Mai 17th, 2016

Über Marimba und Klingeltöne

Es gibt spannende Videos auf Youtube. Und es gibt es ein sechs Sekunden langes Video mit dem Titel „Marimba!!“. Darauf sieht man ein altes iPhone, das den gleichnamigen Klingelton abspielt. Sonst passiert in dem Film nichts. Er wurde 1,8 Millionen Mal angeklickt. Das zu erklären wird ziemlich schwierig.

  Dabei war anfangs alles so einfach. Der Klingelton war in der Frühzeit des Mobilfunks so ungefähr das spannendste Accessoire, das ein Handy hatte – schon alleine, weil sich sonst nicht allzu viel damit herumspielen ließ und die Modelle alle ziemlich ähnlich aussahen. Das getragene Telefon war noch Statussymbol, man wollte durchaus damit auffallen und ließ es deswegen laut klingeln, erst monoton und ab 2002 dann polyfon. Gleichzeitig mit der Vielstimmigkeit entwickelte sich ein ganz neues Geschäftsmodell: die Klingeltonanbieter. Sie brachten so dezente Werbeträger wie den Crazy Frog in Umlauf und sorgten mit ihren massiven Werbeschaltungen im Alleingang für das Fortleben von Nischensendern – mehr als 90 Millionen Euro steckten Firmen wie Jamba in den besten Jahren in diese lauten Nonstop-Clips. Die Landesmedienanstalten sahen sich 2005 sogar zu der offiziellen Feststellung genötigt, dass offenbar in bis zu 90 Prozent der Werbezeit bei Musiksendern Klingeltöne verkauft werden sollten.

  Das war der nervige Höhepunkt der Klingelblase. Die Geräte sollten Lärm machen, man konnte kaum erwarten, sein neuestes Jingle vorzuführen. Eben ganz, wie es einem ein Typ in Unterhosen im zweitnervigsten Klingelton-Werbespot entgegenbrüllte: „Alter, ruf mich auf meinem Handy an!“ Ja, anrufen, das machte man damals eben noch.

  Als Gegenpol zu der anstrengenden Klingel-Hitparade der Schüler im Bus etablierten sich um diese Zeit auch zwei Standard-Töne für die gemäßigten Hörer. Das altmodische Ring-Ring (Old Phone), das schon die Sehnsucht nach einem Leben ohne den aufdringlichen Crazy Frog ausdrückte. Und natürlich das vom damaligen Marktführer etablierte Nokia Tune, das einem hundert Jahre altem Werk des spanischen Komponisten Francisco Tárrega entnommen war und heute so altbekannt nostalgisch tönt wie ein mütterlicher Lockruf.

  Zwei Jahre später kamen das iPhone und seine Epigonen und ließen das Trash-Geschäft mit den Klingeltönen ebenso umstandslos erodieren wie Nokias Führungsrolle. Denn das waren Geräte, die mehr konnten, als nur Laut zu geben, sie hielten ganze Musikbibliotheken vorrätig. Gleichzeitig passte der Klingel-Klimbim nicht zum puristischen Auftritt des iPhones und Steve Jobs Philosophie vom einfachen Leben mit schöner Technik. 25 neue Klingeltöne waren auf dem Pionier-iPhone vorinstalliert, darunter Instant-Klassiker wie das besagte Marimba-Thema oder auch das knackige Piano Riff, eine Zeitlang Pflichtsound auf jedem Konferenztisch der westlichen Welt. Der Schöpfer dieser Akustik ist übrigens der deutsche Chirurg Gerhard Lengeling, der zum Musikprogrammierer umsattelte und schließlich Apples Kapellmeister wurde. Seine Botschaft war unmissverständlich: Klingelton ja, aber nicht mehr. Dezente Sounds in guter Qualität, das passte zum Gesamtbild von Apple. Vermutlich deswegen ist der Sechs-Sekunden-Clip auf Youtube über die Jahre zu einer Art Pilgerort geworden, der an die glorreichen Anfänge dieser neuen Mobil-Generation erinnerte und als Quelle für alle diente, die zwar kein iPhone haben, aber im Marimba-Fieber sind.

  Wer im betont unschrillen Apple-Soundmenü nicht fündig wurde oder in seinem Individualismus unbefriedigt blieb, der zog sich eben den Ringtone-Maker von Apple. Die App, mit der man den eigenen Alarm basteln konnte, wurde bald millionenfach geladen, während Jamba und Co. mit dem Stellenabbau kaum nachkamen. Zeitgeist in der Tasche, das bedeutete in Folge entweder ein Chartlied oder einen Kino-Soundtrack als Klingelmelodie oder eben den Standardton von Apple, als Erkennungsfanfare der Steve-Jobs-Gemeinde. Der Marimba-Jingle hat sich mit seiner klöppelnden Harmlosigkeit und dem angenehm unspitzen Klang dafür über die Jahre so unentbehrlich gemacht wie eine zurückhaltende Haushaltshilfe.

  Heute ist der Klang-Zinnober ziemlich egal geworden. Der Klingelton, der einst Wirtschaftszweige unterhielt und die Musikindustrie an eine Zukunft glauben ließ, ist nicht mehr als eine Fußnote der Geräte. Wenn die Telefone in der Öffentlichkeit überhaupt noch klingeln, dann oft im voreingestellten Ton der Hersteller. Bei Apple eben die stumpfe Marimba oder ihr Nachfolger „Auftakt“, bei dem das Marimbaphon ganz ähnlich verstopft vor sich hindengelt. Das ist ein Instrument, dem keiner so richtig böse sein kann, vielleicht ist es deswegen so populär. Vor einigen Jahren wurde allerdings ein Konzert des New York Philharmonic Orchestra unterbrochen, weil aus einer der ersten Zuschauerreihen eine Marimba ertönte, die nicht im Notenblatt stand.

