Kurze Theaterstücke (2002-2004)

Die Meldung: +++ Fast jedes vierte Olivenöl der Spitzenklasse „nativ extra“, das die Zeitschrift ÖKO-TEST jetzt untersuchte, verdient in Wirklichkeit überhaupt nicht diese höchste Gütebezeichnung. Die beauftragten Tester monierten erhebliche Qualitätsmängel. So erwiesen sich einige Öle als stichig und/oder ranzig. Ein weiteres Problem war die Frische. Ausgerechnet dem „Johann Lafer Olivenöl nativ extra“ von Starkoch Johann Lafer mussten die von ÖKO-TEST-beauftragten Experten einen fortgeschrittenen Fettverderb attestieren. +++ (Gourmet-Report)

 

Eine Affenfarm in Mosambique. Tausende Affen sitzen in langen Reihen auf Bambusgestellen. Über ihnen sind überdimensionale Heizkörper installiert, die auf Höchststufe laufen und rot glühen. Die Affen schwitzen. Unter ihren Bambusplätzen sind Badewannen aufgebaut, in die unablässig Affenschweiß tropft. Igitt! Es treten auf: ein deutscher Starkoch mit Safari-Weste und Strohhut und ein buckliger Affenwärter mit Fliegenpatsche.

Affenwärter: Da, eine Fliege auf ihrem Miniskus!

Deutscher Starkoch:   Hau sie tot.

Affenwärter:  Bitte sehr, bitte gleich, Herr Starkoch!

Er haut die Fliege auf dem Miniskus tot.

Deutscher Starkoch:  Auweh, mein Miniskus.

Affenwärter:  Pardon, aber die Fliege ist tot.

Deutscher Starkoch:  Hast du sie aufgesammelt?

Affenwärter:  Jawohl, hier ist sie.

Er hält ihm mit spitzen Fingern den kleinen Insektenkörper vor die Nase.

Deutscher Starkoch (mustert kritisch):  Ah, fett, gut im Futter, ausgezeichnet!

Affenwärter (nachdenklich):  Ja, die Fliegen sind schön saftig um diese Jahreszeit. Und sie fliegen tief, weil sie schwanger sind.

Deutscher Starkoch (schwungvoll):  Nun aber, was macht mein ranziges Affenöl?

Affenwärter (eilig):  Gehorsamst Herr Starkoch, die Affen schwitzen was sie können, die Badewannen müssen dreimal täglich geleert werden. Und die Ranzigkeit wird dieses Jahr außerordentlich sein, eine einzigartiger Jahrgang.

Deutscher Starkoch:  Schön, schön, dann wollen wir mal testen, schließlich werbe ich mit meinem guten Namen für dieses Erzeugnis.

Affenwärter:  Nur zu, Herr Starkoch.

Sie gehen zu einer der halbvollen Badewannen, der Starkoch hält seinen Finger in das warme Fett und streckt ihn dann mit großer Geste dem Affenwärter hin.

Deutscher Starkoch:  Bitte, schlecken Sie jetzt!
Affenwärter:  Sehr gerne.

Er schleckt wild an Starkochs Finger herum.

Deutscher Starkoch:  Und? Was sagen Sie?

Affenwärter (professionell schmatzend):   Hm, Citrusfrüchte, Lavendel, dann leichte Bergamotte, Bergahorn und Bergsteiger, im Abgang ledrig und frühlingshaft.

Deutscher Starkoch:  Ausgezeichnet. Ein Spitzenöl.

Er wischt sich den Finger an einem Küchentuch ab. Gemächlich schreiten sie weiter an den schwitzenden Affen entlang, in die mosambiquanische Nacht.

Deutscher Starkoch:  Sagt man eigentlich mosambiquanische Nacht oder mosambiquische Nacht?

Affenwärter:  Ach wissen Sie, es gibt solche und solche. Die einen, die Älteren sagen so und die anderen, die Jüngeren in den Städten, sagen so.

Deutscher Starkoch:  Jaja, wie überall. Sagen Sie, mein Guter,…

Affenwärter:  Ja?

