Romanauszug

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Weil ich Geburtstag hatte, gab es an diesem Abend immerhin Brotsuppe. Das war Brühe, in die wir bei Tisch geschmalzte Zwiebeln und geröstete Brotwürfel gaben. Als die Zwiebeln schmorten, öffnete sich die Tür des Kuhstalls und mein Vater steckte den Kopf herein, schnupperte, sagte aber nichts, sondern setzte sich zufrieden an den Tisch, wo er seinen  Blick erst nachlässig über die Einrichtung wandern ließ, als wäre er bei entfernten Bekannten eingeladen, um ihn schließlich etwas länger auf mir abzulegen. „Ach ja, Geburtstag, waren die ersten Worte seines Feierabends. Ich nickte ergeben und legte das leere Tagebuch als Erinnerungshilfe für ihn auf den Tisch. Das funktionierte, er holte Luft, maß mich wohlwollend und erklärte beiläufig: „Ja ja, ein großer Tag für Menschheit, ab heute führt der sechsjährige Jasper Honigbrod Tagebuch, und nicht nur das, er führt es, wie man sieht, auch ständig mit sich. Er hat ganz offensichtlich das Tragebuch erfunden.“ Zufrieden horchte er diesem Grußwort nach, dann sprach er von etwas anderem.

Ich denke heute, dass er eigentlich mehr als wir anderen unter den beschränkten gesellschaftlichen Möglichkeiten auf dem Hof litt. Er war von früher Hörsäle und Rednerpulte gewohnt, in unserer niedrigen Küche konnte er sich nie entscheiden, wen von uns beiden er ansprechen sollte, es war eine kümmerliche Auswahl. Deswegen sprach er die meiste Zeit wie bei der Gutenmorgengeschichte halbhoch in den Raum. Der Großvater und ich waren angehalten, uns aus diesen losen Wortwolken zu bedienen oder es bleiben zu lassen. Die Erzählfreude des Vaters war stets an ihrem Zenith, wenn er aus seinem Bücherstall auftauchte, und sie erschöpfte sich bis zum Morgen fast vollständig. Es war, als hätte sein Gehirn Ebbe und Flut und beim Abendessen war Flut. Sie brandete ohne Hindernisse in unsere Küche. An diesem Tag war aber wie alle drei Tage ein Lauftag, deswegen brach der Vater nach dem Essen noch mal auf. „Ein Mann muss jederzeit drei englische Meilen laufen können, egal in welchem Alter und zu welchen Bedingungen!“, war der Satz dazu. Er zog einen alten blauen Trainingsanzug an, setzte sich eine kleine Mütze ganz oben auf die hohe Stirn und im Winterhalbjahr noch eine Kopflampe. So trabte er wortlos vom Hof und kehrte für gewöhnlich nach einer Stunde zurück. Einer Stunde, in der der Großvater und ich den Abwasch so oberflächlich wie möglich erledigten und uns danach in Ermangelung anderer Vergnügen wieder an der Küchentisch setzten. Der Großvater rauchte Pfeife. Das Putzen und Stopfen, die Auswahl der richtigen Pfeife, die aktuelle Zusammensetzung der dänischen Tabakmischung, die er sich mit der Post kommen ließ, nahmen dabei die meiste Zeit in Anspruch. Ich drehte aus den Pfeifenreinigern Figuren, stapelte die Filter und schlief irgendwann auf der warmen Küchenbank ein. Von dort trugen mich die Opis später eine Treppe höher, zogen mich aus, fuhren mir mit einem nassen Waschlappen noch übers Gesicht, und mit diesem unsanften Ereignis endeten für gewöhnlich meine Tage. Auch an diesem sechsten Geburtstag, an dem die Nebel eng um unsere Hofstelle standen und ich vom Küchenfenster nicht bis zur Stange sehen konnte, schlief ich auf der kratzbraunen Decke ein.

Ich erwachte vom Poltern eines umgefallenen Stuhls. Weil ich auf der Bank ausgestreckt lag, sah ich zunächst nichts, als die Pfeifentasche und die Tabakdose auf der Tischkante über mir. Hörte nur. Geräusche, die aus der Kehle meines Vaters kamen. Sie waren genug, um mich einzufrieren. Mein Vater gurgelte, er war aber noch gar nicht in der Küche, noch nicht mal im Haus, trotzdem habe ich nie mehr so etwas Nahes von ihm gehört. Er gurgelte erstickend nach dem Großvater, und es klang bis in mein Eis hinein wie: Papa. Die Tür hörte ich dann und wie das Gemurmel des Großvaters verstummte, und für einen Moment war da nur das liebe Knastern des Ofens. Das kannte ich wieder, in seine vertraute Stille setzte ich mich auf. Der Anblick, der sich mir bot, kommt mir bis heute vor wie ein Gemälde, ich kann mich davor hinstellen, darin herumgehen und jede Einzelheit benennen. Mein Vater im Unterhemd, ohne Kopfleuchte und Mütze, auch ohne Brille, worauf ich es schiebe, dass mir seine Augen so groß vorkamen. Er kniete auf unserem Fußabstreifer. Der Großvater, nur halb in seinem blauen Arbeitsjanker, war über ihn gebeugt, auf die gleiche Art, wie er sich im Garten über den Mangold beugte. Zwischen beiden war etwas Drittes. Ein Geruch, vielleicht. Etwas Scharfes wie Pisse, aber auch von Erde und den angelaufenen Patronenhülsen im Wald. Dann erst sah ich, dass dem Vater der Bart fehlte, stattdessen war sein Gesicht wie ein Acker am letzten Tag des Winters. Die Tür stand offen, und die Hoflampe streute einen Kegel in die feuchte Luft. Das war das Gemälde.