  Bei Samsung ist das neue Understatement ein keckes Pfeifen – „Whistle“ ist die maximale analoge Simulation eines Klingeltons, so wenig störend wie möglich, leider trotzdem nervig. Statt akustisch auf sich aufmerksam zu machen, soll das Kistchen heute still sein. Statt anzurufen, schreiben die Menschen Nachrichten, das ist viel sozialverträglicher. Wer im Bus noch einen auffälligen Klingelton hat, wirkt peinlich aus der Zeit gefallen, noch nicht mal die Schüler scheinen noch großen Wert auf die tascheneigene Hitparade zu legen. Eigentlich klar: Wenn das Gerät ohnehin die ganze Zeit in der Hand ist, braucht man keine akustische Ortung. Wenn der Blick aufs Display so regelmäßig erfolgt wie ein Wimpernschlag, genügen kleinste Hinweistöne. Weil es die ganze Zeit offen getragen wird, findet die Individualisierung des Handys optisch statt: Schmuck-Cases, Anhänger, besondere Farben und neue Modelle haben als Distinktionsmerkmale den Klingelton abgelöst. Wer sich nach den polyfonen Nuller-Jahren zurücksehnt – auf Youtube hat auch der Crazy Frog überlebt.

Mai 17th, 2016

Neu im Buchhandel. #etikette

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Mai 17th, 2016

Über das Grantlitz

Die Diagnose kann man selbst stellen: Werden Sie oft grundlos gefragt, ob was Schlimmes passiert ist? Werden Sie regelmäßig aufgefordert, mal zu lachen oder spontan getröstet? Fühlt es sich komisch an, wenn Sie lächeln wollen? Ja? Dann herzlich willkommen im Klub der sauertöpfischen Gesichter. Keine Sorge, Sie werden vermutlich trotzdem ein wunderbares Leben führen. Es sieht nur eben nicht danach aus.

  Was in Amerika den etwas saloppen Namen „Resting Bitch Face“ (etwa bleibendes Zickengesicht) bekommen hat, ist eine ziemlich ungerechte Laune der menschlichen Natur. Mundwinkel, die im neutralen Zustand immer leicht nach unten zeigen oder sich gar merkelhaft zu sogenannten Marionettenfalten fortsetzen, eine bedrohlich hängende Oberlid-Konstellation oder eine ausgeprägte Tränenrinne und dazu steile Furchen in der Glabellaregion, im Volksmund Zornfalten – schon ist ein grimmiges Ruhegesicht besiegelt. Nicht schlimm, wäre man allein auf der Welt. So aber lässt es Mitmenschen ständig annehmen, dass sie etwas Falsches gesagt haben oder sich auf schlechte Nachricht gefasst machen müssen.

  Eine eigentlich heiter-neutrale Grundstimmung wird mit solchen Mimik-Zutaten jedenfalls zu einem Gesicht, das auf andere stets arrogant, ärgerlich oder abweisend wirkt. In Abwandlung des Resting Bitch Face wurden in der Folge auch Variationen wie das „Sad Resting Face“ und sogar das „Asshole Face“ (bei Männern), oder auch eine unabsichtlich ironische Stimmlage konstatiert. Es kann für Inhaber solcher hauseigener Falschaussagen zum ermüdenden Alltag werden, ihre nonverbale Botschaft immer wieder berichtigen zu müssen: Nein, es ist nichts! Alles gut! Doch, ich amüsiere mich! Es ist anstrengend, wenn jede witzige Bemerkung ernst genommen wird, einfach weil das Gesicht nicht zu einem Witz passt. Wer mit einem Resting Bitch Face versehen ist, wünscht sich in manchen Situationen Echtwelt-Emoticons, die er bei Bedarf vor sein Gesicht halten kann, damit die anderen wissen, was wirklich hinter der Fassade vor sich geht. Vorsorglich einfach immer zu lächeln ist meistens keine Lösung – ein Gesicht, das keine Veranlagung dafür hat, sieht mit einem erzwungenen Lächeln erst recht aus wie eine ungemütliche Grimasse.

  Die digitalsoziale Foto-Kultur, namentlich eben das Facebook, haben sicher auch zur zügigen Erfassung und Lokalisierung dieses Problems beigetragen. Wenn man ständig fotografiert, bewertet und geliked wird und demonstrative Heiterkeit so etwas wie eine Grundbedingung geworden ist, fällt eine durchweg misanthropische Gesichtslandschaft eben schnell auf.

  Wer sich nicht sicher ist, ob er zu den Betroffenen gehört, kann auf der Seite des Forschungsinstitutes Noldus ein Foto von sich hochladen – ein Programm wertet innerhalb weniger Sekunden aus, welche Stimmungen das Gesicht auf dem Bild verbreitet und wie sich in der analysierten Physiognomie die sechs sichtbaren Basisemotionen verteilen: fröhlich, traurig, wütend, erschrocken, überrascht und angeekelt. Um dem auf die Schliche zu kommen, was ein Resting Bitch Face im Innersten zusammenhält, haben die Wissenschaftler noch weitere Gesichtsemotionen untersucht, zum Beispiel Verächtlichkeit. Ergebnis: Schon millimetergroße Unterschiede in der Stellung von Augenbrauen und Mundwinkel tragen dazu bei, dass dem Betrachter ein Gesicht nicht mehr neutral, sondern verächtlich vorkommt. Dieser Eindruck, den man innerhalb von Zehntelsekunden gewinnt, führt dann in Gänze zur Wahrnehmung eines negativen Ausdrucks.