Deutscher Starkoch:  … sollen wir für nächstes Jahr ein paar hundert neue Affen ankaufen? Ich würde gern ein spezielle Gewürzöle auf den Markt bringen.

Affenwärter:  Gewürzöl, was ist das?

Deutscher Starkoch:  Ach, die Deutschen halten alles für gut gekocht, was viel würzigen Geschmack hat. Deswegen könnte man doch einfach ein paar Affen Knoblauch unter die Achseln stecken oder Basilikum auf den Rücken binden.

Affenwärter:  Die armen Tiere.

Deutscher Starkoch:  Oder wir experimentieren mit anderen Tieren. Was entseht etwa, wenn man Raben schwitzen lässt?

Affenwärter:  Dann entsteht Rama. Rama ist ja die Abkürzung für Rabenmagarine.

Deutscher Starkoch:  Ach ja. Stimmt. Vorsicht, ein Tiger!

Die beiden springen erschrocken zu Seite. Aber der Tiger beachtet sie gar nicht, sondern sprintet unter lautem Geheul in den dunklen Dschungel. Dann ist es wieder ruhig. Nur die Marinaden zirpen leise.

Vorhang.

45c4c527a722625d1afbd95285aa60acd

Die Meldung: +++Bundesforschungsministerin Edelgard Bulmahn hat am Dienstag das 110. Element des Periodensystems auf den Namen „Darmstadtium“ getauft. Das Element ist nach der Wissenschaftsstadt Darmstadt benannt, dem Sitz der Gesellschaft für Schwerionenforschung. (Informationsdienst Wissenschaft)+++

Ein Fußballstadion in Darmstadt. Es ist Dezember. Auf dem großen Fußballfeld des Stadions steht ein kleines weißes Festzelt. Die Witterung ist trocken aber kalt, die Ränge des Stadions sind grau und leer. In dem Festzelt sitzen dreißig dünne Schwerionenforscher auf drei Bierbänken. Sie tragen Sakkos und Cordhosen und halten allesamt kleine Handtäschchen fest umklammert. Ab und zu wühlen sie darin. Vorne am Rednerpult steht Ministerin Edelgard Buhlmahn und beginnt mit der Taufe des neuen Elements.

Edelgard Buhlmahn: Meine lieben Physiker, willkommen im Darmstädter Stadion. Wir sind heute hier zusammen gekommen, um dieses kleine Element in unsere Mitte aufzunehmen.

Schwerionenforscher 1 (laut):Ausziehen, Ausziehen!

Edelgard Buhlmahn (souverän): Nö.

Schwerionenforscher 1(aufgeregt): Och, nicht mal ein bisschen? Sie sind doch ein Mädchen, sie haben doch diese ganzen Sachen, dieses eine…!

Edelgard Buhlmahn (fährt irritiert fort): Sie, meine Herren, haben lange nach diesem kleinen Element gesucht, haben es schließlich entdeckt und erforscht. Ich glaube, ich übertreibe nicht, wenn ich sage, dass …

Schwerionenforscher 1: Sie haben doch diese Brüste, äh, Busen. Können sie uns die bitte mal zeigen, nur kurz?

Edelgard Buhlmahn (stotternd): …wenn ich sage, dass sie die Väter dieses neuen Darmstudiums, äh, dings, Element, äh, sind.

Schwerionenforscher 1(geil quengelnd): Nur einen Busen, bitte, Frau Buhlman.

Alle Schwerionenforscher (eifrig drucheinander): Bitte, nur einen! Sie haben doch eh zwei! Kommen sie, schließlich haben wir ein neues Element entdeckt! Das ist die Belohnung. Busen! Mädchen!

Dampfige Stimmung im Festzelt, Ministerin Buhlmahn beschlägt die Brille. Die Physiker zeigen sich in ihrer Aufregung gegenseitig „Ficker“ und bewegen ihre Becken anstößig.

Edelgard Buhlmahn (stark verkrampft): Ahaha, nicht wahr, Physiker sind auch nur Menschen, ahaha, also ich werde nun das Element,….

