastieren die Griesgesichter recht deutlich mit denen, die das Lächeln als Grundeinstellung verbaut bekommen haben. Eine der Prominenten, die offensiv mit ihrem Grantlitzumgeht, ist dabei die Schauspielerin Anna Kendrick. Sie forderte auf Twitter publikumswirksam einen Fotofilter für Zickengesicht-Opfer und schilderte in einem Interview mit der britischen Tageszeitung Guardian, wie sie schon als kleines Mädchen stets aufgefordert wurde, doch bitte mal zu lachen. Damit befeuerte Kendrick auch eine Debatte über weiblichen Freundlichkeitszwang, in deren Folge das Nichtlächelnmüssen in den feministischen Forderungskatalog aufgenommen wurde. Die Künstlerin Tatyana Fazlalizadeh etwa hinterließ in Brooklyn dazu überdimensionale Street- art-Porträts von ernsten Frauen mit der Überschrift „Stop Telling Women to Smile!“ und identifizierte das Lächelgebot als ebenso unzulässigen Eingriff in die Selbstbestimmung der Frau wie propagierte Schönheits- und Verhaltensideale. Botschaft: Mein Gesicht gehört mir.

  Mehrere Studien belegen, dass Frauen deutlich häufiger ein freundliches Gesicht machen als Männer und insgesamt viel mehr lächeln, auch die diesbezüglichen Muskeln sind ausgeprägter – ob von Geburt an oder durch soziales Training ist noch nicht ganz sicher. Deswegen wohl sind es auch überwiegend Frauen, die sich über das eigene Ärgergesicht so ärgern, dass sie medizinische Hilfe aufsuchen. „Zu mir kommen Frauen, die nicht mehr grundlos traurig aussehen wollen oder darunter leiden, dass ihre Ausstrahlung ganz anders ist, als sie sich fühlen. Beim ersten Eindruck, den wir von einem Menschen gewinnen, zählt nun mal das Äußere“, sagt die Münchner Schönheitschirurgin Luise Berger. Gerade die Zornesfalten, die sich meist als Folge eines angewöhnten Reflexes mit den Jahren immer tiefer in die Stirn eingraben, sieht die Ärztin als Auslöser der ungewollten Fassaden, gefolgt von gemeinen Untiefen und Schwellungen rund um die Augenpartien.

  Während also auf feministischen Plattformen wie jezebel.com längst eine Akzeptanz des Nichtfreundlichen beschworen wird und Autorinnen ihr Resting Bitch Face feiern, ohne dabei den Ausdruck gutzuheißen, sorgen auf den OP-Tischen Botox und Co. für ein gefälligeres Äußeres. „Ich habe durchaus auch Männer in der Sprechstunde, die darüber unglücklich sind, dass ihr Gesicht vielleicht zu aggressiv wirkt. Aber Arroganz und Strenge im Gesicht akzeptieren wir bei Männern immer noch leichter als bei Frauen“, sagt Luise Berger dazu. Man erinnert sich: Mister Darcy, der historische Top-Herzensbrecher von Jane Austen ist ja nicht nur wegen eines jährlichen Einkommens von 10 000 Pfund so interessant, sondern vor allem, weil er nie auch nur eine freundliche Regung durchlässt.

  Einen Eingriff sollte man sich aber auch mit der größten Hiobsbirne gut überlegen. Schließlich hat eine abweisende und kühle Aura durchaus Vorteile. Man wirkt damit in Konferenzen, Vorstellungsgesprächen oder Talkshows immer topseriös und konzentriert. Und aufdringliche Unterschriftenjäger in der Fußgängerzone und anhängliche Verkäufer prallen an der eisigen Miene genauso ab wie der allzu plauderfreudige Nachbar im ICE.

Mai 17th, 2016

Über die Biertischgarnitur

Der Blogeintrag ist mal wieder ein Grundkurs für hippes Wohnen. Das auf apartmenttherpay.com gezeigte kleine Haus von Chris Scheurich und Ali McNally in New Orleans vereint jedenfalls alles, was es derzeit dafür braucht: Neonteppich unter Marmor-Beistelltisch, darauf ein trüb gewordener Jugendstil-Spiegel, eine abgerockte Heiligenfigur plus ausgestopftem Vogel und darüber an der Wand moderne Schwarz-Weiß-Fotografie. Vorne im Laden verkauft das junge Paar Produkte, die nur eines gemeinsam haben: Sie sind nicht lebensnotwendig, sehen aber schön aus. Chris und Ali sind also die typischen Urbanisten mit Selbständigkeitshintergrund, er mit Bart, sie mit Hut. Und sie zeigen ihre Wohnung in einem dieser Blogs, die man konsumiert, um einen soliden Hass auf das eigene Gerümpelleben zu entwickeln. Aus dieser höchst geschmackvollen Bilderstrecke schaut aber plötzlich ein vertrautes Gesicht, beziehungsweise ein vertrautes Gemöbel: ein Biertisch. Ali McNally hat ihre zarten Schmuckkreationen darauf ausgestellt, der Text zum Bild lobt die Schlichtheit des „Original Vintage German Beer Garden Table“. Er wäre ein „great find“ gewesen, sagen die Besitzer stolz. Hä, New Orleans?