  Seit das Phänomen einen Namen bekommen hat und ein lustiges Resting- Bitch-Face-Video auf Youtube Szenen zeigt, in denen ein Gesicht seinen Besitzern im Weg steht, tauschen sich in Foren im Netz die Leidenden dazu aus und konstatieren das Phänomen bei Prominenten: Victoria Beckham, Michelle Obama, Kristen Stewart oder Queen Elizabeth – auch sie wirken in unbedachten Momenten, als läge das Gewicht der ganzen Welt auf ihren Schultern, oder als hätte man sie gezwungen, etwas vom Boden zu essen. Gerade in Hollywood, dem Land des Lächelns, kontrastieren die Griesgesichter recht deutlich mit denen, die das Lächeln als Grundeinstellung verbaut bekommen haben. Eine der Prominenten, die offensiv mit ihrem Grantlitzumgeht, ist dabei die Schauspielerin Anna Kendrick. Sie forderte auf Twitter publikumswirksam einen Fotofilter für Zickengesicht-Opfer und schilderte in einem Interview mit der britischen Tageszeitung Guardian, wie sie schon als kleines Mädchen stets aufgefordert wurde, doch bitte mal zu lachen. Damit befeuerte Kendrick auch eine Debatte über weiblichen Freundlichkeitszwang, in deren Folge das Nichtlächelnmüssen in den feministischen Forderungskatalog aufgenommen wurde. Die Künstlerin Tatyana Fazlalizadeh etwa hinterließ in Brooklyn dazu überdimensionale Street- art-Porträts von ernsten Frauen mit der Überschrift „Stop Telling Women to Smile!“ und identifizierte das Lächelgebot als ebenso unzulässigen Eingriff in die Selbstbestimmung der Frau wie propagierte Schönheits- und Verhaltensideale. Botschaft: Mein Gesicht gehört mir.

  Mehrere Studien belegen, dass Frauen deutlich häufiger ein freundliches Gesicht machen als Männer und insgesamt viel mehr lächeln, auch die diesbezüglichen Muskeln sind ausgeprägter – ob von Geburt an oder durch soziales Training ist noch nicht ganz sicher. Deswegen wohl sind es auch überwiegend Frauen, die sich über das eigene Ärgergesicht so ärgern, dass sie medizinische Hilfe aufsuchen. „Zu mir kommen Frauen, die nicht mehr grundlos traurig aussehen wollen oder darunter leiden, dass ihre Ausstrahlung ganz anders ist, als sie sich fühlen. Beim ersten Eindruck, den wir von einem Menschen gewinnen, zählt nun mal das Äußere“, sagt die Münchner Schönheitschirurgin Luise Berger. Gerade die Zornesfalten, die sich meist als Folge eines angewöhnten Reflexes mit den Jahren immer tiefer in die Stirn eingraben, sieht die Ärztin als Auslöser der ungewollten Fassaden, gefolgt von gemeinen Untiefen und Schwellungen rund um die Augenpartien.

  Während also auf feministischen Plattformen wie jezebel.com längst eine Akzeptanz des Nichtfreundlichen beschworen wird und Autorinnen ihr Resting Bitch Face feiern, ohne dabei den Ausdruck gutzuheißen, sorgen auf den OP-Tischen Botox und Co. für ein gefälligeres Äußeres. „Ich habe durchaus auch Männer in der Sprechstunde, die darüber unglücklich sind, dass ihr Gesicht vielleicht zu aggressiv wirkt. Aber Arroganz und Strenge im Gesicht akzeptieren wir bei Männern immer noch leichter als bei Frauen“, sagt Luise Berger dazu. Man erinnert sich: Mister Darcy, der historische Top-Herzensbrecher von Jane Austen ist ja nicht nur wegen eines jährlichen Einkommens von 10 000 Pfund so interessant, sondern vor allem, weil er nie auch nur eine freundliche Regung durchlässt.

  Einen Eingriff sollte man sich aber auch mit der größten Hiobsbirne gut überlegen. Schließlich hat eine abweisende und kühle Aura durchaus Vorteile. Man wirkt damit in Konferenzen, Vorstellungsgesprächen oder Talkshows immer topseriös und konzentriert. Und aufdringliche Unterschriftenjäger in der Fußgängerzone und anhängliche Verkäufer prallen an der eisigen Miene genauso ab wie der allzu plauderfreudige Nachbar im ICE.

Mai 17th, 2016

Über die Biertischgarnitur

Der Blogeintrag ist mal wieder ein Grundkurs für hippes Wohnen. Das auf apartmenttherpay.com gezeigte kleine Haus von Chris Scheurich und Ali McNally in New Orleans vereint jedenfalls alles, was es derzeit dafür braucht: Neonteppich unter Marmor-Beistelltisch, darauf ein trüb gewordener Jugendstil-Spiegel, eine abgerockte Heiligenfigur plus ausgestopftem Vogel und darüber an der Wand moderne Schwarz-Weiß-Fotografie. Vorne im Laden verkauft das junge Paar Produkte, die nur eines gemeinsam haben: Sie sind nicht lebensnotwendig, sehen aber schön aus. Chris und Ali sind also die typischen Urbanisten mit Selbständigkeitshintergrund, er mit Bart, sie mit Hut. Und sie zeigen ihre Wohnung in einem dieser Blogs, die man konsumiert, um einen soliden Hass auf das eigene Gerümpelleben zu entwickeln. Aus dieser höchst geschmackvollen Bilderstrecke schaut aber plötzlich ein vertrautes Gesicht, beziehungsweise ein vertrautes Gemöbel: ein Biertisch. Ali McNally hat ihre zarten Schmuckkreationen darauf ausgestellt, der Text zum Bild lobt die Schlichtheit des „Original Vintage German Beer Garden Table“. Er wäre ein „great find“ gewesen, sagen die Besitzer stolz. Hä, New Orleans?