Sie hält inne und blickt suchend unter das Pult.

Edelgard Buhlmahn (hinterm Pult): Wo ist es eigentlich?

Schwerionenforscher 2 (platzt heraus): Wir haben es unter ihrem Stuhl versteckt, als Streich!

Alle Schwerionenforscher kichern hemmungslos. Edelgard Buhlmahn bückt sich, um ein Einmachglas mit dem Element unter dem  Stuhl hervor zu holen und drückt dabei notgedrungen ihren Hintern durch. Die Physiker versuchen zu pfeifen, können das aber nicht. Zu hören ist deswegen ein kollektives Prusten und Spucken.

Alle Schwerionenforscher: Pffftsppzt.

Edelgard Buhlmahn (ganz Hausfrau): So hier ist das Ding.

Sie stellt das Einmachglas auf den Tisch. Darin befindet sich eine Art deutsches Wohnzimmer im Miniaturformat: Sofa, Tisch und Stühle, alles ganz klein. Auf dem Mini-Sofa liegt ein possierliches Fellknäuel und schläft.  

Edelgard Buhlmahn (schaut irritiert auf den Inhalt): Hiermit taufe ich dieses 110.Element auf den Namen „Darmstadium“, möge es sich der weltweiten Forschung würdig erweisen.

Schwerionenforscher 1(keck): Fehler, Fräulein, Fehler!

Edelgard Buhlmahn: Was ist?

Schwerionenforscher 1: Ihr Darmstadium steht nicht zur Debatte, das Element heißt Darmstadtium!

Edelgard Buhlmahn: Ups, oweh. Und jetzt?

Alle Schwerionenforscher (begeistert): Ausziehen! Ausziehen!

Sie johlen. Alle zeigen „Ficker“.

Edelgard Buhlmahn: Aber nur die Stola, gell! Sodala.

Schwungvoll zieht sie die Stola von ihrer Schulter und stößt dabei das Einmachglas um. Das Glas zerbricht am Boden, das Fellknäuel darin hüpft heraus. Alle sind erschrocken.

Fellknäuel (mit netter Stimme): So, euer angebliches Darmstadium macht sich jetzt vom Acker, hasta la vista, ihr Flitzpiepen!

Das daumengroße Element haut ab. Edelgard Buhlmahn löst sich aus ihrer Schockstarre und eilt beherzt hinterher. Kurz bevor das Element den Ausgang des Festzeltes erreicht hat, bleibt es an einer schiefen Bodenplatte hängen, Buhlmahn kann nicht mehr bremsen und zermatscht das kleine Wesen mit ihrem rechten Fuß.

Edelgard Buhlmahn: Auweh, das war jetzt meine Schuld.

Schwerionenforscher 2(sachlich): Sie haben das Element kaputt gemacht.

Buhlmahn guckt etwas aufgelöst in die starr glotzenden Physikeraugen.

Edelgard Buhlmahn (verlegen): Sie, äh, haben doch sicher noch eines davon irgendwo, oder?

Eisiges Schweigen. Einer kichert.

Edelgard Buhlmahn (hat die Schnauze voll): Na, getauft ist getauft, meine Herren, ich muss dann auch wieder, sie wissen ja, die Politik …!

Sie verlässt eilig das Zelt. Die dreißig Schwerionenforscher sitzen immer noch auf den drei Bänken.

Schwerionenforscher 1 (flüstert): Sie hat das Element platt gemacht.

Schwerionenforscher 2: Egal, dafür ist sie ne Superschnitte!

Schwerionenforscher 1: Yes!

Johlen der Physiker, gefolgt von obszönen Gesten und gegenseitigem „Ficker“ – Zeigen.

Vorhang.