Von da ging es sehr schnell oder sehr langsam weiter, das kommt darauf an, von welcher Seite ich darüber nachdenke. Das Wichtigste war, dass mein Vater mit diesem fürchterlichen Gurgeln aufhörte. Der Großvater hatte ihm die blaue Jacke übergelegt, sie kamen zum Tisch, an dem ich regungslos hinter dem dänischen Tabak saß. Niemand sah mich da. Der Geruch war überall. Ich fand ihn viel seltsamer als das, was der Großvater vorsichtig auf unseren Tisch gelegt hatte. Das war nur ein Kind.

Aber wieso diese beißende Luft? Woher roch es so? Es sollte bei uns doch riechen wie immer. Ich lief zur Tür, um sie zu schließen. Es konnte doch nur von draußen kommen. Zurück am Tisch war es aber noch schlimmer, also rannte ich wieder zurück und stieß die Tür weit auf. Das war andere Luft, weiche, kalte Nebelluft. Sie war so sanft und nachgiebig, dass ich sofort anfing zu heulen. Wie lange ich dann auf der Haustreppe saß, weiß ich nicht mehr. Was ich wieder vor Augen habe: , wie der Großvater mich später holte, nichts sprach dabei, sondern mich einfach auflas wie einen Apfel und hineintrug. Alle Lichter der Küche brannten. Es roch jetzt zwischen den fremden Dingen auch wieder nach frischem Zuckerkaffee. Der Vater saß auf der Bank, auf der ich vorher geschlafen hatte, und neben ihm, in die braune Kratzdecke eingewickelt, lag das neue Kind. Der Großvater setzte mich daneben. Es war wenig Platz, viel weniger als sonst. Ich besah meinen Vater genauer, ohne Brille und mit dem zerrissenen Bart. Wir müssen ihn wieder hinkriegen, bevor die Lene-Mama das nächste Mal kommt, denn so wird sie ihn zweifellos zu komisch finden. Das war mein einziger, großer Gedanke. Er sah mich ganz ungerahmt an, das war nicht der Kardinalsblick, das kam von woanders. Nach einer Zeit sagte er: „Du hast, wie es scheint, doch noch ein Geschenk bekommen.“

Erst da fiel mir auf, dass alle die ganze Zeit auf das Bündel starrten, der ganze Raum schien sich um diese neue Mitte gekrümmt zu haben. Das Neue und der Geruch, dort kam es her. Wo die Decke aufging, waren ein kleiner Kopf und Haare und Wellen. Sehr viele Wellen, die quer über Mund und Nase lagen. Erstmal keine Augen.

Wir drei sahen hinein und ich merkte, wie meine Füße wieder warm wurden. Am Ende nahm der Großvater das Paket sehr vorsichtig und brachte es nach oben, gefolgt von meinem Vater und mir. Wenn ich heute daran denke, dann war diese kleine, wiegende Prozession über die kurze Treppe ein Moment, in dem ich alles genau erkannte. Ich sah, in welche Richtung die Zeit lief und was das Leben war, sah drei Männer mit gleichem Nachnamen, sah das dunkle Haus mit der beleuchteten Küche in weiter Nacht, ich sah das Atmen der Glut, wenn man die Ofentür öffnete, alles war ganz wach und gleichzeitig und nichts war vergessen. Ich hatte bis heute vielleicht eine Handvoll solcher Momente, und die meisten hatten mit dem kleinen Paket in der Kratzdecke zu tun.

Die Opis legten es in mein Bett. Niemand hatte daran gedacht, Licht zu machen, es gab nur das bisschen, das die Hoflampe bis in den ersten Stock ließ. Das Deckenbündel grub sich ein wenig in die Ecke des Bettes, drehte sich, blieb aber halb in der Bewegung liegen. Danach winziges Durcheinander aus Atemzügen und Schluchzen, dann nur noch Atemzüge.

Später hatten sich die Erwachsenen aus dem Zimmer geschlichen und ich stand allein vor dem neuen Kind. Es roch immer noch so. Niemand hatte mir gesagt, wo ich schlafen sollte, niemand hatte mich gewaschen. Ich schlüpfte in mein Bett, vorsichtig, um die Kratzdecke nicht zu berühren. Es war warm, von dem Deckenknoten kam eine Hitze, wie ich sie noch nie an einem Menschen gespürt hatte. Die Hände und Arme der Opis waren fest und kühl, das hier aber war anders, unfertig. Ich lockerte die Decke ein wenig, um ihm ein bisschen Luft zu geben. Die Wellenhaare klebten an den Schläfen, sie waren rot, und darunter war ein Gesicht, weiß wie die Birke, an der ich meine Mutproben hielt. Das alles hatte ich noch nie gesehen. Die Lene-Mama hatte auch mal rote Haare gehabt, aber das hier war ganz anders, es strahlte wie gerade erst gewachsen.

Ich schlief nicht, ich lag neben dem kleinen Gesicht und schob mich nach einer Ewigkeit etwas näher. Dann wieder eine Ewigkeit, dann wieder etwas näher. Am Ende berührte ich fast diese Wangen, auf denen winzige Schmutztropfen eingetrocknet waren, eine verklebte Strähne ragte so, dass meine Wimpern sie beim Blinzeln streiften, eine Berührung von zwei Außenposten. Ich blinzelte sehr oft in dieser Nacht und schrieb nichts in mein Tagebuch.



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