  Der Biertisch im Design-Blog ist kein Einzelfall. Das bayerischste aller Möbel hat in der letzten Zeit seinen Weg in das internationale Stil-Alphabet gemacht. Ein hippes Restaurant wie das neue „Annex“ in Brooklyn kombiniert sein Industrial-Interior aus Werkstatthockern und nackten Messingleuchten mit einem ganzen Sortiment an Bierbänken und -tischen. Die Edel-Antiquitätenplattform Omero hat gerade eine Vintage-Biergarnitur für knapp 800 Dollar verkauft und etliche große Stilplattformen wie etwa Remodelista.com, zeigen in eigenen Beiträgen, wie vielfältig sich der seltsam schmale Holztisch aus Germany einsetzen lässt, wenn man einen ergattert hat. Als Familienesstisch, als Arbeitstisch, frisch lackiert in einem trendigen Grauton namens „Elephants Breath“ oder natürlich einfach auf dem Balkon. So simple and puristic!

  Angesichts dieser internationalen Begeisterung sollte man den eigenen Blick auf das Isarmöbel vielleicht auch noch mal nachjustieren. Als Münchner nimmt man den Biertisch ja eigentlich nur noch wahr, wenn er auf der Wiesn unter dem Gewicht von zehn tanzenden Mannsbildern spektakulär nachgibt. Oder wenn man im Frühjahr mit der verhakelten Klappvorrichtung an der Unterseite kämpft, die sich gegen den ersten Einsatz nach dem Winter wehrt. Neu und objektiv betrachtet, muss man zugeben: So eine Bierzeltgarnitur ist tatsächlich schon spektakulär einfach designt und angenehm auf ihre Funktion reduziert. Brett und Gestell. Ein Lob des rechten Winkels. Stabil, leicht verstaubar und aus ehrlichen Materialien gebaut. Und sie ist auch erstaunlich frei von modischen Deklinationen geblieben, was kaum einem Outdoormöbel in den letzten fünfzig Jahren gelungen ist.

  In einer Zeit, in der jede alte Fabrikhalle mehrfach geplündert wurde und auch die letzte verbeulte Blechlampenschirm oder Transportpalette zum gefeierten Wohngegenstand geadelt wird, passt diese schnörkellose Verbindung von Holz und Metall natürlich gut. Bauhaus vom Brauhaus, sozusagen. Wenn er nicht gerade im knalligen Orange der Brauereien ankommt, sondern vielleicht charmant verwittert von seinem langen Leben als Masskrugmatratze zeugt, kann man durchaus ästhetische Gefühle für den langen Tisch kriegen. Und nachvollziehen, warum sich die Menschen in Designforen in Neuseeland und Schweden über die Bezugsquellen für das puristische deutsche Biermobiliar austauschen. Der Versand von traditionell 2,20 Meter langem Massivholz ist ja nicht ganz so einfach, klappbare Beine hin oder her.

  So historisch, wie die Preise bei manchem Vintage- und Industrial-Händler es in Übersee erscheinen lassen, sind die Tische übrigens nicht. Erst Anfang der 1950er-Jahre erfand der schwäbische Unternehmer Rudolf Kurz Senior sein patentes Klappmöbelschloss, das bis heute Gestell und Platte so stabil miteinander verbindet. Anstoß für diesen Geniestreich gaben nicht leere Bierzelte, sondern Weinfeste, für die jedes Jahr wieder umständlich die Tische und Stühle gerückt werden mussten. Einen stabilen Klapptisch für solche Geselligkeiten hatte Kurz Senior im Sinn und damit war das Pflichtmobiliar für Biergärten und Volksfeste geboren. Einige der ersten Modelle seiner Firma Ruku stehen heute im Münchner Stadtmuseum, noch mit Holzbeinen statt mit Stahlgestell. Sie strahlen, vielfach alkoholisch getauft, eine archaische Würde aus.

  Bis heute werden bei der Firma Ruku Klappmöbel in Illertissen klassische Bierzeltgarnituren und Abwandlungen davon gefertigt und bestehen seit Jahrzehnten den Stresstest in mehreren Wiesnzelten. Dort hat sich die Bierzeltgarnitur übrigens erst in den Siebzigerjahren so richtig durchgesetzt. Auf Fotos aus dem Oktoberfestarchiv sitzen die Besucher zuvor noch an Gartentischen und Stühlen – sehr schwierig zu betanzen. Eine Qualitätsbiergarnitur vom Erfinder kostet etwa 160 Euro, im Baumarkt bekommt man die Nachbauten für ein Drittel dieses Preises. Die mattschwarze Garnitur, die das trendorientierte Designer-Label Nordal aus Dänemark neuerdings im Programm hat und in Möbelboutiquen von Stockholm bis Rom liefert, kostet hingegen gleich fast 800 Euro.

  Vielleicht ist es also der Verkaufsort Baumarkt, der den Biertisch hierzulande nicht als besonders edles und eher grobes Möbel erscheinen lässt. Während die zuagroasten Stil-Profis den Tisch selbstverständlich in ihre Apartments installieren oder ihn als flotte Bedarfstheke mit Scharnier an der Küchenwand befestigen, lässt man ihn in seiner Heimat doch eher in der Garage. Er ist hier weniger Familienmittelpunkt als vielmehr Metapher für Sommer und Brotzeit. Wer auf der Bierbank sitzt, der hat Freizeit und Wonne. Es ist aber auch ein kommunikatives Möbel, das mit seiner eingebauten Dazuhock-Botschaft viel zur Weltoffenheit und Völkerverständigung der Münchner beigetragen hat. Kein Wunder also, dass der Schweizer Künstler Rolf Sachs einst für seine Ausstellung „Typisch deutsch“ auch eine Biertischgarnitur aufstellen ließ. Die war ganz aus Bronze gefertigt, was gar nicht übel aussah. Ein Denkmal der Gemütlichkeit!