45c4c527a722625d1afbd95285aa60acd

Die Meldung: +++Gerade sechs Tage bleibt der Regierungschef bei seiner Familie in Hannover. Schon am Dienstag wird er wieder in Berlin erwartet. Im Gegensatz zu den vergangenen Jahren will er nämlich seine traditionelle Neujahrsansprache ganz aktuell aufzeichnen lassen. (Nürnberger Nachrichten am 29.12.2003)+++

 Ein privates Arbeitszimmer, irgendwo im alten Europa. Darin ein männlicher Regierungschef, an den Schläfen leicht ergraut. Der Politiker ist leger gekleidet mit Pullover aus Merinowolle und einem offenen Jacket. Er sitzt am Schreibtisch, vor sich ein paar handbeschriebene Blätter. An der Wand hängt ein Spiegel in falschem Barockrahmen. Es ist ruhig.

Regierungschef (genervt): Ansprache, Ansprache, ich habe mich doch schon im Tanzkurs schwer getan, die Mädels anzusprechen und jetzt das ganz Volk, 30 Millionen Mädels, ts, ts, ts.

 Er guckt trotzig aus dem Fenster, draußen stecken kleine Jungs einen Böller in einen Zigarettenautomaten und laufen weg. Der Böller explodiert dumpf, der Zigarettenautomat raucht. Der Regierungschef hat eine Idee und schreibt mit einem goldenen Füller auf seinen Block.

Regierungschef (murmelt): Also, äh…

Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger, wieder einmal trete ich an diesem Tag vor die Linsen der Nation…, hm?

 Die Frau des Regierungschef steckt ihren Kopf ins Zimmer. Sie ist sehr attraktiv, hat allerdings eine halbgegessene Banane in der Hand.

Gattin: Hast du was gesagt?

Regierungschef: Lass mich, ich schreib grad die Ansprache für Neujahr, die ist fürs ganze Volk.

Gattin: Gleich kommen die Bäckergesellen, das weißt du.

Regierungschef: Jaja, kusch, kusch!

 Gattin trällernd ab. Der Zigarettenautomat draußen raucht immer noch.

Regierungschef: Also noch mal:

Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger, ich, der Regierungschef dieses interessanten Landes, freue mich, wieder einmal diese interessante Rede halten zu dürfen. Denken sie nicht, dass es für mich nichts besonderes wäre im Fernsehen zu sein. Im Gegenteil, meine Gattin und ich gucken auch selber gern mal… .

  Er hält kritisch inne. Dann wühlt er in einer Schreibtischschublade.  

Regierungschef (beim Wühlen): Zwei mal das Adjektiv „interessant“, das ist nicht so gut. Hm, wo ist er denn, ich hatte ihn doch hier? Gattin! Gattin!

 Die Gattin tritt ein, sie sieht extrem gut aus (ist auch charakterlich okay!) und hat einen großen Mammutknochen in ihre Frisur integriert.

Gattin: Was ist?

Regierungschef: Ich brauche einen Killer!

Gattin: Ach, Schatz, die sind doch alle in den Weihnachtsferien, das sind auch nur Menschen.

Regierungschef: Ne, einen Tintenkiller meine ich. Hast du einen?

Gattin: Hier liegt er doch.

 Sie hebt vom Boden einen Tintenkiller auf und gibt ihn ihrem Gatten.  

Gattin (streng): Du sollst aber doch nicht so viel killern, das wird doch immer ein Geschmier.

Regierungschef: Nur ein Wort! Nur ein Wort!

Gattin: Hier haste auch noch einen Ratzefummel, bevor du mich gleich wieder voll nervig rufst.

  Sie legt den Radiergummi auf den Schreibtisch und geht.

Regierungschef: Was soll ich denn mit ´nem Ratzefummel, ich schreib doch eh mit Tinte!

 Er steht auf und stellt sich vor den Spiegel um zu üben.

Regierungschef: Also,

Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger, ich hoffe ihnen hat das vergangene Jahr auch so gut gefallen wie mir, und wenn das Wetter manchmal schlecht war, so gibt es doch auch drinnen schöne Möglichkeiten, sich die Zeit zu vertreiben, z.B. Indoor-Speedboating…

 Er sieht auf den qualmenden Zigarettenautomaten vor dem Fenster und sinniert. Die Hausklingel klingelt. Auf dem Flur ist großes Hallo.  