  Der Biertisch im Design-Blog ist kein Einzelfall. Das bayerischste aller Möbel hat in der letzten Zeit seinen Weg in das internationale Stil-Alphabet gemacht. Ein hippes Restaurant wie das neue „Annex“ in Brooklyn kombiniert sein Industrial-Interior aus Werkstatthockern und nackten Messingleuchten mit einem ganzen Sortiment an Bierbänken und -tischen. Die Edel-Antiquitätenplattform Omero hat gerade eine Vintage-Biergarnitur für knapp 800 Dollar verkauft und etliche große Stilplattformen wie etwa Remodelista.com, zeigen in eigenen Beiträgen, wie vielfältig sich der seltsam schmale Holztisch aus Germany einsetzen lässt, wenn man einen ergattert hat. Als Familienesstisch, als Arbeitstisch, frisch lackiert in einem trendigen Grauton namens „Elephants Breath“ oder natürlich einfach auf dem Balkon. So simple and puristic!

  Angesichts dieser internationalen Begeisterung sollte man den eigenen Blick auf das Isarmöbel vielleicht auch noch mal nachjustieren. Als Münchner nimmt man den Biertisch ja eigentlich nur noch wahr, wenn er auf der Wiesn unter dem Gewicht von zehn tanzenden Mannsbildern spektakulär nachgibt. Oder wenn man im Frühjahr mit der verhakelten Klappvorrichtung an der Unterseite kämpft, die sich gegen den ersten Einsatz nach dem Winter wehrt. Neu und objektiv betrachtet, muss man zugeben: So eine Bierzeltgarnitur ist tatsächlich schon spektakulär einfach designt und angenehm auf ihre Funktion reduziert. Brett und Gestell. Ein Lob des rechten Winkels. Stabil, leicht verstaubar und aus ehrlichen Materialien gebaut. Und sie ist auch erstaunlich frei von modischen Deklinationen geblieben, was kaum einem Outdoormöbel in den letzten fünfzig Jahren gelungen ist.

  In einer Zeit, in der jede alte Fabrikhalle mehrfach geplündert wurde und auch die letzte verbeulte Blechlampenschirm oder Transportpalette zum gefeierten Wohngegenstand geadelt wird, passt diese schnörkellose Verbindung von Holz und Metall natürlich gut. Bauhaus vom Brauhaus, sozusagen. Wenn er nicht gerade im knalligen Orange der Brauereien ankommt, sondern vielleicht charmant verwittert von seinem langen Leben als Masskrugmatratze zeugt, kann man durchaus ästhetische Gefühle für den langen Tisch kriegen. Und nachvollziehen, warum sich die Menschen in Designforen in Neuseeland und Schweden über die Bezugsquellen für das puristische deutsche Biermobiliar austauschen. Der Versand von traditionell 2,20 Meter langem Massivholz ist ja nicht ganz so einfach, klappbare Beine hin oder her.

  So historisch, wie die Preise bei manchem Vintage- und Industrial-Händler es in Übersee erscheinen lassen, sind die Tische übrigens nicht. Erst Anfang der 1950er-Jahre erfand der schwäbische Unternehmer Rudolf Kurz Senior sein patentes Klappmöbelschloss, das bis heute Gestell und Platte so stabil miteinander verbindet. Anstoß für diesen Geniestreich gaben nicht leere Bierzelte, sondern Weinfeste, für die jedes Jahr wieder umständlich die Tische und Stühle gerückt werden mussten. Einen stabilen Klapptisch für solche Geselligkeiten hatte Kurz Senior im Sinn und damit war das Pflichtmobiliar für Biergärten und Volksfeste geboren. Einige der ersten Modelle seiner Firma Ruku stehen heute im Münchner Stadtmuseum, noch mit Holzbeinen statt mit Stahlgestell. Sie strahlen, vielfach alkoholisch getauft, eine archaische Würde aus.

  Bis heute werden bei der Firma Ruku Klappmöbel in Illertissen klassische Bierzeltgarnituren und Abwandlungen davon gefertigt und bestehen seit Jahrzehnten den Stresstest in mehreren Wiesnzelten. Dort hat sich die Bierzeltgarnitur übrigens erst in den Siebzigerjahren so richtig durchgesetzt. Auf Fotos aus dem Oktoberfestarchiv sitzen die Besucher zuvor noch an Gartentischen und Stühlen – sehr schwierig zu betanzen. Eine Qualitätsbiergarnitur vom Erfinder kostet etwa 160 Euro, im Baumarkt bekommt man die Nachbauten für ein Drittel dieses Preises. Die mattschwarze Garnitur, die das trendorientierte Designer-Label Nordal aus Dänemark neuerdings im Programm hat und in Möbelboutiquen von Stockholm bis Rom liefert, kostet hingegen gleich fast 800 Euro.

  Vielleicht ist es also der Verkaufsort Baumarkt, der den Biertisch hierzulande nicht als besonders edles und eher grobes Möbel erscheinen lässt. Während die zuagroasten Stil-Profis den Tisch selbstverständlich in ihre Apartments installieren oder ihn als flotte Bedarfstheke mit Scharnier an der Küchenwand befestigen, lässt man ihn in seiner Heimat doch eher in der Garage. Er ist hier weniger Familienmittelpunkt als vielmehr Metapher für Sommer und Brotzeit. Wer auf der Bierbank sitzt, der hat Freizeit und Wonne. Es ist aber auch ein kommunikatives Möbel, das mit seiner eingebauten Dazuhock-Botschaft viel zur Weltoffenheit und Völkerverständigung der Münchner beigetragen hat. Kein Wunder also, dass der Schweizer Künstler Rolf Sachs einst für seine Ausstellung „Typisch deutsch“ auch eine Biertischgarnitur aufstellen ließ. Die war ganz aus Bronze gefertigt, was gar nicht übel aussah. Ein Denkmal der Gemütlichkeit!

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