Januar 13th, 2016

Aus dem Archiv: Über den Gutmensch

Er war schon immer eine Karikatur. Als der Begriff „Gutmensch“ vom Publizisten Kurt Scheel Anfang der 90er Jahre wieder in unseren Sprachgebrauch eingespeist wurde (das erste Mal besorgte es die NS-Propaganda), geschah das zum Spott. Zielgruppe war jener possierliche Utopist von nebenan, der die Mülltrennung akribisch einhielt und dabei Reinhard-Mey-Lieder trällerte. Ein Grünwähler und Spendensammler inklusive Sendungsbewusstsein. Er verkörperte die Fehlentscheidung zwischen gut und gut gemeint. Im schlimmsten Fall war er auch mal ein barfüßiger Querulant. Der geläuterte Konstantin Wecker war einer und Bono, mit seinen Anti-Aids-, Anti-Äthiopienhunger-, Anti-Jugoslawienkrieg- und Pro-Schuldenerlass-Konzerten, und der oberste Gutmensch war natürlich Peter Lustig, der in seinen Latzhosen das Kaffeewasser aus der Regentonne schöpfte.

Zwei Veränderungen sind dem Gutmenschen seither widerfahren. Zum einen ist er mit seinen Idealen ein Stück aus der Karikatur heraus und in die Gesellschaft hineingewachsen. Viele seiner Themen, von Mülltrennung bis zur Atomskepsis, vom nachhaltigen Konsum bis zum Vegetarismus sind heute Standards.

Zum anderen erlebt der Gutmensch in jüngster Zeit eine Anfeindung, die wesentlich tiefer geht als die einstigen Weltverbesserer-Frotzeleien von Harald Schmidt oder der Titanic . Am schnellsten merkt man das in den Leserdiskussionen im Netz, etwa bei Spiegel Online oder bild.de , wo „Du Gutmensch!“ heute als üble Schmähung gilt und in allen Ressorts zu finden ist, von der Außenpolitik bis zum Autotest. Nährboden für diese massenhafte Neudeutung lieferten wohl jene islamkritischen Bloggertrupps und Rechtspopulisten, die den Gutmenschen offiziell zum Feindbild erkoren haben. Folgt man ihrer Argumentation, die von Sekundanten wie Thilo Sarrazin oder Henryk M. Broder bis in Talkshows und auf Bestsellerlisten getragen wird, so ist der Gutmensch heute nicht mehr der Schaumschläger aus dem Reformhaus, stattdessen hat er universale Schuld auf sich geladen. Stuttgart 21, Multikulti, übereilter Atomausstieg, die Legende vom Klimawandel, kein Bundeswehreinsatz in Libyen, Bankenrettung, Hybridautos, der Erfolg des Käßmann-Buchs – an allem ist der Gutmensch schuld. Selbst daran, dass er in Norwegen abgeknallt wurde und zwar weil er auf unbewaffnete Sicherheitsleute gesetzt hat. Liest man sich durch die Sammelbecken der Gutmensch-Gegner, durch die Homepages „Achse des Guten“, „Politically Incorrect“, „SoE“, lernt man in jedem zweiten Beitrag: Das „linksreaktionäre Gutmenschenpack“ (Broder) hat alles verbockt. Es verdient nicht mehr nur ein bisschen Häme, sondern eher eine handfeste Abreibung.

Diese Radikalisierung muss man sich mal genüsslich ausbreiten. Ausgerechnet ein friedlich-freiheitsliebendes, humanistisch gebildetes und aufgeklärtes Wesen soll an der Krise des Abendlandes schuld sein. Dass er annähernd edel, hilfreich und gut sein wollte, muss sich der Gutmensch nun als Vorwurf gefallen lassen. Komische Zeiten. Wer möchte, kann ja mal versuchen, seinem Kind zu erklären, warum der Gutmensch als verdächtiges Subjekt gilt. So ein Kind ist ja nicht nur eine Art Ur-Gutmensch, sondern oft auch naseweis und wird deshalb fragen, ob auch „Du Richtigmacher!“ oder „Du Schöngesicht!“ Schimpfwörter wären. Und ob man selbst nicht auch zu den Gutmenschen gehört, Papa mit seinem Fahrradkorb, Mama, die die muslimische Nachbarin im Treppenhaus grüßt? Schwierige Sachlage. Die Zeit, als man über den Gutmenschen milde gelästert hat, ist jedenfalls vorbei. Aus der Karikatur ist ein Steckbrief geworden. Wen die Plattform politically-incorrect.de als „Gutmensch“ entlarvt, prangert sie mit Foto und E-Mail-Adresse an und empfiehlt ihren angeblich 50 000 täglichen Besuchern, ihm die Meinung zu geigen. Sieht man sich ihre Vorwürfe an die Gutmenschen an, trifft diese Kritik die ganze Mitte der Gesellschaft und auch alle großen Parteien. Überspitzt gesagt: Fast jeder, der nicht vom BND beobachtet wird, hat Chancen, in irgendeinem Bereich als Gutmensch denunziert zu werden.