Regierungschef (macht weiter): …und wer nicht so gern Speedboat fährt, der kann sich ja etwas kochen und später mit Messer und Gabel essen, wobei wir als Kinder, wenn ich das an dieser Stelle kurz einflechten darf, auch oft mit der Hand gegessen haben, sogar Suppe…

  Die rattenscharfe Gattin kommt herein. Sie hat eigentlich durchaus einen gutbürgerlichen Hintergrund, im Moment aber stehen in diesem Hintergrund achtzehn Bäckergesellen.

Gattin: Schatz, die Bäckerjungs sind da, gelle, ich geh jetzt zum Piercen!

Regierungschef: Verdammt, jetzt wo ich gerade einen guten Flow hatte. Herein ihr braven Bäckersleut’, was bringt ihr?

Sprecher der Bäckergesellen: Wie jedes Jahr an diesem Datum, bringen wir ihnen Proben unserer Handwerkskunst, damit sie die (rein symbolisch, logo!) auf ihre Qualität untersuchen können. Wir beziehen uns damit auf einen Brauch, den König Seppl im 17. Jahrhundert eingeführt hat.

Regierungschef (leutselig): Schön, schön nur her mit den belegten Stullen.

Sprecher der Bäckergesellen: Bitte kosten sie zunächst diesen Dinkelschrötling, da!

 Er reicht auf Samtkissen den Dinkelschrötling zum Regierungschef. Der beißt herzhaft davon ab.

Regierungschef (mit vollem Mund): Hmmmm, sagen sie, stehen Bäcker eigentlich auf Boris Becker, höhöhö?

Sprecher der Bäckergesellen: Sie verzeihen, wenn ich jetzt nicht lache. Bitte probieren sie jetzt diese Quarklinse, da!

 Er reicht die Quarklinse weiter. Das Regierungschef beißt schmatzend hinein. Im Hintergrund macht der Zigarettenautomat eine kurze Rauchpause.  

Regierungschef: Hm, schmeckt nach Linsen!

Sprecher der Bäckergesellen: Etwa nach den Linsen der Nation?

Regierungschef: Genau!

 Die Bäckergesellen fallen sich jubelnd in die Arme.

 

Vorhang.

 

45c4c527a722625d1afbd95285aa60acd

 

Die Meldung: +++ Österreichische Unternehmen haben von den Olympischen Spielen schon im Vorfeld profitiert. 2002 stiegen die Exporte nach Griechenland um 27 Prozent, 2003 um weitere 14 Prozent auf 524 Millionen Euro.Grund dafür sind Aufträge, die heimische Unternehmen rund um Olympia gewonnen haben. Alpine-Mayreder gewann den Zuschlag für die Verkehrsinfrastruktur im antiken Olympia. Der Feuerwehrausstatter Rosenbauer hat seit 2002 72 Fahrzeuge geliefert. Weitere Aufträge gingen an die Bären-Batterie oder Frequentis. (OÖ-Nachrichten) +++

 Die Einweihung der olympischen Spiele 2004 in Athen. Im festlich beleuchteten Stadion hat soeben der umjubelte Einzug der Athleten aus allen Länder der Erde begonnen. Mit getragenen, feierlichen Schritten marschieren sie in das pulsierende neue Olympiastadion ein, verfolgt von hundert Millionen gebannter Zuschauer an den Endgeräten und im Stadion. Die Athleten tragen individuelle, farbenfrohe Kleidung, entworfen von Designern ihres Landes und winken den begeisterten Zuschauern. Die österreichische Delegation sticht in ihrer Aufmachung etwas hervor, die Männer tragen verrutschte Anzüge und Aktenkoffer, winken nur zögerlich und sind mindestens 45 Jahre alt. Es sind die Mitarbeiter der österreichischen Firma Bären-Batterie und ihre Deos haben schon lange versagt.

Mitarbeiter 1: Ich bin pumperlgsund!

Mitarbeiter 2: Herr Kommerzienrat, bitte, warum jubeln die Griechen so?