Wer sind die, die sich da so bereitwillig auf den friedlichen Gutmenschen als Bedrohung einigen? Im besten Fall nüchterne Realos, die ihm sein klischeehaftes Weltverbessernwollen übelnehmen. Im schlechtesten Fall sind es Menschen, die das Leben hier trotz friedlicher Zeiten bitter gemacht hat und denen alles Weiche verdächtig vorkommt. Der neue und wachsende Mittelbau der Gutmenschgegner aber besteht aus denen, die sich gerne und seit Sarrazin verstärkt damit schmücken, politisch unkorrekt zu sein. Sie halten sich zugute, das auszusprechen, was viele insgeheim sagen wollen. Sie hinterfragen krampfhaft die herrschende Gesinnungsethik und simulieren damit progressives Denken. Kommt einem bekannt vor? Klar, im Grunde benehmen sie sich wie der alte Gutmensch mit seiner Mülltrenn-Propaganda. Die Gutmenschgegner sind genauso nervige Verkünder eines vorgeblich gesünderen Menschenverstands, nur dass sie in ihren Online-Teestuben sehr heftig mit den Säbeln rasseln.

Das Rasseln, der Grabenkampf in den Webforen, sogar die hasserfüllte Platte „Gutmensch“ der Rechtsrockband Weisse Wölfe könnten einem egal sein, wäre da nicht die vage Ahnung, dass es einen selbst angeht, dieses neue „Du Gutmensch!“. Wer noch keine Angst vor Überfremdung hat, zwischen Muslim und Islamist noch Unterschiede macht oder an das Gute im Menschen glaubt, ist gemeint. Dabei sind ökologische, nachhaltige, solidarische und nicht-xenophobe Ansätze doch längst Allgemeingut geworden – ohne dass man sich besonders dafür hätte engagieren müssen. Teilen, Partizipieren, Versöhnen, Krötenzäune aufstellen, das lernt man in der Grundschule. Der Gutmensch ist, zumindest in der Lightversion, das, was man erwartet, wenn man beim Nachbarn klingelt, um ein Päckchen abzuholen. Wenn dieser Normalzustand jetzt von Bloggern, von Suv-Fahrern und Islamkritikern, von Neonazis und allen anderen Unzufriedenen unter Generalverdacht für alles gestellt wird, was im Land schiefläuft, fehlt dem Gutmenschen erstmal schlicht die Erkenntnis, dass er gemeint sein könnte. Wenn ihm das dämmert, fehlt ihm mangels Übung die Kampfkraft, sich zu verteidigen. Er ist einfach da, lebt, liebt, lacht und will niemandem etwas Böses. So einer ist eigentlich nicht satisfaktionsfähig. Wer sich trotzdem dauerhaft an so einem harmlosen Gegner abarbeitet, kann seinen eigenen Waffen nicht allzu sehr vertrauen.
(Erschienen im September 2011 in der Süddeutschen Zeitung)

Januar 12th, 2016

Über das Ende der Plattensammlung

Die Band Phoenix hat eine Weihnachtssingle veröffentlicht. Zusammen mit Bill Murray und für einen guten Zweck. Eigentlich ein ziemlich perfektes Geschenk. Diese Single ist entweder als 7-Inch oder als Download zu erwerben. Irgendwie also doch kein so perfektes Geschenk mehr. Das eine Format ist zu speziell, das andere zu banal. Aber so wird Ende 2015 offenbar Musik vertrieben als Uralt-Vinyl oder Datenhaufen. Und irgendwo zwischen diesen beiden Extremen ist in den letzten fünf Jahren meine Plattensammlung verschwunden.

  Den Anfang machte eine wuchtige Kompaktanlage mit CD-Player am zehnten Geburtstag. Es war das Jahr 1990, CDs waren eine Botschaft direkt aus der Zukunft. Laser. Das irisierende Funkeln der Scheiben. Die Digitalzahlen. Keine Frage: Ich war im Besitz von Premiumtechnologie. Es gab auch zwei CDs dazu, Scorpions und eine obskure Tote-Hosen-B-Single. Ich schob die Erich-Kästner-Kassetten zur Seite. Platz für Scorpions und die Zukunft.

  In den nächsten 15 Jahren kamen zu den zwei CDs etliche Tausend Stück dazu. Jede einzelne Platte war ein Stück von einem wunderbaren Puzzle, das niemals fertig war. Ich kaufte eine, und wenn ich sie gehört hatte, wusste ich, dass mir fünf fehlten. Zum Glück gab es so viel davon und zum Glück gab es keine Frage, wie Musik dargereicht werden sollte: Innerhalb von wenigen Jahren hatte sich die ganze Welt auf ein Format geeinigt, niemand diskutierte über den Träger, sondern über das, was er trug – die Musik. Und wenn die CD das Pferd war, war die Kassette der alte Esel. Das gutmütige Lasttier, mit dem man nach einem beherzten Tastendruck aufnehmen konnte, was im Radio lief. Und weltbeste Mixtapes anfertigen, die jeden Besitzer einer hoffnungsvollen Plattensammlung in die Lage versetzten, Mädchenherzen anzuweichen. CD und Kassette waren ein gutes Team. Ich und die Musik waren ein gutes Team. Es hätte immer so weitergehen können.

  Platten sammeln macht glücklich. So wie jede Sammelleidenschaft, die nie an ein logisches Ende stößt. Ziemlich bald spürt der Sammler die Gegenwart seiner Sammlung als etwas viel Größeres als er selbst. Er begreift sich ab dann nur noch als Pförtner einer Welt. Sieht man sich die Porträts der großen Plattensammler im Mammutwerk „Dust  & Grooves“ (erschienen bei Eden) an, steht ihnen allen das gleiche, leicht desperate Glück ins Gesicht geschrieben. Niemals genug und immer in Sorge. Alle in der Gewissheit, dass ihr eigenes Schicksal untrennbar mit den Regalen in ihrem Rücken verknüpft ist.

  Das ist vielleicht der Unterschied zu anderen Sammlungen. Neben dem haptischen Anhäufen von Zeug gibt es hier eben die Musik selbst, deren Töne mit jeder Lebensminute verknüpft sind. Es müsste immer Musik sein, lautet eine alte Popforderung. Sammler arbeiten seriös daran.