Mitarbeiter 3: Das liegt in der griechischen Seele und wir, die Firma Bären-Batterie, tun gut daran, einen Teil dieser griechischen Freundlichkeit in unsere Firmenethik zu integrieren, schließlich …

Mitarbeiter 2 (ergänzt mechanisch):… mit offenem Herzen in ihre Batterie – Firma Bären-Batterie, Graz, seit 1973.

Mitarbeiter 1: Ich finde wir vertreten die österreichischen Athleten recht gut, nicht wahr meine Herren, meine Waden sind schon ganz gespannt, so arg marschiere ich.

Mitarbeiter 3: Weiß jemand wie viele Runden wir durch das Stadion gehen müssen?

Mitarbeiter 2 (deklariert einen Werbespruch): „Es marschiert der Batterie-Bär mit einer Bären-Batterie bis er brät. Bären-Batterie, ihre Qualitätsstromzelle.“

Mitarbeiter 3: Schon recht, aber meine Akkus sind trotzdem bald leer. Vorsicht, jetzt überholen uns diese Herren da, aus, äh…

 

Die Mannschaft aus Ghana zieht entschlossen an der müden, österreichischen Delegation vorbei. Beifall von den Rängen.

 

Mitarbeiter 1: Sauber Mayer, sauber gemacht, das gibt einen Anschiss beim Chef, das kann ich ihnen sagen, wo er uns doch schon in jeder Sitzung vorwirft, dass wird bald das Schlusslicht am Markt sind. Und jetzt lassen wir uns da überholen, vor allen Leuten.

Mitarbeiter 2: Mein Telefon klingelt, das ist der Chef.

Mitarbeiter 1: Ich hab’s ja g’sagt.

Mitarbeiter 2 (telefonierend):Ja Chef, haben’s uns gesehen, … ja, am Fernseher, ja…gutes Wetter… ja, eine blöde Sach’… aber ich sag’s Ihnen, die haben uns ausgebremst…. ja, Chef … genau Chef … nein, ich möchte meine Papiere nicht beim Pförtner abholen…. jawohl!

Mitarbeiter 3 (jammernd): Auweh, der Chef hat’s gesehen wie wir uns von der schwarzafrikanischen Mannschaft haben überholen lassen. Vorsicht, da kommt ein Glitzerband runter!

Ein zur Show gehörendes Glitzerband lässt die Mitarbeiter scheuen, als wären sie junge Pferdlein. Sie geraten aus dem Trab und sind einige Sekunden lang orientierungslos.

 Mitarbeiter 2: Ich bin pumperlgsund, aber dass ich noch einmal die Olympischen Spiele mitmache, das hätte ich nicht gedacht. Dabei, immerhin bin ich bei den Bundesjugendspielen mal 3,70 Meter gesprungen. Jawohl.

Mitarbeiter 3 (gewitzt): Schaut mal, ich glaube da drüben wird ein Geschäftchen ohne uns gemacht.

Er zeigt zur Kopfseite des Stadions, wo unterdessen mit der feierlichen Prozedur der olympischen Flammenentzündung begonnen wurde . Der Würdenträger, der die Flamme entzünden soll, wurde auch in diesem Jahr bis zum Schluss geheimgehalten. Jetzt tritt er unter ohrenbetäubenden Jubel aus den Katakomben der Arena. Es ist der griechische Philosoph Aristoteles. Diese Überraschung ist den Griechen wirklich geglückt. Etwas zittrig geht der alte Mann langsam in Richtung Flammenbecken.

Mitarbeiter 1: Wenn wir da dabei sind, ist der Chef sicher zufrieden, vielleicht können wir ja während der Tattergreis die Flamme entzündet, eine Werbespruch aufsagen, z.B. „Bären-Batterie – für helle und hellste Köpfchen“

Mitarbeiter 3: Spitzenidee, los, wir müssen noch näher dran!