  Anfangs kaufte ich eine CD pro Monat, später zehn, später noch mehr. Mit meinen Kumpels machte ich Listen: Platten, von denen wir uns wünschten, dass sie ins Nice-Price-Programm aufgenommen würden. Platten, von denen wir jede einzelne Single noch mal zu Hause hatten. Jahrescharts, Monatscharts, Forever-Best-Charts. Weil die Musik so wichtig war, war es natürlich wichtig, sie auch zu besitzen. Erst so konnte sie nah ans Herz wachsen. Man musste sie Tag und Nacht streicheln können. Die Zimmer, die ich seit meinem zehnten Geburtstag bewohnte, sahen immer gleich aus: CDs in kniehohen Stapeln auf dem Boden, CDs in Bücherregalen, zweireihig, weil keines der CD-Regale je groß genug war. Die wichtigsten hundert als silberner Scherbenhaufen vor der Stereoanlage. Wenn ich eine neue Liebe hatte, lernten sich auch die Musiksammlungen kennen und verschmolzen miteinander.

  Die Veränderung begann irgendwann um das Jahr 2005. Ich zog um, watete durch eine Dünenlandschaft aus CDs, Kassetten und etwas Vinyl. Ausgebreitet war meine Sammlung ein schönes Ungeheuer, zweieinhalbzimmergroß. Bei 2nd-Music um die Ecke verkaufte ich 400 Platten, Sachen, die ich doppelt hatte oder Seltsamkeiten wie das Spätwerk von Ocean Colour Scene. Vom Plattenhändler bekam ich damals ungefähr 800 Euro, und beim Rausgehen sprangen mir ein paar unerhört schöne Smiths-Singles in die Arme. Vom restlichen Geld kaufte ich mir den ersten iPod. Das kleine wunderweiße Gerät aus Kalifornien war das trojanische Pferd, das nach und nach meine Plattensammlung niedermetzeln würde. Aber das wusste ich noch nicht. Im Gegenteil: Premiumtechnologie, dachte ich mir.

  Ich begann, das analoge Ungeheuer zu digitalisieren. Eine mühsame Angelegenheit, weil anfangs die Titel noch per Hand eingetragen werden mussten. Die Sonntage verbrachte ich nicht mehr mit Mixtapes und Booklets, sondern ärgerte mich mit

iTunes herum. Nach einem Jahr waren immer noch erst ein paar Hundert CDs auf der Festplatte, ein willkürlicher Teil der Sammlung. Ein Ausschnitt von diesem Ausschnitt passte auf den iPod. Wollte ich eine gesunde Rotation haben, musste ich regelmäßig Platten aus dem Schrank in den Rechner und aus dem Rechner auf den iPod ziehen. Musikhören war komplizierter geworden und die Rechnung: Platte + Anlage = Musik auf einmal zu wenig. Dank Touchscreen begann ich, den Kontakt zur Musik zu verlieren. Ganz wörtlich, aber eben auch inhaltlich. Ich wusste nicht mehr, welches Cover zu welcher Platte gehörte, welche Songs zu welchem Album, von der Stöpsel-Qualität ganz zu schweigen. Egal, es sollte ja immer Musik da sein. Und das war sie.

  Dann war auf dem Computer die Festplatte voll. Ein Kumpel schenkte mir eine neue, er hatte auch schon ein bisschen Musik draufgepackt. Sehr nett, aber fatal. Ich würde fortan nie wieder Übersicht haben. Das war vielleicht der Moment, wo kurz die Sammleralarmglocke losging, aber ich hörte nicht darauf. Aus dem aktiven Musikhören wurde in kurzer Zeit ein passives, unmündiges Datenhaben. Es war auch die erste Musik, die ich nicht mehr physisch besaß. Wollte ich einen Song davon auf einer Party spielen, musste ich ihn mühsam verdinglichen. Es begannen sich Rohlinge zu stapeln und hässliche ausgedruckte Cover. Musikliebe, das war auf einmal etwas Selbstgemachtes mit Computern.

  Meine Regale standen immer noch in der alten Fülle um die Anlage herum, aber ich hielt mich nicht mehr dazwischen auf. Stattdessen schob ich Dateien, machte Player-Updates und Speicherplatz frei und fing an, Musik übers Netz zu kaufen. Es war verlockend, auf diese Weise ganz Neues oder Rares zu ergänzen. Dann entdeckte ich Bands auf Myspace. Frische Musik, die nur noch als Link existierte, flüchtig, nicht besitzbar und nicht zu streicheln.

  So etwa im Jahr 2010 hatte ich immer noch unfassbar viel Musik um mich, aber als heilloses Durcheinander. Auf Vinyl, auf CD original und gebrannt, auf Kassette und damit ohne Abspielmöglichkeit, auf meiner Festplatte mit und ohne Kopierschutz, privat und im Büro, als Bookmarks, auf dem Laptop und auf diversen MP3-Players, die inzwischen so günstig waren, dass ich sie benutzte wie Starbucks-Kaffeebecher: Einmal füllen und go! Aus einer Sammlung war ein Sammelsurium geworden. Aber schließlich, sagte ich mir, ist Musik was Lebendiges. Ich wollte mich nicht mit den CDs auf dem Dachboden verkriechen und aus der Zeit fallen.

  Als eine gute Freundin 30. Geburtstag hatte, wollte ich ihr, wie wir es seit Jahren hielten, ein Jahr beste Musik schenken. Anfangs hatte ich das auf Kassette gemacht, später brannte ich ihr CDs, was uns beiden schon nicht besonders gut gefiel. Jetzt schenkte ich ihr einen kleinen MP3-Player voll mit Musik. Der klägliche Endpunkt einer großen Mixtape-Liebe. So ein Ding hat im Alltag keine zwei Jahre Lebenszeit. Wie soll man da ewige Songs konservieren?