 Sie drängen sich durch die Menge in Richtung Aristoteles und schaffen es wirklich in die erste Reihe zu kommen. Aristoteles geht gerade die erste Stufen Richtung Flammbecken. Verfolgungsmusik in den Köpfen der Mitarbeiter, Fanfarenmusik für den Rest der Welt.

Mitarbeiter 3: Da ist er, gleich hab ich ihn.

 Da klingelt sein Handy.

 Mitarbeiter 3: Oh, mein Handy. Ich geh mal besser ran.

 Aristoteles erschrickt bei dem schrillen Geräusch und lässt die Fackel fallen. Ein Raunen geht durch die Menge.

 Aristoteles: Mist.

Mitarbeiter 3 (telefonierend):Auweh, war ich das? (Ins Telefon) Schatz, jetzt hast an Aristoteles so erschreckt, dass zusammengezuckt ist wie ein Paukenäffchen, hihi.

Aristoteles hebt unbeholfen die Fackel auf. Sie ist erloschen. Die herbeigeeilten Organisatoren, Sicherheitsleute und Sportler klopfen sich bedauernd an die Taschen: sie haben kein Feuerzeug zum Anzünden.

Mitarbeiter 1: Siehste, alles Sportler, da raucht keiner. Und das haben sie jetzt davon.

Mitarbeiter 3:Herr Kommerzienrat, das ist unsere Chance, auf jetzt, zum Flammbecken!!

Mitarbeiter 2: Haben Sie etwa ein Feuer?

Mitarbeiter 3: Nein, aber unsere Taschenlampen mit Bären-Batterie haben wir doch Tag und Nacht dabei!

Alle Mitarbeiter (im Chor): Bären-Batterie – allzeit bereit!

Die Mitarbeiter gehen in ihren verschwitzen Anzügen langsam die Treppe hoch. Die Welt hält einige Sekunden den Atem an, dann setzt wieder Fanfarenmusik ein. Es wird allen klar, dass diese Leute die Spiele retten können. Schritt für Schritt kämpfen sie sich auf der steilen Treppe zum Flammenbecken vorwärts, langsam und ehrfurchtsvoll fängt das vollbesetzte Stadion im Takt ihrer Schritte an zu klatschen. Eine magische Szene!

Mitarbeiter 1: Männer, zückt die Taschenlampen!
Mitarbeiter 2: Hier!

Mitarbeiter 3: Hier!

Sie sind bei dem Flammenbecken angekommen. Einer nach dem anderen schaltet seine kleine Plastik-Taschenlampe an. Es ist auf einmal ganz still.

Mitarbeiter 1: Mein Licht!

Mitarbeiter 2: Mein Licht!

Mitarbeiter 3: Mein Licht auch!

 Sie richten ihre Lichtstrahlen auf die Kohlen in der Flammenschale und machen verbissene Gesichter.

 Mitarbeiter 1 (keuchend): Kommt schon, zündet es mit eurer Lichtkraft an.

Mitarbeiter 2 (beißt die Zähne zusammen): Wir leuchten ja schon so stark wir können.

Mitarbeiter 3: Leuchtet mehr, Männer, leuchtet mehr mit euren Taschenlampen!

 Verzweifelt reiben sie ihre Plastiklampen an den Kohlen, aber das Licht springt natürlich nicht über. Die Mitarbeiter reiben immer verbissener, so lange bis das Plastik splittert und eine Lampe nach der andern ausgeht.

Mitarbeiter 1: Och mein Lampe ist ausgegangen.

Mitarbeiter 2: Meine auch, menno.

Mitarbeiter 3: Schnell weg bevor das der Chef sieht.

 Die Menge brüllt vor Wut. Aus der zarten Hoffnung wurde nun die Gewissheit, dass die Olympischen Spiele verdorben sind. Die drei Vollidioten haben versagt. Die Spiele fallen aus. Griechenland wird Zypern angegliedert und die Fußball-Europameisterschaft wegen Unwürdigkeit aberkannt.

Aristoteles: Sport ist eh doof, neulich habe ich mir beim Nordic Walking auch noch einen Knöchel geprellt.

 

Vorhang.

 

 



Antwort hinterlassen