  Einer der Plattenfreunde von damals erzählte mir, wie er seine ganze Sammlung gerippt und alle CDs verkauft hatte und wie befreiend das gewesen sei. An dem Abend ging ich zum ersten mal seit Jahren bewusst durch die staubigen CD-Schluchten. Die Scheiben sahen klein und alt aus, überhaupt nicht mehr nach Zukunft, sondern nach Vogelabwehr in Kirschbäumen. Als ich eine einlegte, stellte ich fest, dass die Lautsprecher der Anlage gar nicht angeschlossen waren, seit ich sie mal in der Küche aufgebaut hatte. Das war ein halbes Jahr her. Wie konnte aus einer Lebensbeschäftigung in wenigen Jahren Wurschtigkeit werden, und das obwohl ich mich immer noch heiß für Musik interessierte?

  Statt alles zu vereinfachen hat die Technik alles verwirrt. Ich konnte mir nicht merken, welche iTunes-Käufe ich auf welchem Rechner spielen durfte, welche Teile welcher Festplatte ich noch kopieren musste, dann gab es Ärger mit der Kreditkarte oder dem Passwort, ich lud woanders, anderer Player, neue Songlist, anderes Format. Myspace war schon wieder verschwunden, ich war bei Soundcloud angemeldet, streamte britische Radiosender, aber was auch tönte, es schien immer nur Zwischentechnologie zu sein. Jedes halbe Jahr gab es im Netz was Neues, wo Musik rauskam. Irgendwann hatte ich viele Musikdateien doppelt, anderes war unbeschriftet und damit unbrauchbar, und manches, was ich hören wollte, fand ich nirgends mehr auf meinem Rechner und hatte vergessen, wo diese Platte in meiner Sammlung stand – oder ob ich sie überhaupt besaß. Wollte ich ein Lieblingslied hören, googelte ich es lieber, bevor ich lang in meinen Verzeichnissen schürfte. Ich digitalisierte nichts mehr, kaufte kaum mehr CDs und auch keine Downloads. Der andere Plattenfreund fing an, alle CDs noch mal in Vinyl kaufen. Heute ist seine Sammlung nur noch eine Art Denkmal seiner früheren Sammlung. Bei mir waren in fünf Jahren kaum fünfzig neue CDs dazugekommen, alles was wichtig und neu war, lag in unterschiedlichen Aggregatszuständen irgendwo. Die Regale standen unverändert, aber es war, als würde ich die Sprache meines besten Freundes nicht mehr sprechen. Dann rauschte mein Hauptrechner ab und riss alles mit sich. Der neue Computer hatte nicht mal mehr ein CD-Laufwerk, und von meinem ersten iPod war das Ladekabel seit Langem kaputt. Er liegt seitdem da, als kleiner weißer Sarg voller Musik, die niemand mehr jemals hören wird.

  Es ist ein Unterschied, ob man eine Platte nur jahrelang nicht aus dem Regal zieht oder ob man seine Musik nach und nach digital verschludert. Bei 2ndMusic verkaufte ich aus Platzgründen noch mal 300 CDs und bekam 100 Euro dafür. Der Händler sagte, er werde wohl bald keine CDs mehr ankaufen. Niemand stand in dem Geschäft und ließ Finger über die Kanten rattern. Das Prinzip Musik-CD war nach 25 Jahren am Auslaufen. Okay, aber was jetzt? Wie würde man sie, theoretisch, heute sammeln? „Ich würde es mal so sagen, dem Plattensammler eröffnen sich heute neue Möglichkeiten, er kann sich in einer Nische spezialisieren und muss vielleicht nicht hundert Regalmeter vollmachen, weil er den Rest zum Beispiel in der Cloud hat. Er muss sich entscheiden, welche Formate ihm liegen“, sagt Florian Drücke, Geschäftsführer des Bundesverbandes Musikindustrie. Vielleicht ist Musiksammeln aber auch unnötig geworden. Weil Musik immer da ist.

  Wie bei Spotify. Das war schön einfach. Ich musste nur ins Suchfenster eingeben, was ich hören wollte. Es gab Musik, die ich seit Jahrzehnten im Ohr hatte, verloren geglaubte, innig geliebte Songs, es war alles da. Nur wo eigentlich? Egal! Ich saß Nächte vor dem Rechner oder streamte mir was auf eine dieser Lautsprecherboxen, die wie ein Zahnputzbecher im Regal stehen. Es war kein Schatz, es war nicht meine Musik. Es war eher individuelles Dudelradio, nur davon abhängig, ob man Wlan hatte. Von Besitzen war gar nicht mehr die Rede.

  Heute weiß ich eigentlich überhaupt nicht mehr, wie ich zur Musik „Ich liebe dich“ sagen soll. Ich habe so ungefähr zehn digitale Sammlungsfragmente. Die Reste meiner echten Sammlung stehen tatsächlich auf dem Dachboden, Platten in Kisten. Ich würde meiner Schwester an Weihnachten gerne ein paar Lieder schenken, aber ich weiß wirklich nicht genau wie und schäme mich dafür. Ich bin immer der Musikbruder gewesen. Aber Download oder 7-Inch? Wahrscheinlich werde ich einfach mit ihr auf mein Smartphone starren und die Lautstärke voll aufdrehen, bis zur Werbeunterbrechung. Nur, Musikzeigen hat wirklich gar nichts mehr mit dem Plattenhören von früher zu tun.

 

(erschienen in der Süddeutschen Zeitung)

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